Fontanes Berlin

Bernd W. Seiler, Fontanes Berlin. Die Hauptstadt in seinen Romanen, 3. Aufl. 2012, 191 Seiten.

Der emeritierte Bielefelder Literaturwissenschaftler präsentiert hier Schauplätze und Handlungsstränge aus Romanen Fontanes, die ganz oder teilweise in Berlin spielen. Jedem Abschnitt sind ein oder mehrere Stadtpläne beigegeben, in den die Schauplätze eingetragen sind, es gibt eine kurze Zusammenfassung der Handlung, garniert mit Zitaten und einer Vielzahl von Fotos. Dabei versucht Seiler, soweit dies möglich ist, Fotos aus der Zeit Fontanes mit Bildern aus unserer Gegenwart zusammenzubringen.

Auf diese Weise bringt er uns das Flair der Fontanezeit nahe und zeigt, was sich verändert hat, aber auch, welche Kontinuitäten es im Stadtraum immer noch gibt.

Ein Kapitel über Fontanes Berliner Wohn- und Arbeitsstätten eröffnet das Buch. Es folgen die Kapitel

  • L’Adultera oder Entlang der Spree
  • Irrungen, Wirrungen und der Westen
  • Stine und der Norden
  • Frau Jenny Treibel und der Osten,
  • Effi Briest und das Zentrum
  • Die Poggenpuhls und der Süden
  • Hier und dort: CécileMathilde MöhringDer Stechlin

Im Abschlußkapitel „Das poetische und das reale Berlin“ gleicht der Autor Fontanes Darstellungen mit der damaligen Wirklichkeit ab und betont die vom Autor angestrebte generelle Wiedererkennbarkeit, die über Detailgetreulichkeit gestellt wird.

Mit dem Buch liegt eine hilfreiche Ergänzung für die Fontanelektüre vor; der Bildband kann aber auch für sich alleine mit Gewinn gelesen und betrachtet werden.

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Amélie Nothomb, Der Professor

Amélie Nothomb, Der Professor, 1995, dt. 1996 (aus dem Französischen von Wolfgang Krege), Tb. 1997, 196 Seiten.

Amélie Nothomb, Der Professor | Foto: nw2020

Amélie Nothomb, Der Professor | Foto: nw2020

Auf die Autorin, die seit 1992 vierunddreißig Bücher (Stand 2019) veröffentlich hat, bin ich über das YouTube-Video einer begeisterten Leserin aufmerksam geworden.

Nach der Pensionierung zieht ein altes Ehepaar aufs Land und wird mit den Nachbarn konfrontiert, was dem lang ersehnten Lebenstraum ungeahnte Akzente verleiht. Wie die beiden damit umgehen, das erzählt der schmale Roman auf eine überraschende Art und Weise, noch dazu mit einem furiosen Ende.

Der deutsche Titel ist demgegenüber ziemlich phantasielos – ja, der Erzähler ist ein pensionierter Gymnasialprofessor. Aber dennoch! Im  Englischen heißt das Buch “The stranger next door”, was wichtige Aspekte der Geschichte abdeckt. Aber das Original! Grandios, denn der französische Titel lautet: » Les Catilinaires «.

Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?

Wie der Fausthieb eines Champions trifft uns die Autorin mit ihrem Titel und diesem Satz, dem berühmten ersten Satz der Reden gegen Catilina, der niemals fällt und doch sofort präsent ist, als der Erzähler anhebt und beklagt, daß seine Langmut und die seiner Frau über die Maßen strapaziert wird.

Das Buch ist voller literarischer Anspielungen, zuvörderst in den Tiraden, mit denen der Erzähler gegen den Nachbarn angeht, als dieser sie täglich und unaufgefordert besucht. Aber auch an anderen Stellen des Textes lugen sie hervor: der Ekel (S. 9) und Mallarmé (S. 24) – und natürlich das Paar selbst: Émile und Juliette Hazel treten uns als die gastfreundlichen Philemon und Baucis entgegen.

Die Autorin greift zu den Mitteln der Groteske und läßt uns in menschliche Abgründe blicken. Ihr gelingt das Kunststück, den kurzen Text dicht anzufüllen mit Handlung, mit Beschreibungen sowie mit innerer und äußerer Rede, ohne daß er überladen oder kurzatmig wirken würde.

»Der Professor« von Amélie Nothomb ist ein packender Roman, der Lesevergnügen auf hohem Niveau bietet.

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Reinfall: Auf den Palisaden

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch, 2020, 407 Seiten.

