Kunst im totalen Staat

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit | Foto: nw2018 #Roman #Schostakowitsch

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit | Foto: nw2018

Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, 2017 (aus dem Englischen von Gertrude Krueger, 2016), Büchergilde Gutenberg 2017, 245 Seiten.

Moskau 1937 – Hammerschmiede einer neuen Zeit

Eine umfassende Geschichte der Moskauer High Society der 30er Jahre zu schreiben wäre faszinierend. Aus den Memoiren müssten ihre Netzwerke und Knotenpunkte rekonstruiert werden; man müsste den Ansprüchen, dem Geschmack, den Umgangsformen dieser nach der Revolution aufgestiegenen Elite auf die Spur kommen. Eine solche Geschichte aber müsste eine Elite porträtieren in jenem Augenblick, da sie nach atemberaubenden Karrieren bereits wieder in den Abgrund stürzt. Es wäre eine Skizze über Aufstieg und Fall in einer geschichtlichen Sekunde, über das Ende einer Menschenklasse, die noch nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich an die aus ihrer Macht abgeleiteten Privilegen zu gewöhnen, und die noch nicht einmal zur Ruhe gekommen war in ihrem entnervenden Kampf um die Festigung der Macht. Es handelte sich eben nicht um ein versteinertes Establishment, nicht um ein juste milieu, dessen Tage gezählt waren und das Zeit gehabt hatte, sich auf ein Ende gefasst zu machen. Es war ein Ende ohne Anlaufzeit, ein Tod ohne Vorankündigung. Ganz frischer Luxus, gepaart mit einem kalten Tod.

So leitet Karl Schlögel einen Abschnitt in seiner umfangreichen Monographie »Terror und Traum. Moskau 1937« ein (S. 462). Ein späterer Abschnitt, der dem „Sound der 30er“ gewidmet ist, enthält auch eine knappe Schilderung zu Schostakowitsch, der im Zentrum des Romans von Julian Barnes steht. Die Episode um dessen »Lady Macbeth von Mzensk« und Schostakowitschs anschließender stilistischer Wandel, der ihm ein Weiterleben und Weiterarbeiten ermöglichte, werden hier behandelt – wobei auch die Bedeutung der sowjetischen Musik der Zeit und des Musiklebens gewürdigt werden (S. 565-569).

Barnes‘ Schostakowitsch-Roman

Barnes hat einen dann doch kurzen Roman geschrieben, der von dieser Episode ausgeht: Stalin wohnt 1936 einer Aufführung von Schostakowitschs Oper bei, verläßt diese vorzeitig und in der Prawda erscheint ein Verriß, höchstwahrscheinlich vom Diktator selbst verfaßt. Der Komponist fürchtet um sein Leben, gerät in Kontakt mit der Macht und wartet darauf, abgeholt zu werden, doch er bleibt verschont. Man legt ihm nahe, zukünftig volkstümlichere Musik zu schreiben, worauf er mit seiner Fünften Symphonie (zweideutig) antwortet.

Der erste Teil des Romans (S. 15-81) erzählt dies eindringlich aus der Perspektive der Hauptfigur als schier nicht enden wollenden inneren Monolog, der uns allerdings von einem allwissenden Erzähler ergänzt um sämtliche Aktivitäten Schostakowitschs präsentiert wird. Die dicht geschriebenen knapp siebzig Seiten nehmen die Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Im zweiten Teil (S. 85-132) geht es rückblickend um den Besuch einer sowjetischen Delegation in den USA (Waldorf-Konferenz oder “Cultural and Scientific Conference for World Peace” März 1949), wobei der Fokus auf den engsten Kreis von Schostakowitschs Wahrnehmung das Ereignis selbst ziemlich in den Hintergrund treten läßt. Weitere Rückblenden in die Kriegszeit werden mit ästhetischen und kulturpolitischen Überlegungen angereichert, das bleibt durchaus interessant, hat aber gegenüber dem ersten Teil viel von seiner Dringlichkeit verloren. Erst im weiteren Verlauf gewinnen Passagen über das Verhalten in der Diktatur wieder an Schärfe.

Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein, sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein. Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich. Das hatte die Macht nie begriffen. (S. 97f.)

Als es unmöglich wurde, die Wahrheit auszusprechen – weil es den umgehenden Tod zur Folge hatte –, musste sie verschleiert werden. (S. 116) 

Reden können, das noch Sagbare sagen, weil es von Shakespeare ist – der Abschnitt über das Verhältnis des totalitären Staates zur Kunst, die Rolle von Zensur und Selbstzensur ist zeitlos und austauschbar (S. 116-128). Auf jener Konferenz in New York trägt Schostakowitsch die Sicht des Regimes vor und bekräftigt auf Nachfrage, daß er dazu stehe (S. 134-140).

Die Eingangssequenz (S. 9-12)  mit dem Bettler auf dem Bahnsteig wird angesprochen, versinkt aber wieder im Strom der nicht faßbaren Erinnerungsbruchstücke. 1948 wird er – zusammen mit anderen bekannten sowjetischen Komponisten – des Formalismus beschuldigt und muß sich erneut verpflichten, einfache, harmonische und volkstümliche Musik zu schreiben. Ein Jahr später erhält er einen Anruf von Stalin, der ihn zur Teilnahme an der erwähnten Waldorf-Konferenz überredet und gleichzeitig das ein Jahr zuvor verhängte Aufführungsverbot von Schostakowitschs Musik aufhebt. Diese Passage ist gleichzeitig zum Atemanhalten und skurril (S. 108-111).

Für meinen Geschmack ist die nicht-lineare Erzählweise in diesem Teil fast schon verwirrend, jedenfalls nicht hilfreich.

Und halbwegs wünschte er, dieses Gespräch mit der Macht, bei dem die Macht arrogant zu den Waffen ihrer Gegner gegriffen hatte, hätte wirklich stattgefunden. Jedenfalls fand es schnell Eingang in das Gesangbuch der zu jener Zeit kursierenden glaubhaften Mythen. Es kam nicht darauf an, ob eine Geschichte faktisch wahr war, es kam darauf an, was sie bedeutete. Allerdings wurde eine Geschichte auch umso wahrer, je mehr sie kursierte. (S. 142)

Der Schluß (S. 155-241) spielt nach Stalins Tod (S. 159) beziehungsweise zu dessen Lebzeiten (S. 164). Und weitere Steigerungen sind nicht mehr möglich:

Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit. (S. 15)

Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit. (S. 85)

Er wusste nur eins: Dies war die allerschlimmste Zeit. (S. 155)

Auch hier machen erfundene Geschichten die Runde (S. 168), auch hier schafft Schostakowitsch es nicht, sich als inbrünstigen Kommunisten auszugeben, ist seine Musik aus Sicht der Partei anzweifelbar. Das ändert sich nach Stalins Tod. Nun aber überwiegt das Hadern Schostakowitschs damit, daß er sich mit der Macht zwar zögerlich, aber immerhin, eingelassen habe. Er empfindet es als besonders perfide, daß man ihn nicht getötet habe und sich nun seiner bediene.

Schostakowitsch und die UdSSR

Anders als der in Amor Towles‘ »Ein Gentleman in Moskau« porträtierte Graf ist Schostakowitsch (1906-1975) ein Mensch, dessen Leben sich nach der Revolution positiv entwickelt hatte, der von Freiheiten und Chancen profitierte, die es vorher nicht gegeben hatte. Er gehörte zu jener eingangs von Schlögel angesprochenen Elite, oder zumindest zu ihrem künstlerischen Umfeld. Er hatte in den Abgrund geschaut und dann doch weiterleben und weiterarbeiten dürfen, nachdem er sich mit der Macht arrangiert hatte. Freilich stand die offizielle Kunstinterpretation seinem Schaffen kritisch gegenüber (Formalismus), sodaß viele Werke erst Jahrzehnte später, manche erst nach dem Ende der Sowjetunion aufgeführt werden konnten. Gleichzeitig erhielt er viele hohe und höchste Auszeichnungen der Sowjetunion, darunter fünf Mal den Stalinpreis. Im Ausland war er ohnehin anerkannt, was ihm in gewisser Weise aber schadete, weil seine Musik offensichtlich bourgeoise Kunstvorstellungen bediente.

