Hanns-Josef Ortheil, Die Berlinreise

Hanns-Josef Ortheil, Die Berlinreise, 2014, Tb. 2015, 284 Seiten: Ein Junge reist mit seinem Vater kurz nach dem Mauerbau nach Berlin, wo dieser mit seiner jungen Frau während des Krieges gelebt hatte.

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Foto: nw2016

Am 30. April 1964 machen sich der Erzähler (12) und sein Vater (Mitte Fünfzig) auf die Reise von Köln nach Berlin. Die Rückreise am 9. Mai 1964 – die nicht mehr beschrieben wird – führt sie rechtzeitig zurück zur Meisterfeier des 1. FC Köln. Vater und Mutter waren als Jungverheiratete kurz vor Kriegsausbruch nach Berlin gezogen; der Vater hatte später an die Front gemußt, die Mutter war schließlich in den Westen geflohen. Nach Kriegsende war der Vater an Krücken in den Westerwald zu seiner Familie gelaufen. Der Besuch des Jahres 1964 führt ihn und seinen Sohn zum ersten Mal seither in die mittlerweile durch die Mauer geteilte Stadt.

Es handelt sich um ein wunderbares Buch! Für zeithistorisch Interessierte ist es ein Dokument, für Berliner und Liebhaber der Stadt ein Quell ständigen, oft freilich wehmütigen Erinnerns, für Söhne und für Väter ist es ein Schatz.

Der Kurfürstendamm ist überhaupt nichts für Jungs in meinem Alter. Er ist eher etwas für ältere Menschen, die bereits am Stock gehen und laufend stehen bleiben. Ideal ist er für Bummler, die den ganzen Tag nicht weiter als zwanzig Meter gehen. Auf dem Kurfürstendamm können solche Bummler auf zwanzig Metern zwei Cafés, drei Versicherungen und lauter Kleiderläden besuchen, in denen man sich stundenlang auf Berlinerisch unterhalten kann. (S. 55)

Anfangs fremdelt der Junge mit Berlin und dem typischen Berliner Freund des Vaters, der ihnen den Kurfürstendamm auf Berliner Art vorführt und dabei stets viel und laut redet.

Die Berliner haben viel mehr Zeit als zum Beispiel die Kölner. Sie frühstücken mindesten eine Stunde, und jede Unterhaltung dauert ebenfalls mindestens eine Stunde. Zu einer solchen Unterhaltung setzt man sich zusammen und redet im Kreis, und der Lauteste redet am längsten. Damit die Unterhaltung richtig läuft, wird viel Bier getrunken, und der Lauteste raucht am meisten. Geht die Unterhaltung zu Ende, verabredet man sich gleich für die nächste. So verbrauchen die Berliner mehr Zeit als andere Menschen, die einfach nicht so viel Zeit haben. Die Berliner haben aber mehr Zeit, weil sie auf einer Insel leben und nicht leicht weg können. Insulaner haben mehr Zeit als Nicht-Insulaner, das ist klar. Ich würde nicht besonders gern ein Insulaner sein, aber die Berliner sind gerne Insulaner und sogar stolz darauf, es zu sein. Das Insulaner-Sein ist eben etwas Besonderes, und die Berliner sind gern etwas Besonderes. Die Kölner dagegen sind nichts Besonderes, sondern einfach nur Kölner. Das reicht. (S. 68f.)

Friedenau besuchen die beiden am Sonntag, da ist es besonders still und wirkt auf den Jungen wie eine Oase, wie ein Rückzugsort (S. 100). Eine Stadtführung kombiniert den Ost- und den Westteil der Stadt, aber mit zwei verschiedenen Stadtführern und Grenzkontrolle. Der Junge nimmt als guter Beobachter die atmosphärischen Unterschiede in beiden Teilen genau wahr und schildert sie nuanciert. Bei einem nachfolgenden Besuch „im Sektor“, den er nur zusammen mit dem Vater unternimmt, wird das noch deutlicher.

Ein Leckerbissen ist die Schilderung des Besuch der neuen Philharmonie, des Scharounbaus. Die beiden hören ein Konzert der Philharmoniker, am Pult steht Herbert von Karajan, Elisabeth Schwarzkopf singt die »Vier letzten Lieder« von Richard Strauss. Überwältigt verlassen Vater und Sohn in der Pause die Aufführung, um sich den Eindruck zu bewahren.

Der Junge erfährt sodann Einzelheiten aus dem Leben seiner Familie aus den frühen Jahren, weit vor seiner Zeit. Er reift dadurch und sieht auch mit verändertem, noch liebevollerem Blick auf seinen Vater.

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Foto: nw2015

Der Junge ist ein guter Beobachter, kann das Gesehene und Erlebte auch sehr gut in Worte fassen. Sein Notizenkonvolut hat er später in eine Erzählform gebracht und sie dem Vater 1964 zu Weihnachten geschenkt. Postkarten, die er seiner Mutter schickte, sind an den Punkten integriert, an dem er sie schrieb.

Mitunter ist der Text erstaunlich reif und erwachsen, an anderer Stelle ist der Zwölfjährige genauso deutlich erkennbar. Er hat ein Buch von Karl May im Gepäck, »Winnetou III« und liest darin mit großer Begeisterung. Als er mit seinem Vater in einem Kudamm-Kino den James-Bond-Film »Liebesgrüße aus Moskau« ansieht, vergleicht er 007 mit Old Shatterhand – ein Vergleich, bei dem der Brite klar den kürzeren zieht.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es ist unverstellt und unmittelbar – und wirkt gerade deshalb so stark.

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5 Antworten zu Hanns-Josef Ortheil, Die Berlinreise

  1. Andreas Eigenmann schreibt:

    Schöner Beitrag. Ich habe auf meinem Blog ebenfalls über Ortheils Kinderbücher geschrieben, die ich sehr mag. https://andreaseigenmann.com/2016/01/18/18-01-2016/

  2. Pingback: Beiträge des Jahres 2016 | notizhefte

  3. Ingrid schreibt:

    Ich habe es auch gelesen, auch die Moselreise. An beiden kann man die riesigen Entwicklungsschritte sehen, die der kleine Junge sprachlich und vom Beobachten her gemacht hat. Ich habe noch einen Artikel ‚in der Mache‘ über ‚Der Stift und das Schreiben‘. Die Entwicklung vom sprachlosen Kind zum Literaturprofessor und Autor guter Bücher hat mich sehr beeindruckt.

  4. Pingback: Leseliste 2016 – 3 | notizhefte

  5. Pingback: Der Blog im Jahresrückblick | notizhefte

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