Macht und Recht

William Shakespeare, Macbeth (Übersetzung Schlegel/Tieck) – Friedrich Schiller, Don Carlos – Georg Büchner, Danton’s Tod

Die drei Kurzcharakterisierungen, die sich in der Leseliste finden, werden den drei Theaterstücken natürlich nicht gerecht, sondern haben nur eine Triggerfunktion:

  • Erneuter Versuch, ein Stück aus der Dominanz der Verdischen Bearbeitung zu emanzipieren.
  • Noch ein „Opernstoff“. Eine aussichtslose Liebe zwischen Gedankenfreiheit und Glaubensstrenge.
  • „Engagiert Euch!“, ruft Büchner seinen Zeitgenossen zu. Und uns natürlich auch.

In allen drei Texten geht es um Macht und Herrschaft, um Legitimität, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. In dieser Kombination passen sie gut in das Jahr 2017, in dem Legitimität mancherorts neu definiert, Freiheit von Minderheiten als lästig diffamiert und Rechtsstaatlichkeit als Hemmschuh einer effektiven Politik aufgefaßt wird.

Natürlich sind die Settings historisch, doch Shakespeare, Schiller und Büchner wollen eine zeitlose Botschaft transportieren: gegen skrupellose Machtgier, gegen erdrückenden Dogmatismus und gegen eine politische Indienstnahme von Gesetz und Recht.

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Zeitenende – Zeitenwende

Magdalena M. Moeller/Jürgen Baumgarten, Zeitenende – Zeitenwende. Expressionistische Lyrik und die Künstler der Brücke, Heidelberg und Berlin: Kehrer, 2014, 201 Seiten plus 18 Seiten Apparat.

Expressionismus in Wort und Bild

Das hier vorzustellende Buch – erworben bei meinem kürzlichen Besuch im Brücke-Museum – geht in Texten und Abbildungen der Verbindung von expressionistischer Lyrik und bildender Kunst nach. In ihren einleitenden Kapiteln untersuchen Moeller und Baumgarten die wechselseitigen Beziehungen von Dichtung und Malerei in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und während des Krieges.

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Foto: nw2017

Moeller geht unter dem Titel „Kunst der Großstadt – Brücke und expressionistische Dichtung“ der Frage nach, wie die Künstler der Brücke ihre Zeit der Umwälzung und als rasend empfundenen Modernisierung erlebt und künstlerisch verarbeitet haben. Dabei rückt sie die Bedeutung der Literatur in den Mittelpunkt, zunächst ist es Nietzsche, dann, nach 1911 sind es die zahlreichen aktuellen, jungen Autoren der Berliner Großstadtdichtung, die ihrerseits die Philosophie der Großstadt von Georg Simmel reflektieren. Dabei reagieren die verschiedenen Brücke-Künstler in ihren Werken sehr unterschiedlich auf diese Einflüsse. Interessant ist bei Moeller auch nachzulesen, wie der Begriff Expressionismus für die Malerei und später die Literatur verwendet wird (S. 27ff.).

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs brach die Entwicklung des neuen Stils radikal ab. Lebenswerke konnten nicht vollendet werden, da zahlreiche Dichter wie Ernst Wilhelm Lotz, Alfred Liechtenstein, Ernst Stadler, Georg Trakl oder August Stramm, aber auch Künstler wie August Macke und Franz Marc im Krieg fielen. (S. 31)

Baumgarten erörtert unter der Überschrift „Dichter-Sezession — Expressionistische Lyrik in Berlin“ – gleichsam von der anderen Seite kommend – Entstehungsbedingungen, Form und Gehalt von expressionistischen Texten. Er führt aus, daß die zahlreichen Literatur- und Kunstzeitschriften, die wöchentlich erschienen, Texte und oft auch Graphiken enthielten und die Berliner Hervorbringungen in das gesamte Land trugen. Schnelligkeit und Wechsel werden als – auch von den Dichtern empfundenes – Kennzeichen dieser (Aufbruchs-)Zeit vorgestellt, das sich auch auf die bevorzugten literarischen Formen auswirkte: Gedichte, Einakter, Erzählungen. Die Generation der 1885 bis 1890 Geborenen wollte weltzugewandter, irdischer und alltäglicher schreiben als die Älteren wie die Lyriker Hofmannsthal, Rilke oder George, die Dramatiker Hauptmann und Sternheim oder die Romanautoren Heinrich und Thomas Mann, Wassermann, Döblin oder Hesse. Der Epochenbruch ist ihr Thema:

Dabei sind die Jungen genaue Beobachter der Erscheinungswelt der mit Macht einbrechenden Moderne. Ihr Sensorium für die Gegenwart macht sie zur neuen Generation. Sie spüren, dass die sie umgebende Epoche radikal anders ist, und sie wollen radikal in dieser Gegenwart leben. (S. 44)

Die Stadt Berlin als das Laboratorium dieser Moderne ist Lebensraum und Gegenstand ihrer Kunst. Hier haben sie Anschauungsmaterial und gedanklichen Austausch mit anderen Künstlern (S. 51), aber auch Gelegenheit zur sexuellen Befreiung (S. 53).

