Angelesen und kurz vorgestellt

Vier Bücher, die ich zurzeit privat lese und deren Besprechung sicher noch etwas auf sich warten lassen wird. Denn nicht nur die Lektüre braucht Zeit und Muße, sondern auch das Schreiben der Rezensionen. Eine erste Erwähnung und vorläufige Einordnung soll den Titeln auch jetzt schon etwas von der Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sie verdienen.

Die Macht der Karten | Foto: Verlagswebseite

Die Macht der Karten | Foto: Verlagswebseite

Ein reich bebildertes Einführungswerk in die Welt der Kartenproduktion und die spannende Geschichte der Weiterentwicklung, Wirkungsweise und Rezeption von Karten. Verbunden mit einem ganzen Stapel Begleitlektüre wird das sicherlich das langfristigste Projekt  werden.

Liebestod | Foto: Verlagswebseite

Liebestod | Foto: Verlagswebseite

Wer mich kennt weiß, daß es wenig mehr gibt, das mich so fesselt wie das Opernschaffen dieser beiden Herren. Und ich gehöre zu denjenigen, für die sich deutsche und italienische Opernmusik nicht wechselseitig ausschließen. Diese 2013 zum Doppeljubiläum erschienene Buch gefällt mir sehr, vor allem, weil es prominent auch von der Musik handelt.

Ankommen in der Republik | Foto: Verlagswebseite

Ankommen in der Republik | Foto: Verlagswebseite

Teil meines Leseprojekts „Umbruch“ und Ausdruck meines Faibles für den Autor Thomas Mann, das sich mit dem Respekt vor dem Bürger verbindet. Auch wenn sein politisches Denken mitunter verworren und sein Urteil nicht immer treffend war, so hat er doch klar Position bezogen, als es notwendig war.

Staatserzählungen | Foto: Verlagswebseite

Staatserzählungen | Foto: Verlagswebseite

Das Buch ist formal eine Mischung aus Ringvorlesung und Festschrift; es enthält zehn Beiträge, die sich dem Thema „Staatserzählungen“ aus sehr unterschiedlicher Perspektive nähern. Eine notwendige Selbstvergewisserung in kritischen Zeiten.

 

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Joachim Fest, Begegnungen

Joachim Fest, Begegnungen | Verlagswebseite

Joachim Fest, Begegnungen | Verlagswebseite

Joachim Fest, Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde, 2004, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Mein Exemplar trägt den Eintrag 18. Dezember 2004, es entstammt bereits der dritten Auflage. Fest (1926-2006), der seit der Hitler-Biographie (1973) aus vielen unterschiedlichen Perspektiven Bücher zur deutschen Geschichte geschrieben hatte, war im Jahr 1999 mit seinem Buch über Albert Speer und 2002 mit »Der Untergang. Hitler und des Ende des Dritten Reiches« erneut zu einem Bestsellerautor geworden. Seine Memoiren »Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend« erschienen kurz nach seinem Tod, im Jahr darauf die späten Essays »Bürgerlichkeit als Lebensform«. Die in dem Band »Begegnungen« versammelten Texte beruhen im wesentlichen auf Ansprachen und Würdigungen, wurden verschriftlicht, teils um frühere – aus Zeitgründen erfolgte – Kürzungen ergänzt und überwiegend erstmals veröffentlicht.

Es handelt sich um Porträts von zwölf Männern und zwei Frauen, allesamt Menschen, die im Deutschland der Kriegs- und Nachkriegszeit eine Rolle gespielt haben. Eingeleitet aber wird das Buch mit der »Skizze über einen Deutschlehrer«, der den Schülern in einer Flakstellung nahe Friedrichshafen die deutsche Literatur nahebrachte, sie zum Zweifeln anhielt und vor Leichtsinn warnte. Auf diesen wenigen Seiten gelingt Fest ein dichtes Porträt dieses unbekannten Mannes, den er mit Literatur und Kultur generell verbindet und als deren Botschafter auf die Jungen wirken läßt.

Dies erreicht er auch mit den Betrachtungen über Sebastian Haffner, Johannes Groß, Dolf Sternberger, Wolf-Jobst Siedler, Hans Pels-Leusden (ein Berliner Kunsthändler), Arnulf Baring, Hannah Arendt, Golo Mann, Ulrike Meinhof, Horst Janssen, Joachim Kaiser, Hugh R. Trevor-Roper, Rudolf Augstein und (den Schauspieler) Henning Schlüter.

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Gemäldegalerie und Kupferstichkabinett

Schon wieder mußte meine Jahreskarte der Staatlichen Museen zu Berlin verlängert werden. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, diese Vielzahl von Museen jederzeit und ohne Wartezeit an der Kasse besuchen zu können. Besonders schön finde ich, daß man dann auch nur für eine Stunde gezielt in eine Abteilung gehen oder sich sogar nur ein einziges Bild anschauen kann.

Die Gemäldegalerie am Kulturforum steht zu Unrecht nicht im Fokus der Berlintouristen, die sich auf der Museumsinsel drängeln. Nach wie vor bin ich begeistert von der Idee, in der zentralen Wandelhalle, um die herum die Ausstellungssäle gruppiert sind, die Hauptsammlungsperioden mit exemplarisch ausgewählten Werken zu präsentieren und von dort den Durchgang in die zugehörigen Räume zu eröffnen. Der große Rundgang kann also durch forschendes Ausschwärmen ersetzt werden – und so entdeckt man dann großartige Bilder von Cranach, Rubens, Rembrandt, Caravaggio, Tizian, Canaletto, Watteau und vielen anderen.

