Eine unfriedliche Zeit für Europa: Nachkriegs-Zeit

Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. Siedler 2017 (engl. Originalausgabe 2016), 349 Seiten plus 126 Seiten Apparat.

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Foto: nw2017

Auf rund fünfzig Seiten schildert Gerwarth, wie die Mittelmächte den Krieg verlieren, obwohl sie zunächst Rußland besiegen und danach noch einmal an verschiedenen Fronten Erfolge erzielen. Es sind nicht nur der Kriegseintritt der USA und der wirtschaftlichen Überlegenheit der Ententemächte, die diesen Ausgang begründen, hinzukommen taktische Fehler und die drastisch verschlechterte Lage an der Heimatfront. Die Kampfmoral verflüchtigt sich und das revolutionäre Potential steigt stetig. In den ersten Novembertagen 1918 löst sich eine Welt auf, die vier Jahre zuvor noch unerschütterlich erschienen war.

Das Verständnis von Zukunft konnte sich kaum dramatischer wandeln, als es sowohl in den Hoffnungen und Befürchtungen um das Jahr 1900 als auch in denjenigen vor 1914 einerseits und der Einschätzung der Lage an der Jahreswende 1918/19 andererseits zu beobachten ist.

Das Buch verbindet meine beiden Leseprojekte Erster Weltkrieg und Umbruchszeit.

Der Abschluß der Pariser Vorortverträge bedeutete nicht das Ende der Gewalt, denn in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gingen Bürgerkriege, Aufstände und Waffenanwendung noch jahrelang weiter. Die Besiegten hatten, so Gerwarths These, keinen Frieden gefunden.

Für Rußland hatte der Friedensschluss von Brest-Litowsk große Gebietsverluste bedeutet, so daß es nicht verwundern kann, daß die Rote Armee nach dem Waffenstillstand an der Westfront (13. November 1918) eine Großoffensive startete, um diese Gebiete zurückzuerobern und auch dort eine bolschewistische Revolution durchzuführen. Um das Vorrücken des Bolschewismus zu stoppen, forderten Briten und Franzosen die Reichsregierung auf, den Truppenrückzug im Osten zu beenden. Örtliche Freiwillige, Reste des regulären deutschen Heeres und eine wachsende Zahl von Freiwilligen aus dem Reich (sogenannte Freikorps) stellten sich den Bolschewiki entgegen.

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Alan Bennett, Così fan tutte

Ein schmales Bändchen, das großes Lesevergnügen bietet: Alan Bennett, Così fan tutte, 1996, dt. 2003. Bei Wagenbach ist der Autor kein Unbekannter; mehrere Bücher liegen von ihm vor, darunter die berühmt gewordene „Souveräne Leserin“.

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Alan Bennett, Così fan tutte. Coverdownload von der Verlagswebseite

Die vorliegende Geschichte handelt von einem Mittelklasseehepaar, das nach einem Opernbesuch in eine von Dieben komplett ausgeräumte Wohnung zurückkehrt und sein Leben neu organisieren muß. Die langjährige Ehe ist konventionell und steif-verklemmt, das Leben eingerostet und nun, mit buchstäblich nichts, sind Neurorientierungen möglich. Der Humor ist trocken bis absurd, und die Ehe erscheint als Hölle der lange unhinterfragten Normalität. Mrs. Ransome sucht neue Geschäfte auf, kauft ungewohnte Dinge ein, sieht nachmittags fern. Unvorhergesehene Wendungen geben der Handlung jeweils einen neuen Drive und führen schließlich zu einem gänzlich unerwarteten Ende.

Der Text ist kompakt, aber inhaltsreich. Nach zweiunddreißig unaufgeregten Ehejahren bringt die neue Situation Mrs. Ransom zum Nachdenken über die Qualität ihrer Ehe, über die eigenen Bedürfnisse und über die Kommunikation unter Eheleuten, aber auch über die kleinen Geheimnisse, die sie voreinander haben.

