1919: Das Jahr der Frauen

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen, 2019, 249 Seiten.

Unda Hörner, 1919: Das Jahr der Frauen | Foto: nw2020

Unda Hörner, 1919: Das Jahr der Frauen | Foto: nw2020

Zum Thema

Nachdem im November 1918 der Kaiser abgedankt hatte und die Republik ausgerufen worden war, begann ein rasanter Umbruch, der bereits vorhandene Modernisierungstendenzen der Gesellschaft beschleunigte und politische Gegensätze in neuer Form aufflackern ließ. Diese turbulente Zeit betraf die deutschen Frauen in besonderer Weise. Galt es für sie doch, bestimmte Veränderungen aus der Kriegszeit zu bewahren und langgehegte Forderungen nach Gleichberechtigung in der neuen Zeit von Anfang an fest zu verankern.

Ein Jahr, zwölf Monate und rund zwei Dutzend Frauen – aus diesen Zutaten fügt Unda Hörner ihr Buch zusammen. Das populärwissenschaftliche Werk weckt das Interesse auf mehr Informationen und überzeugendere Analysen.

 

Zum Buch

Behandelt werden Frauen wie Anna Augspurg, Sylvia Beach, Coco Chanel und Marie Curie oder Hedwig Dohm, Gertrud Grunow, Clara Grundwald und Charlotte von Heydebrandt. Die Autorin streift Marie Juchacz, Käthe Kollwitz, Elke Lasker-Schüler und Susanne Lenglen sowie Rosa Luxemburg, Alma Mahler-Gropius, Gunta Stölzl und Mary Wigman. Gelegentlich geraten auch männliche Partner in den Blick.

Bei ihrem Gang durch das Jahr werden die Einzelschicksale locker verknüpft und immer mal wieder aufgegriffen; der Rückgriff in die Vorgeschichte fällt für die einzelnen Frauen sehr unterschiedlich aus.

Für Augenrollen sorgen bei mir immer wieder Sätze wie diese:

Sylvia Beach fühlt sich in Paris munter wie ein Fisch im Wasser. (S. 65)

Alma ist gerädert und sehnt sich nach einer Chaiselongue. (S. 110)

Wahrlich ein Tag zum Feiern, doch auch heute geht es Marie Curie nicht gut. Sie greift sich ins Kreuz. (S. 136f.)

Dieser vom Geist der Avantgarde beseelte Glatzkopf steht als todernster Prediger vor der ehrfürchtigen Klasse und kündet weihevoll von der Ganzheitlichkeit des Schöpferischen. (S. 191)

Sie schaut versonnen durchs Fenster in den sternklaren Winterhimmel, der sich an diesem Abend über der Stadt spannt, und verbindet die funkelnden Sterne durch unsichtbare Wortgirlanden […]. (S. 233)

Etwas unkritisch werden Montessori- und Steiner-Pädagogik dargestellt und – kaum überraschend – die tatsächliche Situation des Schulwesens vor dem Krieg verkannt.

Darüber kann man etwa bei Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. I: Arbeitswelt und Bürgergeist, 1990, ohne großen Aufwand viel Differenziertes erfahren. Zur Schule schreibt Nipperdey:

Über dem kritischen Blick auf den Wilhelminismus, die Enge und Pedanterie der höheren Schule und den Oberlehrer-Nationalismus, die Beschränkungen und die autoritäre Untertanenerziehung der Volksschule vergißt man leicht das Gegenbild: Modernität, Fortschreiten und Reform. Wir haben von den neuen Typen und der sozialen Öffnung der höheren Schulen und der Gleichberechtigung der Mädchen gesprochen, vom Ausbau der differenzierten und modernisierten Volksschule, der Begründung der Berufsschule. Jetzt muß vom Reformklima und Reformbewegungen im Jahrzehnt vor 1914 die Rede sein. Alles, was nach 1918 in der Weimarer Zeit in und mit den Schulen geschieht, hat hier seinen Ursprung und ist nicht nach dem Weltkrieg „vom Himmel gefallen“. Der Staat war nicht so vertrocknet, wie es manchmal erscheint. Zwischen Ministerien, Universitätslehrern für Pädagogik, den Schulleuten, die gerade in städtischen Systemen Möglichkeiten zu selbständigem Handeln hatten, und der Öffentlichkeit der Schulinteressierten geht die Diskussion über Reformen weiter – um 1900 gibt es etwa 400 pädagogische Zeitschriften! –, und es entsteht manches Neue. Alle pädagogischen Überlegungen kreisen darum, was die Forderungen der Zeit sind, wie man Erstarrung verhindert, und darum, was die sozial gerechte Leistung der Erziehung sein soll. (S. 563)

