Leseliste 2017 – 1

William Shakespeare, Macbeth (Übersetzung Schlegel/Tieck)

Erneuter Versuch, ein Stück aus der Dominanz der Verdischen Bearbeitung zu emanzipieren.

Fabbrica di San Pietro (Hrsg.), Der Petersdom: Mosaike – Ikonografie – Raum, 2011

Prachtband mit wunderbaren Abbildungen und hochinteressanten Texten zur Bau- und Kunstgeschichte.

Martin Mosebach, Westend, 1992, Tb. 2004, 5. Aufl. 2011

Großangelegter Gesellschaftsroman, breiter Erzählstrom. Klare Empfehlung.

Jaron Lanier, Wenn Träume erwachsen werden, 2015

Sammlung von kürzeren und längeren Texten zur virtuellen Realität und dem Internet.

Magdalena M. Moeller/Jürgen Baumgarten, Zeitenende – Zeitenwende. Expressionistische Lyrik und die Künstler der Brücke, 2014

Sehr empfehlenswerter Band über die deutschen Expressionisten.

Georg Büchner, Danton’s Tod

„Engagiert Euch!“, ruft Büchner seinen Zeitgenossen zu. Und uns natürlich auch.

 Friedrich Schiller, Don Carlos

Noch ein „Opernstoff“. Eine aussichtslose Liebe zwischen Gedankenfreiheit und Glaubensstrenge.

Andor Endre Gelléri, Die Großwäscherei, 1931, dt. 1962 / 2015

Ungarn, Zwischenkriegszeit: Leben, lieben, arbeiten und sterben liegen nahe beieinander.

Jane Gardam, Die geheimen Briefe, 2014 (dt. 2016)

Kurz und nett: Gibt es neue und pikante Details über Jane Austen in diesen geheimen Briefen?

W. Somerset Maugham, Die Unvergleichliche

Zehn klassisch-britische Erzählungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Norman Manea, Wir sind alle im Exil

Essaysammlung eines rumänischen Exilautors. Rumänien, Rumänen, Rumänisch.

Atiq Rahimi, Heimatballade, 2015 (dt. 2017)

Was gibt einem Menschen Halt in der Fremde? Schönes Buch um ein existenzielles Problem.

Brigitte Glaser, Bühlerhöhe, 2016

Roman um Agenten im Schwarzwald. Feine Unterhaltungsliteratur.

Irène Némirovsky, Pariser Symphonie, 2016

Erzählungen einer russischen Jüdin aus Frankreich illustrieren das Europa der Zwischenkriegszeit.

 

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Jeffrey Eugenides, Die Liebeshandlung, 2011, dt. 2011.

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009.

Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Erstveröffentlichung 1945, Tb. 1974, 46. Aufl. 2015.

Jens Ebert (Hrsg.) Vom August-Erlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, 2014.

Greg Grandin, Kissingers langer Schatten. Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe, 2015, dt. 2016

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Irène Némirovsky, Pariser Symphonie

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Foto: nw2017

Elf Erzählungen aus der Zeit von 1929 bis 1942 auf rund 200 Buchseiten sind hier versammelt. Die Autorin wurde 1903 in Kiew geboren und wuchs in Sankt Petersburg auf, das ihre Familie nach der Revolution in Richtung Paris verließ. Das Französische war ihr als höherer Tochter so vertraut, daß sie ab 1921 schriftstellerisch tätig werden konnte. Insgesamt verfaßte sie fünfzehn Romane, eine Biographie über Anton Tschechow, mehr als fünfzig Novellen sowie Drehbücher und Skizzen für Filme. 1940 hatte die Familie Paris verlassen und sich in ein kleines Dorf in der Provinz zurückgezogen. 1942 wurde Némirovsky nach Auschwitz deportiert, wo sie am 19. August desselben Jahres an Entkräftung verstarb.

Némirovskys Texte wurden rasch veröffentlicht, bis sie im Jahr 1940 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt wurde. Sie war erfolgreich, aber nicht unumstritten. Nach dem Krieg wurde sie vergessen. Erst in den 1980er Jahren entdeckten die Töchter das Manuskript des unvollendet gebliebenen Texts „Suite française“, der der vergessenen Autorin neuerliche Aufmerksamkeit bescherte.

Die Texte (übersetzt von Susanne Röckel) besitzen einen ganz eigenen Ton, der mir für eine Autorin der Zwischenkriegszeit recht außergewöhnlich erscheint. Er ist sehr modern, obwohl Vergangenes in all seiner Altmodischkeit stets eine Rolle spielt und Némirovsky mehrfach auf die Zeit  während des Ersten Weltkrieges – mitunter auf die davor – zurückgreift. Die hierbei geschilderte sehr traditionelle, ländliche Lebensweise kontrastiert mit den neueren Entwicklungen und dem pulsierenden Stadtleben. Némirovsky schreibt insgesamt direkt, mit einem hohen Diaoganteil. Daß die Autorin vom seinerzeit neuartigen Medium Film begeistert war, merkt man, obwohl diese Herangehensweise heute natürlich völlig vertraut wirkt. In hohem Maße gilt das für die titelgebende Erzählung »Pariser Symphonie« aus dem Jahre 1931: Totale, Zoom, Schnitt. Schnipselartig collagierte Hör- und Seheindrücke rufen gekonnt das Bild der Großstadt hervor. Mit dem Typus des „literarischen Drehbuchs“ oder der „filmischen Novelle“ (Nachwort, S. 214) versucht die Autorin den Roman zu erneuern, stößt dabei aber bei Publikum und Kritik auf wenig Gegenliebe.

