Die Welt und wir in ihr: Piranesi

Susanna Clarke, Piranesi | Foto: nw2021

… und Marmorbilder stehn und sehn mich an
was hat man dir, du armes Kind, getan?

Schon am Anfang meiner Lektüre ist mir dieser Goethevers eingefallen, und er hat an Dringlichkeit gewonnen, je weiter ich mit ihr vorankam. Was ist geschehen? Welche Veränderungen sind eingetreten – und warum?

Auch Piranesi, den wir als objektiven Hüter und wissenschaftlichen Betrachter des Hauses kennenlernen – denn als solchen führt er sich ein, und wir haben nur sein Wort –, auch Piranesi beginnt sich, Fragen zu stellen, als er im Laufe der Zeit auf Unstimmigkeiten aufmerksam wird und Veränderungen beobachtet. Ist Piranesi ein unzuverlässiger Erzähler oder selbst eine Schachfigur, die ein anderer bewegt?

Die Geschichte, die das Buch erzählt, birgt ein Rätsel, das im Laufe der Erzählung gelöst wird. Das Buch beschreibt aber auch und vor allem einen Raum, das Haus, wie Piranesi es nennt, und das aus vielen, unendlich vielen Hallen besteht. Piranesi durchwandert und erfaßt sie systematisch, einschließlich der darin aufgestellten Statuen. Das weitläufige Haus, das die Welt ausmacht, ist mit dem Meer und dem Himmel verbunden, es gibt Fische und Vögel.

Hauptfiguren sind Piranesi und der von ihm so genannte „Andere“ (derihn Piranesi nennt), die beide das Haus bewohnen, aber bis auf zwei Treffen pro Woche jeweils getrennte Wege gehen. Während Piranesi sich im Laufe der Zeit an die Lebensbedingungen des Hauses angepaßt und nach und nach zivilisatorische Gepflogenheiten hinter sich gelassen hat, verfügt der Andere über den Zugang zu Kleidungsstücken, schneidet sich Haare und Bart und benutzt ein elektronisches Endgerät.

Die beiden Männer sehen sich als Wissenschaftler und erachten ihre jeweiligen Tätigkeiten, auf die nicht näher eingegangen wird, als wichtig. Jedenfalls läßt Piranesi das die Leser des Buches, die gleichzeitig seine Aufzeichnungen lesen, glauben. Oder präziser, er präsentiert uns seine Annahmen, die sich im Verlauf der Geschichte zum Teil als falsch oder unvollständig herausstellen.

Neben Goethe denke ich beim Lesen immer wieder an Platon und an sein Höhlengleichnis.

Isolation, Weltwahrnehmung und Welterklärung, Ergebenheit in das eigene Schicksal und aufbrechende Neugier sind Themen, die das Buch ohne großes Theoretisieren anspricht und in Piranesis Gesprächen und vor allem seinen Überlegungen durcharbeitet und miteinander in Beziehung setzt.
Grenzüberschreitung – im Denken, zwischen Menschen und hinein in andere Welten – haben ihren Preis.

„Embrace / Tolerate / Vilify / Destroy: How Academia Treats Outsider Ideas“, so lautet der Titel eines Buches, daß Matthew Rose Sorensen im Jahre 2008 bei Manchester University Press veröffentlicht hatte, einige Jahre später besuchte er Valentine Ketterley zu Recherchezwecken. Seither ist er verschwunden.

Das Buch beruht auf einer für mich großartigen Idee, die schlüssig umgesetzt und bis zu ihrem offenen Ende fesselnd erzählt wird, ohne daß ich enttäuscht zurückgeblieben wäre. Eine klare Leseempfehlung!

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Die Kunst des Tötens

Charles Willeford, Die Kunst des Tötens, 1971, dt. 1991 (aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt), Ullstein 1992, 144 Seiten.

Willeford: Die Kunst des Tötens | Foto: nw2021

Das Buch ist auch unter dem Titel „Ketzerei in Orange“ veröffentlicht worden, das Original heißt „The Burnt Orange Heresy“. Es ist ein Kriminalroman der besonderen Art. Mein Urteil lautet auch nach dem fünften oder sechsten Wiederlesen im Laufe von bald dreißig Jahren einfach: Wow!

Denn dieser dünne Kriminalroman ist tatsächlich ein Buch über Kunstgeschichte in Gestalt der Malerei des 20. Jahrhunderts, ein Buch über die Kunstkritik, über Männlichkeit und die Sucht nach Erfolg und schließlich über die Bedeutung von Kunst. Und Willeford bringt dies auf engstem Raum in einem handlungsstarken Roman unter, zusammen mit mehreren Verbrechen.

James Figueras ist der aufstrebende und ehrgeizige Kunstkritiker, der einem allenfalls mittelmäßigem Leben entkommen und Bedeutung erlangen will. Jacques Debierue, der einst den nihilistischen Surrealismus begründete und nun in Florida lebt, ist das Ziel seiner Anstrengungen: Ihn will er interviewen und eins seiner Bilder sehen, die Debierue in den USA gemalt hat.

Wir begleiten James und seine Freundin Berenice auf ihrem Weg zu dem alten Maler, wir blicken hinter die Kulissen des Betriebs und in die Abgründe der menschlichen Seele.

Eine ganz stark erzählte Geschichte, aufwühlend und fesselnd. Wow!

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Eine große Zeit

William Boyd, Eine große Zeit, 2012, dt. 2012 (aus dem Englischen von Patricia Klobusiczki), 446 Seiten.

