Was damals tatsächlich geschah

Barbara Vine, Astas Tagebuch, 1993, dt. 1994 (aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann), Neuveröffentlichung 2020, 558 Seiten.

Im Juni 2020 hatte mir der Diogenes Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt; ein erster Lektüreversuch im Juli blieb nach wenigen Seiten stecken: Mir wurde – möglicherweise unkonzentriert – nicht klar, wer hier wessen Geschichte erzählte, und wie die auftretenden Frauen miteinander verwandt waren. Ein zweiter Anlauf, bei dem ich die Familienverhältnisse schriftlich festhielt und bei fortschreitender Lektüre ergänzte oder gegebenenfalls auch klarstellte, brachte mich dann gut in die Geschichte hinein, so daß ich dabeiblieb und das Buch beinahe in einem Rutsch durchlas.

Barbara Vine, Astas Tagebuch | Foto: nw2020

Zum Inhalt

Ann ist die Erzählerin in der Jetztzeit, die als Frau in ihren Vierzigern die Erbschaft ihrer Tante Swanny antritt. Diese besteht vor allem darin, die Herausgeberin der Tagebücher von Asta zu sein, Swannys Mutter und Anns Großmutter.

Die Geschichte besteht nun aus mehreren Ebenen. Zunächst gibt es die Tagebücher, die Asta zwischen 1905 und 1967 führte. Dann gibt es die Erinnerungen von Ann an ihre Kindheit, als Asta noch lebte, und die Erinnerungen an später, als Swanny nach Astas Tod die Tagebücher entdeckte und herausgab. Schließlich gibt es die Jetztzeit, in der Ann nach dem Tod Swannys in die Herausgeberschaft einrückt. Hinzu kommen Erzählungen aus der Familie, aktuelle Recherchen und Dokumente über einen Mordprozeß aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Lange bleibt offen, worum es eigentlich geht. Als das dunkle Geheimnis aus der Vergangenheit schließlich benannt ist, versuchen Ann und andere Figuren, die damaligen Vorgänge aufzuklären. Es bleibt spannend bis zum Schluß.

Zum Stil

Nachdem ich die zuvor beschriebene Eingangshürde genommen hatte, empfand ich das Buch zwar immer noch als komplex konstruiert, gerade dadurch jedoch äußerst reizvoll und dabei sehr gut lesbar, Die Autorin verwendet unterschiedliche Schreibstile für Astas Tagebuch, für die Prozeßakten des Mordfalles Roper und für dessen literarische Aufbereitung durch einen dritten Autor. Diese Texte werden als Quellen in den Roman aufgenommen und von der Erzählung durch Ann abgesetzt. Dialogische Passagen wechseln mit auktorial erzählten Abschnitten; Erlebtes, Erinnertes und Rekonstruiertes werden virtuos miteinander verbunden. Durch verschiedene Blickwinkel und Sprechweisen setzt sich nach und nach ein Mosaik zusammen, das im entscheidenden Punkt Lücken aufweist, die sich erst ganz am Ende tatsächlich schließen.

Frauengestalten

Mit Asta, Swanny und Ann verfügt das Buch über drei starke und Interessante Frauengestalten, zu denen sich weitere Frauen und eine ganze Reihe von Männern gesellen. Sie haben ihre jeweils eigene Stimme und ihre jeweils eigene Sicht auf das Leben. Wie eigenständig kann oder darf eine Frau sein? Welche Rolle spielt die Ehe für das Leben einer Frau? Was bedeutet es (keine) Kinder zu haben? Was heißt eigentlich Treue? Das sind vor dem Ersten Weltkrieg, vor dem Zweiten Weltkrieg und danach ganz andere Fragen mit ganz anderen Antworten. Barbara Vine läßt ihre Figuren hierzu ganz unterschiedlich Stellung nehmen. Zwar unterbleibt eine theoretische Auswertung ebenso wie eine ausdrückliche Präferenz für eine der vertretenen Positionen. Im Interesse der Erzählung ist dieser Verzicht vollauf verständlich. Nach meinem Dafürhalten würde ein entsprechender Inhalt den Fluß der Erzählung aufgehalten und ihre Eigenständigkeit beeinträchtigt haben. Der Sache nach ist Vine am nächsten bei Ann, auch wenn sie den anderen Frauen ihre individuelle Position aus deren jeweiliger Zeit heraus zubilligt.