Heute steht er paradigmatisch für die wechselvolle Geschichte der UdSSR, zu der zivilisatorischer Fortschritt ebenso gehört wie Menschenverachtung und der ausdauernde Kampf gegen den Nationalsozialismus. Seine Musik ist zum elementaren Bestandteil der Musik des 20. Jahrhunderts geworden.

Mein Fazit

Der Selbstzweifel der Jugend ist nicht gegen den Selbstzweifel des Alters. (S. 236)

Barnes hat kein sowjetisches Pendant zu Thomas Manns »Doktor Faustus« vorgelegt, er theoretisiert nicht über das Künstlertum oder gar die Musik, auch nicht – was nahegelegen haben könnte – über das spezifisch Sowjetische an der nachrevolutionären Musik Rußlands. Der totalitäre Staat ist nicht mehr als eine Folie für das individuelle Schicksal Schostakowitschs. Die Säuberungen werden nicht in Zusammenhang gebracht mit der andauernden Gewalttätigkeit unter Stalin, der vorher und nachher Abermillionen töten, verhungern und in Lager sperren ließ (hierzu James Sheehan, Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden, 2008, S. 145)

Insgesamt liegt ein interessantes Buch vor; der erste Teil ist grandios und aus einem Guß, die beiden anderen Teile sind zerfaserter erzählt und wirken auf mich wesentlich weniger stringent. Das verhandelte Thema ist wichtig und gewinnt in der Person des bekannten Komponisten Tiefenschärfe. Schade finde ich, daß Barnes die Musik selbst nicht genauer in den Blick nimmt. Dafür schreibt er einige wirklich gute Sätze, wie etwa den über den Selbstzweifel.

Was sagen andere?

Michael Maar wirft dem Autor vor, seine Erzählperspektive nicht durchzuhalten (weil er Erläuterungen einschiebt, die Schostakowitsch nicht geben würde) und nicht über die Musik zu schreiben. Michael Atzinger geht auf BR Klassik erstaunlicherweise gar nicht auf das Thema Musik ein; Werner Theurich schreibt im Spiegel ungenau über die Frage der Namensgebung, ansonsten generell enthusiasmiert.

Fünf über die Suchfunktion des WordPress-Readers gefundene Blogger loben (sicher neben vielen anderen) das Buch: lippunermarc (dort unter Nummer 9), jargsblog, muromez, 54books und spekulatius.

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Hulda Brinckmann – vor der Zeit emanzipiert?

H.H. Boyesen, Selbstbestimmung | Foto: nw2018 #Roman #Buchbesprechung

H.H. Boyesen, Selbstbestimmung | Foto: nw2018

Selbstbestimmung, so lautet der Titel des Romans von Hjalmar Hjorth Boyesen (1848-1895), der 1893 unter dem Titel »A Harvest of Tares« in den USA erschienen war und 1897 von Mathilde Mann ins Deutsche übertragen wurde. Der Lilienfeld-Verlag, der sich um vergessene Bücher bemüht, gibt ihnen mit der schön gestalteten Reihe »Lilienfeldiana« ein angemessen gestaltetes Forum. Der Band erschien 2008 als Nr. 2 der Reihe. Ich habe ihn als Rezensionsexemplar erhalten.

