Stadt der Frauen: Wien

Stadt der Frauen: Künstlerinnen in Wien 1900-1938 – Katalog zur Ausstellung im Unteren Belvedere, Wien, vom 25. Januar bis 19. Mai 2019, hrsg. von Stella Rolling und Sabine Fellner, 2019.

Katalog und Ausstellung beschäftigen sich mit Frauen als bildenden Künstlerinnen im Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Die Zeit ist in vielfältiger Weise von großen Ambivalenzen gekennzeichnet, die sich vor allem in den großen Städten Europas kristallisationsartig zeigen: ob in London oder Paris, ob in Berlin oder eben in Wien – überall begegnen sich eine heile »Welt von gestern« und eine von starken Unterströmungen getragene Moderne. Insbesondere Frauen sind von diesen Ambivalenzen im positiven wie negativen Sinne betroffen. Familie und Gesellschaft, Ausbildung und Beruf, Politik und Recht sind die Felder, auf denen Auseinandersetzungen um Anerkennung und um Gleichberechtigung geführt werden. aber auch die künstlerische Sphäre gehört in diese Reihe. Dies belegen Ausstellung und Katalog eindrücklich.

Es wird gezeigt, wie mühevoll Frauen sich die Sichtbarkeit als Künstlerinnen ab 1900 erkämpfen mußten. Dieser Weg führt aber schließlich doch zu Erfolg, Reputation und Wertschätzung. 1938 wird diese Entwicklung jäh unterbrochen und nach 1945 nicht wieder aufgenommen. Die sichtbar gewordenen Frauen bleiben auch nach der NS-Zeit verschwunden und wurden erst in den 1990er Jahren durch die kunstgeschichtliche Forschung wiederentdeckt.

In nur vierzig Jahren eroberten Frauen, die auf keine gesellschaftlich akzeptierte Alternative zur Rolle als Ehefrau und Mutter zurückgreifen konnten, Schritt für Schritt die Kunstszene Wiens, verließen den Dilettantismus, um ernsthafte Karrieren als Künstlerinnen aufzubauen. Sie eroberten die Kunstschulen und Akademien, alle Bereiche der Kunst von Malerei über Bildhauerei bis zu Architektur und ließen sich nicht mehr auf traditionell weibliche Genres wie Stillleben und Landschaft beschränken, sondern betraten Tabubereiche wie die Aktmalerei. Sie eroberten neue gesellschaftskritische Themen, engagierten sich (sozial-)politisch, schlossen sich beherzt zu eigenen Vereinigungen zusammen. Sie vernetzten sich interdisziplinär, waren weltoffen und suchten den Anschluss an die internationalen Avantgarden. Sie waren sichtbar in Ausstellungshäusern, Museen und Galerien, sie wurden von männlichen Kollegen wahr- und ernstgenommen. (S. 21)

Manche Werke sind verlorengegangene, viele waren vergessen und in schlechtem konservatorischen Zustand, so daß die Ausstellung nur eine Auswahl ihres Schaffens zeigen konnte. Was man zu sehen bekommt und was zusätzlich im Katalog abgedruckt ist, zeigt klar, daß die Werke technisch, programmatisch und stilistisch auf der Höhe der Zeit sind. Bei der Kunstschau 1908 waren etwas mehr als ein Drittel der Ausstellenden Frauen, die Künstlerinnen veranstalteten der auch rein weibliche Gruppenausstellungen.

In der Kunstgeschichtsschreibung gab es zunächst freilich eine diesbezügliche Leerstelle, die erst seit einigen Jahrzehnten mühsam geschlossen wird. Zwischen 1938 und 1945 wurden in Österreich viele Frauen, die künstlerisch tätig waren, entrechtet, verfolgt, vertrieben und getötet, ihre Werke zerstört oder jedenfalls nicht mehr aktiv konserviert und präsentiert. Eine Künstlerinnenkarriere war in den 1940er und 1950er Jahren erneut unvorstellbar geworden; die Frauen mußten unter den gleichen Schwierigkeiten wie fünfzig Jahre zuvor neu anfangen.

