Erdoğan

Can Dündar / Mohamed Anwar, Erdoğan, 2. Aufl. Januar 2022, 322 Seiten.

Das Buch erzählt die Geschichte eines Aufstiegs, der einem eigentlich Respekt abnötigen müßte. Denn ein kleiner Junge aus ärmlichen Verhältnissen überwindet durch Zähigkeit und Zielstrebigkeit soziale Barrieren und Perspektivlosigkeit sowie eine Reihe von Rückschlägen, um schließlich einer Mehrheit seines Volkes Hoffnung auf bessere Zustände zu vermitteln.

Nur ist dieser Mann vor allem an der Macht interessiert und daran, sie unbeschränkt auszuüben, um Staat und Gesellschaft nach seinen Vorstellungen zu formen. Dündar und Anwar schildern die persönliche und politische Entwicklung von Recep Tayyip Erdoğan, der sich auch vopn unüberwindlich erscheinenden Hindernissen nicht aufhalten läßt, der andere täuscht und für sich einspannt, der skrupellos Unterstützung annimmt um zahllose Skandale zu vertuschen, aber gleichzeitig seine religiösen Überzeugungen wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Mehr als einmal drängen sich beim Lesen Parallelen zu Adolf Hitler auf, nicht nur, wenn Anwar das Bärtchen besonders schmal werden läßt, sondern auch, wenn Erdoğan sich als Kämpfer gegen das Establishment stilisiert, so die Unterstützung der Armen gewinnt und gleichzeitig den Schulterschluß mit dem Establishment in Militär, Staat und Wirtschaft sucht, oder wenn er in Haft den entscheidenden Anlauf zur Gewinnung der Macht nimmt.

Ein erschreckendes Buch! Es zeigt auch die Kurzsichtigkeit etwa der USA, die den „Islamisten mit Krawatte“ unterstützten, um Mullahs zu verhindern. Und es zeigt auch, daß eine Demokratie inklusiv sein muß und keine zu große Zahl von „Abgehängten“ produzieren darf. Der rheinische Kapitalismus war ein wichtiger Pfeiler der alten Bundesrepublik, das wird mir bei Blicken über die Grenzen (Trump, Erdoğan) jedes Mal aufs Neue klar.

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Lesemonat Februar 2022

Bernd Köstering, Goetheherz, Literaturkrimi, 2021, 345 Seiten.

Zunächst arg betulich, danach sogar ziemlich turbulent. Offenbar sollte man die Vorgeschichte aus früheren Bänden der Reihe um den Hobbyermittler Hendrik Wilmut kennen, um manches zu verstehen. Die literarische Anreicherung fand ich nicht besonders toll, die Details zur Sonderkommission gelegentlich zäh und alles in allem wirkte die Geschichte etwas an den Haaren herbeigezogen auf mich.

Andreas Schäfer, Das Gartenzimmer, Roman, 2020, 347 Seiten.

Ein großartiges Buch, aber – ach! – der Autor wollte für mich zuviel und leider auch das Falsche. Die Geschichte dreht sich um ein 1908 erbautes Architektenhaus, in dem während der Nazizeit schlimme Dinge geschehen, und seine heutigen Bewohner, die zum Teil von diesen Dingen erfahren. Zwar erzählt Schäfer auf sprachlich und stilistisch hohem Niveau, aber die Geschichte in der Jetztzeit wirkte auf mich sehr aufgesetzt, mit banalen Problemen auf der einen und dramatischen Vorkommnissen auf der anderen Seite. Dieser Part hätte aus meiner Sicht ruhig kürzer und sachlicher ausfallen können.

Rebecca Solnit, Orwell’s Roses, 2021, 308 Seiten.

Ich las dieses Buch für den Booktube Prize 2022 als Teil der Octofinals, Abteilung Non-fiction. Mehr dazu erst Ende März.

Nadia Owusu, Aftershocks, A Memoir, 2021, 300 Seiten

Ich las dieses Buch für den Booktube Prize 2022 als Teil der Octofinals, Abteilung Non-fiction. Mehr dazu erst Ende März.

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Lesemonat Januar 2022

Neun Bücher, insgesamt 2.234 Seiten.

Die im Januar gelesenen Bücher

Alan Bennett, Die souveräne Leserin, 2007, dt. 2008 (aus dem Englischen von Ingo Herzke), 115 Seiten.

Reread zum Jahresauftakt. Ehrbezeugung an die Monarchin, die gerade ihr 70-jähriges Thronjubiläum feiern durfte.

Dmitrij Kapitelman, eine Formalie in Kiew, 2021, 176 Seiten.

Eigentlich eine anrührende Geschichte über einen erwachsenen Sohn, der mit dem Niedergang seiner alten Eltern umgehen lernen muß. Leider verstrickt in eine klischeebeladene Bürokratiegeschichte voller flacher Witzchen.

