Frau Jenny Treibel

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, 1893 (als Buch), 2005 (Große Brandenburger Ausgabe), 223 Seiten plus 150 Seiten Apparat.

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel | Foto: nw2020

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel | Foto: nw2020

Die Geschichte beginnt ohne Exposition, führt sofort die Titelfigur und weitere Hauptpersonen ein, charakterisiert diese und ihr Verhältnis zueinander und mündet sodann in eine für Fontane typische Situation, nämlich in ein Abendessen, welches hier natürlich Diner heißt.

Zur Handlung

Jenny Treibel, geborene Bürstenbinder, hat es von der Krämerstochter zur Fabrikantengattin gebracht; Treibel freilich hat für ihren Geschmack zu geringe Ambitionen – er ist bislang lediglich Kommerzienrat geworden und betreibt auch eine Kandidatur um ein Abgeordnetenmandat eher halbherzig – und allzu wenig Kunstverständnis. Die „Frau Commerzienräthin“ würde gerne in besseren Kreisen verkehren und auch ihre sentimentale Ader stärker gewürdigt wissen.

Letzteres findet sie bei Wilibald Schmidt, Gymnasialprofessor und einst quasi ihr Verlobter, der ihr ein Gedicht schrieb, das sie noch heute auf Soiréen zu Klavierbegleitung singt. Dieser, inzwischen Witwer, weiß, was von ihm erwartet wird, seit er für Treibel zurücktreten mußte.

Mit ihrem Ansinnen, Leopold, den jüngeren Sohn der Treibels zu heiraten, löst Schmidts Tochter Corinna heftige Gegenreaktionen von Jenny Treibel aus, die für ihren Sohn eine bessere Partie will und deshalb sogar den Widerstand gegen die Schwester ihrer Schwiegertochter aufgibt, gegen deren Hamburger Dünkel sie bislang in Opposition stand.

Nach einer Phase des Zuwartens, während derer Leopold, eher bläßlich und schwächlich, sich nicht zu einem Akt des Widerstands gegen die Pläne seiner Mutter aufraffen kann, gibt Corinna das Projekt der materiell lohnenden Vernunftehe auf und entscheidet sich für ihren Vetter Marcell Wedderkopp, einen Lehrer, dessen mögliche Beamtenkarriere kaum über die ihres Vaters hinausführen und mithin keine Verbesserung der Lebensumstände bedeuten wird.

Fontanes Aussage

Das Buch kreist um den Gegensatz zwischen Bildungs- und Besitzbürgertum, um die Frage, ob das Glück eher in den kleinen Verhältnissen des Gelehrtenstandes oder doch in den üppigeren der Bourgeoisie zu finden sei. Fontane bezieht hier klar Stellung, sowohl als Autor des vorliegenden Romans wie auch im wirklichen Leben, wie der Anhang durch briefliche und andere Äußerungen des Dichters belegt.

Der Bourgeois versteht nicht zu geben, weil er von der Nichtigkeit seiner Gabe keine Vorstellung hat. (Aus einem Brief Fontanes, S. 232)

Das stille Glück innerer Erfüllung bei materieller Bescheidenheit entsprach längst nicht mehr dem Stil der Zeit, der Gründerkrach war vergessen und Berlin entwickelte sich.

Ambivalent bleibt die Figur Treibels, der berechnender Geschäftsmann sein und  gesellschaftliche Ambitionen zeigen muß und natürlich auch will. Gleichwohl geht ihm jede Überspanntheit ab und er will seine Ursprünge nicht verleugnen.

Grundvoraussetzung für das bürgerliche Leben ist übrigens gutes Personal, eine Erkenntnis, die sowohl von Professor Schmidt als auch im Hause Treibel formuliert wird.

