Matthias Politycki, Schrecklich schön und weit und wild

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Reisebuch Foto: nw2017

Matthias Politycki, Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken, 2017. Als das Rezensionsexemplar des Hoffmann und Campe Verlages Anfang April 2017 unaufgefordert bei mir eintraf, schaute ich zunächst verständnislos, weil ich zu dieser Zeit dringend auf ein bestelltes Fachbuch wartete. Dann, ahnungsweise von einem Hauch Bloggerfame umweht, schaute ich genauer hin: Ein Buch über das Reisen, mit einem schönen Schutzumschlag und Reisepaßstempeln auf dem Vorsatz. Der Autor, der seit seiner Schulzeit reist, hat ein Buch über das Reisen geschrieben. Grundsätzliche Aspekte wie Vorbereitung oder Gepäck, konkrete Erlebnisse  und auch Bilanzierungen sind hier versammelt.

Ich selbst bin beruflich viel unterwegs und empfinde das mitunter durchaus als Belastung, zumal ich eigentlich ein häuslicher Mensch bin. Reisen als existenzielle Erfahrung, ungewöhnliche, exotische Orte, fremde Speisen und unverständliche Sprachen – für mich sind das eher Schreckensvisionen denn Verlockungen. Freiwillig fahre ich für ein paar Tage nach Hamburg, Florenz oder Paris, gehe dort in Museen und Theater, flaniere über die örtliche Prachtstraße, sitze im Kaffeehaus und abends in einem guten Restaurant. Doch darum geht es in dem Buch nicht.

Für Politycki ist die Reise eine Lebensform, sie mag Vor- und Nachteile haben, aber es geht nicht ohne. Das Buch widmet sich den unterschiedlichen Phasen der Vor- und Nachbereitung, des Auf-Reisen-Seins und des Verreisen-Wollens, kreist unablässig um diesen Zustand, diese Aktivität, das Gefühl.

Karten und Stadtpläne, Gepäck, Ankommen, Exotik, kleine und große Erlebnisse, all dies wird in gut lesbarer Form, im Reportagenstil flüssig, gelegentlich amüsant und mitunter drastisch erzählt. Ich habe von diesen vielen Reisen und Reiseaspekten im Sessel sitzend – und mich dabei ein wenig wie Onkel Nolte fühlend – gelesen. Daß mich keine Reiselust gepackt hat, will ich nicht dem Buch zuschreiben, sondern die Gründe redlicherweise bei mir selbst suchen.

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Eine unfriedliche Zeit für Europa: Nachkriegs-Zeit

Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. Siedler 2017 (engl. Originalausgabe 2016), 349 Seiten plus 126 Seiten Apparat.

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Foto: nw2017

Auf rund fünfzig Seiten schildert Gerwarth, wie die Mittelmächte den Krieg verlieren, obwohl sie zunächst Rußland besiegen und danach noch einmal an verschiedenen Fronten Erfolge erzielen. Es sind nicht nur der Kriegseintritt der USA und der wirtschaftlichen Überlegenheit der Ententemächte, die diesen Ausgang begründen, hinzukommen taktische Fehler und die drastisch verschlechterte Lage an der Heimatfront. Die Kampfmoral verflüchtigt sich und das revolutionäre Potential steigt stetig. In den ersten Novembertagen 1918 löst sich eine Welt auf, die vier Jahre zuvor noch unerschütterlich erschienen war.

Das Verständnis von Zukunft konnte sich kaum dramatischer wandeln, als es sowohl in den Hoffnungen und Befürchtungen um das Jahr 1900 als auch in denjenigen vor 1914 einerseits und der Einschätzung der Lage an der Jahreswende 1918/19 andererseits zu beobachten ist.

Das Buch verbindet meine beiden Leseprojekte Erster Weltkrieg und Umbruchszeit.

Der Abschluß der Pariser Vorortverträge bedeutete nicht das Ende der Gewalt, denn in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gingen Bürgerkriege, Aufstände und Waffenanwendung noch jahrelang weiter. Die Besiegten hatten, so Gerwarths These, keinen Frieden gefunden.

Für Rußland hatte der Friedensschluss von Brest-Litowsk große Gebietsverluste bedeutet, so daß es nicht verwundern kann, daß die Rote Armee nach dem Waffenstillstand an der Westfront (13. November 1918) eine Großoffensive startete, um diese Gebiete zurückzuerobern und auch dort eine bolschewistische Revolution durchzuführen. Um das Vorrücken des Bolschewismus zu stoppen, forderten Briten und Franzosen die Reichsregierung auf, den Truppenrückzug im Osten zu beenden. Örtliche Freiwillige, Reste des regulären deutschen Heeres und eine wachsende Zahl von Freiwilligen aus dem Reich (sogenannte Freikorps) stellten sich den Bolschewiki entgegen.

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Alan Bennett, Così fan tutte

Ein schmales Bändchen, das großes Lesevergnügen bietet: Alan Bennett, Così fan tutte, 1996, dt. 2003. Bei Wagenbach ist der Autor kein Unbekannter; mehrere Bücher liegen von ihm vor, darunter die berühmt gewordene „Souveräne Leserin“.