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Brigitte Glaser, Bühlerhöhe

Der Roman erschien 2016 im List-Verlag, vor mir liegt er in der angenehm dezent gestalteten Version der Büchergilde Gutenberg. Es handelt sich um einen zeitgeschichtlichen Agentenroman, der auf und um das namengebende Luxushotel Bühlerhöhe spielt, wohin Bundeskanzler Adenauer im Sommer 1952 zur Frischzellenkur reist. Die anstehenden Verhandlungen mit Israel sorgen für politische Verwicklungen, und auch die Vergangenheit, die nicht vergehen mag, liegt noch nicht lange zurück.

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Foto: nw2017

Nachdem das Hotel 1988 nach einer umfassenden Sanierung wiedereröffnet worden war, verbrachte ich einmal mit meinen Eltern ein Wochenende dort, als sie 1989 oder 1990 ihren Hochzeitstag feierten. Als junge Wirtschaftswunderkinder hatten sie während einer Spritztour über die Schwarzwaldhochstraße einmal auf der legendären Terrasse Kaffee getrunken, sich aber mehr natürlich nicht leisten können. Ich erinnere mich an ein prächtig ausgestattetes Hotel mit einer etwas sterilen Atmosphäre in sensationeller Lage. Nach mehreren Eigentümerwechseln ist das Haus inzwischen geschlossen.

Dort also spielt der Roman. Landschaft, Hotel und Nachbarschaft spielen eine Rolle, als bewußt gewähltes Setting, als Bezugspunkte für die Vergangenheit, als beglaubigende Kulisse. Zwischen Deutschland und Israel werden Verhandlungen über die Wiedergutmachung geführt, die aus unterschiedlichen Gründen in beiden Ländern nicht unumstritten ist.

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Norman Manea, Wir sind alle im Exil

Norman Manea, Wir sind alle im Exil. Essays, München: Carl Hanser Verlag, 2015, dt. 2015, 222 Seiten.

Das Taschenbuch enthält elf Texte zum Thema Exil. Der 1936 geborene rumänische Jude kam als Fünfjähriger mit seiner Familie in ein Konzentrationslager in Rumänien, begann in den 1960er Jahren zu schreiben, lebte ab 1974 als freier Schriftsteller und geriet immer mehr in Opposition zum Ceausescu-Regime; 1986 ging er ins Exil: Zunächst für ein Jahr nach Berlin (West) und dann in die USA, wo er in New York lebt und am Band College unterrichtet. Er veröffentliche mehr als zehn Bücher und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift »Sinn und Form«.

Exil als elementare Erfahrung und ständige Herausforderung ist das Thema von Maneas Texten, die das Buch versammelt. Ein Text entstand 1989 und reflektiert die erste, Berliner Etappe des Exils. Die anderen sind zwischen 2001 und 2015 entstanden. Alle kreisen sie um das eigene, manche auch um das fremde Exil; prominent geht es um Rumänien und das Rumänesein, die Sprache und die Sprachlosigkeit als rumänischer Autor in der Fremde. Wie kann man sich seiner selbst vergewissern, wie mit anderen in Verbindung treten?

Im ersten, vom Berliner Exil handelnden Text geht es um den Briefträger als gleichermaßen freundliche wie wichtige Person, die den Kontakt zu den Bezugspersonen in aller Welt herstellt. Hier erscheinen die 1980er Jahre beinahe so fern wie Kakanien – Westberlin ist genauso dahingegangen wie das Briefeschreiben.

Die Sprache ist von wesentlicher Bedeutung für jeden Schriftsteller, erst recht für den im Exil lebenden. Dieses Thema wird an vielen Stellen des Buches behandelt; die Aneignung einer fremden Sprache ebenso wie das Verbundensein mit dem Rumänischen, der eigenen Muttersprache. Kluge Sätze schreibt er auch zum Übersetztwerden und zum Übersetzbarsein – Luxus für den Nationalschriftsteller, Existenzbedingung für den Exilschriftsteller. Mit der Sprache bleibt Manea verbunden, aber auch  Rumänien läßt ihn – wie die anderen Exulanten, die das Land oft lange vor ihm verlassen haben – nicht los. Ist es zunächst das bei aller Grausamkeit lächerliche Regime Ceausescus, das ihre Gemüter bewegt, so ist es dann die Revolution und die turbulenten Zeiten danach. Manea erörtert zwischenmenschliche und kulturelle Solidarität, beschäftigt sich als Professor mit rumänischer Literatur im besonderen und osteuropäischer Literatur im allgemeinen, um sie seinen Studenten nahezubringen.

Es geht auch um die Begegnungen mit anderen Rumänen, die im Exil leben, um Erfahrungen mit Geheimdiensten und immer wieder um Antisemitismus. Ein wegen seiner Variation des Themas Exil und wegen des klaren Stils äußerst lesenswertes Buch.

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