Das zweite Thema des Buches ist das Eheleben. Fontane leuchtet es durch Gespräche unter Eheleuten aus – Treibel muß wie sein Sohn Otto manche Schlacht schlagen. Beim Lesen mußte ich immer an Wotan und Fricka denken: »Der alte Sturm, die alte Müh!«

Köstlich ist das Gespräch zwischen Treibel und dem Hausfreund Krola:

Treibel wiegte den Kopf. »Ja, sehen Sie, Krola, Sie sind nun so ein gescheidter Kerl und kennen die Weiber, ja, wie soll ich sagen, Sie kennen sie, wie sie nur ein Tenor kennen kann. Denn ein Tenor geht noch weit übern Lieutenant. Und doch offenbaren Sie hier in dem speciell Ehelichen, was doch wieder ein Gebiet für sich ist, ein furchtbares Manquement. Und warum? Weil Sie’s in Ihrer eigenen Ehe, gleichviel ob durch Ihr oder Ihrer Frau Verdienst, ausnahmsweise gut getroffen haben. Natürlich, wie Ihr Fall beweist, kommt auch das vor. Aber die Folge davon ist einfach die, daß Sie – auch das Beste hat seine Kehrseite – daß Sie, sag‘ ich, kein richtiger Ehemann sind, daß Sie keine volle Kenntniß von der Sache haben; Sie kennen den Ausnahmefall, aber nicht die Regel. Ueber Ehe kann nur sprechen, wer sie durchgefochten hat, nur der Veteran, der auf Wundenmale zeigt.« (S. 138)

Fontanes Stil

Ob Herrengespräch, ehefrauliche Standpauke oder Dienstbotentonfall – Fontane trifft alles!

Aber offen gestanden, die Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, capitales Weib, und muß zu ihrer Zeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Rasse, Temperament, und wenn ich recht gehört habe, so pendelt ihre Vergangenheit zwischen verschiedenen kleinen Höfen hin und her. Lady Milford, aber weniger sentimental. Alles natürlich alte Geschichten, man könnte beinahe sagen, schade. (S. 46f.)

Nach der Auseiandersetzung zwischen Jenny Treibel und Corinna Schmidt um die Unangemessenheit der Verlobung heißt es:

In das Zimmer zurückgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte: »Corinna, wenn ich nicht Professor wäre, so würd‘ ich am Ende Socialdemokrat.« (S. 189)

Als Marcell schließlich um Corinnas Hand angehalten hat, sagt der Professor:

Diese Treibelei war ein Irrthum, ein ›Schritt vom Wege‹, wie jetzt, wie Du wissen wirst, auch ein Lustspiel heißt, noch dazu von einem Kammergerichtsrath. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische macht frei… (S. 212)

Mein Fazit

Der Roman ist gut gestaltet, die Figurenzeichnung ist überzeugend, der Stil gefällt mir ausnehmend. Fontane orientiert sich meist an tatsächlichen Geschehnissen, realen Personen und bekannten Verhältnissen und amalgamiert daraus dann eine  Geschichte, die zwar in der Summe Fiktion ist, aber  kraft ihres Wiedererkennungswertes Wahrhaftigkeit erlangt.

Der Herausgeber des Bandes, Tobias Witt, nimmt im Anhang kluge Einordnungen vor. Die nachfolgenden Erläuterungen freilich sind sehr kleinteilig. Jede Bibelstelle, jedes Bismarckwort, jedes Schillerzitat und jedes Berliner Bauwerk werden nachgewiesen, hergeleitet und erläutert – ist das editorischer Ehrgeiz oder Unterstellung grenzenloser Unwissenheit bei den Lesern? Der „Nigger“ auf S. 51 bleibt hingegen unkommentiert – 2005 war die Welt noch eine andere.

Davon abgesehen sind die Bände dieser Ausgabe schön gestaltet und insgesamt empfehlenswert. Der Roman selbst ist stark, obwohl nicht so ausgreifend wie »Der Stechlin«, aber doch lesenswert. Rhythmus und Sprache sind sehr gut, Gedankenwelt und Konfliktlagen lohnen stets einen zweiten Blick.

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Die Fassadendiebe

John Freemann Gill, Die Fassadendiebe, 2017, dt. 2017 (aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Nikolaus Hansen), 457 Seiten.

Lesehistorie

Bei meinem ersten Versuch bin ich bis Seite 49 gekommen und habe das Buch dann zwei Jahre im Regal stehen lassen. Sicher hatte ich damals keine Zeit oder ein anderes Buch interesierte mich mehr, denn nun bin ich glatt über diese Klippe hinweggekommen, wobei an dieser Stelle lediglich das dritte Kapitel endet. Daß Uwe, der Kaffeehaussitzer, dem Buch eine begeisterte Besprechung gewidmet hatte, sorgte dafür, daß ich das Buch nicht vergaß.

