Ein Literaturpreis zweiter Klasse

Sylvie Schenk, Roman d’amour, 2021, 128 Seiten.

Sylvie Schenk, Roman d’amour | Foto: nw2022

Ringen da zwei Frauen miteinander oder nur eine mit sich selbst – und warum? Was war geschehen, was wurde erinnert, was aufgeschrieben – und wozu setzt sich eine Leserin all das zusammen?

Der schmale Roman tändelt über den Literaturbetrieb abseits der ersten Liga und führt die Protagonistin zu einer Buchpreisverleihung auf eine Nordseeinsel. Dort muß sie sich einem Interview stellen und hat dabei zunehmend Schwierigkeiten, den fiktionalisierten Inhalt des Buches von der persönlich erlebten Vorlage zu trennen – auch weil die Interviewerin partout herausfinden will, wie autobiographisch der Text nun ist.
Es geht um Erwartungen, Vorannahmen, Klischees – ausdrücklich formuliert oder internalisiert – bei der Produktion und Rezeption von Literatur, aber auch um die Versuche, authentisch zu sein.
Wieviel Maskerade muß eine Autorin betreiben, wenn sie über die Liebe einer alten Frau zu einem jüngeren, verheirateten Mann schreibt? Wie durchschaubar ist ihr Bemühen?

Das Interview führt zu Betrachtungen über das Schreiben, über Erinnerungen und das Altern, die nur zum Teil direkt in die Antworten einfließen. Wir haben Teil, wie die Ich-Erzählerin mit sich ringt und versucht, ihren Gedankenstrom zu regulieren. Entlang der Romanhandlung erlebt die Schriftstellerin ihre eigene Lebens- und Liebesgeschichte und spricht mal offener, mal eher in Andeutungen darüber mit der Interviewerin. Diese wirkt zunehmend bedrohlich auf die Ich-Erzählerin, die unter der Zudringlichkeit leidet und beständig fürchtet, die Kontrolle zu verlieren.

Insgesamt durchaus lesenswert, mit einer für mich ungewohnten Anlage und in gutem Stil geschrieben.

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Februar 33

Uwe Wittstock, Februar 33. Der Winter der Literatur, 2021, 288 Seiten.

Uwe Wittstock, Februar 33 | Foto: nw2021

Das Buch setzt am 28. Januar 1933 mit dem „letzten Tanz der Republik“ ein, der Tag an dem der Presseball in Berlin stattfindet. Journalisten, Schriftsteller, Verleger, Regisseure und Schauspieler kommen zusammen und spüren, daß sich etwas zusammenbraut. Am 15. März endet die Erzählung, aber natürlich nicht die ganze, schlimme Geschichte. Doch der Terror hat längst Gestalt angenommen und ist von der Straße in die Amtsstuben gewechselt.

Wittstock fügt präzise beobachtete Vignetten zu einem eindringlichen Gesamtbild zusammen, die Unterschiedlichkeit von Reaktionen und Fallhöhen paßt nur zu gut zur Vielfältigkeit der Weimarer Kultur, die aber umgekehrt insgesamt als Asphaltkultur von Rechts verunglimpft und von den neuen Machthabern ohne Zögern und mit großer Brutalität angegangen wird.

Fünfunddreißig Kapitel fangen die Zeitstimmung überzeugend ein, übersetzen originale Zeitdokumente in eine flüssige Erzählung.

Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. (S. 273)

Exil, Widerstand, KZ, Karriere im NS-Staat – Es gibt mehrere Optionen und viele Schattierungen für die nächsten Jahre. Wittstock begleitet die Frauen und Männer, die im Mittelpunkt der Darstellung stehen, zwar nur sechs Wochen intensiv, aber er fügt am Ende des Buches kurze Abrisse über ihr weiteres Leben an.

Eine erschütternde und überaus lohnende Lektüre gleichermaßen. Man bekommt eine Ahnung, wie das passieren konnte, und fragt sich auch bang, ob es wieder passieren könnte. Ein sehr gutes, ein wichtiges Buch.

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Der französische Gast

Dorothy Whipple, Der französische Gast, Roman, 1953, dt. 2021 (aus dem Englischen von Silvia Morawetz), 445 Seiten.

