Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann

Elisabeth Tworek, Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann. Von der Boheme zum Exil. Bilder, Dokumente, Kommentare, Verlag Friedrich Pustet 2016, 256 Seiten.

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Foto: nw2017

Acht unterschiedlich umfangreiche Kapitel betrachten Zeit und Rahmenbedingungen in Schwabing sowie schwerpunktmäßig (S. 158-231) die Exilsituation deutscher und deutschsprachiger Schriftsteller und abschließend das Exil Oskar Maria Grafs am Beispiel seines New Yorker Schreibtischs. Die zahlreichen Abbildungen zeigen Porträts der Schriftsteller und ihrer Freunde und Familien, Dokumente, Manuskripte, Briefe, Plakate, Schreibtische und andere Gegenstände.

Was macht das literarische Leben zwischen Schwabinger Boheme und Hitlers „Hauptstadt der Bewegung“ aus? Manuskripte, Briefe, Fotografien und seltene Erinnerungsstücke werfen Schlaglichter auf das höchst ambivalente literarische Leben der Stadt zwischen dem Aufbruch in die Moderne und der Vertreibung der Schriftsteller ins Exil. (S. 8)

Die Schreibtische von Frank Wedekind und von Oskar Maria Graf rahmen das Buch ein. Wedekind, 1864 geboren, lebte seit 1908 in München, wo er 1918 starb. Graf, der dreißig Jahre Jüngere, ging zunächst in die Tschechoslowakei, 1938 dann in die USA ins Exil, wo er 1967 starb. Von einem kommunistischen Schreiner, der ebenfalls aus Bayern stammte und bereits in den Zwanziger Jahren ausgewandert war, ließ er sich in den USA einen auf die beengten Wohnverhältnisse zugeschnittenen Schreibtisch anfertigen. Da Wedekinds Vater seinerseits aus politischen Gründen 1849 in die USA ausgewandert war,  schließt sich hier ein Kreis.

Warum kamen um 1900 so viele Künstler nach München und „machten die Stadt bis zum Ersten Weltkrieg zur internationalsten Stadt Deutschlands, zur maßgeblichen Kunstmetropole Europas zu einer Stadt der Avantgarde“?  (S. 19)

Ein mäzenatisches Königshaus und das südeuropäisch-liberal-katholische Klima sowie eine Tradition von „Freizeitvergnügen und Amüsierbetriebe[n]“ (S. 20) wirken magnetisch auf Künstler, Schriftsteller und alle, die dies werden wollen. Rasch wird Schwabing zum bevorzugten Viertel der Ankömmlinge aus Europa, dem ganzen Reich und aus allen Teilen Bayerns.

Tworek schildert Milieus und Orte, skizziert Karrieren und Lebenswege, die sich kreuzen, beeinflussen und oft in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Kurt Eisner, Erich Mühsam, Thomas Mann und Adolf Hitler – sie haben ihre Erfahrungen ganz unterschiedlich verarbeitet.

Spätestens am 1. August 1914 endet die Zeit, da München leuchtete, wie es in »Gladius Dei« (1902) heißt. Der Krieg, der nicht enden will, und die unruhige Zeit danach verändern das ganze Land, aber besonders auch München. Viele Männer ziehen in den Krieg, kommen um oder versehrt zurück. Andere berauschen sich am Schreibtisch und im Kaffeehaus an der Zeitenwende, die der Krieg nach der mehr als vierzigjährigen Friedensphase endlich bringen soll. Doch auch gegenteilige Positionen werden artikuliert – seltener zwar, aber immerhin. Oskar Maria Graf ist darunter, Annette Kolb, Heinrich Mann. Nach dem Krieg kommt es zur Räterepublik, die blutig niedergeschlagen wird. Berlin wird im folgenden Jahrzehnt zum Ort der künstlerischen Avantgarde, München allmählich zur „Stadt der Bewegung“, Bayern zur „Ordnungszelle“. Zeitgenössische Kunst hat es zunehmend schwer. Die Kinder Thomas Manns können im Windschatten des renommierten Autors eine Zeitlang Avantgarde und Bürgerschreck spielen, doch bald setzen sich Erika und Klaus ebenfalls nach Berlin ab.

Die zwanziger Jahre bedeuten für Kunst und Kultur in Deutschland eine intensivierte Modernitätserfahrung. Trotz mancher – für heutige Betrachter gelegentlich überraschender – Liberalität war die Ordnung der „Welt von Gestern“ doch insgesamt ein Hemmschuh gewesen. Dementsprechend wird mit neuen Kunstformen experimentiert und auch neue Adressaten angesprochen. Gleichzeitig ist für viele Menschen der verlorene Krieg und die bedrohlich empfundene Umbruchserfahrung Auslöser dafür, illiberale Restaurationsideen zu unterstützen und Schuldige außerhalb der Volksgemeinschaft zu suchen. Thomas Mann, der sich vom Monarchisten zum Vernunftrepublikaner entwickelt hat, engagiert sich für Demokratie und Toleranz. Sein Bruder Heinrich streitet für Sozialismus und Pazifismus. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird die Situation der Brüder und ihrer Familien prekär; Heinrich verläßt das Land am 21. Februar 1933, sein Bruder wird von einer Vortragsreise, die er am 11. Februar 1933 antritt, nicht mehr zurückkehren.

Tworek widmet sich ausführlich Karl Valentin und Liesl Karlstadt; sie geht auch auf das Kabarett „Die Pfeffermühle“ ein, bevor dann das große Exilkapitel kommt. Unsicherheit, Heimatlosigkeit, Sprachverlust – kurz und prägnant thematisiert die Autorin diese Punkte, um sich dann exemplarisch den Schicksalen von Annette Kolb, Max Mohr, Grete Weil, Oskar Maria Graf und der Familie Mann zu widmen.

Das Buch ist eine gut lesbare, wissenschaftlich fundierte und anschaulich illustrierte Darstellung einer Epoche und der sie prägenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Ich kann die Lektüre nur empfehlen.

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