Im Juni 2020 hatte ich einen gewissen Leseflow für vierhundertseitige Romane, und so war die Zeit reif für diesen New-York-Roman.

Inhalt

Die Auflösung von Familienstrukturen durch eine Trennung der Eltern bringt die Welt von Kindern und Heranwachsenden ins Wanken. In einer generell unsicheren und rauhen Umgebung, wie sie das New York der 1970er Jahre darstellte, liegen Trauma und Abenteuer, Gefahr und Chance dicht beeinander. Griffin, der dreizehnjährige Erzähler, und seine ältere Schwester Quigley, sind in genau dieser Situation, denn ihre Eltern haben sich getrennt, der Vater schaut nur noch sporadisch vorbei. Sie leben bei ihrer Mutter in einem alten Haus, wo halbseidene Untermieter kaum etwas zur Finanzierung beitragen. Schule und Pubertät sind für Griffin naheliegende und mitunter anstrengende Themen, aber er macht sich auch auf die Suche nach dem abgetauchten Vater.

Zu ihm einwickelt sich dann eine intensive Beziehung auf einer neuen Grundlage. New York ist teilweise rechtbrutalen Modernisierngseingriffen ausgesetzt, und Vater Nick hat es sich zur Aufgabe gemacht, kleinere und größere Details der Architektur und insbesondere der Fassadendekorartion vor dem Untergang zu bewahren. Dabei ist ihm der kleine und eher schmächtige Griffin eine wertvolle Hilfe.

Für den Sohn steht zunächst das gemeinsame Erleben im VOrdergrund, doch dann wird er selbst zu einem Sammler und will zur Bewahrung der Statd in ihren Emblemen beitragen.

Viel später, er ist inzwischen selbst Vater und Zeuge noch weitreichender Veränderungen geworden, überlegt er, wie sein Kind die Stadt erleben und beobachten wird.

Stil

Das Buch ist klar geschrieben, meist dynamisch vorwärts drängend. Es gibt spannende und auch gefährliche, ja lebensbedrohende Situationen – vielleicht ein bißchen viel auf einmal – und man steuert mit einer gewissen Atemlosigkeit auf den dramatischen Höhepunkt zu.

Irgendwann wird auch klar, daß Griffin im Erwachsenenalter aus der Rückschau erzählt, denn gerade am Anfang ist die Perspektive nur im Ansatz die eines Dreizehnjährigen.

Für mich gewann auch die Figur Griffin viel mehr Plastizität als sein Vater oder gar Mutter und Schwester. Obwohl er insgesamt ja mehr über die anderen spricht als über sich selbst, erfährt man als Leser doch sehr viel über ihn.

Eindruck

Wandel und Beständigkeit, Bedrohlichkeit und Chance von Veränderungen – der Roman spricht wichtige Themen an. Der erwachsene Mann, der sich um die Stadt sorgt, die er kennt, der Teenager, der sich vor dem Zerfall seiner Familie fürchtet – ihre jeweiligen Ängste führen sie zusammen und lassen sie eine neue Gemeinsamkeit erfahren. Das wird, so finde ich, gut erzählt und umgesetzt. Es hat mich als Leser auch deswegen berührt, weil ich diese Art der Nähe zum Vater sehr gut nachvollziehen konnte. Ich bin gut zwanzig Jahre land, ungefähr von acht bis achtundzwanzig, in den Schul- und später den Semesterferien sowie im Referendariat mit meinem Vater arbeiten gegangen. Auch enn ich ihm auf den Baustellen sicherlich nicht oft eine echte Hilfe gewesen bin, so war diese gemeinsame Zeit, die geteilte Anstrengung und das Ergebnis, auf das wir abends erschöpft zurückblicken konnten, eine gute Erfahrung, die mir heute noch wertvoll ist nd uns immer noch verbindet.

Mehr als Spannung und gute Unterhaltung: Das Buch hat einen Nerv getroffen.

 

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Ruth Tannenbaum

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum, 2006, dt. 2019 (aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert), 448 Seiten.

