Martin Mosebach, Westend

Martin Mosebach legte seinen Roman „Westend“ 1992 vor, einen monumentalen Familen- und Gesellschaftsroman, der uns in den Frankfurt Stadtteil Westend führt, gelegen zwischen Palmengarten, Grünburgweg und der Irrenanstalt und erbaut in den 1890er Jahren. Die Erzählzeit beginnt in der frühen Bundesrepublik, ruht aber auf dem Geschehen der Vergangenheit, auf Regeln und Gewohnheiten, auf dem Erbe der Kriegsjahre und vor allem der Zeit davor auf.

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Foto: nw2016

Mosebach, der 1951 in Frankfurt geborene und dort lebende Schriftsteller, hat seit 1980 regelmäßig veröffentlicht. Er wurde vielfach für sein Werk ausgezeichnet, so erhielt er 2002 den Heinrich-von Kleist-Preis und 2007 den Georg-Büchner-Preis. Der dezidierte Katholik Mosebach greift selten in aktuelle Debatten ein, gilt gleichwohl als konservativer Intellektueller, wie vor allem die Preisreden und einige Essays zeigen. Dies erzeugt natürlich heftige Abwehrreaktionen, etwa bei der streitbaren Literaturkritikerin Sigrid Löffler.

Inhalt des Romans sind die Lebenswege zweier Familien, die einst in geschäftlichen Beziehungen gestanden hatten: die Labontés und die Olenschlägers / Has’.

Von Eduards Eltern wurde im Hause Labonté mit jener höchsten Achtung gesprochen, die nur Kunden zukam. (S. 15)

Zwei junge Männer stehen sich in der Frankfurter Trümmerlandschaft gegenüber:

Es gab nichts im Leben von Eduard Has und Alfred Labonté, was einen von ihnen in der Erinnerung besonders hätte bedrängen müssen. Beklemmend wirkte allein die Zeit, die sich kannten und in der sie sich beobachtet hatten, ohne sich jemals näherzukommen. (S. 15)

Doch beinahe unmerklich – dabei eigentlich recht dramatisch – verläßt Alfred die Handlung und nur Eduard bleibt übrig. Aber während wir seine zunächst eher zögerlich verlaufende, weitere Entwicklung beobachten, rückt ebenbürtig Alfred Labonté junior in den Erzählfokus, der Sohn von Alfred Labonté.

Die Erzählung schreitet langsam voran und behandelt die Gegenstände und Personen mit liebevoller Ausführlichkeit, der Autor vermag es, zeitgeschichtliche Betrachtungen und ausführliche Charakterisierungen so harmonisch einzuflechten, daß sie zum integralen Bestandteil der Erzählung werden. Ohne jeden sprachlichen Bruch fließt der Text durch das Frankfurter Westend, dem als Ort und Milieu gleichermaßen eine wichtige Rolle zukommt (z.B. S. 158ff., 238ff. Zur Veränderung der Sozialstruktur des Viertels: S. 284f., S. 388ff.). Aber auch die Schilderung von Seelenzuständen und deren raschen Wechseln hat ihren Reiz (etwa S. 151f., 156f., 203).

Die Lektüre braucht durchaus Zeit, nicht nur aufgrund der schieren Textmenge, auch die sprachlichen Nuancen und elaborierten Gedanken wollen erspürt und nachvollzogen werden. Man könnte viele Anstreichungen machen, doch würde ein Notateauszug bei einem Buch dieses Umfangs schnell selbst recht dick werden.

Alles, was es in Berlin gab, hatte irgendwie den Ostens gehört. Die Geschichte Berlins war letztlich ihre eigene, die Außenordentlichkeit Berlins hatte sich auf die Ostens übertragen. […] Das Dabeigewesensein war die ihnen eigentümliche Lebensweise. Sie hatten ihre Seelen ausgesandt an die Orte der großen Ereignisse und saßen friedlich bei laufendem Radio und aßen ein schlichtes Abendbrot mit Rettich und Teewurst, und in ihrem Herzen pulsierte die Metropole. (S. 175f.)

Eduard Has, der Erbe, wird zum Kunstsammler, um einerseits etwas eigenes im Leben zu haben, das neben der „Verwaltung“ – Bezeichnung für den Immobilienbesitz und die damit zusammenhängenden Strukturen – bestehen kann; grandios, wie Mosebach den Begriff der „Sammlung“ als zweite Säule im Leben des Eduard Has errichtet! Andererseits ist der Sammlungsgedanke Mittel zum Zweck, eine Frau zu erobern und später dann auch zu heiraten. Die ungewöhnliche Ehe der ungleichen Partner führt zu einer Tochter, die Has besonders glücklich macht, und erzähltechnisch eine Verbindung zum gleichaltrigen Alfred Labonté junior erschafft.

