Penelopiade oder der andere Blick

Margaret Atwood, Penelope und die zwölf Mägde, 2005, dt. 2022 (Neuübersetzung aus dem Englischen von Marcus Ingendaay und Sabine Hübner), Wunderbaum, 188 Seiten.

Das Buch erzählt die Geschichte von Penelope, der Ehefrau des Odysseus. Es ist ein Beispiel für das Neuerzählen bekannter Geschichten aus der Perspektiver einer (vergleichsweisen) Randfigur. Diese Herangehensweise stellt nicht nur etablierte Sichtweisen in Frage, sondern auch stereotype Wertungen. Margaret Atwood (geboren 1939) veröffentlicht seit den 1960er Jahren; die Kanadierin beschäftigt sich in ihren Romanen häufig mit Themen wie Identität und Geschlecht, oft läßt sie sich von Mythen und Märchen inspirieren.

Die Erzählstimme Penelopes aus dem Jenseits wird ergänzt durch zwölf Mägde, die im Stile des Chors in einer antiken griechischen Tragödie auftreten, das Geschehen kommentieren und – untypisch für den antiken Chor – um die eigene Sichtweise ergänzen. Bei diesen Frauen handelt es sich um diejenigen, die Odysseus nach seiner Heimkehr gemeinsam mit seinem Sohn Telemachos erschlug, weil sie sich auf sexuelle Eskapaden mit den auswärtigen Freiern eingelassen hatten, die Penelope während der sich immer länger hinziehenden Abwesenheit von Odysseus hatten heiraten wollen.

Die Intention von Penelope und der Autorin ist es, die Perspektive zu erweitern. Vor allem soll denen eine Stimme gegeben werden, die in der etablierten Erzählung das Wort verweigert wird. Dieses Bürsten gegen den Strich fällt in der Neuübersetzung deutlich und markant aus. Die Sprache ist oft bewußt heutig, bewahrt aber auch etwas vom Mündlichkeitsstil der homerischen Vorlage. Hier würde mich tatsächlich interessieren, in welchem Stil Atwoods Original verfaßt ist und wie treu die erste Übertragung ins Deutsche dem geblieben ist. So behielt diese den Originaltitel (Die Penelopiade) bei, während das Buch nun offenbar bemüht ist, bildungsbürgerlichen Ballast abzuwerfen. Obschon ein zufriedenstellendes Verständnis des Texts natürlich eine Kenntnis der Odyssee oder zumindest die Bereitschaft zu häufigem Nachschlagen erfordert. Denn Penelope ist ja eine Insiderin nach Herkunft, Bildung und Miterleben.

Geschildert werden Herkunft und Kindheit von Penelope, ihre Hochzeit mit Odysseus, die Zeit ihrer Ehe bis zum Krieg um Troja, die Jahre des Wartens und die Rückkehr des Odysseus. Betrachtungen über gesellschaftliche Schichtungen und die Stellung der Frau sind ebenso eingefügt wie Ausführungen zur antiken Geopolitik und solche zur griechischen Götterwelt. Dabei ist sich Penelope, wie man heute zu sagen pflegt, ihrer Privilegien als Königstochter und als Frau des Odysseus gegenüber einfachen Frauen und damit auch den Mägden bei aller Klage über ihr Schicksal durchaus bewußt.

Das Buch ist, wenn man sich auf den Tonfall einzulassen bereit ist, durchaus ein Pageturner und ja ohnehin nicht besonders umfangreich. Der vorhandene, an sich üppige Plot wird radikal zusammengestrichen und in dieser verknappten Form ohne Zweifel meisterlich mit den untergründig bei der Leserschaft vorhandenen Homerkenntnissen zu einem Gesamtbild verknüpft. Gleichwohl bleibt ein Abstand zum epischen Werk „Ich bin Circe“ von Madeline Miller. Dieser Unterschied betrifft nicht nur die Detailfreude und Erzähldichte, sondern auch die politische Botschaft und das Sendungsbewußtsein. Atwood muß und will sicherlich viel direkter sagen, worum es ihr geht, wohingegen Miller die Erzählung wirken und in den Leser*innen die Erkenntnis reifen lassen kann.