Mein Gesamteindruck

Das Buch ist eine Wiederentdeckung, die die Neuveröffentlichung lohnt. Auch wenn in den letzten fünfundzwanzig Jahren neue Antworten hinzugekommen sind, kann Barbara Vines Buch bestehen.

Lediglich dem überdimensionierten Puppenhaus wird nach meinem Eindruck unverhältnismäßig viel Platz in der Erzählung eingeräumt.

Das präzise und routiniert geschriebene Buch hat mich als Leser gefesselt, es arbeitet mit gut versteckten Andeutungen und falschen Fährten. Vine wartet mit überraschenden Plottwists auf und hält den Spannungsbogen bis zum Schluß aufrecht.

Disclaimer:
Der Verlag hat mir das Buch auf Anfrage als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies beeinflußt meine Beurteilung des Buches nicht.

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Espresso mit Archimedes

Stefan Buijsman, Espresso mit Archimedes. Unglaubliche Geschichten aus der Welt der Mathematik, 2018, dt. 2019 (aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke), 219 Seiten.

Stefan Buijsman, Espresso mit Archimedes | Foto: nw2020

Am Anfang stand die Anregung aus einem Bocktube-Video, wieder einmal ein naturwissenschaftliches Buch zu lesen. Sie führte mich zum Kauf und der anschließenden Lektüre dieses Buches.

Ich hatte mich in der Oberstufe für Mathematik als einen meiner Leistungskurse entschieden, weil ich in der Mittelstufe gut in Mathematik gewesen war. Das erwies sich als recht leichtfertig, denn ich mußte viel lernen und üben, um eine Zwei zu bekommen. Insofern erschien mir der Griff zu diesem Buch einerseits wagemutig und andererseits in gewisser Weise auch notwendig.

Der Autor ist ein junger Forscher, der an der Universität Stockholm tätig ist und sich mit der Philosophie der Mathematik beschäftigt. Das Buch unternimmt es, den Lesern zu erklären, warum Mathematik notwendig ist und wozu sie dient. Das gelingt nach meinem Eindruck gut. Zwar gelte:

Man kann sehr gut ohne Zahlen leben. (S. 49)

Aber möglich ist dies, wie er darlegt, nur in kleineren, wenig komplexen Gesellschaften. Die Verwaltung von Städten und größeren gesellschaftlichen Verbänden läßt sich mit Mathematik einfacher bewältigen. Buijsman zeigt dies am Beispiel verschiedener Hochkulturen.

Mathematik simplifiziert die Wirklichkeit (S. 203)

Herausragend ist aber auch die Bedeutung der Mathematik für die Physik. Die Erklärung lebensweltlicher Phänomene durch „schöne“ mathematische Modelle überzeuge häufig und sei in der Gegenwart durch genauere Meßtechniken oder präzisere Computerberechnungen oftmals bestätigt worden.

Das Buch erläutert den praktischen Nutzen von Integral- und Differentialrechnung, stellt die Graphentheorie vor: die „allgemeine Lehre der Netzwerke und ihrer Eigenschaften“ (S. 202). Daß Leonhard Euler 1736 intuitiv damit arbeitete, um eine Rätselaufgabe aus dem Stadtplan Königsbergs zu lösen, hat den anekdotischen Charme, mit dem der Autor häufig arbeitet. Im Computerzeitalter und angesichts des Internets ist die Netzwerklehre essentiell. Als klassisch mathematische Herangehensweise ohne ethische Dimension gerät sie jedoch auch an ihre Grenzen, wie Buijsman am Beispiel der Blasenbildung erläutert (S. 193f.)

Im bilanzierenden Schlusskapitel faßt er noch einmal den Nutzen der Mathematik im Alltag zusammen, der sich auch dann erweist, wenn man selbst nichts berechnet.