Olivia Manning, Der größte Reichtum, 1960, dt. 2020 (aus dem Englischen von Elke Jellinghaus), 462 Seiten.

Gut geschriebener Roman, der auf persönlichen Erfahrungen der Autorin beruht. Mitunter viele Vorurteile gegenüber Rumänen.

Gérard Coulon / Jean-Claude Golvin, Die Architekten des Imperiums. Wie das Heer ein Weltreich erbaute, 2018, dt. 2020 (aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer), 176 Seiten.

Ulrich Herbert, Wer waren die Nationalsozialisten?, 2021, 303 Seiten.

Wichtige Vorträge und Aufsätze, die zwischen 1995 und 2020 erschienen sind.

Florian Schwiecker / Michael Tsokos, Die 7. Zeugin. Justiz-Krimi, 2021, 320 Seiten.

Hier schweigt des Sängers Höflichkeit.

Sylvie Schenk, Roman d’amour, 2021, 128 Seiten.

Eine Autorin reist zur Verleihung eines Literaturpreises in die Provinz und muß einer Journalistin Rede und Antwort stehen, die von ihr wissen will, inwieweit die Geschichte auf ihrem persönlichen Erleben beruht.

Agatha Christie, Dreizehn bei Tisch, 1933, dt. 1934 (aus dem Englischen von Dr. Otto Albrecht van Bebber), 186 Seiten.

Klassischer Whodunnit-Krimi; Hercule Poirot in Hochform.

Anatol Regnier, Jeder schreibt für sich allen. Schriftsteller im Nationalsozialismus, 2020, 366 Seiten.

Hochinteressantes Thema, überzeugende Darstellung. Viele Einblicke in das Denken, das Verhalten und die Rechtfertigungsversuche von Schriftstellern.

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Der größte Reichtum

Olivia Manning, Der größte Reichtum, 1960, dt. 2020 (Neuübersetzung aus dem Englischen von Silke Jellinghaus), Rowohlt Hundert Augen, 463 Seiten.

Olivia Manning, der größte Reichtum | Foto: nw2021

Der Roman erschien 1960 unter dem Titel „The Great Fortune“, er wurde in gekürzter Form auf Deutsch als „Im Fluß der Zeit“ veröffentlicht. Es handelt sich um den ersten Band der sogenannten Balkan-Trilogie, in der die Autorin persönliche Erfahrungen verarbeitet.

Ein junges englisches Ehepaar lebt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Bukarest, wo der Mann, Guy Pringle, als Dozent für englische Sprache an der Universität arbeitet. Seine Frau Harriet hat ihn nach der Hochzeit in London dorthin begleitet und muß sich in sein Leben in der rumänischen Hauptstadt einfinden.

Das Buch lebt von Ambivalenzen und Gegensätzen. Rumänien liegt in der europäischen Peripherie, aber Bukarest sieht sich als europäische Metropole. Das Land ist reich an Rohstoffen, aber die Mehrheit der Bevölkerung vegitiert in schreiender Armut. Guy liebt seine Frau, kümmert sich aber vor allem um andere Menschen. Die Pringles müssen sparen, aber Guy ist sehr freigiebig. Die 21-jährige Harriet wird als freigeistig und selbständig geschildert, aber sie ist natürlich gefangen im Denken der Konvention.

Manning beschreibt genau und plastisch: Stimmungen, Personen, Orte – alles wird sehr lebendig und eindringlich geschildert. Als Leser rutscht man gleichsam in die Geschichte hinein, und es fühlt sich an als kennte man die Pringles schon sehr gut, aber auch viele der zahllosen Nebenfiguren.

Die geschilderten Typen sind skurril, ihre vielfältigen Vergnügungen – die im Laufe der Handlung weniger werden – erscheinen wie ein Tanz auf dem Vulkan. Doch kriegsbedingte Mangelwirtschaft und fehlendes Geld engen die Spielräume stetig ein.

Am Ende steht – sehr englisch! – eine Laienaufführung von Shakespeares „Troilus und Cressida“, deren triumphaler Erfolg freilich von der bloßen Nachricht der Einnahme von Paris durch die Wehrmacht aus dem kollektiven Bewußtsein gestrichen wird.

Dies ist ein gut lesbarer, flüssig erzählter Roman. Ich habe gerne und gefesselt in den Buch gelesen. Der andere Blickwinkel auf den Zweiten Weltkrieg von der südostlichen Peripherie Europas aus ist interessant, die Kritik an den Zuständen vor Ort ist recht klischeebeladen. Die Gruppe der britischen Expats versammelt eine Reihe wunderlicher Typen, deren Zusammentreffen die Handlung würzt.

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