Der letzte Satz des Buches lautet mahnend:

Jetzt, denkt sie, kann ich anfangen. (S. 111)

Während Schiller den Manschen auf das „Grabe seiner Habe“ zurückblicken läßt, bevor er – „fröhlich dann zum Wanderstabe“ greifend – in die Welt hinausmarschiert, löscht Bennett gleichsam die Festplatte seiner Protagonisten, indem er sie vom Ballast befreit. Aber manche Gewohnheit, manche Überzeugung sind zu tief eingegraben und können nicht von heute auf morgen aufgegeben und – horribile dictu! – durch neue, zeitgemäßere gar, ersetzt werden. Köstlich, wie Bennett vor allem Mrs. Ransome Erkundungen in eine veränderte Welt unternehmen läßt, erhellend, wie sich ihr die Augen öffnen. Am Ende ist es gleichermaßen bitter wie konsequent, daß sie ihren Weg ohne ihren Mann gehen muß, der seine Chance nicht genutzt, ja offenbar noch nicht einmal gesehen hat.

Dieser erzählerische Kunstgriff wird nicht nur lustvoll ausfabuliert, sondern stilsicher so verankert, daß man die Geschichte für wahr halten möchte, wodurch ihre Botschaft noch mehr Gewicht erhält.

 

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Leseliste 2017 – 2

Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren, Roman, 2016, 272 Seiten (Self-Publishing).

Eine Geschichte aus der großen Zeit des Hollywoodkinos. Gewinner des Blogbusterpreises.

Anthony O. Scott, Kritik üben. Die Kunst des feinen Urteils, 2016, dt. 2017.

Was macht eigentlich so ein Kritiker? Und mit welchem Recht? Viele Fragen, denen der Autor in einem lesenswerten Buch nachgeht,

Jeffrey Eugenides, Die Liebeshandlung, 2011, dt. 2011.

Schmöker. Eigentlich. Aber ich fand das Buch nur mittelprächtig.

Matthias Nawrat, Nowosibirsk. Tagebuch, 2017.

Klein und fein. Rußland in der Provinz, große Vergangenheit, schwierige Gegenwart.

Ha Jin, Der ausgewanderte Autor. Über die Suche nach der eigenen Sprache, 2008 (aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck, 2014).

Aus meiner Exil-Reihe. Interessanter Essay über das Schreiben in der Fremde und in der fremden Sprache.

Valentin Kockel/Sebastian Schütze, Faust und Felice Niccolini. The houses and monuments of Pompeii. The complete plates, 2016.

Prunkband, benötigt einen großen und stabilen Coffeetable. Sehr schöne und interessante Abbildungen, gute Texte.

Elisabeth Tworek, Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann. Von der Bohème zum Exil, 2016.

Informative Texte, reichhaltige Bebilderung. Paßt zu den Leseprojekten Umbruch und Exil.

Lynne Sharon Schwartz, Für immer ist ganz schön lange, 1980, dt. 2015/2017 (aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner).

Szenen einer Ehe. Die schlimmsten Hölle existiert in unserer Phantasie.

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, 2016, dt. 2017.

Luuk van Middelaar, Vom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa, 2009, dt. 2016.

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009.

Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Erstveröffentlichung 1945, Tb. 1974, 46. Aufl. 2015.

Jens Ebert (Hrsg.) Vom August-Erlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, 2014.

Greg Grandin, Kissingers langer Schatten. Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe, 2015, dt. 2016

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Szenen einer Ehe: Rough Strife

Lynne Sharon Schwartz, Für immer ist ganz schön lange, 1980, Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner 2015, Tb. 2017. Kein&Aber Pocket, 256 Seiten

4f58741318f1c33c6361b8e7e758d3ffEheromane können ja schrecklich sein – nicht umsonst brechen Liebesgeschichten in der Regel mit dem Happy End ab. Was danach geschieht, ist oft nur zu desillusionierend: Effi Briest läßt grüßen. Oder es wird eine Versuchsanordnung, wie sie Goethe stilbildend mit den Wahlverwandtschaften vorgelegt hat.

Schwartz zeigt uns in der Eingangsszene ein Paar im Moment höchster Vertrautheit, um dann durch den Umstand, daß der Mann nicht wie erwartet in zwanzig Minuten vom Joggen zurückkehrt, einen Reflexionsraum zu eröffnen. In rasanter Fahrt stürzt der Text in die Winkel und Tiefen der menschlichen Vorstellungskraft: Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen, ist Treue möglich, Beständigkeit? Welche archaischen Muster prägen unser Verhalten? Was kann man überhaupt von einem anderen Menschen wissen?

Carolines Überlegungen offenbaren eine dramatische Unsicherheit: das Verlassenwerden erscheint ihr als völlig selbstverständlicher Grund für das Ausbleiben des Mannes, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet ist und den sie kurz vor seinem Aufbruch noch leidenschaftlich geliebt hatte.