Insgesamt hat es das Buch vermocht, mir Denkansätze näher zu bringen, um die Bedeutung von Mathematik zu erfassen, ohne tatsächlichetwas berechnen zu müssen. Insofern ist der Vergleich mit der Politik, über die man ja auh etwas lernen müsse, um sich zurechtzufinden, auch wenn man nicht selbst politisch tätig ist (S. 206ff.), durchaus überzeugend.

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Revolution der Dichter?

Volker Weidermann, Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, 2017, Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg 2018, 288 Seiten.

Volker Weidermann, Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen | Foto: nw2020

Wenn der Journalist Volker Weidermann ein Buch über die kurzlebige Münchener Räterepublik des Jahres 1918/19 verfaßt, darf man eine literarische Perspektive erwarten. Diese Erwartung erfüllt das Buch. Darüberhinaus verschafft es einem kurzweilige Lektüremomente durch ein verdichtete, flüssig geschriebene Darstellung des Geschehens aus einer besonderen Perspektive.

München leuchtete

München hatte sich nach 1900 zu einem Zentrum der künstlerischen Avantgarde des Deutschen Reichs entwickelt. Die sprichwörtliche Liberalitas Bavarica ermöglichte, was in der preußischen Residenz und gleichzeitigen Reichshauptstadt Berlin nicht in gleichem Ausmaß vorstellbar war: Experimente und Innovationen. Während Wilhelm II. den technischen Fortschritt begrüßte und förderte, hielt er an einem traditionellen, akademischen Kunstbegriff fest und mißbilligte die von ihm so genannte Rinnsteinkunst.

München hingegen bot vielen bildenden Künstlern (Der Blaue Reiter) und Schriftstellern – darunter auch vermehrt Frauen – den Raum, um ihre neuen Ideen und Vorstellungen ausprobieren zu können. Und Prinzregent Luitpold – der selbst einen konservativen Kunstgeschmack pflegte – unterstützte die zeitgenössische Kunst durch Ankäufe. In der bereits im Jahre 1902 erschienenen Novelle „Gladius Dei“ hat Thomas Mann dieser Epoche Münchens ein Denkmal gesetzt.

Nach dem Krieg

Welches Potential bot München für einen Neustart nach dem Krieg? Wie überall im Land hatte man, getäuscht durch die Pressezensur, an den Sieg des Reichs geglaubt und war perplex über die tatsächliche Lage. Soldaten- und Arbeiterräte, die sich nach sowjetrussischem Vorbild von Kiel aus über das ganze Land verbreiteten, erreichten naturgemäß auch München, wo sie auf eine hochkonzentrierte Mischung aus Schwärmern, Intellektuellen und Ideologen traf.

Hier setzt Weidemanns Buch ein, am 7. November 1918, mit einer turbulenten Schilderung der fast beiläufigen Revolution, des gewaltlosen Sturzes der Wittelsbacher. Im Zentrum des Geschehens stehen Männer wie Kurt Eisner, der Ministerpräsident wird, und Oskar Maria Graf oder Rainer Maria Rilke, die beobachten, kommentieren, hoffen und verzweifeln.

Thomas Mann, der sich um sein Wohlergehen und das seiner Familie sorgt, wird als Statist und um Positionen ringender – oder Posen ausprobierender – Chronist der Ereignisse gezeichnet. Ernst Toller, der in die Geschichte als Gedichte schreibender Jüngling hineingleitet, wird im weiteren Verlauf immer wichtiger und – seiner historischen Bedeutung entsprechend – den Schlußakkord des Textes setzen.

Adolf Hitler ist in diesen Monaten zunächst noch ein unbekannter und unbedeutender Heimkehrer, ein Mann der seinen Platz und seine Aufgabe noch finden muß. Doch dies wird schneller gelingen, als allen Beteiligten lieb sein kann. Seine Erwähnungen in Weidemanns Buch belegen dies eindrücklich. Überhaupt nimmt die Darstellung von Politik in Idee, Programm und Ereignis immer mehr zu. Die Dichter werden zu entrückten Phantasten, zu ängstlichen Beobachtern, zu Enttäuschten. Das Heft des Handelns entgleitet ihnen zusehends.

