Geschichten aus Italien

Aus Italien? Ja und nein, beides mehrfach. Fabrizio Coscia, der Autor, ist Italiener (also ja) beziehungsweise Neapolitaner (also nein?).  Er schreibt über Bücher, Gemälde und Musik von Italienern (also ja) und aus anderen Ländern (also nein). Er berichtet dabei über eigene Begegnungserfahrungen und Vermittlungsversuche (also ja). Wir sehen, daß das Ja überwiegt.

Fabrizio Coscia, Und einsam waren wir | Foto nw2018 #Dante #Kunst

Fabrizio Coscia, Und einsam waren wir | Foto nw2018

Fabrizio Coscia, Und einsam waren wir

Die Lektüre war für mich gewöhnungsbedürftig, der Text verströmte durchaus Intimität, von der ich mich aber zunächst nicht eingeladen fühlte. Also Lesepause und Neuanfang; dieses Mal nicht chronologisch, sondern mittendrin, dann weitermäandernd. »Leopardis Speiseeis« öffnet mir die Tür in dieses nicht alltägliche Buch. Der Verlag bewirbt das Buch als „mal ironische, mal melancholische Spurensuche“, die der Versenkung in Kunstwerke gilt.

Doch es geht auch um Ausgrenzung und Gewalt am Beispiel von Pier Paolo Pasolini, der von Kleinkriminellen erschlagen wird, und von Federico García Lorca, der von den Franquisten erschossen wird. Beide linke Intellektuelle und beide homosexuell. Coscia verbindet beider Schicksal anhand seiner eigenen Lesebiographie und einer wunderbaren Miniatur zu Ehren  seiner Italienischlehrerin am Gymnasium mit dem sowjetischen Autor Isaak Babel, der 1939 verhaftet und 1940 in einem stalinistischen Schauprozeß zum Tode verurteilt wurde. Allen drei Männern ist gemein, daß ihr Werk unvollendet geblieben ist, ihnen gleichwohl den verdienten Ruhm sichert.

In einer literarischen Phantasie führt Coscia den alten Casanova anläßlich der Prager Uraufführung des »Don Giovanni« mit dem jungen Mozart zusammen, doch sein Text bricht die Fiktion auf und reflektiert über die Tradition, in die er sich stellt. Coscia blickt auf die Entstehung der Oper und spürt der Wirkung des Meisterwerks auf sich und auf Giacomo Casanova nach, der immerhin mit der Niederschrift seiner Memoiren beginnt. Er wirft auch mehr als einen Seitenblick auf Lorenzo da Ponte, den Librettisten, der die beiden anderen Männer – Mozart starb 1791, Casanova 1798 – überlebte und erst 1838 in New York starb, wohin es ihn über den Umweg nach London verschlagen hatte. Dort erlebte er im Jahre 1825 die Aufführung von »Don Giovanni« und förderte ein italienisches Theater in der Stadt, das 1833 mit »La gazza ladra« eröffnet wurde. Das Thema der Oper und das Leben der mit ihm verschlungenen drei Männer gibt schließlich Gelegenheit, ein paar kluge Gedanken über die Liebe zu äußern.

Von den vielen Texten möchte ich nur noch den sehr persönlichen und inwendigen über Johannes Brahms erwähnen. Darin geht es natürlich um Clara Schumann, aber vor allem um Künstlerschaft und die – mitunter rätselhafte – Kraft der Musik, ihre Wirkung auf die Menschen.

Kleinode

Ich habe gebraucht, um Zugang zu dem Buch zu finden. Vielleicht nahm ich das Buch zur falschen Zeit zur Hand, wer weiß das schon? Nun kann ich es empfehlen und von einer lohnenden Lektüre sprechen. Doch noch immer halte ich es für keine gute Idee, das Buch mit dem Text über Tolstoi und Rimbaud beginnen zu lassen. Jedenfalls für mich war das kein Einstieg, hatte keine Sogwirkung. Mein Rat lautet also, sich willkürlich eine Geschichte herauszugreifen, dann zwei vor und danach fünf zurück zu gehen. Oder umgekehrt.

