Der Wintersoldat

Der Roman spielt in der Zeit des Ersten Weltkriegs in der Habsburgermonarchie: Daniel Mason, Der Wintersoldat. 2018, dt. 2019 (aus dem Englischen von Sky Bonhof und Judith Schwaab), 430 Seiten.

Daniel Mason, Der Wintersoldat | Foto: nw2019

Daniel Mason, Der Wintersoldat | Foto: nw2019

Ich gestehe, daß ich fünfzig, sechzig Seiten lang keine Lust mehr auf das Buch hatte. Nach einem ungewöhnlichen Beginn und einer interessant erzählten Rückblende war das Buch in der erzählten Gegenwart angekommen und trat für mein Empfinden auf der Stelle. Und ich als Leser kniete in Wundbrand, Läusen und Elend. Doch gerade da twitterte der Kaffeehaussitzer, wie begeistert er von dem Buch sei, was ich als Ansporn nahm, mich wieder auf den Roman einzulassen.

Und siehe da, plötzlich nahm auch die Handlung wieder Fahrt auf, es gab neue Wendungen, Dramatik, Dynamik und Schauplatzwechsel. Die Erzählung ist insgesamt vielfältig und spannend, die fiktionale Verdichtung erlaubt einen ganz anderen Blick als die biographische Erzählweise in Arne Karstens »Untergang der Welt von gestern«, das fast den identischen Zeitraum behandelt.

Die Familiengeschichte von Lucius in der Gesellschaft der österreich-ungarischen Monarchie, sein bei Kriegsausbruch nicht beendetes Medizinstudium, die Realitätserfahrungen im Lazarett, das mal näher an der Front liegt und mal weiter von ihr entfernt ist, Begegnungen, Trennungen, Alpträume, Tote, Gewalt, Grausamkeit, Einsamkeit – es ist ein großartiges Panorama von Ereignissen, Stimmungen und Gefühlen, das Mason hier sprachlich geschickt zu guter Literatur macht.

Entbehrungen, zwei Kriegswinter.

April wurde es trotzdem. (S. 191)

Dann kommt die russische Offensive das Jahres 1916, die große Veränderungen bringt. Lucius gelangt schließlich als Arzt nach Wien in ein Krankenhaus.

Grandios, wie die Mutter kurz vor Ende des Krieges Lucius klarmacht, daß jetzt die Zeit sei, zu heiraten. Diese drei, vier Seiten sind für mich einer der absoluten Höhepunkte des Buchs. Die Ehe freilich ist nicht von Dauer – wie könnte sie, da Lucius an Liebeskummer leidet.

Auf einmal, so scheint es, ist der Krieg vorbei. Der junge Kaiser dankt ab, das Reich zerfällt. Kann Lucius nun endlich nach Galizien zurückkehren, um seine Suche nach der Frau fortzusetzen, die er nicht vergessen kann? Die Wirren der Nachkriegszeit sind groß, denn der Krieg geht in Mittel- und Osteuropa ja weiter, nur ohne Österreich. Mit einer dramatischen Zugfahrt illustriert der Roman dies knapp und eindrücklich.

Können Menschen Frieden finden? Nach allem, was sie einander im Großen wie im Kleinen angetan haben?

Während Hans Castorp am Ende in die Schlacht taumelt, tritt Lucius am Ende als ein Überlebender in die Welt, mit allen Implikationen, die in diesem Begriff mitschwingen können.

 

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Vom Scheitern moderner Gesellschaften

Worauf sind menschliche Gesellschaften gegründet und warum halten sie zusammen? Diese Fragen beantwortet das Buch von Michael Pauen, Macht und soziale Intelligenz. Warum moderne Gesellschaften zu scheitern drohen, 2019, 289 Seiten plus 27 Seiten Apparat.