Has liebte solche Überlegungen noch aus Gymnasiastentagen, in denen er sich zum ersten und letzten Mal mit der Frage der Anmut schriftlich hatte befassen müssen, und er bewahrte den Erwägungen, die er damals angestellt hatte, eine Treue, die mit der Rührung über seine einstige geistige Anstrengung eng verbunden war. (S. 146)

Guggisheim war also tatsächlich verreist und hatte seine kostbare Frau allein zu Hause gelassen, dachte er auf einmal nach Art der Landsknechte, die in Ehemännern nur schlaue oder törichte Haremswächter erblicken, eine für Eduard Has vollkommen fremde und ungewohnte Denkungsart, eine gänzlich unfrankfurterische Sicht der Ehe, denn in Frankfurt wurde ein Ehepaar, jedenfalls in der Sphäre seiner Eltern, wie eine Firma betrachtet, in der den beiden Geschäftsführern unterschiedliche Aufgaben zukommen, dem einen das Reisen, dem anderen die Verwaltung des Kontors. (S. 149)

In Forte dei Marmi bewohnten sie drei weit voneinander gelegene Zimmer. Nach einer Woche reiste Guggisheim ab. Das Ehepaar verabschiedete sich zärtlich und unerhört vertraut, Has stand wie ein Fremder daneben. Nach einer weiteren Woche begleitete er Dorothée nach Basel, wo er im Hotel abstieg. Am nächsten Tag folgte sie ihm nach Frankfurt. Für eine Weile reiste sie noch hin und her, aber nach einem Vierteljahr ließ sie den Inhalt ihrer Kleiderschränke nach Frankfurt überführen. Dorothée kam nicht allein dort an. Ihr Arzt hatte sie darauf hingewiesen, daß sie ein Kind erwarte. (S. 158)

Die Ehe von Eduard Has und seiner Frau Dorothée entwickelt rasch Sollbruchstellen und wird von Geschäftsmäßigkeit und aus Gewohnheit am Leben erhalten, man arrangiert sich.

Es ist fast unmöglich, die Geschichte einer Ehe zu schreiben. Zu zahlreiche und allzu verborgene Motive drängen sich um allzu wenige und allzu schwierig zu fassende Ereignisse. Das Gewichtigste, das über eine Ehe zu sagen wäre, ist, daß sie besteht. (S. 219)

Has war wirklich entschlossen, Dorothée als Freundin und Geliebte sein ganzes Leben lang zu behalten, und sein Mitteilungsdrang diente allein diesem Ziel. (S. 354)

Sie war sich sicher, Eduard Has nicht zu lieben, aber sie wußte, daß sie kein Opfer brachte, indem sie bei ihm blieb. (S. 539)

Nun hatte er sich als würdiges Haupt seines Harems bewiesen. Dorothée blieb ein für allemal seine Frau, mit allen Rechten einer Ehefrau, und Etelka hatte diese Lage zu akzeptieren und sich mit dem zweiten Platz zufrieden zu geben, wo es ihr, wie er sich guten Gewissens sagen konnte, weiß Gott an nichts fehlte. (S. 592)

Nachdem Mosebach detailverliebt, freilich auch kurz vor dem Kippen in die Langatmigkeit die „Aufsatzung“ des Haarknotens von Etelka Kalkofen beschrieben hat, bringt er eine kurze und glänzende Beschreibung der Motivlage und Haltung verschiedener Frauen zu ihrer jeweiligen Frisur (S. 265). In einer endlos erscheinenden Exposition führt Mosebach die Figur der Etelka Kalkofen ein, ikonographisch aufgeladen und mythisch überhöht, läßt ihren Lebensweg dann in einer wunderbar komponierten Szene den von Eduard Has kreuzen und sie schließlich zu seiner Geliebten werden.

