Der Stechlin von Theodor Fontane

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Neuruppin, Gedenktafel an der Löwen-Apotheke. Foto: nw2013

„Mein“ Stechlin ist 1992 bei Manesse in 6. Auflage erschienen, der berühmte Farbstreifen auf dem Schutzumschlag der »Manesse Bibliothek der Weltliteratur« und der Leinendeckel leuchten irgendwo zwischen RAL 2000 (Gelborange) und RAL 8023 (Orangebraun), 1994 habe ich auf dem Vorsatzblatt unter meinen Namen geschrieben. Das Buch ist durchaus ein Lebensbegleiter, mehrmals vollständig gelesen und immer mal ein Kapitel, wenn mir danach war. Außerdem habe ich zweimal die Lesung mit Gert Westphal im Radio gehört, was einem all die Dubslav und Woldemar, Rex und Czako, Koseleger, Krippenstapel, Gundermann, Katzler, Wrschowitz, Tante Adelheid, Melusine und Armgard gleich doppelt ans Herz wachsen läßt.

Zum Schluß stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich; – das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht.

Mit diesen Worten pries Fontane selbst seinen Roman einer Zeitschrift  zum Abdruck an. Nun ist Handlungsarmut ja heute kein Vorwurf mehr, der dem Erfolg eines Romans abträglich wäre, weshalb ich gerade auch junge Leser ermuntern möchte, zu diesem Buch zu greifen.

Der Autor (30.12.1819-20.9.1898) verhandelt eine Zeitenwende, die sich damals – der Roman erschien 1897/98 in Fortsetzungen und im Oktober 1898 als Buch – immer deutlicher zeigt. Das Neue kommt, und die aus dem Alten kommenden Jungen werden ihm nicht gewachsen sein. Fontane ahnt es, wir wissen es. Aber an der Zeitenwende, an der wir heute stehen, lohnt ein Blick in die Situationsbeschreibung Fontanes allemal.

Gerhart von Graevenitz hat 2014 ein Opus magnum zum Thema vorgelegt: »Theodor Fontane: Ängstliche Moderne. Über das Imaginäre«; eines der letzten Kapitel darin ist dem Stechlin gewidmet. Graevenitz schreibt kluge Dinge, die nach der Lektüre des Romans sehr plausibel klingen. Er betont die strukturierende Wirkung der vielen Gespräche, die Bedeutung von Gemälden, die Gegensatzpaare bei Personen und Orten.

Die Figuren des Romans reden über künstlerische, soziale und politische Fragen, aber auch und nicht zuletzt über Herzensangelegenheiten. Ein munteres Hin und her, bei aller Leichtigkeit des Tons doch anspielungsreich und den Punkt der jeweiligen Kontroverse sicher treffend. Fontane liebt seine Haupt- und Nebenfiguren, er schenkt ihnen Wärme, gibt ihren Ansichten Raum und schildert sie nicht ohne, oftmals sogar mit viel Ironie. Szenarien und Charakterisierungen gelingen dem Autor oft mit ein, zwei Sätzen; doch finden sich auch längere Passagen, die ausholend und wiederholend ihren Gegenstand umkreisen und ihn so noch besser faßbar machen. Gen Ende hin komprimiert Fontane die Erzählzeit drastisch, alles Vergangene ist plötzlich Vorgeschichte und die Gegenwart wird zum Beginn einer scheinbar offenen Zukunft. Deren selbstbestimmte Gestaltung scheint Fontane aber nicht in der Welt, sondern nur am Stechlin möglich.

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