Brigitte Glaser, Bühlerhöhe

Der Roman erschien 2016 im List-Verlag, vor mir liegt er in der angenehm dezent gestalteten Version der Büchergilde Gutenberg. Es handelt sich um einen zeitgeschichtlichen Agentenroman, der auf und um das namengebende Luxushotel Bühlerhöhe spielt, wohin Bundeskanzler Adenauer im Sommer 1952 zur Frischzellenkur reist. Die anstehenden Verhandlungen mit Israel sorgen für politische Verwicklungen, und auch die Vergangenheit, die nicht vergehen mag, liegt noch nicht lange zurück.

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Foto: nw2017

Nachdem das Hotel 1988 nach einer umfassenden Sanierung wiedereröffnet worden war, verbrachte ich einmal mit meinen Eltern ein Wochenende dort, als sie 1989 oder 1990 ihren Hochzeitstag feierten. Als junge Wirtschaftswunderkinder hatten sie während einer Spritztour über die Schwarzwaldhochstraße einmal auf der legendären Terrasse Kaffee getrunken, sich aber mehr natürlich nicht leisten können. Ich erinnere mich an ein prächtig ausgestattetes Hotel mit einer etwas sterilen Atmosphäre in sensationeller Lage. Nach mehreren Eigentümerwechseln ist das Haus inzwischen geschlossen.

Dort also spielt der Roman. Landschaft, Hotel und Nachbarschaft spielen eine Rolle, als bewußt gewähltes Setting, als Bezugspunkte für die Vergangenheit, als beglaubigende Kulisse. Zwischen Deutschland und Israel werden Verhandlungen über die Wiedergutmachung geführt, die aus unterschiedlichen Gründen in beiden Ländern nicht unumstritten ist.

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Norman Manea, Wir sind alle im Exil

Norman Manea, Wir sind alle im Exil. Essays, München: Carl Hanser Verlag, 2015, dt. 2015, 222 Seiten.

Das Taschenbuch enthält elf Texte zum Thema Exil. Der 1936 geborene rumänische Jude kam als Fünfjähriger mit seiner Familie in ein Konzentrationslager in Rumänien, begann in den 1960er Jahren zu schreiben, lebte ab 1974 als freier Schriftsteller und geriet immer mehr in Opposition zum Ceausescu-Regime; 1986 ging er ins Exil: Zunächst für ein Jahr nach Berlin (West) und dann in die USA, wo er in New York lebt und am Band College unterrichtet. Er veröffentliche mehr als zehn Bücher und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift »Sinn und Form«.

Exil als elementare Erfahrung und ständige Herausforderung ist das Thema von Maneas Texten, die das Buch versammelt. Ein Text entstand 1989 und reflektiert die erste, Berliner Etappe des Exils. Die anderen sind zwischen 2001 und 2015 entstanden. Alle kreisen sie um das eigene, manche auch um das fremde Exil; prominent geht es um Rumänien und das Rumänesein, die Sprache und die Sprachlosigkeit als rumänischer Autor in der Fremde. Wie kann man sich seiner selbst vergewissern, wie mit anderen in Verbindung treten?

Im ersten, vom Berliner Exil handelnden Text geht es um den Briefträger als gleichermaßen freundliche wie wichtige Person, die den Kontakt zu den Bezugspersonen in aller Welt herstellt. Hier erscheinen die 1980er Jahre beinahe so fern wie Kakanien – Westberlin ist genauso dahingegangen wie das Briefeschreiben.

Die Sprache ist von wesentlicher Bedeutung für jeden Schriftsteller, erst recht für den im Exil lebenden. Dieses Thema wird an vielen Stellen des Buches behandelt; die Aneignung einer fremden Sprache ebenso wie das Verbundensein mit dem Rumänischen, der eigenen Muttersprache. Kluge Sätze schreibt er auch zum Übersetztwerden und zum Übersetzbarsein – Luxus für den Nationalschriftsteller, Existenzbedingung für den Exilschriftsteller. Mit der Sprache bleibt Manea verbunden, aber auch  Rumänien läßt ihn – wie die anderen Exulanten, die das Land oft lange vor ihm verlassen haben – nicht los. Ist es zunächst das bei aller Grausamkeit lächerliche Regime Ceausescus, das ihre Gemüter bewegt, so ist es dann die Revolution und die turbulenten Zeiten danach. Manea erörtert zwischenmenschliche und kulturelle Solidarität, beschäftigt sich als Professor mit rumänischer Literatur im besonderen und osteuropäischer Literatur im allgemeinen, um sie seinen Studenten nahezubringen.

Es geht auch um die Begegnungen mit anderen Rumänen, die im Exil leben, um Erfahrungen mit Geheimdiensten und immer wieder um Antisemitismus. Ein wegen seiner Variation des Themas Exil und wegen des klaren Stils äußerst lesenswertes Buch.

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Kurzrezension: W. Somerset Maugham, Erzählungen

W. Somerset Maugham, Die Unvergleichliche und neun andere unvergleichliche Geschichten, (The Mixture as Before, 1940), undatierte deutsche Ausgabe.

