Ein Butler erzählt

Rossbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs | Foto: nw2019

Verena Rossbacher, Ich war Diener im Hause Hobbs, 2018, Köln: Kiepenheuer&Witsch, 381 Seiten.

Überblick

Das Buch verschränkt den Entwicklungsroman des Christian Kauffmann aus Feldkirch in Vorarlberg mit dem Niedergang der Familie Hobbs in Zürich. Kauffmanns Jugend und sein Leben als Butler bei der Familie Hobbs werden durch seine Ausbildung in einer Butlerschule strikt voneinander separiert, weil er zunächst von der dienstbotentypischen Ausschaltung seiner eigenen Person im Hobbsschen Haushalt profitiert. Doch ein Ausflug in seine Heimat zur Schubertiade läßt seine Arbeitgeberin Kontakt zu seinen Freunden und zu seiner Familie finden, was Kauffmann zu einem echten Menschen werden läßt.

Jean-Pierre Hobbs und natürlich auch sein Bruder Gerome wurden als Söhne eines amerikanischen Anästhesisten mit Schweizer Wurzeln in den USA geboren wuchsen nach einem Umzug der Familie in der Ostschweiz auf. (S. 42)

Am Schluß des Romans ist nichts mehr, wie es war. Weiterlesen

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Éric Vuillard, Die Tagesordnung

Vuillard, die Tagesordnung | Foto nw2019 #Geschichte #Nationalsozialismus

Vuillard, die Tagesordnung | Foto nw2019

Das Buch »Die Tagesordnung«, erschienen 2017, ist wie sein Autor vielgerühmt und wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Ich fand das Buch enttäuschend.

Ratlosigkeit angesichts Vereinfachung

Nahaufnahmen zeigen trottelige Unsympathen, alte Gierhälse, grausame Kleingeister – ein Panoptikum bizarrer Gestalten. Man kann sich nach der Lektüre beruhigt zurücklehnen und sich mit Onkel Nolte zum eigenen Anderssein beglückwünschen. Mit dem Wissen des weiteren Fortgangs der Geschichte legt Vuillard – dabei gehörig psychologisierend – Täuschungen, Absonderlichkeiten und zunächst verdeckt bleibende Motive offen.

Das erscheint mir nicht sonderlich originell und verdeckt oder relativiert die Wirkung in der damaligen Gegenwart. Goebbels hat die Wochenschaubilder manipuliert, Pannen unerwähnt gelassen und beim Jubeln nachgeholfen. Gut, aber was heißt das? Was heißt das vor allem vor dem Hintergrund – sehr starke Passage! – der Selbsttötungen vor und nach dem Anschluß Österreichs (S. 105ff.)? Worauf gründeten die Hellsichtigkeit und die Ahnungen derjenigen, die selbst Hand an sich legten, bevor andere es taten? Ließen auch sie sich bluffen?

Greisinnen, die in Altenheimen Fernsehaufnahmen von den Mädchen sehen, die sie einmal waren – auch hier gelingt Vuillard ein starkes Bild (S. 108). Doch was macht er daraus? Die Frage, ob sie wohl nachdenken und unangenehme Empfindungen haben. Das ist allzu schwach!

Was bewirkt also die fiktionale Rekonstruktion, die Vuillard uns präsentiert? Was löst der Text bei uns aus? Ich bekenne: wenig. Und stelle mir die Frage, welchen Lesern es anders gehen mag. Auf die Nähe zu TV-Formaten ist verschiedentlich hingewiesen worden.

Die berechtigte Anklage der deutschen Wirtschaft, die von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitierte und weder angemessene Entschädigung zahlte noch ihre Schuld bekannte – das wird in wenigen Sätzen abgehandelt, garniert mit einer Geistererscheinung des schlechten Gewissens beim alten Gustav Krupp.