Ein Roman über die Kraft von Mißgunst und Selbstsucht auf der einen und über die Anfälligkeit von Familienstrukturen auf der anderen Seite. Eine noch junge Französin wird verzehrt von Enttäuschung über die Aussichten in einem Provinzstädtchen – sie haßt ihren früheren Liebhaber, verachtet ihre Eltern und schreckt vor der Ehe mit dem langweiligen Apotheker zurück. Dankbar ergreift sie die Gelegenheit, als Gesellschafterin einer älteren Dame nach England zu gehen. Dort trifft sie nicht nur auf die alte Mrs. North, sondern auf deren Sohn und seine Familie.

Avery und Ellen sind mit ihren zwei Kindern eine englische Vorzeigefamilie, die aus der Konfrontation mit der berechnenden Louise beschädigt hervorgeht. Averys Unfähigkeit, zwischen seinen Hormonen und seinen Gefühlen zu unterscheiden, befördert die dramatische Entwicklung.

Der Roman erschien 1953 als letztes Buch der Autorin und wurde nun von Silvia Morawetz erstmals ins Deutsche übertragen. Er ist flüssig geschrieben und erfreulich konventionell erzählt – eine unterhaltsame Lektüre, die in die Welt der Nachkriegszeit führt und deutlich macht, wie störanfällig die Balance zwischenmenschlicher Beziehungen ist.

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Fridolin Schley, Die Verteidigung

Fridolin Schley, Die Verteidigung. Roman, 2021, 268 Seiten.

Fridolin Schley, Die Verteidigung | Foto: nw2021

Schley, der seit 20 Jahren schriftstellerisch tätig ist, hat eine interessante Konstellation zum Gegenstand seines neuen Romans gemacht: Vater und Sohn in einer von außen hergestellten Nähe- und Fernbeziehung, getrennt und vereint in Vergangenheit und Gegenwart.

Der Vater, Ernst von Weizsäcker, geboren 1882, war nach einer Laufbahn als kaiserlicher Marineoffizier in den Auswärtigen Dienst getreten, hatte dort Karriere gemacht und wurde 1938 Staatssekretär des neuen Außenministers Joachim von Ribbentrop. Er hatte sich 1936 gegen Thomas Mann ausgesprochen, genoß Hitlers Protektion und machte Karriere in der SS. Er blieb bis 1943 in Amt und ließ sich dann als Botschafter an den Heiligen Stuhl nach Rom versetzen.

Der 1920 als fünftes Kind geborene Sohn Richard wuchs in Basel, Kopenhagen, Oslo und Bern auf. Seit 1936 lebte die Familie in Berlin, wo er mit 17 Jahren Abitur machte. Weizsäcker, der in der Hitlerjugend aktiv war, besuchte nach dem Abitur zunächst die Universitäten Oxford und Grenoble, wurde aber 1938 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und ging dann zum Militär. Er diente im gleichen Regiment wie sein älterer Bruder Heinrich. Beide waren am Überfall der Wehrmacht auf Polen beteiligt, wo Heinrich von Weizsäcker bereits am zweiten Tag fiel. Das Regiment wurde dann an die Westfront verlegt und nahm später am Rußlandfeldzug teil, in dessen Verlauf Richard verwundet, ausgezeichnet und befördert wurde. Weitere Stationen führten ihn ins Führerhauptquartier sowie zurück an die Ostfront. Bei Evakuierungseinsätzen leicht verwundet, gelangte er zurück ins Reich, wo er in den letzten Kriegstagen untertauchen konnte. Seit 1945 studierte er Jura in Göttingen.

Als sein Vater zum prominentesten Angeklagten im sogenannten Wilhelmstraßenprozeß avanciert, unterbricht Richard sein Studium, um das Verteidigerteam zu unterstützen. NS-Juristen in führender politischer Verantwortung hatten sich das Leben genommen oder waren, wie Roland Freisler, bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Der hohe Beamte Ernst von Weizsäcker war daher derjenige, der in der Öffentlichkeit zum Gesicht dieses Verfahrens wurde.

Schley taucht mit seiner Erzählung tief in die Atmosphäre des Nürnberger Gerichtssaals ein. Er stützt sich dabei auf die Akten, aber auch auf Dokumente aus der Familie von Weizsäcker. Es gelingt ihm, ein Psychogramm des Älteren zu zeichnen, der von seiner „verwaltenden Verantwortung“ spricht (S. 23). Richard ist zunächst von einem „dumpfen Gefühl alles betäubenden Zweifels“ gegenüber der Anklage erfaßt (S. 27).