Eine interessante Erzählung, die aber nur denjenigen zu empfehlen ist, die sich in der griechischen Mythologie bereits etwas auskennen und gleichzeitig bereit sind für diese Form der Nacherzählung.

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Hans Litten – Anwalt gegen Hitler

Knut Bergbauer / Sabine Fröhlich / Stefanie Schüler-Springorum, Hans Litten – Anwalt gegen Hitler. Eine Biographie, Göttingen: Wallstein, 2022, 383 Seiten.

Hans Litten: Anwalt gegen Hitler I Foto: nw2022

Hans Litten wurde im Jahre 1903 geboren, gehört damit zur Generation meines Großvaters väterlicherseits (1901) und Klaus Manns (1906): Kindheit im Kaiserreich, frühe Jugend während des Ersten Weltkriegs, Adoleszenz in den ersten Jahren der Weimarer Republik. Alle drei kamen mit der Wandervogel-Bewegung in Berührung, jener wirkmächtigen Jugendbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Hans Litten jedoch ging dauerhaft auf in der Jugendbewegung, nahm wohl auch gern die Pose und den Habitus des Rebellen an. Die akademische, nationalkonservative Herkunft lud ihn zum Kampf gegen das Alte und zum glühenden Einsatz für das Neue, für das Recht der Jugend ein. Im vorliegenden Buch nimmt dieser Teil seiner Biographie breiten Raum ein und wird auch zur Modellierung und Erklärung seiner Persönlichkeit genutzt. Litten las viel und interessierte sich für Kunst; ebenso gern wie er stritt, belehrte er andere, um sie hinzuführen zur echten Anschauung und zur rechten Erkenntnis.

Hans Litten war aber auch Jurist. Er praktizierte als Strafverteidiger, lange Zeit unangepaßt im Erscheinungsbild und kämpferisch gegen Klassenjustiz und politisch einseitige Richter. Sensation machte er vor allem dadurch, daß er Adolf Hitler in den Zeugenstand laden ließ und dort im Rahmen eines Prozesses wegen eines Überfalls auf eine Arbeiterfeier durch SA-Leute, bei der mehrere Arbeiter teils lebensgefährlich verletzt wurden, dem sogenannten Edenpalastprozeß, am 8. Mai (!) 1931befragte.

Der „Parteiangestellte Adolf Hitler“ sollte bestätigen, daß den SA-Leuten das Tragen von Waffen verboten war. Er behauptete, die Partei stehe „granitfest“ auf dem Boden der Legalität, doch Litten deckte Widersprüche auf und setzte Hitler in der Vernehmung erkennbar zu. Dies sollten ihm der Vorsitzende der NSDAP und spätere Reichskanzler heimzahlen. Die NS-Presse schoß sich sofort auf Litten ein. 1933 kam Litten unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in Schutzhaft und geriet so in die Gewalt der SA, gegen deren Aktivitäten er oft vor Gericht gezogen war bzw. deren Opfer er als Nebenkläger in Strafprozessen aufgrund der Straßenkämpfe vertrat.

Mißhandelt und vielfach gedemütigt, aber lange ungebrochen war Litten ein prominenter politischer Häftling des Dritten Reiches.

Das Buch erzählt diese und andere Geschichten, fügt sie zusammen zu einem Lebensbericht. Besonderes Augenmerk wird gelegt auf die Mutter Irmgard, die sich bis zum Schluß für seine Freilassung einsetzte und ihren verfemten Sohn unerschrocken unterstützte.

Das Buch hat ein wichtiges Thema und präsentiert einen Juristen, der an der Herrschaft des Rechts festhielt, als diese längst schon in großer Gefahr war. Die Autoren zeigen ihn dabei aber als das, was er war: ein Außenseiter.

Vom Stil her hat mich das Buch nicht überzeugt, auf mich wirkte es oftmals kleinteilig und gelegentlich auch reißerisch, insbesondere die aktuellen Hinzufügungen am Schluß empfand ich als bloße Aufzählung.

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Eine unwahrscheinliche Begegnung

Eliette Abécassis, Eine unwahrscheinliche Begegnung, 2003, dt. 2022 (aus dem Französischen von Kirtswne Gleinig), Arche Literatur Verlag, 123 Seiten.

