Alan Bennett, Così fan tutte

Ein schmales Bändchen, das großes Lesevergnügen bietet: Alan Bennett, Così fan tutte, 1996, dt. 2003. Bei Wagenbach ist der Autor kein Unbekannter; mehrere Bücher liegen von ihm vor, darunter die berühmt gewordene „Souveräne Leserin“.

9783803112132

Alan Bennett, Così fan tutte. Coverdownload von der Verlagswebseite

Die vorliegende Geschichte handelt von einem Mittelklasseehepaar, das nach einem Opernbesuch in eine von Dieben komplett ausgeräumte Wohnung zurückkehrt und sein Leben neu organisieren muß. Die langjährige Ehe ist konventionell und steif-verklemmt, das Leben eingerostet und nun, mit buchstäblich nichts, sind Neurorientierungen möglich. Der Humor ist trocken bis absurd, und die Ehe erscheint als Hölle der lange unhinterfragten Normalität. Mrs. Ransome sucht neue Geschäfte auf, kauft ungewohnte Dinge ein, sieht nachmittags fern. Unvorhergesehene Wendungen geben der Handlung jeweils einen neuen Drive und führen schließlich zu einem gänzlich unerwarteten Ende.

Der Text ist kompakt, aber inhaltsreich. Nach zweiunddreißig unaufgeregten Ehejahren bringt die neue Situation Mrs. Ransom zum Nachdenken über die Qualität ihrer Ehe, über die eigenen Bedürfnisse und über die Kommunikation unter Eheleuten, aber auch über die kleinen Geheimnisse, die sie voreinander haben.

Der letzte Satz des Buches lautet mahnend:

Jetzt, denkt sie, kann ich anfangen. (S. 111)

Während Schiller den Manschen auf das „Grabe seiner Habe“ zurückblicken läßt, bevor er – „fröhlich dann zum Wanderstabe“ greifend – in die Welt hinausmarschiert, löscht Bennett gleichsam die Festplatte seiner Protagonisten, indem er sie vom Ballast befreit. Aber manche Gewohnheit, manche Überzeugung sind zu tief eingegraben und können nicht von heute auf morgen aufgegeben und – horribile dictu! – durch neue, zeitgemäßere gar, ersetzt werden. Köstlich, wie Bennett vor allem Mrs. Ransome Erkundungen in eine veränderte Welt unternehmen läßt, erhellend, wie sich ihr die Augen öffnen. Am Ende ist es gleichermaßen bitter wie konsequent, daß sie ihren Weg ohne ihren Mann gehen muß, der seine Chance nicht genutzt, ja offenbar noch nicht einmal gesehen hat.

Dieser erzählerische Kunstgriff wird nicht nur lustvoll ausfabuliert, sondern stilsicher so verankert, daß man die Geschichte für wahr halten möchte, wodurch ihre Botschaft noch mehr Gewicht erhält.

 

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