Michael Pauen, Macht und soziale Intelligenz | Foto nw2019

Michael Pauen, Macht und soziale Intelligenz | Foto nw2019

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Buch ist jedoch kein philosophisches Werk, sondern verbindet Erkenntnisse der Sozialpsychologie mit denen der Verhaltenstheorie und analysiert auf dieser Basis historische Fallstudien zu gesellschaftlich-staatlichen Wendepunkten und Krisensituationen. Die Ausgangsthesen lauten:

Machtstrukturen basieren nicht primär auf Gewalt, sondern auf sozialer Intelligenz. Und sie dienen dazu, das Verhalten der Gruppenmitglieder zu koordinieren, Konflikte zu vermeiden und Kooperationen zu ermöglichen. (S. 10)

Menschliche Gesellschaften existieren nicht im luftleeren Raum; ihre Entwicklung wird von einer Vielzahl äußerer Bedingungen geprägt. Besondere Bedeutung haben dabei zwei Faktoren: Zum einen haben äußere Konflikte einen wichtigen Einfluss auf Gruppenstrukturen. Unter äußerem Druck rucken Gruppen Zusammen, begraben interne Konflikte und unterstützen schwächere Mitglieder. […] Ökonomische Ungleichheit entsteht [durch die Seßhaftwerdung sowie die damit verbundene Umstellung auf Ackerbau und Viehzucht], und die lässt sich leicht in politische Ungleichheit umsetzen: Wer mehr besitzt, vergrößert aus seinen politischen Einfluss. (S. 12)

Der Autor belegt diese These empirisch-historisch und geht anschließend im einzelnen der Frage nach, wieso die Krisen der Gegenwart den Rechtspopulisten in die Hände spielen, und was man dagegen tun kann.

Neu sind also nicht die Einsichten und Ziele, die in der Nachkriegszeit umgesetzt werden, neu ist vielmehr, dass seit langem bekannte Einsichten und Programme plötzlich mehrheitsfähig werden. Und zwar in vielen Staaten innerhalb eines sehr kleinen Zeitfensters. (S. 160)

Doch dann kollabiert die Sowjetunion – Wegfall des äußeren Drucks – und unter Thatcher und Reagan wird nach Lesart des Autors der oben erwähnte Nachkriegskonsens gekündigt, Solidarität endet und Ungleichheit nimmt stark zu. Außerdem nehmen Individualisierung und Freiheit zu, wovon gesellschaftliche Minderheiten und marginalisierte Gruppen profitieren. Negative Kettenreaktionen (S. 186) sind zu beobachten. Hierauf bilden rechtspopulistische Bewegungen dann ihrerseits  eine Reaktion, die die sich herausbildende materielle Unsicherheit und – für manche – geistige Ungewißheit oder Orientierungslosigkeit „dem System“ generell anlasten. Nur ein Zurückschneiden demokratischer und liberaler „Auswüchse“ und ein über dem Gesetz stehender Volkswille würden zu Sicherheit und Geborgenheit führen.

Beispiele aus Ungarn, Polen und den USA zeigen, wie entsprechende Regierungen dieses Programm dann auch machtvoll – und mit dem Rückenwind des Volkswillens ausgestattet – umsetzen.

Konfrontation und harte Gegenargumente bieten […] keinen gangbaren Weg, Einfluss auf andere auszuüben. Die einzige halbwegs erfolgversprechende Strategie […] besteht in ausgewogenen, nicht konfrontativen Argumenten, in denen das Für und Wider zur Sprache kommt. (S. 210)

Zu den weiteren Lösungsvorschlägen zählen neben dem Ausbau sozialstaatlicher Programme auch der Appell an linksliberale Schichten, abweichende Meinungen zu ertragen und die sie Äußernden nicht apodiktisch aus dem Diskurs ausschließen zu wollen: auch vernünftige Menschen können andere Überzeugungen haben, als man selbst (S. 275). Paulen hinterfragt soziale Selbstabschottung und den damit einhergehenden Hochmut. Er präsentiert die niederländische Stadt Mechelen als positives Beispiel für Veränderungen (S. 279ff.).

Das Ganz ist gut lesbar geschrieben, mitunter etwas zu didaktisch mit Wiederholungen und Zusammenfassungen und „Wir hatten gesehen, dass …“, aber insgesamt überzeugend. Die Quellenbasis ist recht breit, wenngleich dann einzelne Abschnitte jeweils sehr stark an einem oder zwei Autoren orientiert sind.

Das Buch schließt mit dem wichtigen Appell: „Wir sollten unsere Chance nutzen.“

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Obama: der erste schwarze Präsident

Die Errungenschaften, die Verwerfungen und der Preis einer schwarzen Präsidentschaft sind die Themen des Buches von Ta-Nehisi Coates: We were eight years in power. Eine amerikanische Tragödie, 2017 (dt. 2018, aus dem Englischen von Britt Somann-Jung). Coates zeichnet ein nach wie vor uneiniges Land, gespalten in Schwarz und Weiß.