Plan der Gemäldegalerie | Foto nw2018

Plan der Gemäldegalerie | Foto nw2018

Eine kleine, aber interessante Kabinettausstellung zeigt Druckgraphiken aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Das mit wenigen Schritten erreichbare Kupferstichkabinett zeigt die Ausstellung »Aus Rembrandts Werkstatt« (bis 18.11.2018). Anlaß für die Präsentation von rund 100 Blättern aus Rembrandts Schule und Umfeld, die mit zusammen mit seinen Arbeiten gezeigt werden, ist das Erscheinen eines umfangreichen Bestandskatalogs, der sich den Arbeiten von Schule und Werkstatt Rembrandts widmet.

 

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Ein Justizroman? Ein deutsches Drama!

 

Ernst Ottwalt, Denn sie wissen, was sie tun. Ein deutscher Justizroman, 1931, Neuausgabe der Büchergilde 2018, 349 Seiten, mit einer zeitgenössischen Kritik von Kurt Tucholsky und einer biographischen Skizze.

Der – innen wie außen – schön gestaltete Band hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Das bischöfliche Lila des Seitenschnitts ist ein ungewöhnlicher Hingucker, Satz, Kapitelüberschriften und Paginierung sind ebenfalls nicht alltäglich.

Ein Buch zur rechten Zeit

Es ist hochgradig verdienstvoll, daß die Büchergilde dieses Buch dem Vergessen entreißt und es in die aktuelle Debatte einspeist. Was ist die Aufgabe der Justiz in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat? Wie halten es die Eliten mit der liberalen Demokratie? Werden Juristen zu kritischen Staatsbürgern ausgebildet?

In der Spätphase der Weimarer Republik erzählt Ottwalt, wie es soweit kommen konnte. 1933 wurden seine Bücher verbrannt. Dabei hatte der Autor (1901-1943), selbst aus einem konservativ-vaterländischen Pfarrhaus stammend, bei den Freikorps mitgemacht und war am Kapp-Putsch beteiligt gewesen. Danach konnte man ihn, ohne Studien- oder Berufsabschluß und feste Anstellung, als verkrachte Existenz bezeichnen. 1931 trat er in die KPD ein. Der Autor von »Ruhe und Ordnung. Roman aus dem Leben der nationalgesinnten Jugend« (1929) und »Deutschland erwache! Geschichte des Nationalsozialismus« (1932) ging nach der Machtergreifung in den Untergrund, floh 1934 aus dem Reich und gelangt über Umwege nach Moskau. Dort wurde er zusammen mit seiner Ehefrau jedoch 1936 verhaftet – wie viele deutsche Emigranten. 1939 wurden beide getrennt zu jeweils fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt; 1940 hörten sie das letzte Mal voneinander. Während er im August 1943 in einem sibirischen Lager starb, konnte seine Frau bereits 1941 im Zusammenhang mit der deutsch-sowjetischen Annäherung dieser Zeit ins Reich zurückkehren. Waltraut Ottwalt-Nicolas starb 1962.

Ein deutscher Student

Hauptfigur des Romans ist Friedrich Wilhelm Dickmann, der Sohn und Enkel von Juristen; er war im Kaiserreich zunächst der Einberufung gefolgt und hatte es bis Kriegsende zum Leutnant gebracht. Vom Frieden überrascht und um eine militärische Karriere betrogen, begann er mit 22 Jahren Jura zu studieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die das Buch treffend schildert, fand er doch noch Gefallen am Stoff und (bereits zuvor) vor allem am studentischen Verbindungsleben.

Als Bürgerssohn sammelte er voreheliche Erfahrungen in den unteren Klassen, das Mädchen starb an den Folgen der unsachgemäß vorgenommenen Abtreibung.

Seit den Tagen von Dietrich Heßling hatte sich kaum etwas geändert, auch wenn der Kaiser mittlerweile im holländischen Exil saß.

Die Eliten, Beamte, Richter, Professoren, sind noch nicht „angekommen in der Republik“, wie Ottwalt anschaulich beschreibt:

Er hört Staatsrecht bei einem berühmten Professor, der manche Kommentare und Monographien geschrieben hat. Ein ehrwürdiger alter Gelehrter. Man kennt seinen Namen, Geheimer Rat, Doktor dreier Fakultäten.

Wie beruhigt Dickmann ist. Er trampelt begeistert Beifall, wie er den Professor über die neue deutsche Reichsverfassung vortragen hört: „Meine Herren, es gibt einen gewissen Hugo Preuß. Der ist hier Professor an der Handelshochschule. Bedenken Sie: an der Handelshochschule! Der hat die Reichsverfassung geschrieben. Die Reichsverfassung ist teilweise ernst, teilweise Bierzeitung. Wenn ich mir eine lustige Stunde verschaffen will, lese ich hie und da in der Verfassung.“

Der Professor wartet, bis der Beifallssturm sich etwas legt. Dann sagt er mit todernstem Gesicht: „Wir kommen jetzt zu der sogenannten Präambel der Verfassung. Passen Sie hübsch auf, meine Herren, damit Sie wissen, wie man’s nicht machen soll.“ Und kreischend, die Hände zu jüdischem Mauscheln gespreizt, deklamiert der Geheimrat ironisch: „Das deitsche Volk, einig in seinen Stämmen …“ (S. 058)

Gerechtigkeit, oder: Recht und Gesetz

Das Buch schildert den Übergang von einer gewissen, unkonturierten Gerechtigkeitsvorstellung des jungen Studenten, die sich beim Repetitor, im Referendariat und dann in der Berufstätigkeit rasch wandelt, begleitet von der mitunter stechenden Erinnerung an die eigenen Verfehlungen und die Schuld, die Dickmann auf sich geladen hat.

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