Mein Fazit

Auf mich wirkt der Text wie ein makabrer Reigen, ähnlich den Darstellungen des Totentanzes. Die Botschaft ist in ihrer Fundamentalität ebenso schlicht wie in ihrer Schlichtheit fundamental – nur bleibt die Frage: warum jetzt? Eine gleichermaßen lasche wie gestelzte Schlußpassage über Geschichte, die sich nicht oder doch wiederholt, läßt mich ratlos zurück. Die einzelnen Episoden fügen sich nicht zu einem Ganzen, das Buch bringt keinerlei Erkenntnisgewinn.

Die Büchergilde Gutenberg hat das Buch immerhin ansprechend gestaltet, sowohl der Schutzumschlag als auch der Leineneinband bilden mit dem Vorsatzpapier und dem Lesebändchen ein harmonisches Ganzes.

 

Éric Vuillard, Die Tagesordnung, 2017 (dt. 2018, aus dem Französischen von Nicola Denis), Büchergilde Gutenberg, 123 Seiten.

 

Rezensionen (Auswahl)

Deutschlandfunk Kultur

Iris Radisch, Die Zeit

Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung

Die Buchbloggerin

Literaturreich

 

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Stadt der Frauen: Wien

Stadt der Frauen: Künstlerinnen in Wien 1900-1938 – Katalog zur Ausstellung im Unteren Belvedere, Wien, vom 25. Januar bis 19. Mai 2019, hrsg. von Stella Rolling und Sabine Fellner, 2019.

Katalog und Ausstellung beschäftigen sich mit Frauen als bildenden Künstlerinnen im Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Die Zeit ist in vielfältiger Weise von großen Ambivalenzen gekennzeichnet, die sich vor allem in den großen Städten Europas kristallisationsartig zeigen: ob in London oder Paris, ob in Berlin oder eben in Wien – überall begegnen sich eine heile »Welt von gestern« und eine von starken Unterströmungen getragene Moderne. Insbesondere Frauen sind von diesen Ambivalenzen im positiven wie negativen Sinne betroffen. Familie und Gesellschaft, Ausbildung und Beruf, Politik und Recht sind die Felder, auf denen Auseinandersetzungen um Anerkennung und um Gleichberechtigung geführt werden. aber auch die künstlerische Sphäre gehört in diese Reihe. Dies belegen Ausstellung und Katalog eindrücklich.

Es wird gezeigt, wie mühevoll Frauen sich die Sichtbarkeit als Künstlerinnen ab 1900 erkämpfen mußten. Dieser Weg führt aber schließlich doch zu Erfolg, Reputation und Wertschätzung. 1938 wird diese Entwicklung jäh unterbrochen und nach 1945 nicht wieder aufgenommen. Die sichtbar gewordenen Frauen bleiben auch nach der NS-Zeit verschwunden und wurden erst in den 1990er Jahren durch die kunstgeschichtliche Forschung wiederentdeckt.

In nur vierzig Jahren eroberten Frauen, die auf keine gesellschaftlich akzeptierte Alternative zur Rolle als Ehefrau und Mutter zurückgreifen konnten, Schritt für Schritt die Kunstszene Wiens, verließen den Dilettantismus, um ernsthafte Karrieren als Künstlerinnen aufzubauen. Sie eroberten die Kunstschulen und Akademien, alle Bereiche der Kunst von Malerei über Bildhauerei bis zu Architektur und ließen sich nicht mehr auf traditionell weibliche Genres wie Stillleben und Landschaft beschränken, sondern betraten Tabubereiche wie die Aktmalerei. Sie eroberten neue gesellschaftskritische Themen, engagierten sich (sozial-)politisch, schlossen sich beherzt zu eigenen Vereinigungen zusammen. Sie vernetzten sich interdisziplinär, waren weltoffen und suchten den Anschluss an die internationalen Avantgarden. Sie waren sichtbar in Ausstellungshäusern, Museen und Galerien, sie wurden von männlichen Kollegen wahr- und ernstgenommen. (S. 21)

Manche Werke sind verlorengegangene, viele waren vergessen und in schlechtem konservatorischen Zustand, so daß die Ausstellung nur eine Auswahl ihres Schaffens zeigen konnte. Was man zu sehen bekommt und was zusätzlich im Katalog abgedruckt ist, zeigt klar, daß die Werke technisch, programmatisch und stilistisch auf der Höhe der Zeit sind. Bei der Kunstschau 1908 waren etwas mehr als ein Drittel der Ausstellenden Frauen, die Künstlerinnen veranstalteten aber auch rein weibliche Gruppenausstellungen.