Ta-Nehisi Coates, We were eight years in power | Foto: nw2019

Ta-Nehisi Coates, We were eight years in power | Foto: nw2019

Für jedes der acht Jahre von Obamas Amtszeit bietet der Band einen Essay des Autors, der während dieser Zeit im Magazin »The Atlantic« erschienen ist, ergänzt um jeweils eine erläuternde und einordnende politisch-historische Betrachtung, die auch persönliche, biographische Elemente enthält. Wo nötig, ergänzt und korrigiert Coates hier auch das, was er in den früher veröffentlichten Essays geschrieben hatte.

Pathos, Wut, Verzweiflung und das stetige Ringen um Würde – in diesem Kraftfeld bewegt sich das Buch. Coates klagt jahrhundertealtes, ungesühntes und oft geleugnetes Unrecht an. Er weist Unterstellungen zurück und rückt Fehleinschätzungen zurecht. Für mich als weißen Europäer ist die Perspektive fremd und ungewohnt, aber auch sehr lehrreich.

Im Februar 2007 ist der Autor 31 Jahre alt und befindet sich nach mehrfacher Arbeitslosigkeit in einer Abwärtsspirale. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung stagniert. Barack Obama wird Kandidat für das Amt des US-Präsidenten. Coates spürt, daß etwas Neues anbricht, und er macht sich als Autor auf die Suche danach. Das Buch handelt von dieser Suche, von dem Neuen, aber auch von sehr viel Altem, das Coates auf seiner Suche herausfindet.

Am Ende steht die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Die acht Jahre sind vorbei.

Hauptthemen und Kernaussagen

Bill Cosby plädierte für starke Familien und Gemeinden, für ein verantwortungsvolles Leben der schwarzen Männer, um stark gegenüber dem Rassismus zu sein, und einen respektierten Platz in der Gesellschaft zu erlangen. Damit setzte sich der erste Essay von Coates auseinander. Cosbys Pound-Cake-Rede des Jahres 2004 und die Kritik daran, die der ebenfalls schwarze Soziologieprofessor Michael Eric Dyson äußerte, wurden von Coates – und das ist eine Herangehensweise, die sich durch das gesamte Buch zieht – in eine Tradition von Auseinandersetzungen gestellt. Die USA haben schon immer mit dem Rassismus gerungen, er steht an der Wiege ihrer Staatswerdung, er begleitet die Demokratie von Anfang an, es ist alles schon einmal gesagt worden. Das ist einerseits lehrreich und informativ, als Stilmittel aber auch etwas ermüdend.

Im Sommer 2008 war Barack Obama zum demokratischen Kandidaten für die US-Präsidentschaft geworden und Coates erhielt den Auftrag, ein Porträt über Michelle Obama zu schreiben. »American Girl« entstand.

So war das damals, im Herbst 2008. So fühlte es sich an schwarz zu sein und zum ersten Mal im Leben stolz zu sein auf sein Land. Alles war verheißungsvoll. Alles war im Aufschwung. Alles war ein Traum. (S. 62)

Selbst- und Fremdwahrnehmung, Wahrnehmung innerhalb der eigenen Gruppe oder über die Gruppengrenzen hinweg – dies ist einer der roten Fäden, der sich durch diese Buch zieht. Und auch diesen Faden knotet Coates immer wieder im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert fest.

Coates hielt Michelle Obama zunächst für weiß, dann für schwarz. Manchmal hoffte er, sie einfach als Amerikanerin sehen zu können, aber irgendwie fürchtete er sich auch davor.

Einer der zentralen Texte des Buches ist der im Jahre 2012 erschienene Essay »Angst vor einem schwarzen Präsidenten«. Obama, der „seine Präsidentschaft als ein Monument der Mäßigung errichtet“ hat, hatte sich zur Rassenfrage während der ersten drei Jahre meist zurückhaltend geäußert. Nach der Ermordung des Teenagers Trayvon Martin sagte der Präsident: „Wenn ich einen Sohn hätte, sähe er aus wie Trayvon.“ (S. 145)

In der Folge wurde, so Coates, der weiße Schütze zum eigentlichen Opfer. Obama hatte sich positioniert, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hatte sich die Sache des schwarzen Opfers zu eigen gemacht. Als auch schwarzer Mann hatte er Präsident werden können, als dezidiert Schwarzer entflammte er den wütenden Widerstand des weißen Amerikas. In einem historischen Exkurs zeigt Coates auf, wie die Rechte aus der Staatsbürgerschaft mit dem Weißsein verknüpft wurde, wie Bevorzugung der Weißen zur DNA der USA gehört.