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum | Foto: nw2020

Miljenko Jergović, Ruth Tannenbaum | Foto: nw2020

Kurzgefaßt

Gerade einmal 21 Jahre umfaßt der zeitliche Rahmen dieses Buches, das einsetzt, als Salomon Tannenbaum im Jahr 1920 den Gasthof „Zum österreichischen Kaiser“ betritt und sich nicht offensiv genug zum neuen Königreich Jugoslawien bekennt. Es endet an jenem Tag im März 1941, als Geheimpolizisten des mittlerweile faschistischen Kroatien seine Tochter Ruth abführen.
Der Roman greift aber immer wieder weit zurück in die wechselvolle Geschichte des Landes mit den mächtigen Nachbarn Ungarn, Österreich, Serbien, dem Osmanischen Reich und Italien. Für diese Jahrhunderte wie auch für die bewegte Zwischenkriegszeit gilt, daß die Menschen ihr Leben leben müssen und wollen: Heiraten und Kinder bekommen, Geschäfte machen und zur Arbeit gehen, essen und trinken, Geschichten erzählen, Gotteshäuser aufsuchen und Feste feiern. Da ist es beinahe egal, welcher Kaiser oder König in seiner fernen Hauptstadt das Sagen hat.

Zur Handlung

Als Leser begleiten wir Salomon Tannenbaum, genannt Moni, für zwanzig Jahre auf seiner Lebensreise, während derer er einen Großteil der vorgenannten Dinge erlebt und erledigt. Wir lernen ihn, seine Frau Ivka und beider Tochter Ruth kennen, seinen Schwiegervater Abraham Singer und die Nachbarsfamilie Alicija und Radovan Mosinj. Bei ihnen, die ihren kleinen Sohn Antun verloren haben, verbringt Ruth zwei Tage die Woche. Nach einigen Jahren bringt Alicija die mittlerweile achtjährige Ruth zu einem Vorsprechen ins Nationaltheater, woraufhin sich alles verändert.
Die Tannenbaums trumpfen auf, obwohl sie Juden sind. Doch dann kommen die Ustascha an die Macht.

Indes die Lichter in Europa ausgingen, badete Zagreb im Glanz von Schauspiel, Tonfilm und Eitelkeit und legte im Wettbewerb mit anderen jugoslawischen Städten und Kleinstädten großen Wert auf diese Fähigkeit, die 1940, als der Krieg die Westfront erreichte und die Luftschlacht über England tobte, zum Höhenflug ansetzte, weil der friedfertigem bescheidene Volksführer Maćek die kroatische Banschaft erkämpft hatte und im Gewand seiner stillen Kupinecer Revolution alles möglich schien. Mit offiziellen Ehrungen, Symbolen und Emblemen befreite sich unsere Kulturelite von den staubigen serbischen Opaken einerseits und verwahrte sich andererseits gegen die kommunistisch-kosmopolitische Heimatlosigkeit. (S. 320f.)

Zum Stil

Unaufhörlich werden Geschichten erzählt, von früher, ob selbst erlebt oder aus zweiter Hand. Diese kommentieren und reflektieren die Handlung, die ihrerseits eingebettet ist in die Entwicklung des Königreichs Jugoslawien ab 1920 und die Etablierung des faschistischen Kroatien, der Erzählzeit des Romans. Ohne Rückgriffe in die Vergangenheit, teilweise bis in die 1850er Jahre, kommt das Epos aus Ostmitteleuropa nicht aus.

Eine wichtige Rolle nimmt Zagreb ein, gleichermaßen als Ort wie als Menschenkollektiv. Es ist Fixpunkt der jahrzehntelang eingeübten Abgrenzung, ob nach Wien, Budapest oder Belgrad. Prag oder Kiew spielen hingegen keine Rolle, auch nicht Triest oder Venedig. Berlin, ja da kommt dieser Hitler her, doch den nehmen zu wenige Ernst. Erst als ein Gastspiel des Nationaltheaters in Wien ansteht, schenkt man Nationalsozialisten etwas mehr Aufmerksamkeit. Wien, das nun im Großdeutschen Reich liegt, gerinnt zum Ort eines Triumphs der nationalen Selbstdarstellung beim Nachweis für den Rang der kroatischen Kultur. Was macht es da, daß das jüdische Mädchen Ruth Tannenbaum als Christine Horvarth annonçiert wurde? Das großdeutsche Feuilleton lobt ihr reines, altertümlich-strenges Deutsch und nennt sie einen Fels ihres kroatischen Stammes.

