Von der Widerständigkeit des Lesens

Amir Hassan Cheheltan, Der Zirkel der Literaturliebhaber, Roman, 2020. dt. 2020 (aus dem Persischen von Jutta Himmelreich), 252 Seiten.

Amir Hassan Cheheltan, Der Zirkel der Literaturliebhaber | Foto: nw2020

Amir Hassan Cheheltan, Der Zirkel der Literaturliebhaber | Foto: nw2020

Zum Inhalt

Teheran, an einem Donnerstag, an jedem Donnerstag: Besuch kommt, der Höhepunkt der Woche steht an. Über Jahrzehnte hinweg treffen sich Freunde in der Wohnung der Familie Cheheltan, um mit ihnen über Literatur zu sprechen. Der Autor erzählt von seinen Eltern, ihren Besuchern, von sich und vor allem von Büchern: ihrer Schönheit, ihrer Faszination, ihrer Sprache, ihren Autoren, ihren Schicksalen.

In den Gesprächen treten sich der moderne Iran mit seinen politischen und gesellschaftlichen Brüchen und das traditionsreiche Persien mit seinen vielfältigen und reichen künstlerischen und literarischen Traditionen gegenüber. Immer wieder bricht die Welt vor der Tür in die Gespräche ein, die im festlich geschmückten Gästezimmer bei üppigen Speisen geführt werden, ein. Der Sturz des Schah, die Errichtung der Islamischen Republik sind Zäsuren, gewiß. Doch der Terror durch die Geheimpolizei des Schah wird nur abgelöst durch die Säuberungsaktionen der Mullahs. 1980 bis 1988 liegen Iran und Irak im Krieg miteinander (erster Golfkrieg), schließlich kommt es zur Massenhinrichtung politischer Gefangener im Iran im Jahre 1988. Cheheltan spricht in diesem Zusammenhang von über 4.000 Hingerichteten (S. 170).
Die Literatur erscheint den Menschen, von denen der Autor berichtet, ebenso wie ihm selbst als Zufluchtsort angesichts der Schrecken der Welt.

Damit war ein grundlegender Unterschied zur Lage unter der Vorgängerregierung entstanden. Zu Schahzeiten kam man mittels Bildung voran. Jetzt unterstützten die emporgekommenen Verantwortungsträger an der Spitze des Landes die Emporkömmlinge aus der Wirtschaft. Da die oft keine akademischen Diplome vorweisen konnten, verachteten sie Menschen, die ihnen solche Nachweise voraushatten. Die Verachtung hielt so lange an, bis die Nachkommen derer ohne Diplome solche Zeugnisse erwerben konnten. […] Mühelos war die neue Ordnung nicht errichtet worden. Den iranischen Mittelstand hatte man durch Ermordungen und Unterdrückung vernichtet oder in alle Winde der westlichen Welt zerstreut, um Platz für eine neue Schicht zu schaffen. Bis dahin hatten über drei Millionen dem Mittelstand angehörige Iranerinnen und Iraner das Land verlassen. (S. 237)

Die Bücher

Welche Werke sind es, zu denen die Lesenden greifen, in denen sie Trost suchen und finden, deren Schönheit sie erbaut, deren Offenherzigkeit ihre Sinne erfrischt? Cheheltans Buch ist eine Einführung in, nein eher eine Hinführung zur klassischen persischen Literatur. Mit kurzen Zusammenfassungen und – teilweise ausführlichen – Zitaten verlebendigt der Autor Werke von Saadi, Rumi und Hafis.
Cheheltan zeigt auch, wie ihm im Laufe der Jahre bewußt wurde, daß diese klassische Literatur grundlegende Menschheitsmythen variiert und so einen Indikator für die Verbundenheit der Kulturen darstellt. Er erkannte darüberhinaus, daß sexuelle Themen recht explizit behandelt werden, auch und gerade die männliche Homesexualität. Wobei es hier freilich meist um das geht, was man klassisch Päderastie nennt, das Verlangen erwachsener Männer nach und den Verkehr mit bartlosen Jünglingen. Später wird dies auch deutlich ausgesprochen (S. 207ff.); diesem Aspekt der iranischen Geschlechtlichkeit ist ein ganzes, zitategesättigtes Kapitel gewidmet.

