Lesemonat Januar 2022

Neun Bücher, insgesamt 2.234 Seiten.

Die im Januar gelesenen Bücher

Alan Bennett, Die souveräne Leserin, 2007, dt. 2008 (aus dem Englischen von Ingo Herzke), 115 Seiten.

Reread zum Jahresauftakt. Ehrbezeugung an die Monarchin, die gerade ihr 70-jähriges Thronjubiläum feiern durfte.

Dmitrij Kapitelman, eine Formalie in Kiew, 2021, 176 Seiten.

Eigentlich eine anrührende Geschichte über einen erwachsenen Sohn, der mit dem Niedergang seiner alten Eltern umgehen lernen muß. Leider verstrickt in eine klischeebeladene Bürokratiegeschichte voller flacher Witzchen.

Olivia Manning, Der größte Reichtum, 1960, dt. 2020 (aus dem Englischen von Elke Jellinghaus), 462 Seiten.

Gut geschriebener Roman, der auf persönlichen Erfahrungen der Autorin beruht. Mitunter viele Vorurteile gegenüber Rumänen.

Gérard Coulon / Jean-Claude Golvin, Die Architekten des Imperiums. Wie das Heer ein Weltreich erbaute, 2018, dt. 2020 (aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer), 176 Seiten.

Ulrich Herbert, Wer waren die Nationalsozialisten?, 2021, 303 Seiten.

Wichtige Vorträge und Aufsätze, die zwischen 1995 und 2020 erschienen sind.

Florian Schwiecker / Michael Tsokos, Die 7. Zeugin. Justiz-Krimi, 2021, 320 Seiten.

Hier schweigt des Sängers Höflichkeit.

Sylvie Schenk, Roman d’amour, 2021, 128 Seiten.

Eine Autorin reist zur Verleihung eines Literaturpreises in die Provinz und muß einer Journalistin Rede und Antwort stehen, die von ihr wissen will, inwieweit die Geschichte auf ihrem persönlichen Erleben beruht.

Agatha Christie, Dreizehn bei Tisch, 1933, dt. 1934 (aus dem Englischen von Dr. Otto Albrecht van Bebber), 186 Seiten.

Klassischer Whodunnit-Krimi; Hercule Poirot in Hochform.

Anatol Regnier, Jeder schreibt für sich allen. Schriftsteller im Nationalsozialismus, 2020, 366 Seiten.

Hochinteressantes Thema, überzeugende Darstellung. Viele Einblicke in das Denken, das Verhalten und die Rechtfertigungsversuche von Schriftstellern.

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Der größte Reichtum

Olivia Manning, Der größte Reichtum, 1960, dt. 2020 (Neuübersetzung aus dem Englischen von Silke Jellinghaus), Rowohlt Hundert Augen, 463 Seiten.

Olivia Manning, der größte Reichtum | Foto: nw2021

Der Roman erschien 1960 unter dem Titel „The Great Fortune“, er wurde in gekürzter Form auf Deutsch als „Im Fluß der Zeit“ veröffentlicht. Es handelt sich um den ersten Band der sogenannten Balkan-Trilogie, in der die Autorin persönliche Erfahrungen verarbeitet.

Ein junges englisches Ehepaar lebt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Bukarest, wo der Mann, Guy Pringle, als Dozent für englische Sprache an der Universität arbeitet. Seine Frau Harriet hat ihn nach der Hochzeit in London dorthin begleitet und muß sich in sein Leben in der rumänischen Hauptstadt einfinden.

Das Buch lebt von Ambivalenzen und Gegensätzen. Rumänien liegt in der europäischen Peripherie, aber Bukarest sieht sich als europäische Metropole. Das Land ist reich an Rohstoffen, aber die Mehrheit der Bevölkerung vegitiert in schreiender Armut. Guy liebt seine Frau, kümmert sich aber vor allem um andere Menschen. Die Pringles müssen sparen, aber Guy ist sehr freigiebig. Die 21-jährige Harriet wird als freigeistig und selbständig geschildert, aber sie ist natürlich gefangen im Denken der Konvention.

Manning beschreibt genau und plastisch: Stimmungen, Personen, Orte – alles wird sehr lebendig und eindringlich geschildert. Als Leser rutscht man gleichsam in die Geschichte hinein, und es fühlt sich an als kennte man die Pringles schon sehr gut, aber auch viele der zahllosen Nebenfiguren.

Die geschilderten Typen sind skurril, ihre vielfältigen Vergnügungen – die im Laufe der Handlung weniger werden – erscheinen wie ein Tanz auf dem Vulkan. Doch kriegsbedingte Mangelwirtschaft und fehlendes Geld engen die Spielräume stetig ein.

