Geist und Macht: Dreißig Porträts

Wilhelm von Sternburg, Über Geist und Macht | Foto: nw2018 #Deutschland

Wilhelm von Sternburg, Über Geist und Macht | Foto: nw2018

Wilhelm von Sternburg, Über Geist und Macht. Dreißig Porträts aus Literatur und Politik, 2018, 328 Seiten. Das im Quintus-Verlag erschienene Buch versammelt Texte, die zwischen 1993 und 2017 erschienen waren und als Nachrufe, biographische Skizzen zu Jubiläen oder aus anderen Anlässen veröffentlicht wurden. Anna Seghers und Elisabeth Langgässer sind die beiden einzigen Frauen unter den Männern von Lessing bis Grass und von Bismarck bis Kohl. Albert Camus und Winston Churchill die beiden einzigen nicht deutschsprachigen Porträtierten. Der im Jahre 1939 geborene Autor war bis 1993 als Journalist tätig, seither wirkt er als freier Autor, Publizist und Filmregisseur.

Die detailreichen Porträts lassen die behandelten Personen lebendig werden und geben ihrer Erscheinung durch Akzentuierungen und Originalzitate Tiefe und Individualität. So liest man gerne die handlichen Abschnitte über nähere und fernere Akteure des 18., 19. und 20. Jahrhunderts, untergliedert in Literatur, Publizistik und Politik.

Literatur

Mit Sternburg teile ich die Begeisterung für Friedrich Schiller (S. 33-36) und Stefan Zweig (S. 66-71). Er zeichnet facettenreiche Bilder, beispielsweise von Gustav Freytag (S. 37-61) oder Joseph Roth (S. 72-107). Politisch und literaturhistorisch engagiert er sich für Anna Seghers, Arnold Zweig und Bruno Frank. Heinrich Böll gerät dem Autor wie Willy Brandt zur „Jahrhundertgestalt“ (S. 185); in der Auseinandersetzung um den RAF-Terrorismus zeichnet er ihn als Opfer der „Rechtspresse“ (S. 186), mit Böll sieht er den Faschismus wiedererwachen. Sternburg würdigt aber auch den Autoren  und den sich für Schriftsteller und ihre Rechte engagierenden Kollegen.

Im Porträt über Günter Grass zeichnet Sternburg Deutschland durch die Geschichte hindurch als ein geistig unfreies Land, in dem Bücher verbrannt und vernichtende Kritiken verfaßt werden. Die sich anschließende Eloge auf das kraftvolle erzählerische Werk Grass‘ wurde verfaßt als Reaktion auf die Kritik Reich-Ranickis auf »Ein weites Feld«. Sternburg wettert gegen Strauß und gleich dreimal gegen Kohl, diffamiert den Berufsstand der Literaturkritiker pauschal, um dann eine weitere, die Peinlichkeit oftmals streifende Eloge auf den Bürger Grass anzuschließen.

Publizistik

Die Abrechnung mit Friedrich Sieburg, der elegante und lesenswerte Bücher verfaßte, sich den Nazis andiente und nach 1949 in der FAZ Karriere machte, ist scharf und eindeutig, kommt aber ohne aufgesetzte Empörung und Dünkel aus, von denen sich Sternburg in manchen Fällen nicht freimachen kann.

Golo Mann, das dritte Kind von Thomas Mann, wird mit großer Sympathie als lebenslanger Außenseiter und mit sich Ringender gezeichnet. Sein Alterskonservativismus bleibt Sternburg ebenso fremd wie der Sebastian Haffners. Für die lebenslange Treue des Wolfgang Leonhard zum Sozialismus hat der Autor mehr Verständnis. Er würdigt zu Recht den wichtigen Karl Dietrich Bracher. Bei Rudolf Augstein überwiegt das Verdienst, Strauß‘ Kanzlerschaft verhindert zu haben, für Sternburg alles andere.

Politik

Bei den Politikern sind die Schilderungen am unausgewogensten. Von den Kanzlern schätzt Sternburg Brandt am allermeisten, er achtet Schmidt und verachtet Kohl. Er setzt Preußentum und Borussismus gleich, so daß weder Bismarck noch Wilhelm II. Gnade vor seinen Augen finden. Zwar konzediert er, daß vergleichbare Entwicklungen und Haltungen wie Rüstungspolitik oder Nationalismus auch in anderen Ländern vorkamen, und lehnt die Sonderwegsthese ab, doch läßt er an beiden Männern kein gutes Haar. Dem unübersehbar schillernden Kaiser läßt er zwar ein differenziertes Porträt angedeihen, abonniert ihn aber ebenso auf die Schurkenrolle wie den zu Unrecht eindimensional gezeichneten Kanzler. Auf mich hat der moralische überhöhte Furor des Nachgeborenen wohlfeil gewirkt – weniger wäre hier mehr gewesen.