Die Gründe für Rumis unverblümte Wortwahl sind für mich ohne Belang. Für mich ist ausschlaggebend, dass sein Masnavi als eines der bedeutendsten Werke der klassischen persischen Literatur bis heute auf meinem Schreibtisch liegt, dass ich es in verständlichem Persisch lesen kann und keine Erläuterungen brauche. Schon gar nicht, wenn es sich um voreingenommene Erläuterungen von Leuten handelt, die die belehrende Seite der klassischen persischen Literatur herausstellen wollen und dabei völlig verkennen, welch düsteres, einseitiges Gesicht sie ihr geben. Mich interessiert die lockere, humorvolle sehr irdische Seite dieser Dichter. Ich spüre keine Distanz zu ihnen. Weshalb aber hält unsere konservative Gesellschaft diese Seite unserer großen Literaten nach Kräften vor unserer Jugend verborgen? (S. 189)

Fazit

Insgesamt betrachtet Cheheltan seine Lesebiographie und das Gelesene in der Rückschau auch aus der Perspektive der westlichen Literatur. Er berichtet von den über die Zeit gewandelten Zugängen zu Themen und Stil, über seine zunehmend aktivere Rolle im Zirkel: hatte er als Kind nur aus der Feierlichkeit der Vorbereitungen auf die Bedeutung des Ereignisses schließen können, so wurde er bald als Zuhörer zugelassen, um sich später dann auch mit Wortbeiträgen und Einschätzungen zu beteiligen.
Die Überlegungen, die er bei der Niederschrift als Erwachsener zur Bedeutung der Texte anstellt, ziehen vielfältige Verbindungen zu den großen Mythen, den heiligen Schriften der großen Religionen, zur europäischen Literatur. Cheheltan erwägt und vergleicht die Reichweite von Interpretationsansätzen; er plädiert dafür, die Lebendigkeit von Literatur zu erkennen und nicht doktrinären Überzeugungen unterzuordnen. Freud, Spinoza, Derrida und Husserl liefern Argumente und Blickwinkel für die Debatten in der Donnerstagsrunde – eine Atmosphäre, die offen ist für die Idee von Weltliteratur.

1997 endet der Lesezirkel. Mitglieder der Runde gerieten unter Druck, ein Teilnehmer wurde ermordet. Der Vater des Autors erlitt über die schlimmen Nachrichten einen Herzinfarkt und starb 1999. Das Haus der Familie wurde verkauft und abgerissen.

Ja, ich weiß, so war es schon immer. Vieles, was es einst gab, existiert heute nicht mehr. (S. 252)

Veröffentlicht unter Bücher, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Der Klang von Paris

Volker Hagedorn, Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts, 2019, 347 Seiten plus 60 Seiten Apparat.

Volker Hagedorn, Der Klang von Paris | Foto: nw2020

Volker Hagedorn, Der Klang von Paris | Foto: nw2020

Eigentlich sind es nur 46 Jahre, die Volker Hagedorn in den Blick nimmt: Sein Buch setzt 1821 ein, als Hector Berlioz nach Paris aufbricht, und es endet im Jahr 1867, als Berlioz’ Sohn stirbt. Zwei Revolutionen, Julikönigtum und Second Empire markieren die politische Fieberkurve der Epoche, die gekennzeichnet ist von unanständigem Reichtum und bitterer Armut, geprägt von Erfindungen und Entdeckungen, seismographisch erspürt von Musik und Literatur.

Im Zentrum stehen Hector Berlioz (1803-1869) und Giacomo Meyerbeer (1791-1864). Meyerbeer lebte seit 1824 dauerhaft in Paris und wurde zu einem der bedeutendsten Komponisten seiner Epoche, neben Giacchino Rossini (1792-1868). Gaetano Donizetti (1797-1848), Vincenzo Bellini (1801-1835) und Giuseppe Verdi (1813-1901) müssen sich mit Erwähnungen begnügen, wohingegen Richard Wagner (1813-1883) mit dem Scharfblick des Hasses betrachtet und abgewertet wird: Der undankbare Antisemit, der den Tristan-Akkord von Hector Berlioz übernahm, der Meyerbeers Protektion suchte und fand und der als Erfinder seiner eigenen Legende die eigene Erinnerung zurechtbog, um seine Pariser Erfahrungen schlechtreden zu können. Ihm gegenüber sind alle anderen rechtschaffene Diener der Musik mit humanistischen Idealen auf der einen und ernsthaften finanziellen Problemen auf der anderen Seite.