Information

Ich danke dem Verlag für das Besprechungsexemplar, das in der Reihe „LW italica“ erschienen ist und insgesamt zwanzig Texte umfaßt.

Fabrizio Coscia, Und einsam waren wir, 2014, dt. 2018 (aus dem Italienischen von Bettina Müller Renzoni und Kathrin Fuchs), Köln: Launenweber, 296 Seiten.

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Sabrina Janesch, Die goldene Stadt

Sabrina Janesch, Die goldene Stadt | Foto: Verlagswebseite #roman #schatzsuche

Sabrina Janesch, Die goldene Stadt | Foto: Verlagswebseite

Ein bilderreicher Roman

Von Uerdingen nach El Dorado – ein fantastischer Weg, beginnend mit den Träumen eines Jungen, über viele Stationen, mit zahllosen Entbehrungen, Umwegen, Rückschlägen. Die Geschichte basiert auf realen Vorkommnissen und Handlungen und beschreibt den Lebensweg von Rudolph August Berns, der sich später Augusto R. Berns nannte, bis nach Peru kam, wo er die goldene Stadt der Inkas suchte und schließlich Machu Picchu fand.

Eigentlich bin ich kein Freund historischer Romane, die durch eine Fülle von Details die Authentizität belegen wollen. Fontane als zeitgenössischer Autor schreibt völlig anders über Berlin – in dem der Roman einige Zeit spielt –, er muß das für ihn Selbstverständliche nicht aussprechen, um die Authentizität zu beglaubigen. Doch Janesch übertreibt es nicht und ihr Roman hat eine interessante Geschichte und ein ungewöhnliches Thema, die die Lektüre lohnen: Wie wird ein Junge aus Uerdingen zum Entdecker und Forschungsreisenden in ferne Länder? 

Was war nur los mit seinen Eltern? Rudolph wollte es nicht ganz glauben, aber vielleicht litt auch sein Vater an dieser sonderbaren Krankheit, die die meisten Leute im Laufe ihres Lebens befiel: diesem steifen Verharren in der unmittelbaren Umgebung, in all dem, was man seit jeher kannte. Darüber hinaus schien es für sie nichts zu geben; es wurde nichts gesehen, nichts entdeckt, nichts erfunden oder erdacht. (S. 31)

Doch dann ergibt sich für den Vater und damit die Familie die Gelegenheit zum Umzug nach Berlin, Eröffnung eines exklusiven Geschäfts. Rudolph besucht das französische Gymnasium, hat Kontakt zu interessanten Mitschülern, trifft Alexander von Humboldt.

Plötzlich jedoch gibt es einen Schicksalsschlag: Nach dem unerwarteten Tod des Vaters kehrt die Mutter mit den Kindern in ihr Heimatdorf zurück und heiratet erneut. Die Söhne müssen in einer Regenschirmfabrik eine Schmiedelehre machen und sämtliche Verbindungen zur Zivilisation scheinen abgebrochen. 

Berlin lag vierundsiebzig Meilen vom Mittelalter entfernt, Warschau hundertsiebenundvierzig. (S. 100)

Als nach sehr harten Jahren der einundzwanzigste Geburtstag Rudolphs und mit diesem die Einberufung zum Militär naht, unterstützt der Onkel seine Flucht zu Verwandten nach Amerika. Doch statt in die USA geht Rudolph nach Südamerika, nach Peru, um El Dorado zu suchen.

Die zahlreichen Schauplätze werden fesselnd beschrieben, das jeweilige Kolorit ebenso unaufdringlich wie passend hergestellt. Der Lebensweg des Helden ist voller Herausforderungen, wobei viele Entbehrungen wenn nicht direkt als Erfüllung, so doch als Stärkung begriffen werden und ihm seinem Ziel immer näher bringen. Die Menschen, ob Gegenspieler oder Förderer, werden zwar durchaus plastisch geschildert, bleiben – bis auf Harry Singer – aber allesamt rasch am Wegesrand zurück, während Berns immer weitergeht, -reist, -reitet. Körperliche Herausforderungen, wirtschaftliche Durststrecken, ergebnislose Sackgassen – nichts kann diesen Mann aufhalten.