Ausgewogen und ohne Schwärmerei gerät ihm das lesenswerte und informative Porträt Walter Rathenaus.

Über Adenauer bricht er wie über Wehner (Männer „aus einer vordemokratischen Zeit“ [S. 304]) aus der Brandt-Perspektive den Stab. Churchill findet nur Gnade, weil er sich  Hitler entgegengestellt hat. So wirkt das Urteil des Autors auf diesem Feld insgesamt parteiisch und vor allem in mancher Hinsicht kleinlich. Gegenüber Kohl zeigt der Autor den typischen Intellektuellenhochmut der 1980er und 1990er Jahre und genießt voller Genugtuung den tiefen Fall des Altkanzlers. Wie bei vielen Linken sitzt der Stachel von Kohls langanhaltendem politischen Erfolg tief. Damit endet das von einem kenntnisreichen Autoren in gutem Stil geschriebene Buch, das wichtige Einblicke in das zwanzigste Jahrhundert vermittelt, auf einem deutlichen Mißton. Schade.

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Lob der guten Buchhandlung

Lob der guten Buchhandlung | Foto: nw2018 #essay

Lob der guten Buchhandlung | Foto: nw2018

Die Wiesbadener Buchhandlung Dr. Otto F. Vaternahm gehört 2018 zu den mit dem Deutsche Buchhandlungspreis ausgezeichneten Buchhandlungen. Da paßt es, daß Mark Forsyths Essay »Lob der guten Buchhandlung oder Vom Glück, das zu finden, wonach Sie gar nicht gesucht haben«, zum Mitnehmen auslag. Dieser Text wurde vom Verlagshaus S. Fischer bereits 2015 und erneut 2016 an Buchhandlungen ausgegeben, um die Kundenbindung zu festigen.

Die Buchhandlung wurde im Jahr 1935 von Dr. Otto Vaternahm in Wiesbaden gegründet, von 1962 bis 1999 führte der Sohn Claus Vaternahm das Geschäft. Die heutige Inhaberin ist Jutta Leimbert.

Ein großer Teil meiner Lesesozialisation als Kind und Jugendlicher, als Schüler und Student erfolgte in dieser und über diese Buchhandlung. Die Eltern und Großeltern kauften die meisten Buchgeschenke dort und auch ich selbst ließ so manche Mark und manchen Euro „bei Vaternahm“ – auch, als ich längst nicht mehr in Wiesbaden wohnte. Der Verkaufsraum ist seit meiner Kindheit unverändert und strahlt eine warme Sachlichkeit aus.

Für mich war und ist diese inhabergeführte Buchhandlung so ein Ort, wie Forsyth ihn beschreibt: Ein Ort, an dem man das findet, was man nicht gesucht hat. Man bekommt natürlich auch „den neuesten Brunetti“ oder andere Serienprodukte, die aktuelle Belletristik, findet aber eben auch eine gepflegte Sachbuchauswahl, gut sortierte echte und moderne Klassiker, Kunst und Photographie sowie eine schöne Kinderbuchabteilung.

Der mit großem Sprachwitz und Liebe zur Sache – Bücher und Buchhandlungen  – geschriebene Essay von Forsyth greift ein einstmals bekanntes Zitat von Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister unter US-Präsident George W. Bush, auf und paraphrasiert dessen Einsicht, es gebe „unbekanntes Unbekanntes“ – also Dinge, von denen wir nicht wissen, daß wir sie nicht wissen. In diese Kategorie ordnet Forsythe Bücher ein, denen er in einer guten Buchhandlung ungeplant begegnet, gerade auch durch Vermittlung des Buchhändlers.

Neben Buchhandlungen in Hamburg und Berlin, die heute wichtig für mich sind, ist es vor allem die Buchhandlung Vaternahm, die in meiner frühen persönlichen Leser- und Buchkäuferentwicklung eine wichtige Rolle gespielt hat, und die ich noch immer regelmäßig besuche. Ihnen allen gilt mein Lob und meine Verbundenheit.