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden | Foto nw2020

Andreas Platthaus, Auf den Palisaden | Foto nw2020

Manches [der täglich niedergeschriebenen Betrachtungen] mag dabei vorschnell fixiert worden sein.
[…]
Aber warum sollte ausgerechnet [dieses] Vorurteil […] Bestand haben, wo doch in hundert Tagen so ziemlich alle anderen Vorurteile, die ich mit Blick auf Los Angeles hatte, revidiert wurden? (S. 325)

Ein rarer und folgenloser Moment der Selbstkritik. Andreas Platthaus, Leiter des Literaturressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor einiger Bücher, war im Jahre 2019 für vier Monate Resident Fellow im Thomas Mann House, dem letzten amerikanischen Wohnsitz des Schriftstellers, um für ein Buch über den Maler Lyonel Feininger zu recherchieren.

Frappierendstes Beispiel für die obige Selbsteinschätzung Platthaus’ ist die Passage über das Hollyhock House, ein Werk des Architekten Frank Lloyd Wright, gleich zu Beginn des Buches auf S. 27ff. Ein Blick ins Internet genügt, um zu erkennen, daß die drastische und vorwurfsvolle Schilderung des Verfallszustandes und der Unzugänglichkeit nicht zutrifft. Gegen Ende seines Aufenthaltes besucht er das mittlerweile auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO gelangte Hollyhock House ein zweites Mal und zeigt sich begeistert.
Eine Fußnote hätte Wunder gewirkt; schließlich ist das Tagebuch von vornherein zur Veröffentlichung bestimmt. Aber hier, wie an zu vielen anderen Stellen gilt:

Es zeigt, wie nachlässig einen gerade die moralisch gesicherte Position bei der Wortwahl macht (S. 297)

Das Buch trieft vor Selbstgerechtigkeit eines linksliberalen Intellektuellen, der sich den meisten Amerikanern kulturell und politisch turmhoch überlegen fühlt und nur mit einer Minderheit von Ost- und Westküstenbewohnern Gespräche – bezeichnenderweise über das Essen – führen kann. In weiten Teilen ist das Buch unerträglich, und man fragt sich wirklich, warum sich Platthaus den Tort eines mehrmonatigen Aufenthalts auf Staatskosten antut.

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Thomas Mullen, Dark Town

Thomas Mullen, Dark Town, 2016, dt. 2018 (aus dem Englischen von Berni Mayer), 479 Seiten (Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg).

Thomas Mullen, Darktown | Foto: nw2020

Thomas Mullen, Darktown | Foto: nw2020

Hintergrund

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, während dem circa 100.000 Schwarze in den US-Streitkräften gekämpft hatten – gegen eine menschenverachtende Rassenideologie. Wieder zurück in den Staaten, erleben sie die fortdauernde Rassentrennung als besonders grotesk und bedrückend.

»Wie hältst du es hier aus, Lucius?«, fragte Percy, als hätte er seine Gedanken gelesen. »Die Blicke auf den Straßen. Den ganzen Wahnsinn. Die sind doch alle verrückt hier. Wir haben die Faschisten in Europa besiegt, aber hier sind sie noch an der Macht.« (S. 283)

In Atlanta – der Hauptstand von Georgia, die sowohl im Bürgerkrieg als auch für die Bürgerrechtsbewegung wichtig war – werden im Jahr 1948 erstmals acht schwarze Polizisten eingestellt. Diese haben nur eingeschränkte Zuständigkeiten und Handlungsbefugnisse, aber es ist ein Anfang. So denken auch Lucius Boggs und Tommy Smith, die zu diesen acht Polizisten gehören und gemeinsam auf Streife gehen.

Die Handlung

Wenn sie Menschen festnehmen wollen oder wenn es um Weiße geht, müssen die schwarzen Polizisten ihre weißen Kollegen rufen. Ermittlungen durchführen dürfen sie auch nicht. In dem Stadtviertel, in dem die Geschichte spielt, ist Officer Dunlow zuständig, seit zwanzig Jahren Streifenpolizist, korrupt und gewalttätig. Ihm wurde mit Officer Rakestraw ein junger Kollege zugeteilt, der noch Skrupel hat und die Rassentrennung zwar nicht ablehnt, aber die Schwarzen auch nicht für gefährliche Untermenschen hält.

Diese vier Männer stehen im Zentrum des Geschehens und aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt. Dabei geht es einerseits um alltägliche Konfliktsituationen, hinter denen die strukturellen Probleme der gesellschaftlichen Situation stehen, andererseits aber auch um einen Mordfall.
Das Opfer ist eine schwarze junge Frau, was den Ermittlungseifer der weißen Polizisten merklich dämpft, um so mehr, als ein ehemaliger Kollege von ihnen in den Fall verwickelt zu sein scheint.
Während vor allem Boggs und Rake versuchen – allerdings zunächst unabhängig voneinander –, den Mordfall aufzuklären, geht es auch grundsätzlich darum, wer innerhalb der Polizei das Sagen hat, ob Dunlow seine Vormachtstellung behaupten kann.