In der Kunstgeschichtsschreibung gab es zunächst freilich eine diesbezügliche Leerstelle, die erst seit einigen Jahrzehnten mühsam geschlossen wird. Zwischen 1938 und 1945 wurden in Österreich viele Frauen, die künstlerisch tätig waren, entrechtet, verfolgt, vertrieben und getötet, ihre Werke zerstört oder jedenfalls nicht mehr aktiv konserviert und präsentiert. Eine Künstlerinnenkarriere war in den 1940er und 1950er Jahren erneut unvorstellbar geworden; die Frauen mußten unter den gleichen Schwierigkeiten wie fünfzig Jahre zuvor neu anfangen.

Im Jahre 1903 wurde im Unteren Belvedere die „Moderne Galerie“ mit einer Ausstellung eröffnet, bei der 196 Werke ausgestellt wurden, darunter zwei Gemälde von Frauen: Tina Blau und Emilie Mediz-Pelikan. Der Katalog berichtet über die Anstrengungen der Künstlerinnen und ihrer Unterstützer, vermehrt auf Ausstellung vertreten zu sein und Objekte an Museen zu verkaufen. Diese Bemühungen und die damit verbundenen Erfolge wurden 1938 durch die restriktive Kunstpolitik und die Rassenverfolgung beendet. Nach dem Krieg erfolgten zunächst nur vereinzelt Ankäufe und Retrospektiven.

Ilse Bernheimer, Camilla Birke, Tina Blau, Maria Olga Brand-Krieghammer, Eugenie Breithut-Munk, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Bettina Ehrlich-Bauer, Gertrud Fischl, Louise Fraenkel-Hahn, Greta Feist, Helene Funke, Susanne Renate Granitisch, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Stephanie Hollenstein, Johanna Kampmann-Freund, Franziska Kantor, Elisabeth Karlinsky, Steif Kieler, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin-Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Marinette Lydis, Leontine Maneles, Emilie Mediz-Pelikan, Marie-Louise von Motesiczky, Marie Müller, Gertrud Nagel, Fritzi Nechansky-Stotz, Milka Podhajská, Marianne Purtscher von Eschenburg, Gertrud Reinberger-Brausewetter, Lili Réthi, Teresa Feodorowna-Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Marianne Saxl-Deutsch, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Bertha Tarnóczy von Sprinzenberg, Helene von Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Trude Waehner, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf-Krakauer, Franziska Zach, Maria Zeiller-Uchatius und Nora von Zumbusch-Exner – das sind die Namen der Künstlerinnen, an die hier zu Recht erinnert wird.

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Gerhart Hauptmanns letztes Jahr

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019 #roman #Hauptmann

Hans Pleschinski, Wiesenstein | Foto nw2019

Hans Pleschinski, Wiesenstein, 2018 (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg), 550 Seiten.

Auf den ersten neun Seiten habe ich dreimal den starken Impuls unterdrücken müssen, das Buch schimpfend zur Seite zu legen, so sehr habe ich mich über solche Passagen geärgert:

Die meisten hockten auf ihrem Gepäck.

Kinder bekamen einen Klaps.

Säuglinge wurden gewiegt. (S. 15)

Seufzend blätterte ich noch einmal um, und dann wurde das Buch glücklicherweise deutlich besser: lesbarer, erzählerischer, unangestrengter.

Der Roman setzt nach der Bombardierung Dresdens ein und endet mit dem Tod des Schriftstellers Gerhart Hauptmann; die Leser begleiten ihn und seine Frau auf dem abenteuerlichen Weg zu ihrer schlesischen Villa.

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