Revolution der Dichter?

Volker Weidermann, Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, 2017, Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg 2018, 288 Seiten.

Volker Weidermann, Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen | Foto: nw2020

Wenn der Journalist Volker Weidermann ein Buch über die kurzlebige Münchener Räterepublik des Jahres 1918/19 verfaßt, darf man eine literarische Perspektive erwarten. Diese Erwartung erfüllt das Buch. Darüberhinaus verschafft es einem kurzweilige Lektüremomente durch ein verdichtete, flüssig geschriebene Darstellung des Geschehens aus einer besonderen Perspektive.

München leuchtete

München hatte sich nach 1900 zu einem Zentrum der künstlerischen Avantgarde des Deutschen Reichs entwickelt. Die sprichwörtliche Liberalitas Bavarica ermöglichte, was in der preußischen Residenz und gleichzeitigen Reichshauptstadt Berlin nicht in gleichem Ausmaß vorstellbar war: Experimente und Innovationen. Während Wilhelm II. den technischen Fortschritt begrüßte und förderte, hielt er an einem traditionellen, akademischen Kunstbegriff fest und mißbilligte die von ihm so genannte Rinnsteinkunst.

München hingegen bot vielen bildenden Künstlern (Der Blaue Reiter) und Schriftstellern – darunter auch vermehrt Frauen – den Raum, um ihre neuen Ideen und Vorstellungen ausprobieren zu können. Und Prinzregent Luitpold – der selbst einen konservativen Kunstgeschmack pflegte – unterstützte die zeitgenössische Kunst durch Ankäufe. In der bereits im Jahre 1902 erschienenen Novelle „Gladius Dei“ hat Thomas Mann dieser Epoche Münchens ein Denkmal gesetzt.

Nach dem Krieg

Welches Potential bot München für einen Neustart nach dem Krieg? Wie überall im Land hatte man, getäuscht durch die Pressezensur, an den Sieg des Reichs geglaubt und war perplex über die tatsächliche Lage. Soldaten- und Arbeiterräte, die sich nach sowjetrussischem Vorbild von Kiel aus über das ganze Land verbreiteten, erreichten naturgemäß auch München, wo sie auf eine hochkonzentrierte Mischung aus Schwärmern, Intellektuellen und Ideologen traf.

Hier setzt Weidemanns Buch ein, am 7. November 1918, mit einer turbulenten Schilderung der fast beiläufigen Revolution, des gewaltlosen Sturzes der Wittelsbacher. Im Zentrum des Geschehens stehen Männer wie Kurt Eisner, der Ministerpräsident wird, und Oskar Maria Graf oder Rainer Maria Rilke, die beobachten, kommentieren, hoffen und verzweifeln.

Thomas Mann, der sich um sein Wohlergehen und das seiner Familie sorgt, wird als Statist und um Positionen ringender – oder Posen ausprobierender – Chronist der Ereignisse gezeichnet. Ernst Toller, der in die Geschichte als Gedichte schreibender Jüngling hineingleitet, wird im weiteren Verlauf immer wichtiger und – seiner historischen Bedeutung entsprechend – den Schlußakkord des Textes setzen.

Adolf Hitler ist in diesen Monaten zunächst noch ein unbekannter und unbedeutender Heimkehrer, ein Mann der seinen Platz und seine Aufgabe noch finden muß. Doch dies wird schneller gelingen, als allen Beteiligten lieb sein kann. Seine Erwähnungen in Weidemanns Buch belegen dies eindrücklich. Überhaupt nimmt die Darstellung von Politik in Idee, Programm und Ereignis immer mehr zu. Die Dichter werden zu entrückten Phantasten, zu ängstlichen Beobachtern, zu Enttäuschten. Das Heft des Handelns entgleitet ihnen zusehends.

Nach der Revolution

Nichts ist festgefügt, alles bleibt im Fluß. Die Revolution ist keine Sache Münchens oder Bayerns allein. Größere Zusammenhänge, weiterreichende Interessen, neue Meistererzählungen werden wirkmächtig: Oswald Spengler veröffentlicht seinen „Untergang des Abendlandes“. Ängste und Haß bauen sich auf, es wird Vergeltung geübt werden. Die Revolution bleibt Episode.

Mein Eindruck

Das Buch ist überwiegend gut geschrieben und angenehm zu lesen. Es reitet freilich auf auf einer Welle, bei der Autoren eine bestimmte Epoche, bestimmte Geschehnisse reportagenhaft, mit Zügen einer Romandarstellung durchsetzt, schildern. Weidermann erzählt uns zum Beispiel, was Oskar Maria Graf denkt, wenn dieser nachts betrunken durch München torkelt. Wie ein allwissender Erzähler geleitet uns Weidermann durch die Münchener Räterepublik. Ich finde das störend und, ja, unlauter. Wie anders, wie sachlich, offen quellengestützt und klar die Darstellung des Themas bei Elisabeth Tworek „Literarisches München zu Zeit von Thomas Mann“. Unter diesem Gesichtspunkt gehört Weidemanns Buch für mich in eine Reihe mit „Jena 1800“, „1813: Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt“ – zwei Bücher, die ich mißlungen fand – und „Der Klang von Paris“ – ein Werk, das mich größtenteils überzeugen konnte. Weidermanns Buch ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln, mit einem leichten Übergewicht des Gelingens.

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