Im Jahre 1903 wurde im Unteren Belvedere die „Moderne Galerie“ mit einer Ausstellung eröffnet, bei der 196 Werke ausgestellt wurden, darunter zwei Gemälde von Frauen: Tina Blau und Emilie Mediz-Pelikan. Der Katalog berichtet über die Anstrengungen der Künstlerinnen und ihrer Unterstützer, vermehrt auf Ausstellung vertreten zu sein und Objekte an Museen zu verkaufen. Diese Bemühungen und die damit verbundenen Erfolge wurden 1938 durch die restriktive Kunstpolitik und die Rassenverfolgung beendet. Nach dem Krieg erfolgten zunächst nur vereinzelt Ankäufe und Retrospektiven.

Ilse Bernheimer, Camilla Birke, Tina Blau, Maria Olga Brand-Krieghammer, Eugenie Breithut-Munk, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Bettina Ehrlich-Bauer, Gertrud Fischl, Louise Fraenkel-Hahn, Greta Feist, Helene Funke, Susanne Renate Granitisch, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Stephanie Hollenstein, Johanna Kampmann-Freund, Franziska Kantor, Elisabeth Karlinsky, Steif Kieler, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin-Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Marinette Lydis, Leontine Maneles, Emilie Mediz-Pelikan, Marie-Louise von Motesiczky, Marie Müller, Gertrud Nagel, Fritzi Nechansky-Stotz, Milka Podhajská, Marianne Purtscher von Eschenburg, Gertrud Reinberger-Brausewetter, Lili Réthi, Teresa Feodorowna-Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Marianne Saxl-Deutsch, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Bertha Tarnóczy von Sprinzenberg, Helene von Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Trude Waehner, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf-Krakauer, Franziska Zach, Maria Zeiller-Uchatius und Nora von Zumbusch-Exner – das sind die Namen der Künstlerinnen, an die hier zu Recht erinnert wird.

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Gerhart Hauptmanns letztes Jahr

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019 #roman #Hauptmann

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019

Hans Pleschinski, Wiesenstein, 2018 (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg), 550 Seiten.

Auf den ersten neun Seiten habe ich dreimal den starken Impuls unterdrücken müssen, das Buch schimpfend zur Seite zu legen, so sehr habe ich mich über solche Passagen geärgert:

Die meisten hockten auf ihrem Gepäck.

Kinder bekamen einen Klaps.

Säuglinge wurden gewiegt. (S. 15)

Seufzend blätterte ich noch einmal um, und dann wurde das Buch glücklicherweise deutlich besser: lesbarer, erzählerischer, unangestrengter.

Der Roman setzt nach der Bombardierung Dresdens ein und endet mit dem Tod des Schriftstellers Gerhart Hauptmann; die Leser begleiten ihn und seine Frau auf dem abenteuerlichen Weg zu ihrer schlesischen Villa.

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Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft

Helmuth James von Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft, 2008 | Foto: nw2019 #Nationalsozialismus #Widerstand

Helmuth James von Moltke, Tagebuch und Briefe aus der Haft, 2008 | Foto: nw2019

Helmuth James von Moltke, Im Land der Gottlosen. Tagebuch und Briefe aus der Haft 1944/45, hrsg. und eingeleitet von Günter Brakelmann, 2009, 350 Seiten.

Der Urgroßneffe des älteren Moltke, der die militärischen Grundlagen für die Reichseinigung 1871 legte und dessen Denkmal (1905) im Berliner Tiergarten gegenüber der Siegessäule steht, war Zivilist, hatte Jura studiert und lebte auf seinem Gut Kreisau in Schlesien und in Berlin. Er hatte berufliche und familiäre Kontakte ins britische Empire. Seine Anwaltspraxis – er entschied sich nach dem Assessorexamen aus politischen Gründen gegen das Richteramt – war internationalrechtlich ausgerichtet; nach Kriegsausbruch trat er in das Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin ein, wo er in der völkerrechtlichen Abteilung der Amtsgruppe Ausland/Abwehr tätig war.

Helmuth James Graf von Moltke, dem weder die Bundesrepublik Deutschland noch die Deutsche Demokratische Republik ein Denkmal errichteten, war Mitglied des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Er machte die Aktivitäten der Weißen Rose im Ausland bekannt und diskutierte ab 1940 zusammen mit Peter Graf Yorck von Wartenburg und anderen Mitgliedern des Kreisauer Kreises Möglichkeiten und Ziele des Widerstandes sowie eine mögliche Gestaltung der Nachkriegsordnung.

Am 19. Januar 1944 wurde Moltke verhaftet. Am 11. Januar 1945 verkündete der Volksgerichtshof das Todesurteil, das am 23. Januar 1945 in Plötzensee durch den Strang vollstreckt wurde.

1931 hatte er Freya Deichmann geheiratet. Während ihrer gewaltsam abgekürzten Ehe schrieben sie sich viele Briefe, die als bewegende Zeugnisse des Lebens im „Dritten Reich“ und des Widerstands gelten. Die Briefedition »Briefe an Freya«, die 1988 erschien, sparte die Briefe aus der Haft weitestgehend aus; erst im Jahre 2008 gab die Witwe diese Briefe zusammen mit dem Tagebuch, das ihr Mann bis zum 19. August 1944 führte, zur Veröffentlichung frei.

Das Tagebuch ist eine knapp gefaßte Übersicht über den Tagesablauf und die Beschäftigung Moltkes, die im wesentlichen aus Lektüre in der Zelle bestand, zu der aber auch das Arbeiten an amtlichen Schriftstücken und Gespräche mit Kollegen und Mitarbeitern gehörten.

Die Briefe an seine Frau, die etwas überraschend sämtlich – bis auf den letzten hier abgedruckten – mit der Eingangsformel „Mein Lieber“ beginnen, sind ausführlicher, detailreicher und beziehen das Gut und die Wirtschaft, die Kinder und Verwandte ein. Sie sind weltzugewandt, haben aber auch den Auftrag, zwischen den Eheleuten Nähe herzustellen und so etwas wie Normalität zu vermitteln.

Im Zentrum von Moltkes Lektüre stehen die Bibel, Luthers Werke und religionswissenschaftliche Schriften, er befaßt sich aber auch mit landwirtschaftlichen Themen. Er liest viel, neben den Werken des älteren Moltke auch die »Times« und Debatten aus dem britischen Parlament.

Da sich manches aus den Tagebucheintragungen in den Briefen wiederfindet, habe ich eine Lesepause eingelegt, um die Briefe besser auf mich wirken zu lassen. Das Tagebuch bezeugt letztlich ein privilegiertes Häftlingsdasein – das freilich schlimm genug ist – und gibt so einen Einblick in diese spezifische Haftsituation. Die Briefe sind demgegenüber einfach reicher, persönlicher, aussagekräftiger.

Die beiden letzten Briefe vom 10. und 11. sind natürlich besonders bewegend. Plastisch schildert Moltke das Verfahren vor dem Volksgerichtshof:

Typisch war ein Vorfall: aus irgendeinem Grunde wurde ein St.G.B. gebraucht, weil Freisler etwas daraus vorlesen wollte. Es stellte sich aber heraus, dass keines aufzufinden war. (S. 331)

Seine Abschiedsworte sind selbstbewußt und stark.

Die vorliegende Quellensammlung ist thematisch und zeitlich eng fokussiert, sie erlaubt einen detaillierten Einblick in einen zentralen Abschnitt der deutschen Geschichte. Für historisch Interessierte eine klare Leseempfehlung!

 

 

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Petr Borkovec: Lido di Dante

Der schmale Band des Autors Petr Borkovec enthält zwölf Erzählungen, die von dem titelgebenden Stück »Lido di Dante« eingeleitet werden und sich um das Leben in einem Ferienort nahe der italienischen Stadt Ravenna drehen. Der österreichische Verlag Edition Korrespondenzen hat seit 2001 vier weitere Bücher von Borkovec herausgebracht.

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019 #Erzählungen

Petr Borkovec, Lido di Dante | Foto: nw2019

Erzählungen aus Italien

In seinen Texten variiert der im Jahre 1970 geborene Autor das Leben in einer italienischen Kleinstadt am Meer. Selbst aus Louòovice pod Blaníkem in Böhmen stammend und in Prag lebend, ist er regelmäßiger Feriengast dort.

Bücher hatten die Erlebnisse abgelöst, das ist kein gutes Zeichen. (S. 20)

Detailreich, keine noch so abstruse Einzelheit – etwa zu Bräunungstechniken am Nacktbadestrand – aussparend, bieten die Texte ein wahres Mosaik, das sich im Kopf des Lesers, ergänzt um die eigenen (in meinem Fall gänzlich anderen Kindheits-) Erinnerungen und um entsprechende Lektüren, zu einem farbigen Italienbild zusammenfügen. Die Tonlage erinnert mich gelegentlich an Fruttero & Lucentini.

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