Zum Inhalt

Ausgehend von einer klassischen bürgerlichen Problemsituation nimmt der Roman eine unkonventionelle Wendung. Pfarrer Brinckmann und seine Frau haben sechs Töchter und einen Sohn; um ihm, der gar nicht sonderlich begabt ist, den Besuch einer Schule in der Hauptstadt zu ermöglichen, wollen sie ihre älteste Tochter, Hulda, möglichst rasch verheiraten. Ein Kandidat ist bald in Sicht, der trockene und ungelenke Hilfspfarrer. Hulda weist das Ansinnen zunächst schroff zurück, während umgekehrt Hilfspfarrer Falck schüchtern und unerfahren gar nicht in Erwägung zieht, daß sich Hulda in ihn verlieben könnte. Etwas überraschend kommt es dann doch zur Verlobung; bald darauf entwickelt Hulda jedoch Gefühle für einen neuen Logiergast der Familie, der sie mit seiner Lebhaftigkeit und Schwärmerei beim gemeinsamen Musizieren für sich einnimmt.

Die Kombination von bekannten Situationsmotiven, die Boyesen hier vornimmt, gerät ebenso routiniert wie überzeugend: Hilda ist die Frau zwischen zwei Männern, die schließlich der Verführung durch den leichtsinnigen Fremden erliegt. Die Nebenbuhlerschaft entzündet sich am gemeinsamen, durchaus enthusiastischen  Musizieren von Hulda und Olaf Brun. Ihr Verlobter Falck steht in seinem Arbeitszimmer und lauscht – wie es auch Thomas Buddenbrook tun wird, wenn der Leutnant von Trotha mit Gerda Buddenbrook spielt, und vor allem, wenn die Musik verstummt. Zu solch zweifelhaften und quälenden Pausen kommt es im Hause Brinckmann nicht. Diese ergeben sich erst während einer abendlichen Schlittenfahrt der Verlobten, markieren dann aber die die bislang bloß übertünchte Sprachlosigkeit zwischen Hulda und Falck.

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Exil, „innere Emigration“ und Anbiederung

Flucht vor den Nazis

Fragen zum Exil | Bild: nw2018

Fragen zum Exil | Bild: nw2018

In seinem Essay »Heute und Morgen. Zur Situation des jungen geistigen Europas« schreibt Klaus Mann gleichermaßen ahnungsvoll wie falsch im Jahr 1927:

Gehört das Jahr 1930 der militärischen Diktatur? Gut, so lebt unsereins um diese Zeit in der Verbannung – 1935, so viel ist sicher, hat man sich eines anderen besonnen.

Die von Klaus Mann erhoffte Überwindung von Faschismus und Diktatur wird Europa freilich nicht aus eigener Kraft und besserer Einsicht heraus schaffen.

Für Erika und Klaus Mann stand schon lange fest, daß sie im Falle der Machtergreifung Hitlers das Land verlassen würden – Mitte März 1933 ist es soweit, Klaus geht nach Amsterdam, Erika zu den Eltern in die Schweiz. Katia und Thomas Mann sind gerade in Arosa auf Urlaub und hadern mit der Lage. Was soll mit dem Haus und Vermögen geschehen, wie sollen Bücher veröffentlicht werden? Gibt es einen Weg zurück und eine Aufgabe im Reich? Der zum Vernunftrepublikaner gewandelte Thomas Mann ist zu tief in der deutschen Kultur verwurzelt, als daß er sich leichthin im Exil gesehen hätte. Die Kinder Elisabeth und Michael gelangen auf Initiative der besorgten Mutter zu ihnen in die Schweiz, Monika und Golo bleiben zunächst in Deutschland; Golo kann sechzigtausend Reichsmark retten, bevor nach dem „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ die Austreibung des Autors und seiner Familie beginnt. Die Familie kommt schließlich  in Südfrankreich zusammen und begeht im Juli 1933 den fünfzigsten Geburtstag von Katia Mann.