Nach der Revolution

Nichts ist festgefügt, alles bleibt im Fluß. Die Revolution ist keine Sache Münchens oder Bayerns allein. Größere Zusammenhänge, weiterreichende Interessen, neue Meistererzählungen werden wirkmächtig: Oswald Spengler veröffentlicht seinen „Untergang des Abendlandes“. Ängste und Haß bauen sich auf, es wird Vergeltung geübt werden. Die Revolution bleibt Episode.

Mein Eindruck

Das Buch ist überwiegend gut geschrieben und angenehm zu lesen. Es reitet freilich auf auf einer Welle, bei der Autoren eine bestimmte Epoche, bestimmte Geschehnisse reportagenhaft, mit Zügen einer Romandarstellung durchsetzt, schildern. Weidermann erzählt uns zum Beispiel, was Oskar Maria Graf denkt, wenn dieser nachts betrunken durch München torkelt. Wie ein allwissender Erzähler geleitet uns Weidermann durch die Münchener Räterepublik. Ich finde das störend und, ja, unlauter. Wie anders, wie sachlich, offen quellengestützt und klar die Darstellung des Themas bei Elisabeth Tworek „Literarisches München zu Zeit von Thomas Mann“. Unter diesem Gesichtspunkt gehört Weidemanns Buch für mich in eine Reihe mit „Jena 1800“, „1813: Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt“ – zwei Bücher, die ich mißlungen fand – und „Der Klang von Paris“ – ein Werk, das mich größtenteils überzeugen konnte. Weidermanns Buch ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln, mit einem leichten Übergewicht des Gelingens.

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Thema: Erinnerung

Erinnerung

Halfon, Duell | Modiano, Schlafende Erinnerungen | Foto: nw2020

Ein Blogpost über zwei fast gleichlange Romane, die beide im Jahr 2017 erschienen sind: »Duell« von Eduardo Halfon (dt. 2019, aus dem Spanischen von Luis Ruby), 110 Seiten, und »Schlafende Erinnerungen« von Patrick Modiano (dt. 2018, aus dem Französischen von Elisabeth Edl), 111 Seiten.

Zur Orientierung

Zwei männliche Ich-Erzähler tauchen ein in die Vergangenheit, um alten Geschichten nachzuspüren. Der eine ist Ende Vierzig und sucht in seiner Kindheit und Jugend nach Spuren seines Onkels, der seinerseits als kleines Kind gestorben war. Der andere ist Anfang Siebzig und spürt Erlebnissen und Ereignissen nach, die vor fünfzig Jahren stattfanden.

Halfon hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht, von denen drei ins Deutsche übersetzt wurden. Die Geschichte des Ich-Erzähler in »Duell« ist autobiographisch. Modiano, der im Jahre 2014 den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hatte, verwendet zumindest Elemente seiner Biographie, wie etwa den Besuch von Internaten außerhalb von Paris, auch in diesem Buch.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

Eduardo macht sich auf, diesen Brunnen zu ergründen und herauszufinden, ob das stimmt, was man ihm als Kind erzählte, obwohl es doch ein Foto gab, das dagegensprach. Er kehrt nach Guatemala zurück, fährt zum früheren Sommerhaus seiner Großeltern und spricht mit alten Leuten. Das gleicht er ab mit seiner Erinnerung, von der immer neue Schichten freilegt. Auf diese Weise werden Details der Familiengeschichte entfaltet. Wer wie ich den Roman über das Leben seines polnischen Großvaters (Der polnische Boxer) nicht kennt, muß diese Puzzleteile recht mühsam zusammenfügen, nur um am Ende zu erkennen, daß es darauf nicht wirklich ankommt.

Nach meinem Eindruck ist das eigentliche Thema des kurzen Romans das Schweigen. Wozu führt es, wenn Dinge beschwiegen werden? Beschwiegen wird überdies keine Schuld, sondern ein Unglück, ein Schicksalsschlag. Ein Unglück unter vielen, wie sich zeigt, bedeutsam für die unmittelbar betroffenen Personen, für die anderen ein weiterer Fall, den man sich erzählt.

