Exil

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Foto: nw2016

Schutz, Hilfe und Rat. – Jeder Intellektuelle in der Emigration, ohne alle Ausnahme, ist beschädigt und tut gut daran, es selber zu erkennen, wenn er nicht hinter den dicht geschlossenen Türen seiner Selbstachtung grausam darüber belehrt werden will. Er lebt in einer Umwelt, die ihm unverständlich bleiben muß, auch wenn er sich in den Gewerkschaftsorganisationen oder dem Autoverkehr noch so gut auskennt; immerzu ist er in der Irre. Zwischen der Reproduktion des eigenen Lebens unterm Monopol der Massenkultur und der sachlich-verantwortlichen Arbeit herrscht ein unversöhnlicher Bruch. Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog. Die Isolierung wird um so schlimmer, je mehr feste und politisch kontrollierte Gruppen sich formieren, mißtrauisch gegen die Zugehörigen, feindselig gegen die abgestempelten anderen. Der Anteil des Sozialprodukts, der auf die Fremden entfällt, will nicht ausreichen und treibt sie zur hoffnungslosen zweiten Konkurrenz untereinander inmitten der allgemeinen. All das hinterläßt Male in jedem Einzelnen. Wer selbst der Schmach der unmittelbaren Gleichschaltung enthoben ist, trägt als sein besonderes Mal eben diese Enthobenheit, eine im Lebensprozeß der Gesellschaft scheinhafte und irreale Existenz. Die Beziehungen zwischen den Verstoßenen sind mehr noch vergiftet als die zwischen den Eingesessenen. Alle Gewichte werden falsch, die Optik verstört. Das Private drängt ungebührlich, hektisch, vampyrhaft sich vor, eben weil es eigentlich nicht mehr existiert und krampfhaft sein Leben beweisen will. Das Öffentliche wird zur Sache des unausgesprochenen Treueids auf die Plattform. Der Blick nimmt das Manische und zugleich Kalte des Greifens, Verschlingens, Beschlagnehmens an. Nichts hilft als die standhaltende Diagnose seiner selbst und der anderen, der Versuch, durch Bewußtsein wenn schon nicht dem Unheil zu entweichen, so ihm doch seine verhängnisvolle Gewalt, die der Blindheit, zu entziehen. Äußerste Vorsicht ist geraten zumal in der Auswahl des privaten Umgangs, soweit sie einem gelassen ist. Hüten sollte man sich vor allem, Mächtige zu suchen, von denen man „etwas zu erwarten hat“. Der Blick auf mögliche Vorteile ist der Todfeind der Bildung menschenwürdiger Beziehungen überhaupt; aus solchen kann Solidarität und Füreinandereinstehen folgen, aber nie können sie in Gedanken an praktische Zwecke entspringen. Kaum minder gefährlich sind die Spiegelbilder der Macht, Lakaien, Schmeichler und Schnorrer, die sich dem, der besser dran ist, in einer archaistischen Weise gefällig machen, wie sie nur unter den wirtschaftlich extraterritorialen Verhältnissen der Emigration gedeihen kann. Während sie den Protektor kleine Vorteile bringen, ziehen sie in herab, sobald er sie annimmt, wozu ihn doch wiederum seine eigene Unbeholfenheit in der Fremde unablässig verführt. Wenn in Europa der esoterische Gestus oft nur ein Vorwand war fürs blindeste Eigeninteresse, so scheint der abgetakelte und wenig wasserdichte Begriff der austérité in der Emigration noch das annehmbarste Rettungsboot. Nur die wenigsten freilich steht es in gediegener Ausführung zur Verfügung. Die meisten, dies besteigen, droht es den Hungertod an oder den Wahnsinn.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 1951, 26. Auflage der 1969 erschienenen Neuauflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2016, 334 Seiten.

Darin als Nr. 13, S. 32-34.

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4 Antworten zu Exil

  1. dj7o9 schreibt:

    Minima Moralia habe ich begonnen, aber keinen Zugang gefunden. Ich gebe aber nicht auf und werde es noch mal versuchen. Diese Erinnerung konnte ich gebrauchen.

    • nweiss2013 schreibt:

      Das ist ja wohl auch ein Buch, dem man sich schrittweise nähern kann. Nachdem ich die neue Stefan-Zweig-Biographie gelesen hatte, fand ich diese Passage sehr passend.

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