Thomas Morus, Utopia (1516)

Thomas Morus, der seinen Nachnamen More nach damaliger Sitte latinisiert hatte, wurde 1478, wahrscheinlich am 7. Februar, in London geboren, wo er auch am 6. Juli 1535 starb – auf dem Schafott.

Hans_Holbein,_the_Younger_-_Sir_Thomas_More_-_Google_Art_Project

Von Hans Holbein der Jüngere (1497/1498–1543) – WQEnBYMfBeoSdg at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13466190

Morus war Jurist, er wirkte als Parlamentsabgeordneter, Undersheriff von London, Mitglied des Privy Council, Lordkanzler und Autor. Er war als Katholik ein Gegner von Martin Luther, über den er ein Buch schrieb, und half seinem König Heinrich VIII., ebenfalls ein Buch über den Reformator zu schreiben, das diesem den Ehrentitel „Verteidiger des Glaubens“ eintrug. Nach dem späteren Bruch mit Rom und Gründung der anglikanischen Kirche verlor Heinrich diesen römischen Titel, erhielt ihn aber vom englischen Parlament nun mit Blick auf die eigene Kirche verliehen. Seither darf kein Katholik König von England werden – ob dies mit dem modernen Verständnis der Religionsfreiheit vereinbar ist, wird gelegentlich diskutiert.

Als Lordkanzler (ab 1529) sollte Morus den König bei der Annullierung von dessen Ehe mit Katharina von Aragon unterstützen, was der Papst bereits Morus‘  Vorgänger Kardinal Wolsey verweigert hatte. Auch Morus erreichte dieses Ziel nicht, woraufhin Heinrich VIII. sich von Rom lossagte.

Morus, der weiter in Treue zum Papst stand, legte danach sein Amt nieder (1532), um nicht den Suprematieeid schwören zu müssen, der die weltliche und geistliche Oberherrschaft des Königs anerkannte. 1534 erging der Act of Succession, der einen erneuten Eid, nun zugunsten der Kinder Heinrichs aus seiner Ehe mit Anna Boleyn und die Ablehnung jeglicher fremden Herrschaftsansprüche forderte. Morus verweigerte auch diesen Eid; er wurde inhaftiert, sein Vermögen beschlagnahmt und er wurde zum Tode verurteilt. Lediglich hinsichtlich der Hinrichtungsmodalitäten gewährte der König eine Erleichterung.

Berühmtheit erreichte Morus aber bereits im Jahr 1516 mit der Veröffentlichung seiner Schrift »De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia« (Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia, dt. 1526).

Das Werk steht in einer antiken Tradition, hat aber selbst die Gattung in der Neuzeit stark geprägt.

In meinem Regal steht ein Buch (1987, 2. Auf. 1990, hrsg. von Joachim Walther, Illustrationen von Johannes K.G. Niedlich), das die berühmtesten Utopien (meist in Auszügen) vorstellt. Bei »Utopia« fehlen die Vorrede und das erste Buch, in dem Morus die seinerzeitigen Zustände in England und deren Nachteile darlegt. Das hier vollständig abgedruckte zweite Buch enthält dann das Kontrastbild der Insel Utopia mit einer anderen Staats- und Gesellschaftsordnung.

Wie in vielen Entwürfen besserer Welten ist auch bei Morus alles streng und hierarchisch organisiert, um sündhafte Individualität möglichst kleinzuhalten. Gleichzeitig ist das Privateigentum abgeschafft, um Gerechtigkeit herzustellen. Die identisch konzipierten Häuser sind nicht verschlossen, jeder kann immerzu hinein, alle zehn Jahre werden sie neu durch das Los verteilt. Alle Bewohner arbeiten, durch kluge Organisation und Konzentration ihrer Tätigkeit auf das Wesentliche – ihre Kleidung etwa ist schlicht und zweckmäßig – haben sie erstaunlich viel freie Zeit, die sie vor allem zu literarischen Studien verwenden und dem Besuch von öffentlichen Vorlesungen widmen. Hier schließt Morus erkennbar von sich auf andere, da in der freien Ausbildung des Geistes das Glück des Lebens liege.

Bevölkerungsüberschüsse werden zunächst auf der Insel verteilt und dann in Kolonien untergebracht, es gibt Sklaverei und eine staatlich gelenkte Planwirtschaft.

Der Älteste ist, wie gesagt, das Oberhaupt der Familie. Die Frauen dienen ihren Männern, die Kinder ihren Eltern und so überhaupt die Jüngeren den Älteren.

Man ißt gemeinsam in öffentlichen Hallen, wo bei sich Frauen und Männer gegenübersitzen. Dies geschieht zum Besten der Frauen, damit diese, wenn sie schwanger sind und ihnen übel wird, schnell hinausgehen können. Nach dem Vorlesen eines kurzen Texts moralischen Inhalts führen die Älteren ehrbare Gespräche, usw. usf.

Der Text ist klar zeit- und kontextgebunden, seine Utopie wohl kaum wirklich attraktiv.

 

 

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