Ein schmaler Roman, eigentlich (nur) eine Novelle. Aber welch eine prickelnde Atmosphäre, was für eine Sprache! Und was für ein Ende, eine großartige Lektüre!

Zug und Bahnhof sind klassische Orte der zufälligen und flüchtigen Begegnung. So ist es auch hier – und doch auch wieder nicht. Eine Frau und ein Mann bemerken einander. Dabei hätte es schon bleiben können, doch es geschieht mehr. Ein Gespräch, Solidarität oder Begehren, Mutlosigkeit und Ausweglosigkeit – vieles blitzt auf in den kurzen Dialogen und den inneren Monologen, den Filmaufnahmen ähnelnden Beschreibungen.

Ihr Gespräch auf dem Bahnsteig zieht sich hin, und dauert doch nur Minuten. Ein wenig geht es darum, den Augenblick festzuhalten („Verweile doch, du bist so schön!“), ein wenig darum Sicherheit zu schaffen, oder zumindest die Illusion von Sicherheit. Zusätzlich bannt sie etwas drittes an diesen Ort, eine Kraft, die stärker ist als diese beiden Menschen, die ihre Selbstbestimmung aufhebt und die die Zukunft abschneidet.

Ein sehr starkes Buch!

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Eine ganz normale Familiengeschichte

Chamäleon | Foto: nw2022

Annabel Wahba, Chamäleon, Roman, 286 Seiten, Eichborn Verlag.

Am Sterbebett eines ihrer Brüder erzählt die Autorin ihm die Geschichte ihrer Familie. Diese Konstellation ist berührend, zeigt sie doch – wie auch die Erzählung insgesamt – das gute und intensive Verhältnis der Familienmitglieder untereinander. Vor dem Hintergrund von Abschied und Sterben werden Erinnerungen an das Familienleben und an die gemeinsamen Erlebnisse geschildert.

1960 haben die Eltern, eine Bayerin und ein Ägypter, geheiratet. Nach einem kürzeren Aufenthalt in Ägypten lebt die sechsköpfige Familie seit 1968 in Deutschland.

Das Buch erzählt die Geschichte der deutschen Großeltern, ihre Situation als Katholiken im Nationalsozialismus, den Soldatentod im Krieg (Weißrußland 1941) und die Zeit nach dem Krieg. Dies liest sich insgesamt als typische deutsche Familiengeschichte. Sie weist allerdings zwei Besonderheiten auf: Die Mutter verbringt als junge Frau einige Zeit in den USA und sie heiratet einen ausländischen Studenten, einen Ägypter, mit dem und mit den dann drei gemeinsamen Kindern sie einige Jahre in Ägypten verbringt. Die Geschichte von dessen Familie und von seinem Weg nach Deutschland ergänzt die Darstellung. Dokumente und Fotos dienen ebenso als Grundlage wie Erinnerungen und Gespräche, die die Autorin mit den Familienmitgliedern zu unterschiedlichen Zeitpunkten geführt hat.

Das alles wird flüssig erzählt. Es gelingt der Autorin, die Innigkeit der Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern deutlich zu machen. Weder ist eine solche Innigkeit selbstverständlich, noch kann jeder Autor sie „rüberbringen“.

Ich weiß nicht, warum mich das Buch insgesamt nicht erreicht hat, nicht nicht emotional derart berühren konnte, wie dies mancher Rezension (z.B. Kulturbowle) zu entnehmen ist. Ob es der Bezug zu Tausendundeiner Nacht ist, den ich bemüht finde, ob es die schwarzen Haare sind, die als gelegentlicher Diskriminierungsgrund im ländlichen Bayern herhalten müssen – wer weiß? Die Cousine meines Vaters hat einen Medizinstudenten aus dem Iran geheiratet, der nach der Weißen Revolution des Schahs nicht in seine Heimat zurückkehren wollte. Die Thematik des Buches war also dem Grunde nach nicht sensationell neu für mich.

Mein Fazit: Das Buch ist solide und durchaus empfehlenswert, konnte mich persönlich allerdings nicht begeistern.

Ich bedanke mich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat, das ich vom 10. bis zum 13. August gelesen habe. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluß.

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