Rake stand auf und wünschte Boggs viel Glück. Dann schüttelte er zum zweiten Mal an diesem Tag und in seinem Leben einem Negro die Hand. (S. 323)

Keiner der Beteiligten geht zimperlich zu Werke, denn es steht für jeden viel auf dem Spiel. Langsam kommt dabei eine große Sache ans Licht.

Zum Stil

Die Sprache ist variantenreich, auch in den Dialogen elaboriert. Lediglich unter Polizisten und gegenüber Gangstern ist es mal knackiger. Ansonsten überwiegt ein fließender, gleichwohl präziser und mitunter auch poetischer Stil.

Deshalb stand er eines Tages um sechs Uhr morgens auf, deutlich früher, als er eigentlich vorgehabt hatte nach einer seiner langen Nachtschichten.Er zog sich an und stürzte einen Kaffee hinunter, dann verließ er das Haus. Es war bereits hell, der kleine Vorgarten seiner Eltern noch voller Tau. Die Vögel klangen erstaunt, ihn um diese Uhrzeit zu sehen. (S. 248)

Die Spannung der einzelnen Handlungsstränge wird durch Schauplatzwechsel immer mehr verdichtet; unaufhaltsam steuert das Buch auf seinen Höhepunkt zu.

Meine Einschätzung

Es ist sehr gut gemacht, wie der Autor in kürzeren und längeren Abschnitten über die Rassentrennung schreibt – nie wirken diese Passagen wie eingeschobene Erläuterungen, die aus einem Sachbuch übernommen wurden und dem Leser die Moral der Geschichte erklären. Stets sind diese Stellen gut und überzeugend in die Handlung eingebunden oder Teil wichtiger innerer Monologe, mit denen die Figuren ihre Situation reflektieren und das Geschehene verarbeiten.

Obwohl Sweet Auburn sich viel größeren Wohlstands rühmen konnte, als den meisten Weißen bewusst war, und die West Side auf der anderen Seite der Stadt renommierte Universitäten für Negroes beherbergte, deren Existenz die meisten Weißen noch nicht einmal ahnten, befand sich der Großteil von Atlantas farbigen Vierteln in bemitleidenswertem Zustand. (S. 60f.)
„Ma’am, können Sie mir sagen, wie spät es war, als Sie das Haus verließen?“, hatte er sie gefragt. Oder: „Was wurde denn noch gestohlen Ma’am?“ Doch sie hatte nur finster dreingeblickt und wissen wollen, warum er sie »Ma’am« nannte. Zunächst hatte er keine Ahnung, was sie meinte. Als sie es wiederholte, antwortete er: „Ich kann Sie ja schlecht Sir nennen.“ Das kam nicht gut an, sie beschimpfte ihn, unterstellte ihm fiese Tricks. Da erst wurde ihm bewusst, dass sie nie zuvor jemand »Ma’am« genannt hatte. Boggs hatte zahllose Male gehört, wie man sein Mutter so ansprach, eine angesehene Matriarchin der Auburn Avenue, Frau eines Priesters. Doch dieser bemitleidenswerten Frau schien die Anrede völlig fehl am Platz. (S. 62)

Der Text hat nach meinem Empfinden den richtigen Drive für eine spannende Polizistengeschichte, bietet aber auch ein paar effektvolle Ritardandi für grundsätzliche Erwägungen. Insgesamt ist er eine gute und sinnfällige Illustration für so manchen Essay in Coates’ Buch »We were eight years in power«.

Smith war noch nie in Gesellschaft so vieler gut situierter Negroes gewesen. Er wusste, dass es sie gab, und hatte hier und da welche zu Gesicht bekommen, aber vor dieser Häufung an einem Ort wurde ihm schwindelig. Er war froh, dass er letzte Woche einen Großteil auf dieses Jackett verwendet hatte. Während er sich mit einem Arzt und dem Eigentümer dieses Barbershop-Imperiums unterhielt, wurde er sich seiner verschluckten Konsonanten und seines Hangs zu Schimpfwörtern bewusst. Er bestaunte Uhren und Manschettenknöpfe. Mehr als einmal wandelte sich ein ursprünglich leicht abfälliger Blick, sobald er erwähnte, dass einer von Atlantas neuen Polizisten sei, und seine Ungeschliffenheit war plötzlich rühmenswert. (S. 269)

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Thomas Mullen mit Darktown ein spannendes und gut geschriebenes Buch vorgelegt hat, das ein politisch schwieriges Thema anschaulich behandelt. Die Aufmachung der Büchergilde ist gelungen, der Schutzumschlag ansprechend und der grüne Leineneinband kontrastiert gut mit dem orangefarbenen Lesebändchen.

Die Nachwirkungen des im Text Geschilderten auf die heutige Zeit sind erschreckend, wie ich finde, gerade nach den acht Obama-Jahren, die eigentlich eine große Veränderung markierten oder hätten markieren sollen.

Klare Leseempfehlung für ein Buch, das mehr liefert, als nur eine sehr gute Geschichte!

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