Da sitzen sie also in ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates, dessen Glaube einzig, dessen Ernst erschütternd […] ist. (Gottfried Benn, Antwort an die literarischen Emigranten, 1933)

„Innere Emigration“

Benns Reaktion auf ein Schreiben von Klaus Mann ist einer der vielen Verteidigungsversuche derjenigen, die blieben. Denn es gingen ja nicht alle. 

Die Gründe hierfür waren vielfältig. Viele bejahten das neue Regime, andere profitierten von den plötzlichen Aufstiegschancen und freien Plätzen in Universitäten – alleine an der Universität Göttingen wurden zwei Drittel der Mathematiker und Physiker entlassen oder kündigten von sich aus – Behörden oder Akademien. Ein Großteil konnte sich auch nicht vorstellen, was geschehen würde. Wieder andere waren zu alt, wollten Angehörige nicht zurücklassen oder hatten andere Gründe; viele von ihnen, aber längst nicht alle, gingen in die sogenannte innere Emigration. Vor allem nach dem Krieg schlägt Emigranten wie Thomas Mann oder Marlene Dietrich Zorn entgegen, der sich oft unterbewußt gegen das Versagen der Daheimgebliebenen selbst richtet.

Profiteure

Der Komponist Richard Strauss avancierte zum Präsidenten der neugeschaffenen Reichsmusikkammer, mußte aber bereits 1935 zurücktreten, weil er nicht linientreu genug war und zu naiv, um die nationalsozialistische Gesinnung aus Karrieregründen zu heucheln. Nach außen hin blieb Strauss aber unangetastet, wurden seine Werke (bis auf die »Schweigsame Frau« wegen der Mitwirkung Stefan Zweigs) weiterhin gespielt. Er konnte bis zur kriegsbedingten Schließung und späteren Zerstörung der Opernhäuser neue Opern schreiben und aufführen, versöhnte sich gar aktiv mit dem Regime, um weiter ungestört arbeiten zu können und um seine Familie zu schützen – war er doch, in der Terminologie der Nazis, jüdisch versippt. 

Während der alte Komponist sein Terrain sicherte, eroberte ein junger Dirigent, Herbert von Karajan, sich Wirkungsmöglichkeiten, die er bis zu seinem Tode im Jahr 1989 erhalten und stetig ausbauen konnte.

Karajan trat der NSdAP nach der Machtergreifung im Jahr 1933 zweimal bei, zunächst in Österreich, dann im Deutschen Reich. Er wurde 1934 Generalmusikdirektor in Aachen, dirigierte 1935 anläßlich des Geburtstags von Adolf Hitler eine Vorstellung von »Tannhäuser« und weitere vom Regime anberaumte Aufführungen. Am 20. April 1939 verlieht ihm Hitler den Titel „Staatskapellmeister“. Wegen eines Zwischenfalls bei einer Tristan-Aufführung im Juni 1939 verfügte Hitler jedoch ein Dirigierverbot für die Bayreuther Festspiele. Da aber Hermann Göring weiterhin seine schützende Hand über den Dirigenten hielt, konnte dieser bis zum Kriegsende die Staatskapelle Berlin leiten und noch einige Jahre in der Staatsoper dirigieren. Außerdem musizierte er vor der Wehrmacht; noch am 19. und 20. April 1944 dirigierte er in Paris Konzerte aus Anlaß des „Führergeburtstags“. So kam er auf die „Gottbegnadetenliste“ und blieb von einem Kriegseinsatz verschont.

Exil in Europa

Schriftsteller, Intellektuelle, Musiker, Maler, Wissenschaftler – ob Juden, Regimegegner oder sich aus anderen Gründen bedroht fühlende Menschen – verließen Deutschland und Österreich. 1933, 1935, 1938, 1939 setzten jeweils Schübe ein; mehrere hunderttausend Menschen flohen allein aus dem deutschsprachigen Raum, hinzu kamen Flüchtlinge aus den überfallenen und besetzten Nachbarländern.