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#Neuland – Jaron Lanier und die virtuelle Realität

Jaron Lanier, Wenn Träume erwachsen werden. Ein Blick auf das digitale Zeitalter, Essays und Interviews 1984-2014, 2015, dt. 2015., Hoffmann und Campe.  Titel und Untertitel umreißen recht gut, worum es in diesem 440 Seiten dicken Buch geht. Interessant ist, daß Lanier – darin der vielgescholtenen Bundeskanzlerin ähnlich – mehrmals und uneronisch von Neuland und von Grenzgebiet spricht.

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Cover: Verlagswebseite

Nicht alle Texte haben mich gleichermaßen interessiert, manche habe ich auch nicht verstanden; zumindest fehlte mir mitunter jegliches Anknüpfungswissen. Man muß das Buch nicht am Stück lesen, sondern kann durch das Inhaltsverzeichnis und anhand der Nachweise der Erstveröffentlichungen thematisch einschlägige Texte finden, die zu den Fragen passen, die einen gerade beschäftigen.

Sätze wie „Kinder können komplexe Websites in HTML und Java programmieren, lassen aber regelmäßig Toastscheiben verbrennen.“ (S. 189) überraschen mich etwas. Am anschließenden Befund von 1997, die breite Masse sei mit Blick auf Computer und Programme fachkundig,  habe ich meine Zweifel. Das Smartphone hat uns doch überwiegend zu bloßen Anwendern gemacht.

Lanier ist einerseits begeistert von den Möglichkeiten der virtuellen Realität, aber andererseits schreibt er auch erstaunlich kritische Sätze wie diese hier:

In Zukunft werden radikale Strategien erforderlich sein, um sich dem Internet zu entziehen. (S. 193)

Nach meiner Erfahrung erhält man bei Computern, im Gegensatz zu anderen Werkzeugen, die besten Resultate, wenn man ihnen feindlich gegenübersteht. (S. 230)

Kevin Kelly sagt über die PopUrls-Seite: »Es gibt keine bessere Möglichkeit, Schwarmintelligenz bei der Arbeit zu beobachten.« Aber diese Schwarmintelligenz ist größtenteils dumm und langweilig. Warum sollte man ihr Aufmerksamkeit schenken? (S. 353)

Insgesamt ein sehr interessantes Buch, mit dem man sich intensiv auseinandersetzen kann.

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Hieroglyphen – Ernst Ludwig Kirchner

Am Sonntag, den 29. Januar 2017 besuchte ich die Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen“ im Hamburger Bahnhof / Museum für Gegenwart – Berlin. Eine aus meiner Sicht konsequente Fortsetzung des kürzlichen Besuchs im Brücke-Museum.

Also bei sommerlichem Winterwetter auf in die endlich boomende Gegend um den Berliner Hauptbahnhof. Dieser, an der Stelle des ehemaligen Lehrter Stadtbahnhofs als monumentaler Bau errichtet, stand ja lange Zeit in Sichtweite der schweizerischen Botschaft ziemlich alleine in einer Brachlandschaft herum. Ein Schienenkreuzungspunkt mit Shoppingcenter – oder umgekehrt. Wer in die Stadt will, egal ob West oder Ost, muß mühsam zu den hochfrequentierten Nahverkehrsgleisen vordringen, die für einen Massenansturm schlicht nicht ausgelegt sind. Nun, man sieht, ich bin kein Freund dieses Bahnhofs. Deswegen hieß die Devise auch heute: schnell weiter.

Nur wenige Minuten Fußweg sind es zu dem schönen Gebäude des ehemaligen Hamburger Bahnhofs, der als solcher nur von 1846 bis 1884 in Betrieb war (Der Güterbahnhofbetrieb wurde bis in die 1980er Jahre fortgeführt) und als letzter der elf ringförmig um die Stadt angelegten Kopfbahnhöfe noch erhalten ist. Von 1906 bis 1944 wurde das Hauptgebäude als Verkehrsmuseum genutzt, danach stand es leer. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten dient das Gebäude seit 1996 als Museum für Gegenwart – Berlin.

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Foto: nw2017

Gezeigt werden Werke Kirchners aus der Sammlung der Nationalgalerie, die ja derzeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Ein Fokus liegt auf den bekannten Bildern der Großstadt, die als Montage von Hieroglyphen rekonstruiert werden. Der Begriff der Hieroglyphe wurde von Kirchner selbst in diesem Zusammenhang geprägt. Bei diesen handelt es sich um Chiffren, die vom Maler abstrakt skizziert und gleichzeitig pointiert überzeichnet werden. Dies führt zu einer Verdichtung der Bildsprache, deren scheinbares Hingeworfensein durch Skizzen, Fotos sowie dichte kulturelle Bezüge vorbereitet ist, was in der Ausstellung auch gut sichtbar gemacht wird.

Hier geht es zu Erläuterungen auf der Webseite der Ausstellung, wo es auch ein Video gibt.

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