Ist Unbeschwertheit nur möglich, wenn man das Schlimme nicht kennt, oder es zumindest ausblendet, zeitweise ausblenden kann?

Jean wird durch ein Buch mit dem Titel »Zeit der Begegnungen« daran erinnert, daß es vor fünfzig Jahren auch für ihn eine solche Zeit der Begegnungen gab. Im Alter von fünfzehn Jahren, in Begleitung seines Vaters, und dann, fünf Jahre später, als er sich – nur formal als Student eingeschrieben –, durch Paris treiben läßt. Dabei trifft er in Cafés junge Frauen, hat zeitweise Teil an ihrem Leben, verliert sie aus den Augen, begegnet ihnen später wieder oder auch nicht und ist generell sehr ziellos.

Dementsprechend fügen sich die Erinnerungen auch nur zu einem Bild der mehr oder weniger zufälligen Begegnungen, des Sichtreibenlassens. Nach siebzig Seiten wird ein auf den beiden ersten Seiten angesprochener Name und das damit verbundene Geschehen aufgegriffen – ist es der Fluchtpunkt der Erzählung oder nur ein kleines Thema unter vielen?

Zum Stil

Die Autoren gehen ihr Thema sehr unterschiedlich an. Das zeigt sich am Aufbau und Fokus der Erzählung, aber auch an der Sprache. Beiden ist die Neigung eigen, kurze Abschnitte aneinanderzufügen. Dies spiegelt den unregelmäßigen Weg der Erinnerung, die nicht als kompletter Rückschaufilm abläuft, sondern zusammengesetzt und rekonstruiert, zum Teil auch validiert werden muß.

Mir scheint auch, in den Jahren 1963, 1964 verhielt die alte Welt ein letztes Mal den Atem, bevor sie zusammenstürzte wie all diese Häuser und all diese Gebäude in den Faubourgs und an der Peripherie, die kurz vor dem Abriss standen. Uns, die wir sehr jung waren, uns war es gegeben, noch ein paar Monate lang in den alten Kulissen zu leben. (Schlafende Erinnerungen, S. 21)

Mir scheint Modianos Buch anspielungsreicher und literarisch verwobener als dasjenige von Halfon. Möglicherweise spielt Geneviève Dalame auf Genoveva von Brabant an, es gibt schlanke Bezüge zu Proust, zaunpfahlstarke zu Rilke. Leitmotivisch gibt es mehr oder weniger zufällige Wiedersehen nach mehreren Jahren ebenso wie das abrupte Weglaufen. Auch der Netzplan der Metro versinnbildlicht mehrmals untergründige Verbindungen.

Halfon gelingt es, die Erinnerungen aus der Kinderperspektive glaubhaft zu schildern, etwa seine Bar Mitzwa, aber auch die Beziehung zum jüngeren Bruder.

Kritik

Erstaunlich: Beide Bücher haben mir während des Lesens gefallen, aber beide haben beim Nachdenken über sie, beim Versuch sie zu erfassen und vergleichend vorzustellen, stark verloren. Es bleibt der gute Eindruck der Lektüre, die fesselnde Kraft der Worte, die trotz des unspektakulären Charakters der Texte starke Sogwirkung, bei Modiano seine typische Magie. Aber es bleibt auch in beiden Fällen der Eindruck von Enttäuschung, jenes „Das war es jetzt?“ nach dem Schließen des Buches. Letztendlich machen beide auf mich den Eindruck eines Glasperlenspiels.

Die zentrale Passage bei Modiano lautete für mich:

Aber nach einem halben Jahrhundert sind die paar Menschen, die Zeugen waren für unsere Anfänge im Leben, endgültig verschwunden – und übrigens frage ich mich, ob die meisten von ihnen eine Verbindung herstellen würden zwischen dem, was aus einem geworden ist, und dem verschwommenen Bild, das sie bewahrt haben von einem jungen Mann, dessen Namen sie nicht einmal sagen könnten. (Schlafende Erinnerungen, S. 61)

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