Doch wohin? Palästina war eine Option, in erster Linie für die jüdischen Emigranten, Moskau eine andere, für die Kommunisten. Wer dachte, sich nur vorübergehend in Sicherheit bringen zu müssen, „bis der Spuk vorüber sei“, der ging in die Niederlande, in die Tschechoslowakei, nach England oder Frankreich. Erst danach gerieten die südlichen Mittelmeeranrainer und die Türkei, Nord- und Südamerika, Südafrika oder Asien in den Blick.

Je mehr Menschen flohen, desto geringer wurde überall die Aufnahmebereitschaft. Antisemitismus war weit verbreitet, Arbeitsmöglichkeiten gering, viele Deutsche sprachen die fremden Sprachen nicht gut genug, um berufstätig sein zu können, Ausbildungen wurden nicht anerkannt. In der Diaspora bildeten die Deutschen Klubs und Lesezirkel, gründeten Theater, Chöre und Orchester, ja bauten Bibliotheken auf. Es wurden Exilverlage gegründet und Zeitungen herausgebracht – starke Signale, daß man die deutsche Kultur nicht den Nationalsozialisten überlassen wollte.

Gleichzeitig sorgen sich Autoren wie Thomas Mann, Robert Musil und Stefan Zweig um ihre Buchveröffentlichungen in Deutschland, auch um die Honorare, die zunächst noch fließen. Wieviel Distanz, wieviel Kritik ist nötig und möglich? 

Die Realität des Exils wird allmählich rauher, die Bewegungsmöglichkeiten geringer, die Gefahr größer. Gleichzeitig stabilisiert sich das Regime, die Repression im Deutschen Reich wird immer stärker, eine Rückkehr erscheint ausgeschlossen.

Amerika, du hast es besser!

Die Einreise- und Einwanderungspolitik der USA ist seit 1924 restriktiver geworden, und sie bleibt es auch nach 1933, ja noch 1940, nach der Besetzung Frankreichs. Nicht allen Menschen wird der rote Teppich ausgerollt, wie es Thomas Mann geschieht, der mit Agnes E. Meyer über eine einflußreiche Förderin verfügt, oder dem weltberühmten Albert Einstein. Hollywood, die Traumfabrik, ist für viele ein Sehnsuchtsort, doch nur wenige schaffen es, sich dort zu etablieren. Der Film »Casablanca«, der 1942 in die Kinos kommt, ist ein Dokument der Emigration.

Von Amerika aus erhebt nun auch Thomas Mann seine Stimme gegen das Regime zu Hause, wendet sich an die „deutschen Hörer“ und bezieht eindeutig Position – was ihm heftige Attacken der Propagandamaschinerie im Deutschen Reich einbringt.

Viele Emigranten fühlen sich in den USA sehr fremd und werden nicht heimisch. Ihr kulturelles Kapital, ihr Deutsch- und Europäertum ist in den allermeisten Fällen nur begrenzt monetarisierbar und damit in der amerikanischen Gesellschaft mehr oder weniger irrelevant. Heinrich Mann etwa ist todunglücklich. Wem die Akkulturation gelang, der war mit den USA zufrieden und wurde darüber zum Einwanderer, die anderen nicht, sie blieben dann oft ortlose Emigranten. Insbesondere politisch linksstehende Menschen hatten es angesichts der Kommunistenfurcht in den USA schwer. Am Ende verleidete diese selbst Thomas Mann den Aufenthalt, und er kehrte in die Schweiz zurück.

Aber es gibt auch andere Perspektiven. Viele private Hilfsorganisationen bemühen sich um die Einreise von Flüchtlingen und unterstützen sie bei der Integration. Dies gilt vor allem, aber nicht nur der deutsch-österreichischen Elite aus der Wissenschaft (ungefähr zwei Drittel der geflohenen 2.000 Wissenschaftler werden in den USA aufgenommen). Aber auch hier bleiben Konkurrenzkämpfe nicht aus, als es in der Wirtschaftskrise zu Entlassungen an den Hochschulen in den USA kommt.