Die wechselvolle Geschichte Frankreichs während der geschilderten Periode, die in seiner Hauptstadt in besonders komprimierter Form sichtbar wird, beschreibt Hagedorn kenntnisreich und in pointierter Anschaulichkeit, dabei politische und soziale Aspekte miteinander verbindend.

Aus Hagedorns Nachwort läßt sich die Absicht erkennen, in der das Buch verfaßt wurde: den Blick auf Übersehenes zu lenken. Während in anderen Darstellungen der Zeit die Musiker kaum vorkommen oder wenn doch, dann aus der Perspektive Richard Wagners, wählt Hagedorn einen dezidiert anderen Zugang. Wie bereits angedeutet, führt das seinerseits zu Verzerrungen, die der Sache nicht wirklich dienlich sind und neue Ungleichgewichte produzieren.

Wenn Hagedorn aber seine politische Mission aus den Augen verliert und sich auf die Sache selbst konzentriert, ist das Buch ganz bei sich und ungeheuer stark. Tonfall und Stil sind wunderbar, lassen Begeisterung und Kenntnis gleichermaßen erkennen. Auch die Faction-Passagen wirken nicht störend. Ganz anders als in Peter Neumanns mißlungenem Buch „Jena 1800. Die Republik der freien Geister“ wirkt hier nichts aufgesetzt und bemüht; alles ist frei von jener gräßlichen Flottheit, die mir jenes Buch verleidet hat.

Hagedorn wandelt auf den Spuren seiner Helden, die bereits zu ihren Lebzeiten gründlich verwischt wurden, fiel doch die grundlegende Umgestaltung von Paris durch Baron Haussmann in diese Zeit. Dabei trifft er oft auf uninformierte und gleichgültige Zeitgenossen, aber auch auf Experten, die sich inbrünstig etwa historischen Pleyelklavieren oder jedem jemals von Berlioz geschriebenen Zeichen widmen.

Sausendes, brausendes Rad der Zeit,
Messer du der Ewigkeit

Diese Gedichtzeilen von Mathilde Wesendonck aus dem Februar 1858 mögen die Erfahrung illustrieren, die Hagedorn bei seinen Recherchen machen muß.

Diese einst europaweit bewunderte Stradivari der Konzertsäle hat die Akustik eines Wäschesacks. (S. 143)

Die kulturelle Bedeutung der Oper, die unbändige Anziehungskraft zeitgenössischer Musik beleuchten diese Zeilen:

Am Montagabend des 16. April muss eine Abstimmung der Nationalversammlung ausfallen: zu viele Abgeordnete befinden sich in der Oper, um die Uraufführung des «Propheten» zu erleben. (S. 217)

Den Wandel in der Musik verknüpft Hagedorn mit einem prägenden Stoff:

Gut 250 Jahre, nachdem Claudio Monteverdi mit «Orfeo» die Oper erfunden hat, 80 Jahre, nachdem Christoph Willibald Gluck sie mit «Orphée et Eurydice» reformiert hat, eröffnet Offenbach mit «Orphée aux Enfers» ein Nebengleis in die Zukunft, auf dem bald Hochbetrieb herrscht: die moderne komische Oper, nicht mehr comique, sondern bouffe, fast durchgeknallt, aus der in Wien die Operette, in den USA das Musical werden. (S. 271f.)

Im Frankreich unter Napoléon III. herrscht natürlich Vorzensur; Hagedorn schildert anschaulich und komisch zugleich die Hürden, die Jacques Offenbach und Eugène Schieb mit ihrem neuen Werk «Barkouf» im Jahre 1860 machen (S. 303ff.). Und selbst hier, wenn er über die Musik Offenbachs schreibt, kann er sich eine eingestreute Nickeligkeit gegenüber Richard Wagner nicht verkneifen.

Wunderbar die Passage über die Uraufführung von Rossinis «Petit Messe solenelle» (S. 33ff.), an die sich das rasche Ableben Meyerbeers anschließt, deren Leichenzug gleichsam zum Staatsakt wird, aber nicht an einer Grabstätte, sondern an einem Bahngleis endet. Denn der als Jakob Liebmann Meyer Beer geborene Komponist will in Berlin beigesetzt werden, der Stadt, in der Heinrich von Treitschke fünfzehn Jahre später die verhängnisvollen Worte „Die Juden sind unser Unglück“ schreiben wird.