Die Vater-Sohn-Beziehung gerät in den Blick, damals – vor dem Krieg – und dann während des Krieges sowie jetzt, da der Vater in Haft sitzt. War Nähe je möglich? Worauf gründete seine Stärke? Wie stand er zum Polenfeldzug, zum Rußlandfeldzug? Was sagt er heute, was sagte er damals?

Die Verteidigung bereitet einen wirksamen Gegenschlag vor. Alte Verbindungen werden reaktiviert, neue Unterstützer gefunden. Das gesellschaftliche Klima wandelt sich, alte Kameraden stellen sich gegenseitig Persilscheine aus. Weizsäcker und seine Mitangeklagten werden zu Opfern stilisiert, mindestens zu Widerstandskämpfern. Gräfin Dönhoff spielt eine unrühmliche Rolle, die wenig zum öffentlichen Bild späterer Jahrzehnte passen will (S. 198).

Der Austausch von Gefälligkeiten folgte passgenauen Bestellungen. (S. 202)

Verlass war nur auf den eigenen Kreis. (S. 208)

Doch ist der Optimismus der Verteidigung begründet? War Ernst von Weizsäcker unschuldig?

Was weiß man eigentlich vom Nächsten, gar vom eigenen Vater? Immer wieder läßt der Autor Richard von Weizsäcker diese Frage umkreisen. Dazu blickt er zurück auf die Karriere des Vaters bis zur Machtergreifung, den ersten Jahren der Diktatur und dann im Weltkrieg. Ernst von Weizsäcker war beeindruckt von Hitler, er hielt dessen Schrift „Mein Kampf“ nicht für das Werk eines Reaktionärs, und sich selbst hatte er getröstet, daß man sein Land nicht im Stich lasse, nur weil es möglicherweise eine fragwürdige Regierung habe.

Schley kommt auf die Rolle Weizsäckers bei der Ausbürgerung von Thomas Mann ebenso zu sprechen wie auf sein fortdauerndes Verbleiben im Staatsdienst. Er zeichnet dessen Entrücktheit und Selbststilisierung nach, die er während der Haft vornimmt.

Zum zweiten Mal in seinem Leben sieht er sich unüberwindlichem Mißtrauen und Unverständnis ausgesetzt – und wieder aus dem Grund, dass er die Politik als Kunst des Möglichen begreife, man von ihm jedoch die Kunst des Unmöglichen erwarte. (S. 116)

Der Autor verschränkt die inneren Monologe von Vater und Sohn zu einem trüben Strom. Prozeßakten, Auszüge aus den Memoiren Ernst von Weizsäckers und ein erinnerndes Salbadern fließen zusammen, ebben ab und greifen einander auf. Sprache macht das Prozeßgeschehen ebenso erlebbar wie das Aktenstudium. Dokumente zeigen eine Dramatik der Bearbeitung, eine Lebendigkeit des Schriftstücks und eine Uneindeutigkeit der Bedeutung.

Schley leuchtet Beziehungen zum George-Kreis aus (S. 188) und blickt auf die sehr wackligen, nachträglich konstruierten Verbindungen zum Widerstand um Graf Stauffenberg (S. 200ff.).

Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr von Weizsäcker, hatten Sie viele schlimme Dinge mitzumachen, um Ihr einziges Widerstandsziel abzudecken, nämlich Hitler zu beseitigen. Ist das richtig?
Mitgemacht ist nicht der richtige Ausdruck. Ich habe nichts mitgemacht, ich habe einen Total-Widerstand geleistet, insgesamt bis an den Rand meiner Möglichkeiten. Das nenne ich nicht mitgemacht. (S. 165)

Ds Buch beleuchtet in eindringlicher Form die vielfältigen Problemlagen des Wilhelmstraßenprozesses, behandelt Verstrickung und Selbsttäuschung, Korpsgeist und Bewußtwerdung.

Über den nachmaligen Bundespräsidenten würde ich schlußfolgern: Er hatte Skrupel, aber er blieb Sohn. Und so war es einerseits ein weiter Weg, den Richard von Weizsäcker während der nächsten vierzig Jahre zurücklegte, andererseits trat er auch ziemlich auf der Stelle.

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