Kleinigkeiten, die ein Lektorat hätte bemerken sollen:

Flauberts Romanfigur Madame Bovary, die von ihrem feurigen Liebhaber Rodolfo [sic] sitzengelassen wird. (S. 143)

Moderner Ausdruckstanz ist eben nicht das allfällige Getrippel von Schwanensee […] (S. 211)

 

Mein Fazit

Interessante Nebenbeobachtung: Die meisten der zitierten Frauenbiographien wurden von Frauen verfaßt, thematische Bücher oder Epochendarstellungen mehrheitlich von Männern.

Die Ausgabe der Büchergilde ist solide gestaltet, freilich auch etwas konventionell mit weiß und schwarz, einem blassen lila Vorsatzblatt und dem rosa-weißen Umschlag mit dem Frauenkopf. Dieser ist auch – schön – in den Leineneinband geprägt.

Das Buch ist insgesamt durchaus informativ und detailreich. Der Plauderton, in den die Autorin stellenweise verfällt, hat mir jedoch nicht gefallen. Letztendlich ist der Text nur eine Art Appetizer; mir hätte eine stärkere Fokussierung besser gefallen. In jedem Fall wäre ein anderer Aufbau aus meiner Sicht dem Monatsprinzip vorzuziehen: Bei einer Gliederung in die Bereiche Politik, Wissenschaft und Kunst, etc. würde die Darstellung geschlossener wirken und weiterführende Schlußfolgerungen erlauben.

Insgesamt also nur eine eingeschränkte Empfehlung.

Veröffentlicht unter Bücher, Ereignisse, Geschichte, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Dror Mishani, Drei

Dror Mishani, Drei, 2018, dt. 2019 (aus dem Hebräischen von Markus Lemke), 330 Seiten. Ein spannender, stark erzählter Roman.

Dror Mishani, Drei | Foto nw2019

Dror Mishani, Drei | Foto nw2019

Erster Eindruck

„Frappierend heutig, gerade im Vergleich mit Kronauer, deren Roman »Das Taschentuch« trotz der in die Erzählung eingebundenen Zeitmarken zeit-los und gleichzeitig altbacken klingt.“

So lautet mein erstes Notat, nachdem ich den Anfang dieses Buches, etwa dreißig Seiten, unmittelbar nach dem Abschluß von »Das Taschentuch« las. Das wird jenem Roman nicht wirklich gerecht, zeigt aber den Unterschied zwischen den beiden Büchern gut auf.

Dieser Eindruck bleibt, ebenso wie starke Wirkung. Figuren, die sämtlich meiner eigenen Lebensrealität fern stehen, fesseln mich gleichwohl mit ihrer Geschichte.

Die Geschichte

Ein Mann, drei Frauen, eine Handvoll Nebenfiguren. Viel mehr kann man eigentlich nicht verraten, außer dem Umstand, daß der Anfang nach Heiratsschwindlergeschichte klingt, aber überraschende Wendungen nimmt.

Für mich ist sie in einem Nebensatz auf Seite 204 gekippt, also recht spät. Aber darum geht es ja.

Der Stil

Mishani schreibt sehr souverän, indem er Zeitebenen und Erzählperspektiven sozusagen gleichzeitig trennt und vermischt. Drei Abschnitte folgen linear aufeinander, werden aber zunehmend miteinander verknüpft. Multiperspektivität ist nicht Stilmittel von Überkomplexität, sondern ein Analysewerkzeug, um herauszufinden, was geschehen ist. Der Autor opfert nicht Lesbarkeit künstlerischem Wollen, sondern nutzt handwerkliches Können, um eine packende Geschichte zu erzählen.

Fazit

Der Roman gibt erhellende Einblicke in die Gefühlswelt einsamer – nicht notwendig alleinstehender – Menschen und hinterfragt Erwartungen an Alleinlebende. Er richtet Fragen an die moderne Gesellschaft im allgemeinen und an die israelische Gesellschaft im besonderen.

Am Ende bleibt die Frage, ob Vertrauen überhaupt noch möglich ist. Und das Staunen darüber, wovon man sich verführen läßt.

Klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht unter Bücher, Kriminalroman, Literatur | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch | Foto: nw2019

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch | Foto: nw2019

Brigitte Kronauer, Das Taschentuch, 1994, Tb. 2001, 316 Seiten. Der fünfte Roman der Schriftstellerin (1940-2019) spielt im Westen Deutschlands, kurz nach der Wiedervereinigung. Kronauer erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis (2005) und den Thomas-Mann-Preis (2017). Gelobt wurde stets ihre Beobachtungsgabe und ihre Sprachkunst. Ich hörte ehrlich gesagt das erste Mal von ihr, als in diesem Sommer posthum ihr letzter Roman erschien. Zum Einstieg in ihr Werk entschied ich mich dann für den als Taschenbuch vorliegenden Roman »Das Taschentuch«, den der Klappentext wie folgt bewirbt:

Ein Roman über eine Schriftstellerin und ihr Modell. Er beginnt in einer Nachtbar und endet auf dem Straßenpflaster, unter Kastanien, mit einem einfachen Todesfall.

Die Nachtbar entpuppt sich als Barinsel in einer überdimensionierten Hotelhalle. Ein skurril erzählter Anfang, adjektivgesättigt, voller Wahrnehmungen und Zuschreibungen, eine erschöpfende Anhäufung von Gegensätzlichkeiten. Zehn vollgepackte und dennoch leere, weil sofort irrelevant werdende Seiten, an deren Ende die Erzählerin mit einer weiteren Person am Straßenrand zurückbleibt. Mit Willi Wings, wie er umstandslos eingeführt wird, ihrem ältesten Freund, der den ganzen Abend schon dabei gewesen war, ohne ein Wort zu sagen.

Und so beginnt auf Seite 18 eine gigantische Rückblende, die mit einer Familienfeier eine Woche zuvor ansetzt und dann zurückstürzt in die Kindheit von Irene und Willi, um wenige Seiten danach auf ungefähr das letzte Jahr vor dem Barbesuch eingegrenzt zu werden.

Irene erzählt sodann von mehreren Besuchen in der Stadt B. bei der Familie Wings, wo Willi mit seiner Ehefrau, einer gemeinsamen Tochter und einer Stieftochter, mit seiner Mutter sowie Schwiegermutter und Schwägerin lebt. Er ist Apotheker, Irene lebt als Schriftstellerin in einer anderen Stadt. Der Roman spielt 1990, ferne geschieht etwas in der DDR, noch ferner kommt es zum Golfkrieg.

Es geschieht viel, zumeist Alltägliches, aber auch die Ausflüge oder Ereignisse bleiben im Rahmen des Normalen. Eine eigentliche Romanhandlung ist nicht erkennbar und so wirkt das Buch auf mich als eine Collage von Gesprächen und Eindrücken. Die Themen sind vielfältig, kreisen aber vornehmlich um die Punkte Wandel, Familie und Alter.

Stil

Personen werden mal knapp und direkt charakterisiert:

So gefiel mir Ingeborg, sie wurde, ohne aufzuhören, die Geschäftsfrau von Format zu sein, zur Nonsensdichterin, allerdings ohne Ausdauer. (S. 78f.)

Mal hingegen lang und ausschweifend:

Willi kann sie anstarren wie er will, er kommt nicht dahinter. Er kannte mit fünfundzwanzig sechs Monate lang eine solche Frau. sie machte ihn keineswegs länger als zwei Wochen glücklich. Seine Tochter trägt ihren Namen, das muß niemand erfahren.

Es gab eine solche Frau aber schon viel früher, ein kleines Mädchen, Willi war neun Jahre alt, seine Kusine acht, das einzige weibliche Wesen, auf das ich im Hinblick auf Willi je eifersüchtig gewesen bin. Ich habe sie gehaßt, ich hätte mich gefreut, wenn sie gestorben wäre.

Was Willi damals mit Entzücken, mich mit Wut erfüllte, war zunächst der Umstand, daß sie, was keinem anderen Kind erlaubt war, ihre schwarzen Haare offen trug, nur mit zwei Kämmen seitlich zu einer schwappenden Mähne hochgebäumt […] Will schenkte ihr seine schönsten Federn und Steine. sie nahm alles an, melancholisch an ihm vorbeilächelnd.

Willis bester Freund, reich und dick, hatte mehr Erfolg. Eines Nachmittags beobachteten wir die beiden, das alte Lied, im Garten, in einem Gebüsch aus Jasmin und Flieder […] Als sie wegfuhr, fand ich ihn an dieser Stelle, mit dem Gesicht auf dem Boden. Ach, er war doch noch so klein. (S. 84f.)

