Karl May, Der Ölprinz

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Foto: nw2016

„Der Ölprinz“ entstand während eines guten halben Jahres 1892/93 und wurde von Oktober 1893 bis September 1894 in der Zeitschrift „Der gute Kamerad“ veröffentlicht. 1897 erschien die Erzählung dann in leicht veränderter Form als Buch. Nach einer erneuten Bearbeitung erschien „Der Ölprinz“ dann als Band 37 der Gesammelten Werke – so steht sie auch in meinem Bücherregal. 2008 schließlich erschien eine auf der Zeitschriftenfassung basierende Version in der Historisch-Kritischen Ausgabe (HKA) im Karl-May-Verlag, da eine Mitwirkung Mays an den Buchausgaben „praktisch ausgeschlossen werden könne“.

Die durch eine wechselvolle Geschichte, wie sie auch May selbst ersonnen haben könnte, gekennzeichnete HKA hat zum Ziel, dem bereits zu Lebzeiten vor Überarbeitungen und Entstellungen nicht geschützten Autoren gerecht zu werden. Mein Leseeindruck beruht auf der Version der Gesammelten Werke (Copyright 1951).

Man sagt ja, May habe seine Bücher mit einem jeweils sehr guten Atlas, Wörterbuch und Lexikon und einer blühenden Phantasie geschrieben. Hinzu kommen mancherlei andere, aus heutiger Sicht gerade auch in ihrer Verquickung verwunderliche Ingredienzien: eine grundsätzliche Menschenliebe, Einverständnis mit der technischen und intellektuellen Überlegenheit der „weißen Rasse“, dabei Annahme einer natürlichen Herausgehobenheit der Deutschen. Hieraus erwächst eine moralische Verantwortung für die Schöpfung insgesamt und für schwächere Mitmenschen.

Die Eroberung Amerikas mit der gewaltsamen Verdrängung der Indianer, die Ausrottung der Büffel- und Mustangherden – hiergegen schreibt May mit einem deutschen Faible für Wald und Natur an. Winnetou ist der „edle Wilde“ par excellence und wie sein Freund und Blutsbruder Old Shatterhand – bekanntlich das stark idealisierte Alter ego des Autors – vereinen sämtliche positiven Eigenschaften in sich.

„Der Ölprinz“ kreist um die Themen Auswanderung, Abenteuerlust und Betrug. Die Gesetzlosigkeit Arizonas wird den Lesern drastisch vor Augen geführt. Eine Räuberbande und zwei hinterhältige Brüder treiben ihr Unwesen, ein geldgieriger amerikanischer Bankier und ahnungslose sächsische Auswanderer sollen ihre Opfer werden. Doch die aufrechten Westmänner – viele ebenfalls aus Deutschland oder gar der sächsischen Heimat des Autors May stammend – und Winnetou verhelfen dem Guten am Ende natürlich zum Sieg.

Der Text lebt von detaillierten Naturschilderungen und humorvollen Passagen, wird getragen von den verschiedenen, eindringlich charakterisierten Typen, die der Autor auftreten läßt, und erzeugt bei aller zutage tretenden Gestrigkeit doch auch eine starke Nähe. Sie resultiert für mich aus der mehrfachen Jugendlektüre, zählte „Kamai“ (Joachim Fest) doch zu den prägenden Autoren meines ersten Lesejahrzehnts.

Zwei Fragen beschäftigen mich nun: Wie stark wurde der originale Text Mays durch die Buchherausgeber verändert – und nach 1945 möglicherweise wieder entschärft? Wirkt er heute noch als Jugendbuchautor?

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