Beiderseitige Diskretion hatte ihnen geholfen, verheiratet zu bleiben. (S. 14)

Auf nur wenigen Seiten schaffen Schwartz und ihre Übersetzerin eine hervorragende Darstellung des absurden Gedankenstrudels, nicht zu steuern, stets bereit, die nächste Idee bedingungslos zu glauben. So bilden Angst, Zweifel, Haß, Erinnerungen an die eigene Untreue ein konzentriertes Wechselbad der Spannungen und Gedanken. Nach diesem fulminanten Einstieg taucht der Ehemann natürlich wieder auf, aber die Situation ist verändert genug, daß Caroline sie zu einer langen Rückblende nutzt.

Schwartz erzählt die Geschichte von Caroline und Ivan als allwissende Autorin, doch es ist Carolines Perspektive, sie ist Flucht- und Angelpunkt des Romans, sie erinnert sich, wir lesen über ihre Gefühle, Zweifel und Wut.

Und so begleiten wir das Paar in die 1950er Jahre, als sie sich in Rom kennenlernten, lesen anschauliche Schilderungen von Atmosphäre und Stimmungen, beobachten Gefühle, Unsicherheiten und sich dann doch verschlingende Lebenspfade, die sich durch Höhen und Tiefen auf die Gegenwart der Romanentstehung hinbewegen.

So misstönend ihr Liebeswerben gewesen war, so harmonisch war ihre Ehe. (S. 98)

Irgendwann wird Kennedy ermordet. Schwangerschaft ist eine schwierige Phase. Prioritäten verschieben sich. Zwar gibt es nicht wenig Handlung in diesem Roman, aber letztendlich bleibt sie belanglos. Wie denkt Caroline darüber? Und wie Ivan? Also, was stellt sich Caroline vor, daß er denkt? Und warum er das tut und was das wiederum für sie heißt.

Natürlich wusste sie es. […] Und doch musste sie es ihn aussprechen hören, um zu wissen, dass sie es wusste. (S. 201)

Aber sie hatte eine Ahnung davon, dass er bald in die Jahre kommen würde – dicker werdender Bauch, Schlabberhosen, schütter werdendes Haar, fleischiger Nacken. Ihr schauderte bei der Vorstellung, dass sich ein schmerbäuchiger Mann an ihrem Körper zu schaffen machte. Dafür hatte sie sich nicht entschieden. Sie hatte sich für Ivan entschieden, wie er damals war, in Rom. (S. 136)

Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft. Aber auch ein Auswärtssemester inklusive mehrwöchigem Seitensprung, natürlich nicht ohne daß sie den zum Auswärtssemester ratenden Ehemann fragt, warum er sie so dringend loswerden wolle (S. 203).

Zurück bei Ivan beobachtet sie, wie innig seine Beziehung zu ihrer gemeinsamen Tochter ist:

Die beiden waren völlig zufrieden ohne sie, dachte sie. Während sie weg war, hatten sie die ganze Zeit so gelebt, vergnügt miteinander bis an ihr seliges Ende, wie es im Märchen hieß. Ihre Gefühle für John [der Seitensprung] waren nichts dergleichen. Ein Unbehagen regte sich in ihr und erfasste jede einzelne Zelle. (S. 214)

Das mag jetzt schlimmer klingen, als es tatsächlich ist. Denn der Roman ist flüssig, ja packend geschrieben und besteht nicht nur aus diesen frappierenden Stellen. Auch wenn ich als Mann mitunter den Kopf schüttele ob der typisch weiblichen Weltsicht, aber genauso ist es ja (oft) – Legionen von Müttern, Schwestern, Freundinnen, Geliebten und Ehefrauen leg(t)en davon Zeugnis ab. In der Summe allerdings wird mir Caroline im Lauf der Geschichte immer unsympathischer, sodaß mir das Buch insgesamt zum Schluß nicht mehr so außerordentlich gut gefallen hat, wie ich zunächst angenommen hatte. Versöhnt hat mich der Umstand, daß ihr unangebracht doktrinärer Feminismus von der Autorin ins Lächerliche gezogen und als Sumpfblüte einer immer raumgreifenden Torschlusspanik gezeichnet wird. Am Ende tut sie mir beinahe leid, aber da hat Schwartz auch schon ein Einsehen und mildert den Irrsinn ab, versöhnlicher Schuß inklusive.

Leseempfehlung!

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