Mal ist es sanfte Ironie, mal beißender Spott, mit dem der Autor seine Figuren bedenkt, ihre Naivität, ihren Dünkel. Wie kann es im Völkergemisch des Balkan kollektive Identitäten, wie eine nationale Idee geben – beziehungsweise um welchen Preis und zu wessen Lasten können völkische Utopien verwirklicht werden? Dies wird nicht abstrakt ausgedeutet, sondern anhand einzelner Figuren und ihrer Rede veranschaulicht. Mit dem Wissen um die weitere Entwicklung der vierziger Jahre und die Eruption während der Neunziger bleibt mir so manches Mal das Lachen im Halse stecken.

Für Inka war das, was sich näherte, einfach da. So wie es Regenwolken, den Vollmond oder Flut und Ebbe gibt, es machte keinen großen Unterschied, ob Unwetter oder Hitler über Europa zogen. Er wetterte gegen die Juden, schleuderte Blitze gegen sie, nahm ihren Besitz weg, verjagte sie vom Arbeitsplatz, warf sie aus ihren Wohnungen. Das tat er in Deutschland, doch durfte er es außerhalb Deutschlands tun? Und selbst wenn, selbst wenn er so verrückt wäre, es wäre nicht der Weltuntergang, Hitler lebt nicht ewig, so wenig wie Hindenburg ewig lebte, so wenig wie die bisherigen Herren Stojadinović und Jevtić ewig lebten. Gestern noch waren sie das Maß aller Dinge, heute sind sie verschwunden. So wird es auch Hitler ergehen. Wir werden über uns selbst lachen, weil wir ihm so viel Bedeutung zugemessen haben, wir werden auf uns selbst böse sein, weil wir eine solche Angst, lauter böse Ahnungen, Albträume hatten, uns böse Worte an den Kopf warfen und damit en Urlaub in Opatija versauten, und alle wegen diesem Hitler. (S. 283)

Mein Fazit

Das unbedingt empfehlenswerte Buch ist stark erzählt, es hat eine sehr gute Geschichte. Die Charaktere werden treffend gezeichnet, wobei sich einfühlsame Porträts mit groben Karikaturen abwechseln. Der Mensch ist ahnungsvoll und unwissend zugleich, endgültig aus dem Paradies vertrieben. Kultur ist hohl und Kulturschaffende werden zu Mägden und Knechten der Macht, korrupte Profiteure und chancenlos Ausgelieferte zugleich. Das Böse ist banal.

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Beginn der Barbarei in Deutschland

Bernard von Brentano, Beginn der Barbarei in Deutschland, 1932, Neuauflage 2019, 313 Seiten.

Bernard von Brantano, Der Beginn der Barbarei in Deutschland | Foto: nw2020

Bernard von Brantano, Der Beginn der Barbarei in Deutschland | Foto: nw2020

Wie gut altern tagesaktuelle Texte? Das war eine der Fragen, die mich beim Lesen dieses Buches immer wieder beschäftigt hat.

Es handelt sich um eine rasante Mischung aus Essay und Pamphlet, aus Reportage und Kompilation von Zeitungsartikeln, Verbandsmitteilungen und Interviews. Der hektisch-reißerische Stil der späten Zwanziger wird kontrastiert mit Versatzstücken aus dem Seminar über Marxismus-Leninismus. Es ist ein sprachlicher Strudel, aus dem der harte Arbeitstag in der Industrie ebenso hervorspäht wie das Elend der proletarischen Massen auf der einen und das Gewinnstreben der großen und kleinen Kapitalisten auf der anderen Seite.

Der Autor

Bernard von Brentano (1901-1964) stammte aus einer deutschen Politiker- und Künstlerfamilie; sein Vater Otto Rudolf (1855-1927) war Rechtsanwalt und Zentrumspolitiker als Minister und Abgeordneter, sein Bruder Heinrich (1904-1964) wurde nach dem Krieg Außenminister und war lange Jahre Vorsitzender der Bundestagsfraktion von CDU/CSU. Bernard war nach dem Studium ausschließlich als Journalist und Schriftsteller tätig. Sein Roman »Theodor Chindler« ist eine lesenswerte gesellschaftspolitische Studie der Kaiserzeit.

Das Buch

Dieses Buch veröffentlichte er 1932 als Ergebnis einer zweijährigen Recherche. Kurze Zeit später waren die Nationalsozialisten an der Macht und Studenten verbrannten Bücher, deren Autoren und / oder Inhalt sie für „undeutsch“ hielten. Brentano gehörte dazu.

Brentano schaut mit seinem Buch dorthin, wo es nichts Heroisches oder Erhabenes zu sehen gibt. Er zeigt Mühsal und Plage, Armut und Ausbeutung, Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit. Er zeigt dies durch direkte Beschreibung, durch Zahlenkolonnen und Tabellen, aber auch durch die Phrasen von Verlautbarungen und Programmschriften.

Die Republik, so Brentano, hat den Arbeitern und Bauern auf wirtschaftlichem Gebiet nichts gebracht. Der Monopolkapitalismus besteht unverändert fort und die SPD hat den Staat gerettet, um nun an der Unterdrückung der Arbeiter mitzuwirken.

Für Brentano ist die abgewürgte Revolution, das verhinderte Sowjetdeutschland das Kainsmal der Republik. Der Staat dient dem Monopolkapitalismus, er verachtet und vergeudet das Leben seiner Arbeiter. Deren Klassenbewusstsein ist zerstört durch die Kapitalisten und preisgegeben durch die SPD. Vertane Jahrzehnte seit Marx’ Erkenntnis und erneut seit Lenins Tat – so seine Analyse.

Die Lehren

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es, aber auch, daß man aus Fehlern lernen müsse. Im Fall der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gab es viele Fehler. Gibt es also auch viel zu lernen? Und was bedeutet das eigentlich?

Ernst Fraenkel, damals Gewerkschaftsanwalt, schlug 1932 vor, ein konstruktives Mißtrauensvotum in die Verfassung aufzunehmen, damit ein Reichskanzler nicht nur gestürzt werden könne, sondern immer auch wieder ein neuer Reichskanzler gewählt werden müsse. Diesen Stabilitätsmechanismus enthält das Grundgesetz in Art. 67. „Wir“ haben also aus der Geschichte gelernt und vorbeugend einem rein destruktiven Parlamentarismusverständnis einen Riegel vorgeschoben; andere Vorschriften sichern dies ebenfalls ab. Letztendlich, so die Vorstellung, müsse offen geputscht werden, ein Abgleiten in die Diktatur unter dem Deckmantel des Grundgesetzes soll ausgeschlossen sein.

In der Theorie muß es freilich offen bleiben, wie sich ein Regelwerk, das als Antwort auf vergangene Krisen aufgesetzt wurde, in einer neuen Krise bewähren wird. Vor allem, wenn die Krise anders, unvorhergesehen sein wird. Aber wird sie das? Ist sie das?

Meine Kritik

Das Buch ist eine Streitschrift, also zuspitzend, ja tendenziös, jedenfalls kampfeslustig. Man darf also keine ausgewogene Darstellung erwarten. Ein Blick etwa in „Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie“ von Heinrich August Winkler zeigt Gesamtzusammenhänge, die Brentano naheliegenderweise ausspart.

Marxismus und Sowjetkommunismus – für Unverbesserliche noch nicht einmal letzterer – haben sich in den folgenden Jahrzehnten diskreditiert. Brentano immerhin ging zu seiner Schrift später auf Distanz. Inwieweit Analysemodelle, die angesichts englischer Wirtschaftsverhältnisse Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, im 21. Jahrhundert noch Gültigkeit haben, sollte zumindest kritisch hinterfragt werden.

Zutreffend ist in jedem Fall der moralische Vorwurf, den Brentano erhebt. Ihn zu entkräften, war der sozialliberale Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa angetreten. Ist er der „richtige“ Endzustand der Geschichte, zu dem es zurückzukehren gilt, oder ist er, von heute aus betrachtet, nur eine Episode gewesen? Hat eine neue Epoche der Barbarei schon wieder begonnen?

Der Vorzug von Brentano Buch liegt unbestreitbar darin, zum Nachdenken anzuregen. Die Unmittelbarkeit der präsentierten Quellen ist spürbar, auch wenn sie nicht von Quellenkritik enthebt.

 

Das Buch hat mir der Eichborn-Verlag als Rezensionsexemplar zugesandt, wofür ich an dieser Stelle danken möchte.

Eine Besprechung findet sich auf dem Blog Kaffeehaussitzer.

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