Nach einer Stunde war er immer noch nicht gegangen. Wenigstens stand man nicht mehr hilflos um den Ausguß herum, sondern hatte sich gesetzt. Etelka entfaltete eine gewisse Gastlichkeit, indem sie von ihrem Eierlikör anbot. Dr. Has bekam ein purpurrotes Glas, sie wählte für sich ein königsblaues, in dem der Eierlikör einen Grünstich bekam. Die Unterhaltung hatte sich inzwischen gelöst und floß frei, vielmehr Etelka sprach, und Dr. Has hörte zu. Es ging, wie häufig, wenn behaglich bei Sonnenuntergang geplaudert wird, um hohe und höchste Themen. (S. 292)

Die Amseln flöteten draußen im Abendlicht, aber in der stillen Mansarde herrschte auf einmal die Spannung des Urwalds. (S. 298)

Und so saß er denn da, atmete den angenehmen Geruch der Mansarde ein und wurde, ohne daß wirklich etwas geschah, wie ein Schinken in der Räucherkammer allein durch Etelkas Duft für die Erkenntnis ihrer Reize vorbereitet. (S. 310)

Er war, wie es seiner Körperlichkeit auch zukam, ein Pascha, der vor allem Aufmerksamkeit und Dienste forderte, und dafür kannte er Etelka eben noch nicht gut genug. (S. 317)

Besonders gefallen hat mir die Vertrautheit mancher Passagen, das Wiedererkennen von Milieus und Argumentationssträngen, die Haltung, die aus vielen Formulierungen spricht und mich in allerlei Punkten an die Welt meiner Großeltern, an die erzählte Jugend meiner Eltern oder den Habitus geschäftlicher Beziehungen und gesellschaftlichen Verkehrs meiner eigenen, in Wiesbaden verbrachten Kindheit und Jugend und der damals noch nachwirkenden Prägungen der älteren Generationen erinnerte.

Sie schätzten die Familie Has, vor allem aber die dahinterstehende Familie Olenschläger und hielten deren Andenken in Ehren. Gegen einen häufigeren Umgang ihres Großneffen Alfred mit Lilly Has hätte in ihren Augen nur die Familientradition gesprochen. Friedrich Labonté hatte es sich zum Grundsatz gemacht, Abstand zu seinen Kunden zu halten, und die Tanten, seine Töchter, die, wie zu sagen pflegten, „wußten, wer sie waren“, gedachten es genauso zu halten. (S. 227)

Grandios fand ich diese Passage, nachdem der Rang des (früheren) Geschäftes „Wwe. Labonté“ vom Rektor und vom Hausmeister der Schule ebenso beiläufig wie nachhaltig bekräftigt worden war:

Lilly hob den Kopf und dachte nach. Sie pflegte eine feierliche Hochachtung für die eigene Familie und alles, was sich in deren geschlossenem Kreis abspielte. Wenn sie von „Papi und Mami“ sprach, so glaubte man, daß sich hinter diesen Anreden aus der bürgerlichen Kinderstube höchste Autoritäten verborgen hielten. Ohne Hemmung studierte sie den mageren, sanften Knaben, der sie freundlich ansah. Selbstverständlich nahm sie sich vor, den Fall zu prüfen, das hieß, ihn ihren Eltern vorzulegen, aber sie vermutete bereits jetzt, daß sie es schätzen werde, wenn sich die respektable Herkunft Alfreds bestätige. Dennoch wollte sie sofort schon ein wenig freigiebig sein. Nach den Proben ging sie auf ihn zu und erlaubte ihm, ihr Gesellschaft zu leisten, bis sie abgeholt wurde. Es war leider nicht zu vermeiden, daß Toddi Osten dazukam. Aber Alfred war zu beschwingt, um ihn wegzuschicken. Er lachte über alles, was Lilly und Toddi sagten, sprach aber selber kein Wort, zufrieden, sich am Ziel seiner Wünsche zu wissen. Schließlich sah man den wohlgekannten roten Wagen, der wie ein Papierflugzeug vor die Schule heranglitt und dabei leise schnurrte. Lilly stieg ein, sprach mit ihrem Vater, wies auf Alfred, und Eduard Has beugte sich heraus und rief: „Das ist ja ein kleiner Labonté!“ Todd folgte Alfreds Auskünften über sein Herkommen und Leben mit gespannter Miene. Er war gewöhnt, auf Alfred und seine grauen Tanten herabzublicken, und entdeckte nun, daß sein kleiner Mitschüler über Verbindungen verfügte. In diesen Kleinstädten war eben alles irgendwie miteinander verfilzt. Da mußte man rechtzeitig den Fuß hineinsetzen, sonst war man draußen. (S. 243)

Die Gegensätze zwischen den „besseren“ und den „kleinen“ Leuten werden mit kleinen Wendungen ungeheuer treffend herausgearbeitet, wobei Mosebach auf den Hausmeister, Herrn Herr, und die archaisch anmutende Figur der Scharnhorst genauso viel Sorgfalt verwendet wie auf Alfreds Tanten oder Eduard Has.