Am Ende steht – sehr englisch! – eine Laienaufführung von Shakespeares „Troilus und Cressida“, deren triumphaler Erfolg freilich von der bloßen Nachricht der Einnahme von Paris durch die Wehrmacht aus dem kollektiven Bewußtsein gestrichen wird.

Dies ist ein gut lesbarer, flüssig erzählter Roman. Ich habe gerne und gefesselt in den Buch gelesen. Der andere Blickwinkel auf den Zweiten Weltkrieg von der südostlichen Peripherie Europas aus ist interessant, die Kritik an den Zuständen vor Ort ist recht klischeebeladen. Die Gruppe der britischen Expats versammelt eine Reihe wunderlicher Typen, deren Zusammentreffen die Handlung würzt.

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Ein Literaturpreis zweiter Klasse

Sylvie Schenk, Roman d’amour, 2021, 128 Seiten.

Sylvie Schenk, Roman d’amour | Foto: nw2022

Ringen da zwei Frauen miteinander oder nur eine mit sich selbst – und warum? Was war geschehen, was wurde erinnert, was aufgeschrieben – und wozu setzt sich eine Leserin all das zusammen?

Der schmale Roman tändelt über den Literaturbetrieb abseits der ersten Liga und führt die Protagonistin zu einer Buchpreisverleihung auf eine Nordseeinsel. Dort muß sie sich einem Interview stellen und hat dabei zunehmend Schwierigkeiten, den fiktionalisierten Inhalt des Buches von der persönlich erlebten Vorlage zu trennen – auch weil die Interviewerin partout herausfinden will, wie autobiographisch der Text nun ist.
Es geht um Erwartungen, Vorannahmen, Klischees – ausdrücklich formuliert oder internalisiert – bei der Produktion und Rezeption von Literatur, aber auch um die Versuche, authentisch zu sein.
Wieviel Maskerade muß eine Autorin betreiben, wenn sie über die Liebe einer alten Frau zu einem jüngeren, verheirateten Mann schreibt? Wie durchschaubar ist ihr Bemühen?

Das Interview führt zu Betrachtungen über das Schreiben, über Erinnerungen und das Altern, die nur zum Teil direkt in die Antworten einfließen. Wir haben Teil, wie die Ich-Erzählerin mit sich ringt und versucht, ihren Gedankenstrom zu regulieren. Entlang der Romanhandlung erlebt die Schriftstellerin ihre eigene Lebens- und Liebesgeschichte und spricht mal offener, mal eher in Andeutungen darüber mit der Interviewerin. Diese wirkt zunehmend bedrohlich auf die Ich-Erzählerin, die unter der Zudringlichkeit leidet und beständig fürchtet, die Kontrolle zu verlieren.

Insgesamt durchaus lesenswert, mit einer für mich ungewohnten Anlage und in gutem Stil geschrieben.

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Februar 33

Uwe Wittstock, Februar 33. Der Winter der Literatur, 2021, 288 Seiten.

Uwe Wittstock, Februar 33 | Foto: nw2021

Das Buch setzt am 28. Januar 1933 mit dem „letzten Tanz der Republik“ ein, der Tag an dem der Presseball in Berlin stattfindet. Journalisten, Schriftsteller, Verleger, Regisseure und Schauspieler kommen zusammen und spüren, daß sich etwas zusammenbraut. Am 15. März endet die Erzählung, aber natürlich nicht die ganze, schlimme Geschichte. Doch der Terror hat längst Gestalt angenommen und ist von der Straße in die Amtsstuben gewechselt.

Wittstock fügt präzise beobachtete Vignetten zu einem eindringlichen Gesamtbild zusammen, die Unterschiedlichkeit von Reaktionen und Fallhöhen paßt nur zu gut zur Vielfältigkeit der Weimarer Kultur, die aber umgekehrt insgesamt als Asphaltkultur von Rechts verunglimpft und von den neuen Machthabern ohne Zögern und mit großer Brutalität angegangen wird.

Fünfunddreißig Kapitel fangen die Zeitstimmung überzeugend ein, übersetzen originale Zeitdokumente in eine flüssige Erzählung.

Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. (S. 273)

Exil, Widerstand, KZ, Karriere im NS-Staat – Es gibt mehrere Optionen und viele Schattierungen für die nächsten Jahre. Wittstock begleitet die Frauen und Männer, die im Mittelpunkt der Darstellung stehen, zwar nur sechs Wochen intensiv, aber er fügt am Ende des Buches kurze Abrisse über ihr weiteres Leben an.

Eine erschütternde und überaus lohnende Lektüre gleichermaßen. Man bekommt eine Ahnung, wie das passieren konnte, und fragt sich auch bang, ob es wieder passieren könnte. Ein sehr gutes, ein wichtiges Buch.

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