9783803112132

Alan Bennett, Così fan tutte. Coverdownload von der Verlagswebseite

Die vorliegende Geschichte handelt von einem Mittelklasseehepaar, das nach einem Opernbesuch in eine von Dieben komplett ausgeräumte Wohnung zurückkehrt und sein Leben neu organisieren muß. Die langjährige Ehe ist konventionell und steif-verklemmt, das Leben eingerostet und nun, mit buchstäblich nichts, sind Neurorientierungen möglich. Der Humor ist trocken bis absurd, und die Ehe erscheint als Hölle der lange unhinterfragten Normalität. Mrs. Ransome sucht neue Geschäfte auf, kauft ungewohnte Dinge ein, sieht nachmittags fern. Unvorhergesehene Wendungen geben der Handlung jeweils einen neuen Drive und führen schließlich zu einem gänzlich unerwarteten Ende.

Der Text ist kompakt, aber inhaltsreich. Nach zweiunddreißig unaufgeregten Ehejahren bringt die neue Situation Mrs. Ransom zum Nachdenken über die Qualität ihrer Ehe, über die eigenen Bedürfnisse und über die Kommunikation unter Eheleuten, aber auch über die kleinen Geheimnisse, die sie voreinander haben.

Der letzte Satz des Buches lautet mahnend:

Jetzt, denkt sie, kann ich anfangen. (S. 111)

Während Schiller den Manschen auf das „Grabe seiner Habe“ zurückblicken läßt, bevor er – „fröhlich dann zum Wanderstabe“ greifend – in die Welt hinausmarschiert, löscht Bennett gleichsam die Festplatte seiner Protagonisten, indem er sie vom Ballast befreit. Aber manche Gewohnheit, manche Überzeugung sind zu tief eingegraben und können nicht von heute auf morgen aufgegeben und – horribile dictu! – durch neue, zeitgemäßere gar, ersetzt werden. Köstlich, wie Bennett vor allem Mrs. Ransome Erkundungen in eine veränderte Welt unternehmen läßt, erhellend, wie sich ihr die Augen öffnen. Am Ende ist es gleichermaßen bitter wie konsequent, daß sie ihren Weg ohne ihren Mann gehen muß, der seine Chance nicht genutzt, ja offenbar noch nicht einmal gesehen hat.

Dieser erzählerische Kunstgriff wird nicht nur lustvoll ausfabuliert, sondern stilsicher so verankert, daß man die Geschichte für wahr halten möchte, wodurch ihre Botschaft noch mehr Gewicht erhält.

 

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Leseliste 2017 – 2

Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren, Roman, 2016, 272 Seiten (Self-Publishing).

Eine Geschichte aus der großen Zeit des Hollywoodkinos. Gewinner des Blogbusterpreises.

Anthony O. Scott, Kritik üben. Die Kunst des feinen Urteils, 2016, dt. 2017.

Was macht eigentlich so ein Kritiker? Und mit welchem Recht? Viele Fragen, denen der Autor in einem lesenswerten Buch nachgeht,

Jeffrey Eugenides, Die Liebeshandlung, 2011, dt. 2011.

Schmöker. Eigentlich. Aber ich fand das Buch nur mittelprächtig.

Matthias Nawrat, Nowosibirsk. Tagebuch, 2017.

Klein und fein. Rußland in der Provinz, große Vergangenheit, schwierige Gegenwart.

Ha Jin, Der ausgewanderte Autor. Über die Suche nach der eigenen Sprache, 2008 (aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck, 2014).

Aus meiner Exil-Reihe. Interessanter Essay über das Schreiben in der Fremde und in der fremden Sprache.

Valentin Kockel/Sebastian Schütze, Faust und Felice Niccolini. The houses and monuments of Pompeii. The complete plates, 2016.

Prunkband, benötigt einen großen und stabilen Coffeetable. Sehr schöne und interessante Abbildungen, gute Texte.

Elisabeth Tworek, Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann. Von der Bohème zum Exil, 2016.

Informative Texte, reichhaltige Bebilderung. Paßt zu den Leseprojekten Umbruch und Exil.

Lynne Sharon Schwartz, Für immer ist ganz schön lange, 1980, dt. 2015/2017 (aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner).

Szenen einer Ehe. Die schlimmsten Hölle existiert in unserer Phantasie.

Aktuell werden (mit mehr oder weniger Unterbrechungen) gelesen:

Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, 2016, dt. 2017.

Luuk van Middelaar, Vom Kontinent zur Union. Gegenwart und Geschichte des vereinten Europa, 2009, dt. 2016.

Mark Mazower, Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, 2008, dt. 2009.

Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Erstveröffentlichung 1945, Tb. 1974, 46. Aufl. 2015.

Jens Ebert (Hrsg.) Vom August-Erlebnis zur Novemberrevolution. Briefe aus dem Weltkrieg 1914-1918, 2014.

Greg Grandin, Kissingers langer Schatten. Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe, 2015, dt. 2016

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