Der Katholik Mosebach erzählt packend von der Hölle, in der mit Etelka zu sitzen Eduard Has träumt (S. 320ff.); ein Traum, der Reflexion,  Fiktion und Narration kühn mischt:

Ihr war nur noch nicht klar, was sie überhaupt leisten konnte, und sie fürchtete sich davor, wenn Has immer wieder vorschlug, ihr ein Blumengeschäft zu schenken. (S. 326)

Die Zeit vergeht, jene Zukunft, vor deren Ungewißheit sich Dr. Has im Fiebertraume fürchtete, ist da und Alfred Labonté junior, ein Spätentwickler mit leicht kruden Vorlieben, trifft Etelka Kalkofen in einem Messergeschäft. Dessen Schilderung – „die Firma Rötzel lag in der Töngesgasse und war ebenso alt wie »Wwe. Labonté«, nur es gab sie eben noch“ – gerät zu einem Kabinettstückchen!

In seinen Augen waren alle anderen Frauen der Schubertstraße, seine Tanten eingeschlossen, gegen Etelka nur farbloses Sperlingsgeflügel. Etelka hingegen war ein zartblaue, metallisch überpuderte Taube, deren Brust sich in vollkommenem Bogen wölbte […]. (S. 338)

Die fortschreitende Zeit führt freilich auch in die Wohnraumvernichtung der 1960er Jahre, die städtischen Planungen zur Umgestaltung des Westends und zum Kampf gegen die Bourgeoisie. Fred Olenschläger, der Kopf der „Verwaltung“, hat als Immobilienspekulant Anteil an der Entwicklung, die Schwestern Labonté, für die der väterliche Besitz ein Heiligtum darstellt, trotzen der sie umtosenden Verwahrlosung.  Mosebach schildert diese traumatische Phase der Frankfurter Stadtgeschichte eindringlich und gleichzeitig mit spöttisch hochgezogenen Augenbrauen:

Es kam nicht in Frage, in den Straßen des Westends eine ärmliche und kranke Hure herumlaufen zu lassen, die an anderen Plätzen der Stadt vielleicht noch ganze Arbeit leistete. (S. 394)

Spekulationsblasen haben die Angewohnheit, irgendwann zu platzen. Hier war es die erste deutsche Bürgerinitiative – für den Erhalt des Westends –, die diesen umgestalterischen Stadtentwicklungsplänen ein Ende bereitete. Muß Eduard Has die Fehlspekulation Fred Olenschlägers ausgleichen, die „Sammlung“ also die „Verwaltung“ retten?

Der vierte Teil des Buches, „Die Liebe“ betitelt, ist konzentriert auf die Beziehungen zwischen den Lesern mittlerweile altbekannten und neu eingeführten Paaren, atmet in regelmäßigen Zügen Anziehung und Abstoßung und nimmt das Innenleben auch von Personen in den Blick, die bislang eher Statisten der Erzählung waren. Eduard Has muß sich mit dem schmerzhaften Gedanken auseinandersetzen, womöglich zwischen Ehefrau und Geliebter wählen zu müssen.

Has kannte nicht das Konfidenzmachem mit anderen Männern. Die Welt, in der er sich bewegte, war rein weiblich oder, rechnet man noch Fred Olenschläger und Guggisheim dazu, zölibatär, insofern ähnelte seine Lebensform der des Kaisers von China. Das Sich-in-der-Brühe-des -gegenseitigen-Verständnisses-Suhlen war ein neuartiges Vergnügen im Leben des Eduard Has. (S. 455)

Aber auch die Beziehungen der anderen Personen zueinander werden beleuchtet und gewinnen neu Konturen. Alfred Labonté junior denkt erstaunliches über seine Prinzessin Lilly, die er nach den ersten anderweitig gemachten sexuellen Erfahrungen noch mehr begehrt als zuvor:

Im Gegensatz zu ihr hatte er die Gelegenheit der Nähe genutzt. Er hatte ihr Wesen bis auf den Grund ausgeschöpft. Er wußte, was sie nicht wußte: wie flach, wie albern, wie arm sie war, wie verkümmert ihre menschlichen Möglichkeiten, wie bedürfnislos ihr Geschmack, der nur verbrauchte, aber nie wählte, wie empfindungslos sie lebte. (S. 480)

Gleichzeitig nagt die Eifersucht auf den praktisch im Haushalt der Familie Has lebenden Architekten Carl Szépregyi, von dem Lilly öfters spricht, an ihm.

