Schach von Wuthenow

Preußen zur Zeit Napoleons, vor der Schlacht von Jena, einer wesentlichen Zäsur in der Geschichte dieses deutschen Königreiches, und ein gesellschaftlicher Skandal mit unglücklichem Ausgang. Unnachahmlich, wie Theodor Fontane diesen Stoff auf 130 Seiten handhabt, überwiegend dialogisch vorantreibt und sowohl die untergehende Epoche als auch die handelnden Personen zum Leben erweckt.

Ab 1878 beschäftigte sich Fontane mit dem ihm schon früher bekanntgewordenen, tatsächlich sich abgespielt habenden Geschehen, recherchierte und gestaltete den Text; im Sommer 1882 erschien die Novelle zunächst als Fortsetzung in der Vossischen Zeitung, ein Jahr später dann als Buch. Ich lege hier die kommentierte – und im übrigen sehr empfehlenswerte! – Taschenbuchausgabe bei dtv zugrunde, 1995, Neuausgabe 2007.

Dezent macht sie darauf aufmerksam, wenn der Autor in der Retrospektive Fehler macht, also etwa einen erst 1809 erfundenen Lampentyp Verwendung finden läßt oder auf eine erst 1827 uraufgeführte Oper Bezug nimmt, fleißig erläutert sie Adelsnamen, unterstützt bei französischen oder lateinischen Zitaten und erklärt allerlei preußische Spezifika, die heutigen Lesern nicht mehr zwingend geläufig sein mögen.

Die Handlung nimmt im Salon der Frau von Carayon ihren Ausgang, es ist der gewöhnliche Besuchsabend, ein warmer Sommertag, man plaudert, doch die Herren geraten rasch ins Grundsätzliche.

»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu?« (S. 10)

»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören«, erwiderte Schach. »Wollen die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?« (S. 16)

Die überschaubare Zahl der wiederkehrenden Schauplätze, ein paar ‚exotischere‘ Orte – Ausflugsziele oder hier ein Besuch beim König –, meist wie hingeworfen wirkende, aber doch ungeheuer plastische Charakterisierungen und die munter fließenden Gespräche formen sich rasch zu einem Bild des späten Altpreußens.

Preußen hatte in der 10jährigen Neutralität von 1795 bis 1805 zwar territoriale Gewinne gemacht, aber an Macht und Handlungsfähigkeit entscheidend verloren. 1805 war seine Politik, auf die Illusion der Neutralität festgelegt, zögernd. Napoleons Durchmarsch durch Ansbach führte zwar zur Annäherung an die Koalition, aber bei seinem zunächst eingeleiteten Vermittlungsversuch hatte es sich von Napoleon bis nach der Schlacht von Austerlitz hinhalten lassen und übernahm dann, als Kompensation für Kleve und Ansbach das englische Hannover; aus einem potentiellen Gegner war es zum kleinlauten Bundesgenossen, ja Komplizen des Imperators geworden, es mußte sich – wider seine politischen wie ökonomischen Interessen – in die anti-englische Front einreihen. England erklärte ihm den Krieg und begann die Blockade. Zugleich war Preußen jeder Drohung und Erpressung Napoleons fast hilflos ausgeliefert, hatte fast jegliche Handlungsfreiheit verloren.

So schildert Thomas Nipperdey in seinem Buch, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, 1983, S. 15, die Lage, in deren Rahmen Fontane seine Novelle ansiedelt.

Der Beischlaf findet, wie immer bei Fontane, in einer Leerzeile statt.

Dies schreibt Gerhart von Graevenitz, Theodor Fontane: ängstliche Moderne. Über das Imaginäre, 2014, S. 379. In dem Abschnitt über »Schach von Wuthenow« (S. 373-394) erläutert von Graevenitz die kompositorische Anlage der Novelle ebenso wie die politische Weiterentwicklung Fontanes mit seiner Sicht auf Preußen zwischen den 1860er Jahren und der Entstehungszeit der Novelle. Seinem Untersuchungsansatz folgend spielen dabei Gemälde, sowohl solche, die im Text vorkommen, als auch solche, die als Referenz herangezogen werden, eine große Rolle.

Die vorerwähnte Leerzeile kommt dann für meinen Eindruck etwas abrupt, nach einem doch eher verschwurbelten Flirt und mündet dann zunächst in ein verkrampftes Danach des seltener werdenden gesellschaftlichen Umgangs, bis die Mutter auf eine gesellschaftlich adäquate Lösung drängt und diese auch umstandslos erreicht.

Dann kommt es zum Skandal, der die Befürchtungen Schachs über die Zukunft bestätigt, zu Flucht, Nachdenken und allerhöchster Intervention. Daraufhin Annäherung und, ja,  Ordnung, doch ein Happy-end gibt es nicht.

Neben dem Plauderton der gebildeten Stände ist es auch immer die Lakonie der einfachen Leute, in der Fontane brilliert:

Baarsch fluchte und flennte und schob alles auf die »Menschheit«, weil er’s auf Heiraten zu schieben nicht den Mut hatte. Denn er war eine diplomatische Natur wie alle Bauern. (S. 130)

Geht es nur darum, den Schein zu wahren, wie von Graevenitz schreibt? Ist das Hadern Schachs mit dem Schicksal, der zukünftigen Mittelmäßigkeit und Trostlosigkeit von Stellung und Ehe nur der Äußerlichkeit geschuldet oder möglicherweise auch Ausdruck seines Strebens nach Freiheit? Auch diese Freiheit hätte freilich mit einem gewissen – gesellschaftlich durchaus akzeptablen – Sonderlingsstatus bezahlt werden müssen und würde sich insoweit nicht wesentlich von den (imaginierten) gesellschaftlichen Folgen der Eheschließung unterschieden haben.

Die Perspektiven der Victoire von Carayon sind am Ende zwar formal gesichert, aber menschlich keinesfalls vielversprechend. Als verantwortungsvoll handelnder Mann hat Schach eindeutig versagt.

Der Ehrenfetischismus der Erzählzeit wird sich unter Wilhelm II. erneut – und noch anachronistischer – entfalten und auch weite Kreise des Bürgertum erfassen. Fontanes Novelle stand ihren Lesern möglicherweise also näher, als diesen lieb war.

 

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