Exil- und Emigrationsforschung

Diese bezieht sich auf die Gründe und Umstände der Flucht und Emigration, auf die Situation in den Aufnahmeländern, auf Anpassungs- und Akkulturationsprozesse. Es werden aber auch Wandlungen im Geschlechterverhältnis untersucht und Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Die berufliche und politische Betätigung im Exil steht ebenso im Blick wie die Möglichkeiten der Rückkehr und die anschließende Situation im Heimatland nach der Remigration.

 

Der Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Exil“ und verarbeitet die Leseerfahrung mehrerer Bücher.

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Vor dem Sturm: An der Riviera

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera | Foto nw2018 #reiseführer #cotedazur

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera | Foto nw2018

Erika Mann (1905-1969) und Klaus Mann (1906-1949), die beiden ältesten Kinder von Katia und Thomas Mann, hatten zeitlebens ein enges Verhältnis, traten gegenüber Außenstehenden auch oft als Zwillinge auf. Sie schrieben zusammen Texte, spielten gemeinsam Theater und unternahmen Reisen miteinander. Dieses Buch erschien erstmals 1931 und schildert das Leben an der französischen Riviera; es beruht auf einer Reise der beiden.

Der vorliegende fotomechanische Nachdruck der Originalausgabe enthält zeitgenössische Zeichnungen von Walther Becker, Rudolf Grossmann, Henri Matisse und anderen Künstlern. Das fröhliche Gelb des Umschlags ruft verläßlich Fernweh und Reiseerinnerungen beim Leser hervor.

Das Buch – Teil der Reihe »Was nicht im Baedeker steht«, die von 1927 bis 1938 im Münchener Piper Verlag erschien – ist im lockeren Plauderton verfaßt und verbindet praktische Informationen für Touristen mit allgemeinen Betrachtungen über Land und Leute, gewürzt mit einer Prise Klatsch und gelegentlichen,  Verruchtheit und Laster streifenden Andeutungen. Die Unbekümmertheit und Selbstsicherheit der Geschwister, die während dieser Jahre nur in Hotels leben und in Restaurants essen werden, ist auf jeder Seite präsent, auch wenn man weiß, daß sie diesen Lebensstil nur durch Schulden finanzieren konnten, die die Eltern stets, mal mehr, mal weniger bereitwillig, beglichen – die diesbezügliche Korrespondenz mit „Mielein“ spricht Bände.

Dieser milde und zivilisierte Ort [Hyères] bringt die schönsten Rosen, Artischocken, Trauben und Zitronen hervor, so daß sowohl Kompott als Parfum hergestellt werden kann und es eine erhebliche Ausfuhr gibt. Manch geistreicher Mensch lebt noch heute in diesem gedeihlichen Klima. (S. 52)

In Cannes, wo es den größten Luxus gibt, wo sogar Rolls Royce eine Niederlassung hat, locken die Geschwister Mann uns aus dem Casino heraus auf die Croisette, zu Hermès, und beginnen eine lange Aufzählung der Luxusgeschäfte.

Aber auch hier, wo man sie nicht vermutet, hat die „Wirtschaftskrise“, dieser dunkle Begriff, mit dem man heute schon Schulkinder ängstigt, ihre Finger. Undurchsichtig blau ist manches Schaufenster zugemalt, in dem noch vor kurzem Symbole von höchstem Anspruch sich spreizten, – Bankerott und Pleite sogar hier. (S. 76)

Weiter geht es, nach Nizza, von dem als Nice zu sprechen empfohlen wird.

In tausendundeiner Lokalen können Sie auch Tee trinken, wir raten Ihnen aber The Scotch Tea Room an der Avenue de Verdun, die am Palmengarten Albert I. entlang führt. Hier ist großes angelsächsisches Damentreffen, was für die Qualität des Tees spricht, und auch sonst für die Distinguiertheit des Milieus. (S. 99f.)