Szépregyi, der Meister, der Künstler, der Jäger, der Seelenforscher, der Krebsfänger, der Tennisspieler, der Cari, der Burgundkenner, geriet ihm in seiner Vorstellung nicht zu einer faßbaren Gestalt. (S. 487)

Meisterlich schildert Mosebach eine allgemeine Gefühlsverwirrung, als die Protagonisten – außer Etelka, die freilich in Has’ schlechtem Gewissen mittelbar anwesend ist – auf der Has’schen Dachterrasse zusammentreffen. Erotische Möglichkeiten und tatsächliche Entwicklungen nehmen überraschende Wendungen.

Das Frankfurter Nachtleben,  in dem Alfred Labonté junior erste Gehversuche unternimmt, eröffnet ihm neue Perspektiven, auch auf die langvertraute Schubertstraße. Die Has’sche Ehe wird aus der Perspektive Dorotheas betrachtet, das Verhältnis mit Etelka zwischen der Ehefrau und dem Hausfreund Szépregyi erörtert. Reisepläne, -vorbreitungen, Abschiede, Rückkehren, sommerliche Nächte in Frankfurt – Mosebach beschreibt dies ebenso eindringlich wie gelegentliche Traumanalysen einerseits und scheiternde Gespräche der jungen Einander-noch-nicht-Liebenden Alfred und Lilly andererseits. Eine Fülle von Szenen und Arrangements ist Kulisse und Möglichkeitsraum für Gespräche und Schweigen, Nachdenken und Tagträumen.

Saftigkeit verkörperte an erster Stelle das, was Tante Mi unter guter Küche verstand. Mindestens zweimal in der Woche bemerkte sie mißmutig: „Man hätte die Kartoffeln noch etwas schmälzen können.“ Fräulein Emig nahm sich solche Bemerkungen sehr zu Herzen, das milde Tildchen mußte dann vermitteln. (S. 622)

Liebesdinge entwickeln und entwirren sich, Gewohnheiten weichen Neuerungen, das Leben geht – nach zum Teil dramatischen Veränderungen – weiter. Grabstätten, Familienstrukturen, Rituale oder Geschäftsangelegenheiten – alles wird treffend beschrieben, betrachtet, analysiert. Ungewißheiten, Auflösungstendenzen, Regellosigkeiten greifen allerorten Platz. Münden sie in einen Aufbruch, wird es einen Neuanfang geben, werden sich Gefühle ändern?

Has schmeckte mit dem ersten Schluck, daß es sich hier um einen Kaffee ernsthaftester Qualität handelte, mehr ein Tonikum als ein Getränk. Er glaubte, in der Küche seines Elternhauses zu stehen, das der Krieg zerstört hatte. (S. 737)

Doch diese Erinnerung kann die Prozesse nicht aufhalten, die von verschiedenen Seiten in Gang gesetzt werden.

Furios führt Mosebach Handlungsstränge und Beobachtungen über Leben, Liebe und Kunst zusammen, flicht Verbindungen neu und löst alte auf. Das Leben geht wie gesagt weiter, wobei sich Zyklen und Schübe abwechseln. Die Erzählstruktur ist trotz des auktorialen Erzählers komplex, vieles wird in Gesprächen vorgetragen, die nur zum Teil auf eigenem Erleben der Figur beruhen. Interessant ist gerade die am Rande des engsten Personenzentrums stehende, aber doch sehr wichtige Figur Szépregyis – auch unter einer ästhetischen Perspektive.

Das Buch ist, ich habe es mehrmals angesprochen, ein lohnende Lektüre. Das liegt nicht nur an einzelnen biographisch-familiären Fäden, die mich mit Thema, Zeit und Art und Weise der Schilderung verbinden, sondern auch an dieser – nach meinem Dafürhalten – beeindruckenden Verbindung der erzählten Familiengeschichte mit dem historischen Hintergrund und der gesellschaftspolitischen Entwicklung. Die durchgängig lesenswerte, oft ironische  Sprache läßt den Umfang des Romans zum langen Genuß werden.

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4 Antworten zu Martin Mosebach, Westend

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Das klingt sehr interessant, danke für die Vorstellung! Liebe Grüße
    Petra

    • nweiss2013 schreibt:

      Ich hatte bisher immer nur davon gehört und mich dann endlich einmal aufgerafft. Zuvor kannte ich „Was zuvor geschah“ und den schmalen Band „Die schöne Gewohnheit zu leben“ – beide hatten mir gefallen. Liebe Grüße
      Norman

  2. Pingback: Leseliste 2017 – 1 | notizhefte

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