Mit einem Blick auf Camille Saint-Saëns (1835-1921), einen Musiker der Zukunft, endet das Buch.

Insgesamt hat Volker Hagedorn ein gutes, ein lesenswertes und lohnendes Buch vorgelegt, das einen speziellen Blick auf das Paris des 19. Jahrhunderts wirft, dabei der genuin französischen Musik der Epoche den ihr gebührenden Rang einräumt, dabei aber in typisch deutschem Furor das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Veröffentlicht unter Bücher, Neuerwerbungen, Orte | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 1893 (als Buch), 2005 (Große Brandenburger Ausgabe), 223 Seiten plus 150 Seiten Apparat.

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel | Foto: nw2020

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel | Foto: nw2020

Die Geschichte beginnt ohne Exposition, führt sofort die Titelfigur und weitere Hauptpersonen ein, charakterisiert diese und ihr Verhältnis zueinander und mündet sodann in eine für Fontane typische Situation, nämlich in ein Abendessen, welches hier natürlich Diner heißt.

Zur Handlung

Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder, hat es von der Krämerstochter zur Fabrikantengattin gebracht; Treibel freilich hat für ihren Geschmack zu geringe Ambitionen – er ist bislang lediglich Kommerzienrat geworden und betreibt auch eine Kandidatur um ein Abgeordnetenmandat eher halbherzig – und allzu wenig Kunstverständnis. Die „Frau Commerzienräthin“ würde gerne in besseren Kreisen verkehren und auch ihre sentimentale Ader stärker gewürdigt wissen.

Letzteres findet sie bei Wilibald Schmidt, Gymnasialprofessor und einst quasi ihr Verlobter, der ihr ein Gedicht schrieb, das sie noch heute auf Soiréen zu Klavierbegleitung singt. Dieser, inzwischen Witwer, weiß, was von ihm erwartet wird, seit er für Treibel zurücktreten mußte.

Mit ihrem Ansinnen, Leopold, den jüngeren Sohn der Treibels zu heiraten, löst Schmidts Tochter Corinna heftige Gegenreaktionen von Jenny Treibel aus, die für ihren Sohn eine bessere Partie will und deshalb sogar den Widerstand gegen die Schwester ihrer Schwiegertochter aufgibt, gegen deren Hamburger Dünkel sie bislang in Opposition stand.

Nach einer Phase des Zuwartens, während derer Leopold, eher bläßlich und schwächlich, sich nicht zu einem Akt des Widerstands gegen die Pläne seiner Mutter aufraffen kann, gibt Corinna das Projekt der materiell lohnenden Vernunftehe auf und entscheidet sich für ihren Vetter Marcell Wedderkopp, einen Lehrer, dessen mögliche Beamtenkarriere kaum über die ihres Vaters hinausführen und mithin keine Verbesserung der Lebensumstände bedeuten wird.

Fontanes Aussage

Das Buch kreist um den Gegensatz zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum, um die Frage, ob das Glück eher in den kleinen Verhältnissen des Gelehrtenstandes oder doch in den üppigeren der Bourgeoisie zu finden sei. Fontane bezieht hier klar Stellung, sowohl als Autor des vorliegenden Romans wie auch im wirklichen Leben, wie der Anhang durch briefliche und andere Äußerungen des Dichters belegt.

Der Bourgeois versteht nicht zu geben, weil er von der Nichtigkeit seiner Gabe keine Vorstellung hat. (Aus einem Brief Fontanes, S. 232)

Das stille Glück innerer Erfüllung bei materieller Bescheidenheit entsprach längst nicht mehr dem Stil der Zeit, der Gründerkrach war vergessen und Berlin entwickelte sich.

Ambivalent bleibt die Figur Treibels, der berechnender Geschäftsmann sein und  gesellschaftliche Ambitionen zeigen muß und natürlich auch will. Gleichwohl geht ihm jede Überspanntheit ab und er will seine Ursprünge nicht verleugnen.

Grundvoraussetzung für das bürgerliche Leben ist übrigens gutes Personal, eine Erkenntnis, die sowohl von Professor Schmidt als auch im Hause Treibel formuliert wird.