Zwar konnte Obama die Wahl gewinnen und damit einen Sieg für die schwarze Sache erringen, aber nicht den Rassismus besiegen, so Coates (S. 156). Dieser habe sich im Gegenteil sogar noch verschärft. Coates beklagt das defensive Vorgehen des Präsidenten, der es solcherart versäume, „offen über Amerikas elendes Geburtsmal zu sprechen“ (S. 161).

Wichtig und sehr bedrückend ist sodann der Essay »Plädoyer für Reparationen« aus dem Jahr 2014, somit aus dem zweiten Term. Hier geht es um eine grundsätzliche Abrechnung mit dem Rassismus, um die gewaltigen Verletzungen und Schädigungen an den Schwarzen in den USA. Weit in die Geschichte zurückgreifend, legt Coates Mechanismen der Ausbeutung, der Diskriminierung und des Niederhaltens offen, indem er zeigt, wie zunächst Sklavenarbeit und später das Unmöglichmachen von Eigentumserwerb Abhängigkeiten schaffen und ausnutzen. Für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts führt Coates einzelne Beispiele dafür an, daß freigelassenen Sklaven Reparationen aus moralischen und religiösen Gründen gewährt wurden. Dies setzte sich aber nicht durch. Regulatorische und gesetzgeberische Maßnahmen sorgten – und sorgen bis in die Gegenwart – vielmehr dafür, daß sich die wirtschaftliche Lage schwarzer Amerikaner nicht verbesserte.

Mit über sechzig Druckseiten ist »Die schwarze Familie im Zeitalter der Masseninhaftierung« der längste Essay in diesem Band; der Abschlußessay »Mein Präsident war schwarz« ist mit knapp 50 Druckseiten ebenfalls gewichtig.

Der erste dieser beiden Texte verfährt nach dem bekannten Muster und knüpft an Vergangenes an, konkret an einen Regierungsbericht aus dem Jahre 1965 über die Lage der schwarzen Familie und der auf sie einwirkenden Gefährdungsfaktoren. Vor diesem Hintergrund analysiert Coates die stetig ansteigenden Inhaftierungsraten, die den Vereinigten Staaten einen traurigen Spitzenplatz sichern – weit vor Rußland oder China. Er geht – unter Rückgriff auf jüngere Forschungsliteratur – deren Auswirkungen auf die schwarze Familie nach und vergleicht das mit den älteren Prognosen. Er beschreibt Fehlannahmen und irreführende Aussagen, die die Inhaftierungsraten unter schwarzen Männern immer weiter haben ansteigen lassen.

Das war eine in den Strafvollzug verlagerte Wohlfahrtspolitik vom Feinsten (S. 296)

Einen einfachen Ausweg aus dem Inhaftierungswahn der USA gibt es nicht, so viel steht nach der Lektüre dieses Textes fest.

Schließlich geht die Präsidentschaft Obamas zu Ende; Coates beschreibt ein Gespräch mit dem Präsidenten und ein Abschiedsfest im Weißen Haus.

Als der Schauspiele Jesse Williams die Bühne betrat, sichtlich ergriffen von der schwarzen Vortrefflichkeit, der Üppigkeit vor seinen Augen, nur wenige Schritte entfernt von Orten, an denen einst Sklaven geschuftet hatten, sagte er nur: »Seht euch das an, wo wir stehen. Seht euch an, wo wir in diesem Augenblick stehen.«

Es würde nicht wieder passieren, und alle wussten es. Es war nicht nur so, dass es vielleicht nie wieder einen afroamerikanischen Präsidenten der USA geben würde. (S. 335)

Coates blickt zurück und ist insgesamt enttäuscht, ein schwarzer Präsident hätte seiner Ansicht nach anderes tun und sagen müssen, aber dann – so räumt er ein – wäre er niemals Präsident geworden. Diese Erkenntnis variiert Coates nun mehrmals und bleibt damit seinem ermüdenden Stil treu.