Kleine Orte zwischen den großen, manche unscheinbar, andere verborgene Perlen, werden ebenso erwähnt wie lohnende Ziele im Hinterland. Überall trifft ein amerikanisch-europäischer Oberschichtentourismus auf gelassene bis abweisend reagierende Einheimische, die Geschwister erwähnen mit Vorliebe aber auch Matrosen und resolute Barbetreiberinnen. Die Namen von Aristokraten, aber auch von Schriftstellern und Malern werden wie Glitzerstaub über den Text gestreut, nur wenige erfahren eine echte Würdigung.

In einem von diesen bevorzugten Häusern [in Cap d’Ail] wohnt die Fürstin Mechthild Lichnowski, Witwe eines der wenigen deutschen Diplomaten von Format und ihrerseits eine der wenigen deutschen Schriftstellerinnen, die Format haben. Die Fürstin, in der Gegend als La Princesse populär, hat ihre Villa einem Herrn abgemietet, der die kolossalsten und wildesten Dinge als Jäger geleistet hat, so daß Treppenhaus und Diele voll von ausgestopften Ungetümen hängen und stehen: Elchen, Büffeln und Bären: Weltrekorde, wie uns die Fürstin etwas verängstigt verrät. Zwischen solchen Trophäen männlicher Unternehmungslust lebt und arbeitet diese Aristokratin, die dem Geiste dient und so der „großen Welt“ (in Anführungszeichen), aus der sie kommt, längst entwachsen, in einer wirklich großen zu Hause ist. (S. 119)

Lichnowsky (1879-1958) lebte seit dem Tod ihres Mannes im Jahre 1928 in Südfrankreich. Der Fürst war von 1912-1914 Botschafter des Deutschen Reiches in London gewesen und hatte sich um einen Ausgleich der beiden Mächte bemüht. Das Paar lebte ab 1914 in München, wo die Fürstin mit Schriftstellern und Theaterleuten verkehrte – dabei sicherlich auch mit den Manns in Berührung kam – und mehrere Bücher schrieb. Sie weigerte sich nach 1933, der Reichsschrifttumskammer beizutreten, wurde bei einem Besuch in Deutschland (1939) verhaftet und dann unter Hausarrest gestellt. Sie schrieb während dieser Zeit das Buch „Worte über Wörter“, das die Sprache der Nationalsozialisten kritisch beleuchtete und erst 1949 in einem Wiener Verlag erschien. 1946 zog sie nach London, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.

Die Manns, um zu unseren Autoren und ihrem Buch zurückzukehren – eins der Fürstin Lichnowsky muß ja erst noch besorgt werden! –, schieben nun eine trotz des ironisch-plaudernden Tonfalls durchaus ernste Betrachtung über das (Glücks-) Spiel ein (S. 121-125), setzen dann aber im gewohnt munteren Tonfall die Beschreibung, nun natürlich Monte-Carlos, fort.

Hier sind es die im Familienzusammenhang später Bedeutsamkeit erlangenden kurzen Sätze über das örtliche Museum und seine Tiefseeabteilung, die beim Lesen innehalten lassen und die bekannten Interviewszenen mit Elisabeth Mann-Borghese in Erinnerung rufen.

Knapper und, ja, liebloser schließen sich Ausführungen über die italienische Riviera bis Genua an. Auch Genua wird nur kurz behandelt – auch weil es darüber bereits einen anderen Reiseführer in der Reihe gibt – und kann für die Manns nicht mit Marseille mithalten. Die Beschreibung der restlichen Riviera bis nach La Spezia schließt den Band ab. Auch hier fehlt die Begeisterung, alles in allem gilt den beiden die Gegend als zu ruhig, zu altmodisch, zu langweilig.

Das kleine Büchlein versteht es, Landschaft und Stimmung einzufangen, nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine teils untergegangene, teils – nicht zwingend zum Besseren – weiterentwickelte Welt. Bon voyage!

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