Das zweite Thema des Buches ist das Eheleben. Fontane leuchtet es durch Gespräche unter Eheleuten aus – Treibel muß wie sein Sohn Otto manche Schlacht schlagen. Beim Lesen mußte ich immer an Wotan und Fricka denken: »Der alte Sturm, die alte Müh!«

Köstlich ist das Gespräch zwischen Treibel und dem Hausfreund Krola:

Treibel wiegte den Kopf. »Ja, sehen Sie, Krola, Sie sind nun so ein gescheidter Kerl und kennen die Weiber, ja, wie soll ich sagen, Sie kennen sie, wie sie nur ein Tenor kennen kann. Denn ein Tenor geht noch weit übern Lieutenant. Und doch offenbaren Sie hier in dem speciell Ehelichen, was doch wieder ein Gebiet für sich ist, ein furchtbares Manquement. Und warum? Weil Sie’s in Ihrer eigenen Ehe, gleichviel ob durch Ihr oder Ihrer Frau Verdienst, ausnahmsweise gut getroffen haben. Natürlich, wie Ihr Fall beweist, kommt auch das vor. Aber die Folge davon ist einfach die, daß Sie – auch das Beste hat seine Kehrseite – daß Sie, sag‘ ich, kein richtiger Ehemann sind, daß Sie keine volle Kenntniß von der Sache haben; Sie kennen den Ausnahmefall, aber nicht die Regel. Ueber Ehe kann nur sprechen, wer sie durchgefochten hat, nur der Veteran, der auf Wundenmale zeigt.« (S. 138)

Fontanes Stil

Ob Herrengespräch, ehefrauliche Standpauke oder Dienstbotentonfall – Fontane trifft alles!

Aber offen gestanden, die Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, capitales Weib, und muß zu ihrer Zeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Rasse, Temperament, und wenn ich recht gehört habe, so pendelt ihre Vergangenheit zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her. Lady Milford, aber weniger sentimental. Alles natürlich alte Geschichten, man könnte beinahe sagen, schade. (S. 46f.)

Nach der Auseiandersetzung zwischen Jenny Treibel und Corinna Schmidt um die Unangemessenheit der Verlobung heißt es:

In das Zimmer zurückgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte: »Corinna, wenn ich nicht Professor wäre, so würd‘ ich am Ende Socialdemokrat.« (S. 189)

Als Marcell schließlich um Corinnas Hand angehalten hat, sagt der Professor:

Diese Treibelei war ein Irrthum, ein ›Schritt vom Wege‹, wie jetzt, wie Du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrath. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei… (S. 212)

Mein Fazit

Der Roman ist gut gestaltet, die Figurenzeichnung ist überzeugend, der Stil gefällt mir ausnehmend. Fontane orientiert sich meist an tatsächlichen Geschehnissen, realen Personen und bekannten Verhältnissen und amalgamiert daraus dann eine  Geschichte, die zwar in der Summe Fiktion ist, aber  kraft ihres Wiedererkennungswertes Wahrhaftigkeit erlangt.

Der Herausgeber des Bandes, Tobias Witt, nimmt im Anhang kluge Einordnungen vor. Die nachfolgenden Erläuterungen freilich sind sehr kleinteilig. Jede Bibelstelle, jedes Bismarckwort, jedes Schillerzitat und jedes Berliner Bauwerk werden nachgewiesen, hergeleitet und erläutert – ist das editorischer Ehrgeiz oder Unterstellung grenzenloser Unwissenheit bei den Lesern? Der „Nigger“ auf S. 51 bleibt hingegen unkommentiert – 2005 war die Welt noch eine andere.

Davon abgesehen sind die Bände dieser Ausgabe schön gestaltet und insgesamt empfehlenswert. Der Roman selbst ist stark, obwohl nicht so ausgreifend wie »Der Stechlin«, aber doch lesenswert. Rhythmus und Sprache sind sehr gut, Gedankenwelt und Konfliktlagen lohnen stets einen zweiten Blick.

+++

Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, kannst du mich hier unterstützen: Buy my a Coffee!

 

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

Die Fassadendiebe

John Freemann Gill, Die Fassadendiebe, 2017, dt. 2017 (aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen), 457 Seiten.