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Ausstellungen: Grosz und Gurlitt

Vom 18. Oktober 2018 bis 6. Januar 2019 zeigt das Bröhan-Museum die Ausstellung »George Grosz in Berlin«. Sie fokussiert sich auf die nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin entstandenen Werke, behält aber auch das New Yorker Exil im Blick. Gezeigt werden auch späte Collagen aus den 1950er Jahren. Die Werkauswahl erscheint repräsentativ und erstreckt sich spartenübergreifend auch auf Theatermalerei und -ausstattung; insgesamt werden über 200 Werke gezeigt.

Die Präsentation (Besuch am 28. Oktober 2018) wirkte auf mich jedoch etwas lieblos, manche Erläuterungen waren auf recht kleinen Zetteln nicht besonders gut lesbar in Hüfthöhe, mitunter in den Raumecken angebracht. Um Barrierefreiheit zu gewährleisten, sollten solche Leseelemente dann besser zweimal angebracht oder größer gestaltet werden. Dies war in der am 29. Oktober 2018 besuchten Ausstellung im Gropius-Bau deutlich besser und modernen Museumsanforderungen entsprechend gelöst worden.

Vom 14. September 2018 bis 7. Januar 2019 ist im Gropius-Bau »Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus« zu sehen. Sie beruht auf dem sogenannten Kunstfund Gurlitt Ende 2013 und dokumentiert die Provenienz der ausgestellten Werke. Gezeigt werden 250 von rund 1.500 Werken; bis jetzt wurden vier (!) an die Erben der rechtmäßigen Eigentümer restituiert.

Die Ausstellung ist natürlich zeitgeschichtlich interessant und beleuchtet, wie der der Moderne verpflichtete Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895–1956) später mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete, sich selbst während dieser Zeit Kunstwerke verschaffte und diese nach 1945 behielt. Gleichzeitig gibt es Einblicke in die Kunstpolitik des Dritten Reiches, insbesondere zum „Sonderauftrag Linz“, der die Ausstattung des geplanten „Führermuseums“ bereitstellen sollte. Auch die interessante, aber doch kurze Nachkriegskarriere Gurlitts wird sehr informativ behandelt.

Besonders sehenswert sind aber auch die ausgestellten Werke selbst; unter ihnen befinden sich großartige und seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gezeigte Bilder.

Eine echte Neuentdeckung für mich waren die Bilder von Cornelia Gurlitt, die sich der Künstlergruppe »Die Brücke« angeschlossen hatte.

 

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Vier Romane, mehr als 2000 Seiten

Vier Romane | foto: nw2018

Vier Romane | foto: nw2018

Da habe ich in den letzten Monaten wieder einmal nicht widerstehen können und neben all den Sachbüchern, die ich lese, auch noch vier Romane gekauft. Alle machen einen vielversprechenden Eindruck, sowohl nach dem kurzen Anlesen in der Buchhandlung vor dem Kauf, als auch nach dem längeren Hineinschauen zu Hause. Gleichwohl haben die vier schnell einen Stapel gebildet, der unübersehbar auf dem Regal liegt, sich gelegentlich hörbar zu räuspern scheint, um sich in Erinnerung zu bringen. „Nicht immer die schnelle Lektüre zwischendurch,“ scheinen sie zu sagen. Doch zwischen die vier zeitintensiven Bücher, die ich neulich als »Angelesen« vorgestellt habe, paßte nach meiner Einschätzung kein weiteres, umfangreiches und komplexes Buch. Da aber nun zwei dieser Lektüren beendet sind, ergreife ich die Chance und beginne heute mit Mathias Enards Roman »Kompass«, in dem es um den Orient und seine kulturelle Bedeutung für den Westen geht.

Die anderen drei müssen noch ein wenig Geduld haben, sollten sich nicht allzuoft räuspern, denn bald kommen die typischen Leseabende, und damit auch ihre Zeit.

  • Mathias Enard, Kompass, 2015, dt. 2018 (Übersetzung aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller)
  • John Freeman Gill, Die Fassadendiebe, 2017, dt. 2017 (Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen)
  • Sabrina Janosch, Die goldene Stadt, 2017
  • Edward St. Aubyn, Die Malrose-Romane, 2014, dt. 2016 (Aus dem Englischen von Ingo Herze, Frank Wegner, Dirk van Gunsteren und Sabine Hübner)

 

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