William Boyd, Eine große Zeit | Foto: nw2021

Nach der nun schon etwas länger zurückliegenden Lektüre von „Des Fremden Kind“ (erschienen 2012) und „Der Wintersoldat“ (erschienen 2018) liegt mit „Eine große Zeit“ erneut ein Roman, der in der Zeit des ersten Weltkriegs angesiedelt ist, konkret 1913-1915, vor mir. Hinzu kommen „Der Wald der Gehenkten“ (1925/2018) und „Das fehlende Glied in der Kette (1919/2019), die ich ebenfalls unlängst las. Natürlich ist jedes Buch anders, aber in der Summe vermitteln sie dem Leser doch ein Gefühl für die Zeit – oder jedenfalls unserer Vorstellung davon.

Boyds Roman ist flüssig und elegant geschrieben, dazu mit einer guten Prise Humor ausgestattet.

Diese Pension – die Pension Kriwanek – ist genau wie Wien. An der Oberfläche befindet sich die Welt von Frau K. So angenehm und erfreulich, alle lächeln höflich, niemand furzt oder popelt in der Nase. Aber darunter fließt ein dunkler, reißender Strom.
Was für ein Strom?
Der Strom der Lust. (S. 40)

Es dauert zwar noch, bis der Protagonist Lysander Rief tatsächlich Siegmund Freud begegnet, aber in Therapie geht er von Beginn an, denn sie ist der Grund für seinen Aufenthalt, will er doch eine sexuelle Störung beenden.

Wien als erster Ort der Handlung setzt den Ton und liefert den Schlüssel für spätere Entwicklungen.

Aber sicher – du musst nämlich wissen, Lysander, dass der Freitod hier in Wien, in unserem verfallenden Kaiserreich, als vollkommen vernünftige Lösung gilt. Jeder wird verstehen, was in einem vorgegangen ist und warum man keine andere Wahl hatte – niemand wird einen deswegen verdammen. (S. 64)

Lysander Rief hadert gelegentlich mit seiner unvollständigen und unsystematischen Bildung, kann aber als Schauspieler Lücken überspielen und ansonsten auf seinen gesunden Menschenverstand und eine schnelle Auffassungsgabe vertrauen. Vor dem Besuch einer Vernissage geht er noch rasch in ein Museum, um sich auf Smalltalk über Kunst vorzubereiten.

Und was war das? ‚Überfall auf einen Wagenzug‘ von Philips Wouwerman. Kraftvoll, abgründig, dunkelhäutige Räuber, die mit silbernen Entermessern und spitzen Hellebarden angriffen. „Sind Sie mit Wouwermans Werk vertraut? Es hat eine ungeheure Wucht.“ (S. 71)

Die in der Tradition des Schelmenromans angelegten Episoden haben erkennbar nicht die Intention, jede Wendung auszuerzählen. Fragen bleiben unbeantwortet, manche Antworten sind brüchig. Der Roman spielt im Ersten Weltkrieg und die Moderne hat begonnen. Dabei gelingt es dem Autor, eine gute Geschichte zu erzählen, mit Spannungsbögen, Höhepunkten, überraschenden Wendungen und starken Figuren.

Für mich war das gute Unterhaltung, handwerklich sicher ausgeführt. Ich hatte freilich auch keinen Welterklärungsroman erwartet.

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Offene See

Benjamin Myers, Offene See, Roman, 2019, dt. 2020 (aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann), 268 Seiten.

Benjamin Myers, Offene See | Foto: nw2020

Ein alter Mann erinnert sich an die Zeit, als er sechzehn Jahre jung war, und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Auszeit nimmt, zwischen Schule und Eintritt in den Beruf. Er wandert durch England und das Meer ist sein Ziel. Er schläft im Zelt und auch mal im Heu, er bietet seine Arbeitskraft an für eine warme Mahlzeit; seine Haare wachsen, und die körperliche Arbeit verändert seine Gestalt.

Eines Tages, kurz bevor Robert das Meer erreicht, trifft er auf Dulcie Piper, die älter und größer ist, als er. In Haus und Garten, wo sie mit einem Schäferhund lebt, gibt es viel zu tun, und so bleibt er, um sich nützlich zu machen. Tatsächlich leistet er ihr Gesellschaft, ist Gesprächspartner und Zuhörer.

Dulcie weckt Roberts Interesse für Bücher, Kunst, Geschichte und Politik, sie erklärt ihm vieles und regt ihm zum Nachdenken an. Außerdem konfrontiert sie ihn mit Speisen und Getränken, die er noch nicht oder jedenfalls so nicht kennt. Sie freut sich über einen Gesprächspartner und er freut sich, ernst genommen zu werden.

Das Leben ist lang, wenn du jung bist, und kurz, wenn du alt bist, aber immer unsicher. (S. 42)

Die Geschichte, die einen interessanten Verlauf nimmt, gut ausgeht und aus Robert Applayard einen bekannten Schriftsteller werden läßt, ist schön erzählt. Es gibt wunderbare Naturschilderungen in diesem Buch, aber auch Stimmungen und Gefühle werden sehr gut dargestellt. Gerade das Staunen kommt oft vor und gelingt Myers überzeugend.

Das Vergehen der Zeit, die Beständigkeit von Erinnerungen, Gewißheit und Einbildung, Freude und Schmerz – verschiedene Gefühle finden ihren Platz in diesem Text, der gänzlich unaufgeregt bleibt, der anrührt und nachdenklich macht.

Es ist ein schönes, ein lesenswertes Buch – eines, das bleibt.

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