Lesehistorie

Bei meinem ersten Versuch bin ich bis Seite 49 gekommen und habe das Buch dann zwei Jahre im Regal stehen lassen. Sicher hatte ich damals keine Zeit oder ein anderes Buch interesierte mich mehr, denn nun bin ich glatt über diese Klippe hinweggekommen, wobei an dieser Stelle lediglich das dritte Kapitel endet. Daß Uwe, der Kaffeehaussitzer, dem Buch eine begeisterte Besprechung gewidmet hatte, sorgte dafür, daß ich das Buch nicht vergaß.

Im Juni 2020 hatte ich einen gewissen Leseflow für vierhundertseitige Romane, und so war die Zeit reif für diesen New-York-Roman.

Inhalt

Die Auflösung von Familienstrukturen durch eine Trennung der Eltern bringt die Welt von Kindern und Heranwachsenden ins Wanken. In einer generell unsicheren und rauhen Umgebung, wie sie das New York der 1970er Jahre darstellte, liegen Trauma und Abenteuer, Gefahr und Chance dicht beeinander. Griffin, der dreizehnjährige Erzähler, und seine ältere Schwester Quigley, sind in genau dieser Situation, denn ihre Eltern haben sich getrennt, der Vater schaut nur noch sporadisch vorbei. Sie leben bei ihrer Mutter in einem alten Haus, wo halbseidene Untermieter kaum etwas zur Finanzierung beitragen. Schule und Pubertät sind für Griffin naheliegende und mitunter anstrengende Themen, aber er macht sich auch auf die Suche nach dem abgetauchten Vater.

Zu ihm einwickelt sich dann eine intensive Beziehung auf einer neuen Grundlage. New York ist teilweise rechtbrutalen Modernisierngseingriffen ausgesetzt, und Vater Nick hat es sich zur Aufgabe gemacht, kleinere und größere Details der Architektur und insbesondere der Fassadendekorartion vor dem Untergang zu bewahren. Dabei ist ihm der kleine und eher schmächtige Griffin eine wertvolle Hilfe.

Für den Sohn steht zunächst das gemeinsame Erleben im VOrdergrund, doch dann wird er selbst zu einem Sammler und will zur Bewahrung der Statd in ihren Emblemen beitragen.

Viel später, er ist inzwischen selbst Vater und Zeuge noch weitreichender Veränderungen geworden, überlegt er, wie sein Kind die Stadt erleben und beobachten wird.

Stil

Das Buch ist klar geschrieben, meist dynamisch vorwärts drängend. Es gibt spannende und auch gefährliche, ja lebensbedrohende Situationen – vielleicht ein bißchen viel auf einmal – und man steuert mit einer gewissen Atemlosigkeit auf den dramatischen Höhepunkt zu.

Irgendwann wird auch klar, daß Griffin im Erwachsenenalter aus der Rückschau erzählt, denn gerade am Anfang ist die Perspektive nur im Ansatz die eines Dreizehnjährigen.

Für mich gewann auch die Figur Griffin viel mehr Plastizität als sein Vater oder gar Mutter und Schwester. Obwohl er insgesamt ja mehr über die anderen spricht als über sich selbst, erfährt man als Leser doch sehr viel über ihn.

Eindruck

Wandel und Beständigkeit, Bedrohlichkeit und Chance von Veränderungen – der Roman spricht wichtige Themen an. Der erwachsene Mann, der sich um die Stadt sorgt, die er kennt, der Teenager, der sich vor dem Zerfall seiner Familie fürchtet – ihre jeweiligen Ängste führen sie zusammen und lassen sie eine neue Gemeinsamkeit erfahren. Das wird, so finde ich, gut erzählt und umgesetzt. Es hat mich als Leser auch deswegen berührt, weil ich diese Art der Nähe zum Vater sehr gut nachvollziehen konnte. Ich bin gut zwanzig Jahre land, ungefähr von acht bis achtundzwanzig, in den Schul- und später den Semesterferien sowie im Referendariat mit meinem Vater arbeiten gegangen. Auch enn ich ihm auf den Baustellen sicherlich nicht oft eine echte Hilfe gewesen bin, so war diese gemeinsame Zeit, die geteilte Anstrengung und das Ergebnis, auf das wir abends erschöpft zurückblicken konnten, eine gute Erfahrung, die mir heute noch wertvoll ist nd uns immer noch verbindet.

Mehr als Spannung und gute Unterhaltung: Das Buch hat einen Nerv getroffen.

 

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Orte | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen