Lebendige Erinnerung

Zwei Geschichten, die im Deutschen Kaiserreich kurz vor der Jahrhundertwende beginnen: Am 7. März 1899 wird im niederschlesischen Wilhelmsthal ein Junge geboren, der auf Umwegen nach Hamburg kommt und dort später, im Jahre 1923 die Hamburger Bücherstube eröffnet, die noch heute als Buchhandlung Felix Jud besteht. 1890 gründete Salomon Haberland die Berlinische Boden-Gesellschaft, die an der Erschließung und Bebauung neuer Stadtteile mitwirkte. Im Jahr 1900 präsentierte diese Gesellschaft den Viktoria-Luise-Platz im neu entstehenden Bayerischen Viertel.

Buchhandlung Felix Jud in Hamburg | Bayerisches Viertel in Berlin

Buchhandlung Felix Jud in Hamburg | Bayerisches Viertel in Berlin

Die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts haben auf den Fortgang beider Geschichten massiv Einfluß genommen. Diese beiden Bücher bringen uns die Geschichten näher:

Rainer Moritz, »Die Fütterung der Schlangen geschah vor Ladenöffnung«. Geschichten von Felix Jud: Buchhandlung, Antiquariat, Kunsthandel, 2018

Gudrun Blankenburg, Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg. Leben in einem Geschichtsbuch, 2016

Die von Rainer Moritz verfaßte und zusammengestellte Hommage an die traditionsreiche Hamburger Buchhandlung Felix Jud erschien zu deren 95. Geburtstag. Der reich bebilderte, schmucke Band erzählt von den schwierigen Anfängen während der Inflationszeit in der Weimarer Republik, den Problemen im Nationalsozialismus und während des Krieges sie der Nachkriegsentwicklung. Der überraschende Tod des hochgeachteten Nachfolgers Willi Weber im Jahre 2016 überschattete die Jubiläumsvorbereitungen.

Gudrun Blankenburgs Kurzführer betrachtet die gehoben-bürgerlichen Bewohner des Bayerischen Viertels,  ihre großzügige individuelle Wohnsituation und das angenehme Gesamtklima: gute ärztliche Versorgung, reines Wohngebiet mit Geschäften,  ein intellektuelles Publikum. Eines dieser Geschäfte ist der am 11. März 1919 gegründete „Buchladen am Bayerischen Platz“. Gründer Benedict Lachmann hatte das Geschäft 1937 an seinen Mitarbeiter Paul Behr übergeben. Lachmann wurde nach Lodz deportiert, Behr geriet in russische Kriegsgefangenschaft, das Haus wurde zerbombt. Martha Behr fand in der Grunewaldstraße eine Möglichkeit, mit den geretteten Büchern weiterzumachen. Im Jahr 1975 erwarb Christiane Fritsch-Weith die Buchhandlung, die sie bis heute führt.

Die beiden Bücher bieten viele Informationen, eine gewisse Prise Tratsch und sind unterhaltsam geschrieben. Sie setzen sich mit den Brüchen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander und geben eine ganze Reihe Anstöße zum Nachdenken. Zwei gänzlich unterschiedliche Buchhandlungen als Kristallisationspunkte deutscher Zustände im 20. Jahrhundert – und beide erfüllen bis heute eine wichtige Funktion als Orte geistigen und kulturellen Lebens. Außerdem macht es Freude, dort Bücher – so die beiden hier vorgestellten Werke – zu kaufen und über Bücher zu reden.

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Henrik Ibsen | Zwei Dramen

Nora oder Ein Puppenheim, 1879, Uraufführung 1879 in Kopenhagen, Übertragung ins Deutsche von Marie von Borch, 1891

Hedda Gabler, 1890, Uraufführung 1891 in München, Übertragung in Deutsche von Emma Klingenfeld, 1891

Beide Werke sind während des sogenannten freiwilligen Exils von Henrik Ibsen (1828-1906) entstanden. Ibsen war mit seinen bisherigen Erfolgen nicht zufrieden und hielt auch die politische Situation in seiner Heimat für schwierig. Er verbrachte die Zeit von 1864 bis 1891 in Italien und Deutschland. 

Die zahlreichen während dieser Zeit entstandenen Bühnenwerke sind stilistisch und inhaltlich vielfältig gestaltet. Sie werden als naturalistische Gesellschaftsdramen bezeichnet, die die Beziehungen der Figuren zueinander peu à peu aufdecken und psychologisch analysieren. Häufig wird eine schwere Verfehlung in der Vergangenheit offenbart und zum Wendepunkt des Geschehens, nach dem ein Weiter so! nicht mehr möglich erscheint.

Nora oder Ein Puppenheim

In einer Krisensituation denkt Noras Ehemann nur an sich und sein Bild in der Gesellschaft. Als fünf Minuten später die Krise vorbei ist, glaubt er, so weitermachen zu können wie bisher. Doch Nora hat erkannt, was sie ihm tatsächlich bedeutet: nichts.

Deshalb setzt sie ihrem Mann auseinander, daß sie ihn jetzt gleich verlassen wird, um sich über sich selbst klar zu werden und um endlich selbstbestimmt zu leben.

Die Häuslichkeit, den Mann und die Kinder zu verlassen! Bedenke: was werden die Leute sagen?

Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich weiß nur, daß es für mich notwendig ist.

O, das ist empörend. So entziehst du dich deinen heiligsten Pflichten?

Was verstehst du unter meinen heiligsten Pflichten?

Das muß ich dir erst sagen! Sind es nicht die Pflichten gegen deinen Mann und gegen deine Kinder?

Ich habe andere Pflichten, die ebenso heilig sind.

Das hast du nicht. Was für Pflichten könnten das wohl sein?

Die Pflichten gegen mich selbst.

Vor allem bist du Gattin und Mutter.

Das glaub ich nicht mehr. Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie du, – oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden. (Dritter Akt)

Völlig perplex bleibt Helmer zurück.

Häuslichkeit und Eheleben werden in ziemlicher Betulichkeit geschildert, Helmer fällt durch seine kleinkarierten Ansichten auf.

Hedda Gabler

Das jüngere der beiden Bücher ist nach meinem Empfinden auch klar moderner. Die Ausdrucksweise ist natürlich höflich und gewählt, aber es wird doch temporeicher agiert. Hedda Gabler ist bereits eine nach den Maßstäben ihrer Zeit eigenständige und emanzipierte Frau. Sie hat einen leicht trotteligen Langweiler geheiratet, um sich durch den Ehestand zu stabilisieren. Doch die Vernunftehe hat keine gesunde Basis, weder im persönlichen Miteinander noch hinsichtlich der erwarteten ökonomischen Grundlagen. Ein verflossener Liebhaber sorgt für Unruhe, eine berufliche Konkurrenzsituation tut dies auch, dazu kommen Erpressungsversuche durch einen Hausfreund, der sich sexuelle Abenteuer erhofft.

Das Böse bricht sich Bahn, Hedda Gabler tut selbst Unrecht und verleitet ihren früheren Liebhaber zur Selbsttötung. Kaltblütige Ästhetik und ihr Wille zu Destruktion führen sie ins Abseits und so ist auch ihre Selbsttötung nur konsequent.

Resümee

Henrik Ibsens Dramen erlebten in der Spielzeit 2017/2018 im deutschsprachigen Raum 30 Inszenierungen und insgesamt 118.155 Zuschauer. Damit liegt er noch in den Top Ten der meistgespielten Autoren. 

Die beiden, im Fischer Klassik Taschenbuch zusammengefaßten Dramen haben sich auf den Spielplänen gehalten, sie sind bei Regie, Schauspielerinnen und Publikum gleichermaßen beliebt.

Die rechtliche Gleichstellung, um deren Umsetzung bereits zu Ibsens Lebzeiten gerungen wurde, hat sich allzu lange hingezogen, so daß die faktische Gleichbehandlung noch immer auf Widerstände stößt und in mühsamer Überzeugungsarbeit oder unter Zuhilfenahme der Gerichte erreicht werden muß. Aktuell haben zum Beispiel 105 von 160 börsennotierten Unternehmen keine Frau im Vorstand, 53 der Aufsichtsräte haben gar das Ziel „null Frauen“ im Vorstand formuliert.

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Geist und Gewalt: Eine Mentalitätsgeschichte

Ulrich Sieg, Geist und Gewalt |Foto: nw2019 #Geschichte #Deutschland

Ulrich Sieg, Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus |Foto: nw2019

Ulrich Sieg, Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, Müchen: Carl Hanser Verlag 2013, zugleich Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 248 Seiten plus 66 Seiten Apparat.

Überblick

Der Marburger Historiker legte eine Längsschnittuntersuchung der deutschen Universitätsphilosophie mit einem Fokus auf die Ideengeschichte vor. Dabei nimmt er fünf Episoden zwischen 1878 und 1942 und dabei jeweils exemplarische Denker in den Blick, bei denen es um Bewährung und Selbstvergewisserung ging, und zwar sowohl aus staatlicher, fachspezifischer und gesellschaftlicher Perspektive. Die komprimierte Darstellung stützt sich auf die Auswertung der relevanten Primärtexte und eine beeindruckende Fülle von Sekundärmaterialien, die die Rezeption der vorgestellten Gedankenwelten deutlich machen.

Die Anfangsjahre des Kaiserreichs, die Jahrhundertwende, der Erste Weltkrieg, die Weimarer Jahre und der Nationalsozialismus bilden die fünf Zeiträume, denen sich das Buch anhand exemplarisch ausgewählter Philosophen und Denkrichtungen zuwendet. 

Interessanterweise ist es fast der gleiche Zeitraum, auf den Stefan Zweig in seinem berühmten Buch »Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers« zurückblickte. Bei völlig anderem Gegenstand und Zugriff zeigen sich doch gewisse Parallelen – insbesondere die aus dem Verlust von Gewißheiten resultierende Unsicherheit.

Das ideen- und wissenschaftsgeschichtlich interessante Buch hat Verbindungen zu drei Leseprojekten, die in diese Periode fallen: Centennarium Erster Weltkrieg, Umbruch und Nationalsozialismus. In seinem Buch nimmt Ulrich Sieg die Geburt der Moderne in den Blick und verschränkt die drei Felder Politik, Wissen und Bildung sowie Öffentlichkeit. Er untersucht die Rolle von Intellektuellen und fragt, welche Diskursräume es gibt. Diese können institutionell begründet sein und/oder über Institutionen hinausgreifen und sich verselbständigen. Wie berühren sie das Verhältnis von Staat und Gesellschaft beziehungsweise wo werden sie in diesem Feld selbst verortet? Wer erlangt auf welche Weise Deutungshoheit? Wie gehen Menschen und Institutionen mit Dynamik um?

Siegs Buch ist die Frucht einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit diesen Fragen und zeigt durch eine breit abgestützte Recherche interessante Strukturen und Kontinuitäten auf. Dabei vertritt Sieg eine moderne Kaiserreichforschung und steht der Sonderwegsthese kritisch gegenüber (S. 7ff., ausführlich S. 114ff.).

Bismarcks innenpolitische Wende und Neugründung des Kaiserreichs

Innerhalb weniger Wochen wurden im Frühjahr 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt. Die von Bismarck inszenierte Umsturzgefahr war angesichts der beiden Einzeltäter und ihrer gesellschaftlichen Außenseiterpositionen maßlos übertrieben, ermöglichte der Regierung jedoch Angriffe auf die Sozialdemokratie und nötigte die Vertreter des Liberalismus dazu, sich mit Nachdruck zum Kaiserreich zu bekennen und sich dem konservativen Spektrum anzunähern.

Vor diesem Hintergrund äußerten sich viele – darunter hochangesehene und bedeutende – Gelehrte und diskutierten den Wert der (akademischen) Bildung für die politische Gesinnung. Eine aristokratisch begrenzte Bildung ohne Verwertbarkeitsanspruch wurde als sinnvoll angesehen, eine berufsorientierte Halbbildung hingegen als Grund des Übels begriffen. Dies begleitete eine innenpolitische Wende des Reichskanzlers, der nach den Attentaten einen konservativeren Kurs einschlug und die Liberalen auf dem Weg einer „inneren Neugründung des Kaiserreichs“ (S. 48) mitnahm. Daran schlossen sich intensive „nationale Selbstverständigungsdiskurse“ (S. 50) an, die von zunehmendem Kulturpessimismus und Hochschätzung der eigenen, deutschen kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen geprägt waren. Dies führte zur Entwicklung einer Wertphilosophie:

Neben protestantischen stehen nationalliberale Überzeugungen, und der Staat erscheint als zentrale Voraussetzung des Kulturfortschritts. (S. 51)

Sieg weist darauf hin, daß diese Hinwendung zu obrigkeitlichen Ordnungsvorstellungen keineswegs auf Deutschland beschränkt war und daß daneben viele liberale Professoren  trotz dieser Entwicklungen an ihren Überzeugungen festhielten. Den gesellschaftlichen und wirtschaftlich-technischen Wandel hatte freilich weder die Wertphilosophie noch die Langlebigkeit Wilhelms I. aufhalten können.

Jahrhundertwende: Modernisierung und Dynamisierung

Daß um die Jahrhundertwende „ein breites Bedürfnis nach Neuorientierung und motivierenden Zukunftsvisionen“ (Jürgen Reulecke) bestand, fand seinen Niederschlag in einer Fülle von Schriften, die sich dem anbrechenden Jahrhundert widmeten und auf mehreren Themenfeldern einen veritablen Generationenkonflikt manifestierten.

Vorausgegangen war eine rasche und sprunghaft zunehmende Modernisierung, Mobilität und Urbanisierung, die die sozialen Spannungen abfederte, aber nicht überwand. Verunsicherung war die Folge, das Bedürfnis nach Welterklärung und Synthese wuchs rapide. „Krisendiskurse und Grundsatzdebatten“ (S. 65) warteten geradezu auf Deutungen durch die hochangesehene deutsche Professorenschaft. Geistiger Bezugspunkt für die Älteren bleibt Kant, für die Jüngeren wird dies Fichte.

Sieg wendet sich der Universität Jena und den Professoren Haeckel und Eucken zu. Beide Männer wirkten jahrzehntelang in Jena und weit darüber hinaus, waren sie doch als Autoren auch populärwissenschaftlicher und essayistisch-politischer Schriften äußerst erfolgreich.

Breiten Raum in Siegs Untersuchung nimmt die Analyse der nichtwissenschaftlichen oder jedenfalls nicht ausschließlich wissenschaftlichen Schriften von Professoren ein. Diese besondere Art der Texte, die auf ein breites Publikum zielten, hatten insbesondere in Phasen der Unsicherheit, der Unklarheit oder der Umorientierung Konjunktur. Dieses politisch-essayistische Schreiben  konnte sich die wissenschaftliche Reputation des jeweiligen Autors zunutzemachen oder diese erst begründen – freilich auch untergraben.

Dabei sind die Frontlinien der Diskussion keineswegs ein für allemal abgesteckt. Der Kaiser plädiert für ein Modernisierung der Schule und den Anpassung an die Bedürfnisse der Wirtschaft und an ein tätiges Leben. Die konservativen und natürlich kaisertreuen Professoren lehnen die Pläne entschieden ab.

Haeckel und Eucken sind dann Rivalen um den Literaturnobelpreis, der nicht ohne Intrigen schließlich an Eucken geht. Für dessen generalisierenden Idealismus bildeten die Pastoren und Lehrer wichtige Multiplikatoren, was sich mit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1908 noch einmal verstärkte. Dies traf mit dem von Wilhelm Windelband konstatierten „Hunger nach Weltanschauung“ zusammen.

Weltkrieg und Radikalisierung der Diskurse

Trotz der massiven außenpolitischen Spannungen während der Julikrise hatten die Menschen Schwierigkeiten, an einen unmittelbar bevorstehenden Krieg zu glauben. […] Angesichts der ungewissen Zukunft suchten die Menschen Sicherheit in historischen Kontinunitäten. (S. 105f.)

Der Autor zeichnet ein differenziertes Bild der verschiedenen Haltungen und erklärt Äußerungen aus der Zeit heraus, betont die Uneindeutigkeit der Lage. Das Orientierungsbedürfnis war in allen europäischen Staaten groß, man versprach sich viel von der Erfahrung des Kriegserlebnisses und überall bekannte sich das Bürgertum zum jeweiligen Staat. Insofern stand der „Aufruf an die Kulturwelt“ vom 14. Oktober 1914 nicht alleine.

In der Diktion duldete das Manifest keinen Widerspruch. Schon die sechsmal wiederholte Anfangszeile »Es ist nicht wahr« bekundete das stolze Vertrauen in die eigene Überparteilichkeit. […] Tatsächlich zeigt sie eher jene eigentümliche Kombination aus Selbstgefälligkeit und gutem Gewissen, die zur Signatur des Wilhelminismus gehört. (S. 111)

Ergänzt durch interessante Ausführungen zur Verwendung beziehungsweise Verschmähung von Feindbildern und zur Dialogunfähigkeit mit den Intellektuellen der Nachbarländer analysiert Sieg die „Weltkriegsphilosophie“ Walter Euckens. Ohne an Deutschlands Mission und an seinem Sieg Zweifel aufkommen zu lassen, machte dieser aber die Gegner nicht verächtlich – und blieb auch deswegen im Ausland respektiert. Freilich fielen das Kriegserleben und die Durchhalterhetorik je länger der Krieg dauerte, desto mehr auseinander. Eine Verstärkung der Beschwörung der Gemeinschaft traf auf wachsende Sorge über den Kriegsausgang und die gesellschaftlichen Folgen des Massensterbens an der Front. In vielen kriegführenden Staaten wurde der innere Feind entdeckt: Judenpogrome in Rußland, Vertreibung von Griechen und der Völkermord an den Armeniern in der Türkei und die Judenzählung des deutschen Heeres. Im weiteren Verlauf des Krieges diskutierten die bürgerlichen Eliten den Begriff der Nation und die Zugehörigkeit zu dieser. Bruno Bauch knüpfte an den heute sogenannten Berliner Antisemitismusstreit 1879-1881 (Treitschke: „Die Juden sind unser Unglück.“ (1879) an, verschärfte dabei aber die Argumentation: Juden sei eine echte Integration überhaupt nicht möglich. Ernst Cassirer trat dem vehement entgegen. In Folge der Auseinandersetzung trat Bauch als Herausgeber der renommierten Zeitschrift Kant-Studien zurück, um danach festzustellen, daß er „eine Art jüdischer Oberzensurbehörde nicht anerkennen könne“. Viele Stimmen beklagten daraufhin eine „Verjudung“ von Kultur und Universitäten.

Gleichzeitig kam es unter starker, zumeist verfälschender  Mithilfe von Elisabeth Förster-Nietzsche zu einer veränderten Nietzsche-Präsentation. Der Philosoph wurde als martialischer Patriot dargestellt und Auszüge aus seinen Werken avancierten zur soldatischen Lektüre im Schützengraben.  Antisemitismus, Nationalismus und Eitelkeiten vertiefen die Gräben innerhalb der Gesellschaft, derweil in den Schützengräben die zunehmend als hohl empfundene Rhetorik ab dem zweiten Kriegswinter immer weniger verfing.

Nach dem Zusammenbruch

Der Neustart fand unter innen- wie außenpolitisch schwierigen Bedingungen statt. Sieg unterstreicht eine weitere Dimension:

Was die Zukunftslosigkeit einer extrem geprägten Generation für die Gesellschaft bedeutete, bedachten zu Beginn der Weimarer Republik freilich nur wenige. Der Erste Weltkrieg hinterließ nicht nur materielle Zerstörung, sondern auch tiefe geistige Leere. (S. 152)

Fortschrittsglauben und klassische Bildung waren gleichermaßen entzaubert, Kulturpessimismus, Untergangsphantasien und Verschwörungstheorien griffen Platz. Sieg geht auf den Philosophen Max Wundt ein, der sich in diesem Bereich hervortat. In der Universitätsphilosophie erlebte Fichte nach 1918 eine große Renaissance, die in die akademisch gebildeten Kreise ausstrahlte. Daran schlossen sich zunehmend völkische und antisemitische Überzeugungen an; die Meinungslandschaft wurde ideologisch aufgeladen und zerklüfteter. Hinzu kam die Isolierung Deutschlands und seiner Gelehrten.

Zudem hatte der Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik im Ersten Weltkrieg weitreichende Folgen. So dauerte es bis Mitte der zwanziger Jahre, ehe deutsche Wissenschaftler wieder zu ausländischen Kongressen eingeladen wurden. (S. 167)

Das Buch geht nun auf die Debatte über Gemeinschaft und Gesellschaft (so der bekannte Titel von Ferdinand Tönnies) ein, die während des Krieges und vor allem danach eine ganz neue Dimension und Dringlichkeit gewann. Plessner, Scheler und Freyer sind die Protagonisten der sich anschließenden Debatten, die Sieg hier kundig zusammenfaßt.

Überdies drang die Weimarer Modernität nur selten in die akademische Welt vor, und dies gilt gerade für die Universitäten mit ruhmreicher Vergangenheit wie Freiburg, Jena oder Tübingen. (S. 188)

Und so ist eine Interessante Mischung zu beobachten: der alte, liberalkonservative Eucken, die jungen Radikalen um Wundt und schließlich Martin Heidegger, der seine große Zeit noch vor sich hatte.

Nationaler Extremismus

Nach 1933 konnte beobachtet werden, daß die große Mehrheit der Universitätsprofessoren auf die Linie der NSDAP einschwenkte, die ihrerseits den alten Bildungseliten skeptisch gegenüberstand. Der nationalsozialistische Staat eröffnete sich mit dem sogenannten Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Möglichkeit, mißliebige – und das hieß vor allem jüdische – Wissenschaftler zu entfernen und regiefreundlichere Personen auf begehrte Stellen zu setzen. Dies sicherte der Partei weitere Unterstützung zu. Nach 1933 traten auch mehr Professoren in die Partei ein, auch Philosophen – von denen bis Kriegsausbruch rund ein Drittel der 180 Lehrstuhlinhaber diesen Schritt taten; weitere schlossen sich NS-Teilorganisationen an.  Wie andere Geisteswissenschaften suchte auch die Philosophie die Nähe zum Regime und versuchte sich an einer Anschlußfähigkeit der neuen Ideologie an überkommene Denktraditionen, die notfalls gehörig umgedeutet wurden. Umgekehrt hielten viele Vertreter der NSDAP wenig vom bürgerlichen Habitus der älteren Professoren und ordneten die Geisteswissenschaft dem zu überwindenden Liberalismus zu. Die kritisch-aqnalytischen Denker wurden ins Exil getrieben, die zurückbleibenden Wissenschaftler, die der Weimarer Republik kritisch gegenübergestanden hatten, waren zumindest anfangs voller Hoffnung über die erwartete Reformkraft der „neuen Zeit“. Kant war außer Mode, ein völkisch mißverstandener Nietzsche wurde dagegen bedeutsamer.

Neben Heidegger nennt das Buch noch Alfred Baeumler, Ernst Krieck und Erich Rudolf Jaensch als einflußreiche und regimenahe Wissenschaftler der Zeit. Sieg erläutert ihre ideologiebeladene Forschung; ausführlich am Beispiel des Psychologen Jaensch.

Sehr interessant sind die Ausführungen über die skurrile Geschichte der im Auftrag des Bildungsministeriums erarbeiteten Festschrift zum 50. Geburtstag Adolf Hitlers, die – man glaubt es nicht! – beinahe verboten worden wäre.

Während des Krieges geschah folgendes:

500 Gelehrte aus zwölf Disziplinen nahmen an dem »Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften« teil und verfaßten 67 Bücher. Häufig handelte es sich um Sammelbände, die recht heterogene Beiträge unter einer übergeordneten, inhaltlich vagen Chiffre bündelten […] (S. 226)

Sieg beschreibt die offenbar recht eintönigen Bände, die sich am deutschen Wesen in allerlei Gestalt abarbeiten und – so Siegs Analyse – von geistiger Enge und nationaler Introvertiertheit Zeugnis ablegen. Auch könne von echter Resonanz kaum gesprochen werden.