Die Sätze sind meist komplex, gleiten über die Zeilen und bilden Girlanden. Das liest sich schön und elegant, ist oft auch voll Komik. Die Nähe der Beziehung zwischen Willi und Irene ist über Jahrzehnte gewachsen und kommt ohne Erotik, jedenfalls ohne Sexualität aus. Sie beruht aber nicht auf Sprache, sondern auf Verständnis. Kronauer gelingt es sehr gut, dies durch die Verschränkung komplexer Beschreibungen und demgegenüber schlichter Gespräche zu demonstrieren.

Es ist in dem 1994 erschienenen Text übrigens noch ganz selbstverständlich von Negerküssen (S. 145) und Behinderten (S. 232) die Rede.

Die Toiletten gerade der großen Speiserestaurants oder Eßgaststätten, Autobahnrastorte interessieren mich besonders. Ich weiß nicht, ob es die eigene und urtümliche Verbindung von Menus und Klos ist. Meist wird ja oben, wo man serviert, mit allerlei läppischer Garnitur auf den Tellern wüst was hergemacht, auch mengenmäßig. Unten herrscht die hygiene;: pragmatisch, mit scharfem Sauberkeitsgeruch, der oft bis auf die Tische steigt. Auch hier war, wie zu erwarten, der Toilettenbereich die höllisch blanke Unterwelt, imponierend und für gewaltigen Andrang gedacht. Das begutachtete ich erst gegen Schluß. Bevor man, nach Treppenaufstieg, in den eigentlichen Eßraum eintrat, kam man durch eine Art Boutique, wo es an Drehständern auch Heftchenromane gab. Sie waren viel weniger aus der Mode gekommen, als ich dachte, selbst die Titel ahmten die fünfziger Jahre nach, die väterlichen Liebhaberblicke der Ärzte und die Gebirglerinnen, so verzaubert lächelnd und en vogue. (S. 281)

Mein Eindruck

Gegen Ende hin kulminieren die familiären Verwicklungen auf Autofahrten und Feiern. Erst auf den letzten zehn Seiten kehrt der Roman zum Ausgangspunkt zurück. Dies wird explizit markiert, muß es werden, da die Episode angesichts der Fülle von Geschehnissen  danach – also zuvor – und aufgrund ihrer eigentümlichen Willilosigkeit, ihrer fehlenden Willifikussierung sich im Nebel des Anfangs zu verlieren droht.

Lange blieb mir unklar, worum es in dem Buch geht beziehungsweise worauf die Autorin hinaus will. Die Formulierung auf der hinteren Umschlagseite „Ein Roman über eine Schriftstellerin und ihr Modell. Er beginnt in einer Nachtbar und endet auf dem Straßenpflaster, unter Kastanien, mit einem einfachen Todesfall“, sie hat mich diesbezüglich in die Irre geleitet.

Willi das Modell der Schriftstellerin? Sie liebt ihn uneingestanden, und er ist der Fixpunkt ihrer Verbindung zu den Familien Wings und Luchs – aber er ist nicht ihr Modell. Zum Begriff der Nachtbar habe ich schon etwas gesagt. Die Anlage der Geschichte ist also verquer, jedenfalls gesucht, und kann mit der Beschreibung auf der Rückseite nicht adäquat erfaßt werden. Vor allem eignet ihr keine drängende Vorwärtsbewegung, wie ich sie aus der Flottheit des Werbespruchs herleitete.

Jenseits dessen ist das Buch gut. Man müßte es gleichsam vorurteilslos noch einmal lesen, um die treffenden Beobachtungen, die nuancierten Beschreibungen, die stimmige Wiedergabe eines Zeit- und Lebensgefühls angemessen würdigen zu können. Als Familienroman verweist das Buch auf Imbalancen und Zwistigkeiten, echte Abgründe tun sich nicht auf. Das titelgebende Taschentuch ist so sinntragend nun auch wieder nicht, obwohl es leitmotivisch immer wieder in den Text eingeflochten wird. Der realistische Erzählstil wird durch einen humorvollen Zug ergänzt und das so Erzählte zeitgeschichtlich klar verortet, ohne wirklich im Jahr 1990 passieren zu müssen.

Aber so richtig Lust auf weitere Bücher von Brigitte Kronauer habe ich nach der Lektüre ihres Romans »Das Taschentuch« nicht.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Bücher als Lebensbegleiter

Diese Galerie enthält 4 Fotos.

Viermal zwei besondere Bücher, die mich zum Teil schon seit Jahrzehnten begleiten. Weiterlesen

Galerie | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare