Stratege und Architekt: Henry Kissinger

Greg Grandin, Kissingers langer Schatten. Amerika umstrittenster Staatsmann und sein Erbe, 2015, dt. 2016 (übersetzt von Claudia Kotte und Thorsten Schmidt), 259 Seiten (plus 33 Seiten Apparat).

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Foto: nw2017

Der Autor ist Professor für Geschichte an der New York University und hat bereits mehrere vielbeachtete Bücher publiziert. Für ihn ist Kissinger der zentrale Bösewicht der us-amerikanischen Nachkriegsgeschichte, ein skrupelloser Spengler-Adept und Wegbereiter  von Militarismus und neu-rechtem Denken.

Es gibt eine Fülle von zeitgeschichtlichen Details, die zu Lektüren und Veröffentlichungen Kissingers in Beziehung gesetzt werden, wobei vor allem die voluminöse, nichtveröffentlichte Bachelorarbeit als permanenter Bezugspunkt dient – sowohl für Grandin als auch für Kissinger, der,  so Grandin, das hier Aufbereitete später in seinen zahlreichen Büchern, aber auch in seiner Politik, nur variiert.

Kritisch zur Vorgehensweise Grandins schreibt Gregor Keuschnig auf Begleitschreiben,  der die Lektüre gleichwohl empfiehlt, da das Thema zum Weiterdenken anregen sollte.

Politisch einseitige und anklagende Bücher bewirken beim Lesen ja häufig eine rasche Ermüdung, weil von Anfang an klar ist, worum es geht und trotzdem Seite an Seite gefügt und Anklage auf Anklage gehäuft wird. So ist es hier auch. Ich konnte das Buch nicht am Stück und für sich allein lesen, sondern war schon nach hundert Seiten erschöpft. Deshalb erstelle ich mir jetzt eine Liste mit anderen Texten über die Zeit Nixons und die amerikanische Außenpolitik, um  einen größeren Lesegewinn zu ziehen. In diesem Panorama wird Grandins Buch seinen Platz finden.

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Martin Mosebach, Westend

Martin Mosebach legte seinen Roman „Westend“ 1992 vor, einen monumentalen Familen- und Gesellschaftsroman, der uns in den Frankfurt Stadtteil Westend führt, gelegen zwischen Palmengarten, Grünburgweg und der Irrenanstalt und erbaut in den 1890er Jahren. Die Erzählzeit beginnt in der frühen Bundesrepublik, ruht aber auf dem Geschehen der Vergangenheit, auf Regeln und Gewohnheiten, auf dem Erbe der Kriegsjahre und vor allem der Zeit davor auf.

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Foto: nw2016

Mosebach, der 1951 in Frankfurt geborene und dort lebende Schriftsteller, hat seit 1980 regelmäßig veröffentlicht. Er wurde vielfach für sein Werk ausgezeichnet, so erhielt er 2002 den Heinrich-von Kleist-Preis und 2007 den Georg-Büchner-Preis. Der dezidierte Katholik Mosebach greift selten in aktuelle Debatten ein, gilt gleichwohl als konservativer Intellektueller, wie vor allem die Preisreden und einige Essays zeigen. Dies erzeugt natürlich heftige Abwehrreaktionen, etwa bei der streitbaren Literaturkritikerin Sigrid Löffler.

Inhalt von Mosebachs Roman „Westend“ sind die Lebenswege zweier Familien, die einst in geschäftlichen Beziehungen gestanden hatten: die Labontés und die Olenschlägers / Has’.

Von Eduards Eltern wurde im Hause Labonté mit jener höchsten Achtung gesprochen, die nur Kunden zukam. (S. 15)

Zwei junge Männer stehen sich in der Frankfurter Trümmerlandschaft gegenüber:

Es gab nichts im Leben von Eduard Has und Alfred Labonté, was einen von ihnen in der Erinnerung besonders hätte bedrängen müssen. Beklemmend wirkte allein die Zeit, die sich kannten und in der sie sich beobachtet hatten, ohne sich jemals näherzukommen. (S. 15)

Doch beinahe unmerklich – dabei eigentlich recht dramatisch – verläßt Alfred die Handlung und nur Eduard bleibt übrig. Aber während wir seine zunächst eher zögerlich verlaufende, weitere Entwicklung beobachten, rückt ebenbürtig Alfred Labonté junior in den Erzählfokus, der Sohn von Alfred Labonté.

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Der Blog im Jahresrückblick

Die Notizhefte sind im Sommer 2016 – wie manch anderer Literaturblog auch – drei Jahre alt geworden. Das hat zu ein paar kosmetischen Korrekturen im Erscheinungsbild geführt, natürlich Anlaß zur Rückschau gegeben, aber ansonsten eigentlich nur bedeutet, mit der gleichen Freude wie bisher weiterzumachen.

Nachstehend sind die Beiträge nach Gruppen sortiert, um interessierten Lesern einen Überblick zu ermöglichen. Während das Leseprojekt „Centennarium Erster Weltkrieg“ eine Pause machte, gab es einige Lektüren im Rahmen des Leseprojekts „Umbruch“ und Pläne für eine Lese- und Schreibprojekt „Exil“.

Buchbesprechungen

Sachbücher

 

Goethe. Entwürfe eines Lebens

Der Nationalsozialismus und die Antike

Guten Abend, Maestro

Ach, Österreich!

Der letzte Zeitungsleser

 

Biographisches, Tagebücher

Die ungleichen Brüder

Revolutionstagebuch

Stefan Zweig am Ende der Welt

Ostende

Thomas Mann und die Seinen / Das Jahrhundert der Manns / Die Manns / Im Netz der Zauberer

 

Kriminalromane

Das Urteil der Zwölf

Das unvollendete Bildnis 

Sidney Chambers ermittelt

 

Belletristik

Grunewaldsee

Die Europäer

Die Gierigen

Besprechung von Pierre Bost, Bankrott • Robert Harris, Imperium • Maeve Brennan, Tanz der Dienstmädchen

Anatomie der Wolken

 

Neue Mitte

Villa des Roses

Theodor Chindler

Das Treibhaus

Der Ölprinz

Die Berlinreise

Malcontenta

Die Gestirne / Die Mantel-und-Degen-Version

Hotel de Dream

Schach von Wuthenow

Westend

 

Varia

Utopia

Exil

Kabale und Liebe

Gefahren des Lesens

Sitze im Bus

Nachtgedanken

 

Reiseberichte

Tartu

Auschwitz

 

Museums- und Ausstellungsbesuche

Museum Wiesbaden

Museumsinsel Berlin

Kunsthalle Hamburg

Neues Museum

Lentos Kunstmuseum Linz

 

Oper und Theater

Addio del passato

Salome

 

Netzalmanach

November/Dezember 2015

Januar 2016

Februar 2016

März 2016

April/Mai 2016

Juni 2016

 

Bloggen und Lesen

Vom Bloggen

Braucht es Gründe?

Bloggeburtstag

Warum liest Du?

Zehn Fragen

 

Varia

Mein Schachspiel

Schubladenfund

Geschichte lesen

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Leseliste 2016 – 4

Armin Thurnher, Ach Österreich! Europäische Lektionen aus der Alpenrepublik, 2016

Politischer Essay über ein Land und eine Gesellschaft im Wandel.

Michael Angele, Der letzte Zeitungsleser, 2016

Essay, insgesamt ein bißchen dürftig.

Felix Kucher, Malcontenta, 2016

Interessant komponierter Roman über drei Männer und ein Haus.

Eleanor Catton, Die Gestirne, 2013, dt. 2015

Dick, langatmig, nicht zu Ende gelesen.

Péter Esterházy, Die Mantel-und Degen-Version, 2013, dt. 2015

Schlanker, kurzweiliger. Muß man aber mögen.

James Runcie, Der Schatten des Todes. Sidney Chambers ermittelt, 2016

Vergnügliche Krimilektüre für lange Herbst- und Winterabende.

Volker Weidermann, Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft, 2014, Tb. 2015

Exilepisode, recht fiktional erzählt. Eher Appetithappen für die eigentlichen Autoren.

Friedrich Schiller, Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel, 1784

#MeinKlassiker – im Wortsinne eines meiner Lebensbücher.

Edmund White, Hotel de Dream, 2007, dt. 2015

Roman über ein ungeschriebenes Buch, das Leben und Lieben, Schreiben und Sterben amalgamiert.

Petra Gust-Kazakos, Gefahren des Lesens, 2016

Sechs Jahre nach „Ganz weit und weg. Leselust und Reisefieber“ legt die Autorin erneut ein lesenswertes,  informatives und liebenswürdiges Buch vor.

Marcel Reich-Ranicki, Thomas Mann und die Seinen, 1987, 3. Aufl. der erw. Neuauflage (2005) 2015

Detailreiche Essaysammlung über den von MRR verehrten Autoren und dessen Bruder, Ehefrau und Kinder.

Manfred Flügge, Das Jahrhundert der Manns, 2015

Multiperspektivisch, trotz einer Überfülle an Details oft oberflächlich.

Tilmann Lahme, Die Manns. Geschichte einer Familie, 2015

Hohes Lesevergnügen dank guter Protagonisten, lebensnaher Story und flotter Schreibe.

Claudia Vamvas, Sitze im Bus, 2016

Das Buch aus den Tweets der @akkordeonistin – nun auch in gedruckter Form.

Theodor Fontane, Schach von Wuthenow. Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes,  1882, 1990/95, 2007

Lesenswerte Novelle aus dem alten Preußen

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009

Greg Grandin, Kissingers langer Schatten. Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe, 2015, dt. 2016

Martin Mosebach, Westend, 1992, Tb. 2004, 5. Aufl. 2011

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