Analytisch stärker gerät dann der Epilog über den 45. Präsidenten der USA, für Coates „Amerikas erster weißer Präsident“ (S. 388).

 

Stil

In den hinzugefügten Betrachtungen schreibt Coates sehr viel über sich.

Aber die Freue am erkundenden Schreiben lag auch in der Freiheit, über die Gegenwart hinaus zu denken und Ideen in Betracht zu ziehen, die rundheraus als verrückt abgetan würden. Und wenn ich auch selbst mitsamt meinen Ideen abgetan würde. (S. 178)

Der Preis einer schwarzen Präsidentschaft fesselte mich und wurde zur zentralen Frage des Essays »Angst vor einem schwarzen Präsidenten«. Was mir vom Prozess des Schreibens am stärksten in Erinnerung ist, ist das Gefühl, nach 15 Jahren Übung zum ersten Mal Kontrolle über die Form zu gewinnen. In all diesen Jahren hatte ich versucht, meine Einflüsse zu vermischen – Dichtung, HipHop, Geschichte, persönliche Erinnerungen, Reportage – und etwas Originelles und Schönes zu erschaffen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es mir gelungen war und dass ich zudem verstand, wie und warum. (S. 139)

Sein Leben, seine Situation, sein Fühlen, sein Schreiben – das hatte ich nicht erwartet, jedenfalls nicht in dieser Ausführlichkeit – und so furchtbar interessant ist das nun auch nicht. Wenn man als Mitglied einer Gruppe über die Gruppe schreibt, dann schreibt man stets auch über sich – das läßt sich nicht vermeiden. Doch Coates übertreibt das für meinen Geschmack etwas.

Die Essays selbst enthalten die vorgenannten Elemente – Dichtung, HipHop, Geschichte, persönliche Erinnerungen, Reportage – und sind stets sowohl kämpferisch als auch resignativ. Die Texte liefern viele Details, sie bringen bei mir als Leser große Wissenslücken zum Vorschein, sie verändern das Bild von den Vereinigten Staaten.

Freilich neigt Coates zu Wiederholungen, vor allem innerhalb der Essays, aber auch zwischen den Texten.

 

Fazit

Man kann der Frage nicht entkommen, indem man die Vergangenheit durchwinkt und die Taten der Vorfahren leugnet oder indem man darauf verweist, die eigenen Vorfahren seien erst vor kürzerer Zeit eingewandert. […] Eine Nation überdauert ihre Generationen. (S. 207)

Ein starker Satz, eine wichtige Aussage. Das Buch enthält einige solcher Schlüsselpassagen, birgt wichtige Erkenntnisse. Es ist gerade deswegen auch für mich als Deutschen, mit unserer historischen Schuld, ein lesenswertes Buch.

Auf der anderen Seite hatte ich eine andere politische Analyse erwartet, die vielleicht ebenso interessant, aber mit Sicherheit weniger lehrreich gewesen wäre.

Abgesehen von dem gelegentlich eitel-autobiographischen Element, das sich mitunter recht beharrlich in den Vordergrund schiebt, handelt es sich um ein oft gut geschriebenes und interessant konzipiertes Buch, das lohnende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der USA vermittelt. Aus meiner Sicht hätte es aber deutlich kürzer ausfallen können.

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Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Das Buch erschien erstmals 1974, es ist ein politisches Pamphlet gegen die Bildzeitung. Heinrich Böll (1917-1985), der 1972 den Literaturnobelpreis nach dem Erscheinen des Romans »Gruppenbild mit Dame« für sein Gesamtwerk erhalten hatte, kann politisch klar verortet werden. Er engagierte sich zunächst für die SPD und unterstütze später – wohl auch aus Enttäuschung – die Grünen.

»Die verlorene Ehre der Katharina Blum« steht in indirektem Bezug zum Terrorismus der „Rote Armee Fraktion“ und den durch hervorgerufenen Reaktionen.

Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum | Foto: nw2019 #Literatur

Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum | Foto: nw2019

Inhalt

Ein junger Mann wird des Bankraubs und damit der Unterstützung der Untergrundaktivitäten verdächtigt. Er steht deshalb unter polizeilicher Beobachtung; zufällig kommt er mit Katharina Blum in Kontakt, die ihm spontan und in Unkenntnis der genauen Umstände eine Unterschlupfmöglichkeit gewährt. Solcherart selbst der Unterstützungstätigkeit verdächtig, gerät sie ins Visier der Behörden und damit auch ins Fadenkreuz der sensationsgetriebenen Berichterstattung der Bildzeitung – die hier stets als die ZEITUNG bezeichnet wird. Am Ende der hieraus resultierenden Belastungen und Verwerfungen erschießt sie den verantwortlichen Journalisten.

Der Bezug zur Realität liegt im generellen Klima der damaligen politischen Diskussion:

Böll sah sich seit seiner kritischen Stellungnahme „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, die 1972 im »Spiegel« erschienen war, selbst als Opfer einer Rufmord- und Hetzkampagne, die ihn als Sympathisanten des Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) begriff. Das Buch ist eine Reaktion auf die Berichterstattung der BILD-Zeitung und auf die damalige Gewaltdebatte. Peter Büchner, ein Psychologieprofessor aus Hannover, hatte Ulrike Meinhof einmal über Nacht beherbergt und war daraufhin vergleichbaren Kampagnen der BILD-Zeitung ausgesetzt.

Struktur und Stil

Das 130 Seiten starke Taschenbuch ist in 58 numerierte Abschnitte unterteilt, die meist zwei bis drei Seiten umfassen, nicht über zehn Seiten hinausgehen und manchmal keine halbe Seite lang sind. 

In lakonischem Stil wird aus den Akten und aus der Bildzeitung referiert, Nüchternheit und Ironie gehen oft bruchlos ineinander über. Gelegentlich finden sich gleichsam beiseite geschriebene Einschübe, die den Leser adressieren.

Der Appell an Anstand und Humanität wirkt nach wie vor stark, obwohl – oder vielleicht gerade, weil – er ohne zur Schau gestellte moralische Überlegenheit daherkommt. 

Rezeption

Von den Zeitgenossen wurde das Buch zwiespältig aufgenommen. In einer politisch klar geteilten Bundesrepublik, in der Böll vor überzogenen Reaktionen gegen die Terroristen gewarnt hatte – was ihm und anderen in der aufgeheizten Stimmung als Unterstützung ausgelegt wurde – und nach seiner Unterstützung für Willy Brandt im Bundestagswahlkampf 1972 ohnehin als linker Intellektueller wahrgenommen wurde, gab es nur ein dafür oder dagegen.

Böll war seinerseits nicht zimperlich, was die Kritik an der Bundesrepublik anging. So sagte er 1966 zur Eröffnung des neuen Schauspielhauses in Wuppertal:

Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt. Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken läßt. In diesem Augenblick von ihm zu sprechen, wäre Leichenfledderei oder Nekrophilie – zu beidem bin ich nicht veranlagt.

Umgekehrt beklagte er sich dann, im Hetzklima der Gegenwart als Intellektueller nicht arbeiten zu können.

Das Buch schaffte es schnell in den Kanon der Schullektüren und insgesamt wurden bis heute weit mehr als 2,5 Millionen Exemplare verkauft.

Bereits im Jahre 1975 kam eine Verfilmung unter der Regie von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotha in die Kinos.

Das Buch diente auch als Vorlage für eine Oper. Der Komponist Tilo Medek schrieb die Musik zu einem von seiner Ehefrau Dorothea verfaßten Libretto; die 1984-1986 entstandene Oper Katharina Blum. Oper in fünf Tagen und einem Nachspiel wurde im Jahre 1991 am Theater Bielefeld uraufgeführt.

Fazit

Die Bedeutung des Buches als Schullektüre ist zurückgegangen, in Zeiten von Facebook und Fake News wirkt der Meinungskampf der mittleren Bonner Republik trotz der Härte beinahe beschaulich, jedenfalls anachronistisch.

Das Buch ist ein Zeitstück, es bietet Einblicke in die Zeit des Aufschwungs und sich verbreiternden Wohlstands. Und auch dreißig Jahre nach dem Krieg sind in der Erzählung dessen Aus- und Nachwirkungen immer noch spürbar.

 

Und hier geht es zu dem YouTube-Video, das ich über »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« gemacht habe.

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