Als er seine große Entdeckung macht, gelingt es der Autorin zu zeigen, welche Wirkung dies körperlich und seelisch auf Berns hat, vermag sie sein Erleben so in Worte zu fassen, daß man beinahe meint, die Ruinen selbst zu sehen und anzufassen.

Der andauernde Kampf, den Berns seit seiner Jugend ausficht, die Vision, der er seit seiner Kindheit folgt, schließlich die Suche nach dem Gold in der verlassenen Stadt, all das wird sehr anschaulich, aber nicht ausschweifend beschrieben und gleichzeitig als spannende Geschichte erzählt. Die vielen Stationen mit den zahlreichen Erlebnissen verschwimmen dabei durchaus ein wenig, weil immerfort Neues auf Berns und die Leser einstürmt. Dabei bleibt Berns ernst und solide, paßt sich an die Lebensweise vor Ort an und bleibt doch stets Deutscher, so wie andere Akteure Yankees, Spanier, Franzosen oder Eingeborene sind.

Überdies ist Berns nicht nur ein begnadeter Ingenieur, sondern auch ein glänzender Projektentwickler und Prospektschreiber, der als großer Herr auftreten und Investoren gewinnen kann.

Meine Leseempfehlung für »Die goldene Stadt«

Das Buch bietet flüssig geschriebene und gut lesbare Unterhaltung, durchaus auch mit einem gewissen Bildungsanspruch. Der spannende Entdeckerroman spielt zwischen den 1840er und 1880er Jahren, ist sprachlich aber von heute, ganz anders als etwa bei dem zeitgenössischen Autor Karl May, dessen Reiseerzählungen vor allem in den 1880er Jahren erschienen und überwiegend in den drei Jahrzehnten davor angesiedelt sind. Zwar müssen May und Janesch beide das Fremde und Exotische in Worte fassen, aber sie verwenden dafür den Duktus ihrer jeweiligen Zeit. Und May hätte – bei wesentlich stärkerer Betonung der zivilisatorischen Mission Berns‘ – drei bis fünf Bände aus dem Stoff gemacht, nehme ich an.

Ein echter Schmöker! Und außerdem kann er das Bewußtsein dafür wecken, daß Amerika kein geschichtsloser Kontinent war, bevor er von den Europäern entdeckt wurde – genausowenig wie das vorkoloniale Afrika. Am Beispiel der reichen Inka-Kultur wird das Ausmaß des Verlusts deutlich, den die Begegnung mit den Conquistadoren bedeutet hat.

 

Sabrina Janosch, Die goldene Stadt. 2017, 4. Aufl. 2018, Berlin: Rowohlt, 516 Seiten.

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Schrödingers Vergangenheit: Armenier und Türken

Zwei junge Frauen, zwei Familien, zwei Familiengeschichten – durch einen Zufall des Lebens miteinander verbunden. Souverän entfaltet Elif Shafak in »Der Bastard von Istanbul« (2006, dt. 2015; aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller) dieses doppelte Familienepos auf nur 464 Seiten. Armenische Vergangenheit und türkische Gegenwart treffen aufeinander; Exilerfahrungen der Armenier und der Kampf zwischen Moderne und Tradition in der Türkei fließen in die Erzählung ein. 

Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul | Foto: nw2019 #roman #türkei

Elif Shafak, Der Bastard von Istanbul | Foto: nw2019

Der Bastard von Istanbul: Die Handlung

Asya Kazanci, die junge Türkin, und Armanoush Tchakhmakhchian, die junge Amerikanerin mit armenischen Wurzeln, kommen aus matriarchalischen Familien. Sie sind ausgerechnet über Mustafa Kazanci miteinander verbunden, den einzigen Sohn der Kazancis, der in die USA geschickt wurde, damit er überlebt. Rose aus Kentucky heiratet ihn, nachdem ihre Ehe mit einem Armenier – oder besser gesagt mit seiner Familie – gescheitert war. Armanoush oder Amy wächst in zwei Welten auf, bis sie sich daranmacht, eine dritte zu entdecken, und in die Türkei, nach Istanbul fährt. Dort taucht sie in eine Gegenwart ein, die ihre Vergangenheit nicht kennen will.

Eine überraschende Wendung zum Ende hin verleiht dem Buch eine für meinen Geschmack etwas aufgesetzte Dynamik, die sich dann zu einer dramatischen – freilich schon absehbaren – Enthüllung steigert. Und auch die persönliche Vergangenheit, die Verkettung der beiden Istanbuler Familien, kommt ans Licht.

Zum Stil des Romans

In ausgreifenden Schilderungen beschreibt Shafak Personen und Orte, Farben und Düfte, Speisen und Gerüche. San Francisco und Istanbul erweisen sich als dankbare Schauplätze. Die zahlreichen Frauengestalten sind allesamt mit Marotten und Schrulligkeiten ausgestattet. Viele sind unverheiratet und kinderlos, was einerseits ihre gesellschaftliche Stellung mindert, ihnen aber andererseits Unabhängigkeit und Überlegenheit verleiht. Die wenigen Männer, die in diesen Kokon vordringen, haben trottelhafte Züge.

Zentraler Ort der armenischen wie der türkischen Familie ist der Eßzimmertisch, der stets reich gedeckt ist. Das Speisenangebot in beiden Familien ist nahezu identisch. Im großen Kontrast hierzu steht die Welt von Rose, Armanoushs Mutter, die durch die Klischees Supermarkt, Mikrowelle, SUV und Fernseher charakterisiert wird. Mustafa, der entwurzelte Stiefvater, der aus der Türkei zum Überleben in die USA geschickt wurde, weil ein Fluch auf den männlichen Mitgliedern der Familie Kazanci liegt, hat als unvorbereiteter Selbstversorger ein freudloses Leben geführt. Ob es sich an Rose’ Seite verbessert hat, bleibt offen – als Mann bleibt er lange eine Randfigur. 

Gegenorte zum strukturierten, gleichwohl chaotischen Raum der Familie sind für die beiden jungen Frauen einerseits die unstrukturierten Städte Istanbul und San Francisco sowie andererseits zwei Cafés. Asya besucht das reale „Café Kundera“ in Istanbul, Armanoush das virtuelle „Café Constantinopolis“. Im letzteren versammeln sich Exil-Armenier unter Pseudonym, ersteres ist eine Begegnungsstätte prägnanter Typen, die ein Panoptikum unglücklicher Türken bilden, allesamt Außenseiterexistenzen. Mit sprechenden Beinamen bedacht, charakterisieren sie die Schwierigkeiten eines Volkes, zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne. Der Trunksüchtige Karikaturist, der Heimlich Schwule Kolumnist, der Nichtnationalistische Drehbuchautor Ultranationalistischer Filme – sie räsonieren über die Türkei, das Türkentum und die Türken, geben der Haßliebe für die Stadt Istanbul und das Land, für Stadt- und Staatsführung Worte.

Das Aufeinandertreffen von Rollenbildern und Klischees, von kulturellen Mustern und wechselseitigen Erwartungen – sowohl zwischen Amerikanern und Armeniern als auch zwischen der amerikanischen Armenierin und den Türkinnen sowie einem in der Türkei lebenden Armenier – wird meist recht explizit geschildert, hier hätte ich mir mitunter etwas mehr Raum zum Selbstdenken gewünscht.