Mein Fazit

Das gut lesbare Buch beruht auf einer breiten Quellengrundlage. Der Verfasser hat sich mit den behandelten Personen und ihrem Werk intensiv beschäftigt und kann sein Wissen und seine Schlußfolgerungen verständlich und überzeugend präsentieren.

Sein Urteil über die Philosophie fällt letztendlich recht milde aus, insoweit sich ihre Vertreter – verglichen mit Medizinern oder Juristen – kaum unmittelbar schuldig gemacht haben. Ihre Verantwortung beginnt früher, bei der Prägung des allgemeinen geistigen und spezifisch wissenschaftlichen Diskussionsklimas, bei der mangelnden Unterstützung der Weimarer Republik. Ihre Vertreter hatten teil am allgemeinen Elitenversagen. Sie hingen allzu lange einer Welt von vorgestern an, deren Wandlungen bereits vor 1914 sie nicht richtig zu deuten und verantwortungsvoll zu begleiten wußten.

 

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Ingeborg Bachmann | Eine biographische Annäherung

Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken, 2017, Tb. 2018, 265 Seiten plus 53 Seiten Apparat.

Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann?

Ina Hartwig, Wer war Ingeborg Bachmann?

Die promovierte Gesisteswissenschaftlerin, Autorin und Literaturkritikerin ist seit 2016 Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main. Sie wurde u.a. 2011 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.

In acht Kapiteln nähert sich Hartwig der Person Ingeborg Bachmann aus unterschiedlichen Perspektiven und unter Betonung unterschiedlicher Aspekte ihrer Persönlichkeit, ihres Lebens, ihres Werk oder ihrer Bezugspersonen. Sie ergänzt dies um die Wiedergabe von mehreren Gesprächen, die sie zur Vorbereitung des Buches mit Zeitzeugen geführt hat.

Daraus entsteht diese „Biographie in Bruchstücken“, die weder chronologische Vollständigkeit anstrebt noch sämtlichen Dimensionen dieses komplexen und intensiven Lebens gerecht werden will. Im Ergebnis gelingt es der Autorin, Ingeborg Bachmann als eigenständige und starke Frau vorzustellen, deren Lebensspanne (1926-1973) genau in die Mitte des 20. Jahrhunderts fällt und die dazugehörenden Verwerfungen umfaßt.

Eine von Männern dominierte Welt entsteht vor dem inneren Auge der Leser, in der Frauen bestimmte Rollen und Möglichkeiten zugewiesen bekommen; Bachmann will sich nicht einordnen lassen, sondern sich selbst positionieren. Hartwigs Buch zeigt Möglichkeiten, Gefahren und Grenzen eines solchen Wegs anschaulich auf.

Wir essen Schwarzbrot, damit ihr euer Werk schreiben könnt!
(S. 208; Ausruf von Marianne Oellers, der späteren Ehefrau von Max Frisch)

Andere Frauen, wie Marianne Oellers oder wie Christine Koschel und Inge von Weidenbaum –  Mitherausgeberinnen von Bachmanns Werken – oder die Fotografin Renate von Mangoldt, haben andere Pfade eingeschlagen, aber sie berichten anschaulich über ihre Begegnungen mit Ingeborg Bachmann. 

Das Buch führt nicht in das Werk Ingeborg Bachmanns ein, vielmehr setzt es an manchen Stellen dessen Kenntnis voraus. 

Besonders interessant fand ich die Abschnitte über das Internationale Seminar in Harvard, das Henry Kissinger als junger  Mann für die Ford-Stfitung organisiert hatte, und über das Gespräch Hartwigs mit dem mittlerweile 93-jährigen in Berlin. Bachmann war 1955 in Harvard (S. 84ff.) und ein Briefwechsel mit Kissinger während der folgenden zehn Jahre (S. 261ff.) beschließt das Buch. Bachmann gewinnt dadurch für Hartwig eine über das Werk hinausgehende Zeitgenossenschaft.

Das eigenwillig geschriebene Buch lohnt die Lektüre. 

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