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Foto: nw2017

Der erfolgreiche Schriftsteller (1874-1965) hatte ein wechselhaftes Leben, das durchaus einem einer zahlreichen Romane oder Theaterstücke entstammen könnte – und ihm bezeichnenderweise auch als Inspiration für den Roman »Der Menschen Hörigkeit« (1915) diente. Nach seiner Scheidung im Jahre 1928 lebte er an der Côte d’Azur, die wie die Ziele seiner Reisen, oft als Schauplatz seiner Erzählungen dient.

Seine Reisen in die Südsee und nach Fernost fanden Niederschlag in Kurzgeschichten, die Maugham gesammelt ab 1921 veröffentlichte. In Ihnen (sic) finden sich packende und authentische Porträts des „Englishman abroad“, Kolonialfiguren, wie sie bereits Conrads Werke bevölkerten und die Maugham mit skeptisch-distanziertem Blick meisterhaft zu schildern verstand. (Wikipedia)

Die „bekannte Mischung“ – mit dem Titel reagierte Maugham auf eine Kritik an dem vorherigen Erzählungsband – kombiniert ganz unterschiedliche Themen,  Settings und Figurenkonstellationen. Prägnante Schilderungen von Personen und Orten, knappe Dialoge, Dramatik und Ironie, ja Spott ergeben eine wunderbar unterhaltsame Mischung. Die Erzählungen, die selten konkrete Zeitbezüge aufweisen, zeigen eine große Menschenkenntnis ihres Autors, gemischt mit einer gehörigen Portion Skeptizismus. Die untergegangene Welt des Empire erwacht mit der frappierenden Selbstverständlichkeit zum Leben, die den Rang des Autors erkennen läßt.

 

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Atiq Rahimi, Heimatballade

Der Schriftsteller, Maler und Filmregisseur Rahimi veranschaulicht in diesem Erinnerungsbuch, wo er seine eigentliche Heimat sieht: in den Wörtern und den Buchstaben, in der französischen Sprache, in der er schreibt, und in den persischen Zeichen, die dieses Werk schmücken.

So steht es auf der hinteren Umschlagseite, entnommen aus einer Besprechung des Buches durch LivresHebdo. Damit wird durchaus Wesentliches über das 2017 bei Ullstein erschienene, ansprechend gestaltete Buch gesagt.

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Foto: nw2017

Rahimi ist in Afghanistan aufgewachsen, wo es im Jahre 1973 zu einem Staatsstreich kommt, in dessen Folge sein Vater ins Gefängnis muß, und eine traumatische Phase für die Familie beginnt. Drei Jahre später kommt der Vater frei und geht dann mit seiner Frau nach Indien ins Exil. Die Kinder bleiben mit der Großmutter zurück. 1978 putschen die Kommunisten, woraufhin die Mutter zurückkehrt und danach Rahimi zu seinem Vater nach Indien fährt. 1984, inzwischen zweiundzwanzigjährig, siedelt er nach Paris über.

Ich war elf Jahre alt und hatte noch keinen jener Romane gelesen, aus denn ich gelernt hätte, was das Eintreffen dieses Mannes und das Schweigen meine Mutter zu bedeuten hatten. (S. 27)

Mit Mitte fünfzig schreibt er sein Erinnerungsbuch, das sich zu einem guten Teil mit den Schwierigkeiten beschäftigt, die ihm das macht. Das Hinabsteigen in die Erinnerung und das Unbewußte  wird, ebenso wie das Nichterinnernkönnen, in dem kurzen Text an der Schrift, am Schreiben, am Buchstaben durchexerziert. Der Akt der Verwurzelung, mühsam genug, führt in die Sprache, die dann Ort der inneren Emigration wird, aber im späteren Exil keine Hilfe mehr ist.

Ein Kulturwechsel, der Selbstfindung und Reflexion ermöglicht. Nachdenken über die Leiblichkeit, über die Rolle der Frau – Evas – für die Entwicklung des Menschengeschlechts. Suchen und Finden von Artikulationsmöglichkeiten. Mutterschoß. Religion. Kunst. Das Denken und Ausdrücken kreist um zentrale Themen des Menschseins und es ist fixiert auf Buchstaben.

In Frankreich dann wählt Rahimi das Filmemachen als Ausdrucksmittel. Kaum überraschend, daß das angesichts sehr unterschiedlicher Ästhetiken und Sehgewohnheiten nicht gelingt, so daß er zum Wort, den Wörtern zurückkehrt und ein Buch schreibt. Essenz der Wörter sind für ihn die Buchstaben, und so wendet er sich ihnen wieder zu, wie einst als Kind, nun aber freiwillig.

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Atiq Rahimi, Kallimorphie: Der freie Schwung | Foto: nw2017

Eine träumerische Weltsicht, die die Elemente mit Bedeutung auflädt, um das Ganze zu erfassen. Beschwörung des Verlorenen, des Eigenen, später Konfrontation mit dem Verschwundensein des Erinnerten. Poetische Neuschöpfung aus dem Erleben, Sinnlichkeit und eine ruhige Spiritualität prägen den Text, der stetig mit der Abwesenheit ringt.

Wie jedes Wesen im Exil bin ich ein Mensch von anderswo. […] Anderswo ist die eigentliche Bedeutung des Exils. (S. 176f.)

Ein wunderbares Buch über Kulturzusammenhänge, trotz der kaum verhüllten Traurigkeit und – ja – wegen der Obsession auf das Wort und die Buchstaben. Aber erst die Verwandlung der Buchstaben in die Kallimorphien gibt Rahimi Halt und Freiheit zugleich.

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