Der Text wird von einem allwissenden Erzähler auf konventionelle Weise erzählt, es gibt keine sprachlichen Experimente und keine darob verlorenen Leser. Die Autorin hält den Plot zusammen und bringt ihre wissenschaftliche fundierte Botschaft unter. Am Ende wird für meinen Geschmack dann zuviel Handlung untergebracht, wobei die losen Enden dann recht hektisch zusammengebunden werden. Da war mir der breitere Erzählstrom zu Beginn lieber. Ungeachtet meiner Kritikpunkte handelt es sich dennoch um ein gut gemachtes Buch.

Die Botschaft der Autorin

Die 1971 geborene Autorin wuchs als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologieprofessors mit Stationen im Ausland und einer kosmopolitischen Prägung auf. Sie wurde mit einer Arbeit über “An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities” in Ankara promoviert und forschte zunächst an einer us-amerikanischen und gegenwärtig an einer britischen Universität. Sie lebt mit ihrer Familie in Istanbul und London.

Im Jahr 1994 veröffentlichte sie ihre erste Erzählung, der erste Roman folgte 1997. Der 2006 erschienene »Bastard von Istanbul« führte zu einem Strafverfahren in der Türkei, das allerdings mit einem Freispruch endete.

Diese biographischen und wissenschaftlichen Informationen decken sich mit der Botschaft des Romans, der eine Analyse der türkischen Gesellschaft vornimmt, indem er das Geschlechterverhältnis, den Umgang mit der Vergangenheit und das Schwanken zwischen den Welten thematisiert. Anziehung und Abstoßung, Nähe und Distanz, Vertraut- und Fremdheit – der Text kreist um viele Pole. Zur Position “Right or wrong, my country” will sie sich nicht durchringen und mutet sie auch ihren Hauptfiguren nicht zu. Kritik bedeutet nicht Lossagung, so die Botschaft. Rebellion gegen Normalität und das Aushalten von Gegensätzen sind Teil des Lebens; die Romanfiguren veranschaulichen dies in Wort und Tat.

Wer weiß, wie gereizt die offizielle Türkei darauf reagiert, auf den Genozid an den Armeniern angesprochen zu werden, kann sich vorstellen, wie wenig die subtilen Liebeserklärungen der Autorin angesichts ihrer gleichzeitigen, schonungslosen Offenheit verfangen haben.

Das Dilemma der Aufklärung, mit dem der Westen gegenwärtig immer offensichtlicher konfrontiert ist, nämlich angesichts Globalisierung und entfesseltem Kapitalismus kein für alle Gesellschaftsschichten ausreichend bindekräftiges Identitätsangebot mehr machen zu können, beläßt Shafak auf der persönlichen Ebene. 

Mein Leseeindruck zum »Bastard von Istanbul«

Der auktoriale Erzählstil wird konventionell gehandhabt; es gelingt der Autorin, Atmosphäre, Handlungen, Gespräche und Gedanken eindringlich und nachvollziehbar zu präsentieren. Die Darstellung ist durchzogen von Humor und Ironie, aber auch von tief verwurzelter Verbundenheit mit ihrem Gegenstand. Höhepunkt ist die Darstellung der Pogromnacht, die in eine Art Traumerzählung verpackt wird.

Klare Leseempfehlung, die – mutatis mutandis – auch zum Nachdenken über Deutschland, den Umgang mit der Vergangenheit sowie das Eigene und das Fremde anregen kann.

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Nietzsche-Notate: Jenseits von Gut und Böse

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmem fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte – und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal mißtrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig umdrehen? Daß wir von dieser Sphinx auch unsrerseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stell? Was in uns will eigentlich »zur Wahrheit«? – In der Tat, wir machten lange halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens – bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehenblieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit; warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? – Das Problem vom Werte der Wahrheit trat vor uns hin – oder waren wirs, die vor das Problem hintraten? Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und Fragezeichen. – Und sollte mans glauben, daß es uns schließlich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher gestellt – als sei es von uns zum ersten Male gesehn, ins Auge gefaßt, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei und vielleicht gibt es kein größeres.

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