Fulminanter Saisonabschluß

Zum Abschluß der Konzertsaison 2016/2017 spielte die Staatskapelle Berlin am 5. Juni 2017 in der Berliner Philharmonie Werke von Rachmaninow, Debussy und Ravel, die um die letzte Jahrhundertwende entstanden waren und verband diese mit der Uraufführung von „Deep Time“, einem Orchesterwerk, das den Verbindungen von Zeitschichten nachspürte.

Der 1934 geborene Brite Harrison Birtwistle (seit 1988 Ritter) legte seit 1965 zahlreiche Orchesterwerke und zwölf (Kammer-) Opern vor. Die Oper „The Last Supper“ wurde am 18. April 2000 an der Staatsoper Berlin uraufgeführt; seither hat sich die Staatskapelle unter Daniel Barenboim immer wieder mit seinem Schaffen auseinandergesetzt. „Deep Time“ wurde im Jahr 2016 abgeschlossen und am heutigen Abend uraufgeführt.

Das zwanzigminütige Orchesterwerk greift mit seinem Titel den Begriff der sehr langen Zeiträume auf und verbindet ihn mit dem Aufeinandertreffen alter und junger Gesteinsformationen, ohne – wie der Komponist ausdrücklich klarstellt – Programmmusik zu sein.

Langsam beginnt das Stück mit Klangaufbau aus der Tiefe, dabei geben zwei Tuben und doppelt besetzte tiefe Holzbläser dem Orchesterklang eine dunkle Färbung. Kurze Tonfolgen wurden mehrfach wiederholt, bis sich andere darüberschoben. Klanglich wechselten bewegte Streicherpassagen mit eher gellenden Blechattacken, die Xylophone setzten kontinuierlich Akzente, ebenso die anderen Instrumente des Schlagwerks. Das Sopransaxophon  nahm ich hingegen weniger wahr. Die Dynamik war meist mittel bis hoch, leise Abschnitte kamen seltener vor. Mitunter fühlte ich mich durch Passagen der tiefen Holzbläser an Fafner erinnert, der als Wurm den Hort hütet. Zum Schluß gab es noch einmal eine große Steigerung, bei der das Orchester wie unter vollen Segeln daherbrauste. Dann noch etwas Schlagwerk, Abschlag, Applaus – der wegen des anwesenden Komponisten wohl noch eine Spur freundlicher und länger ausfiel.

Die drei sich im weiteren Verlauf des Abends anschließenden Werke entstanden in einem Zeitraum von rund dreißig Jahren und unterscheiden sich dementsprechend deutlich in Stil, Klang und formaler Anlage, gehören aber alle in die Phase, in der sich die europäische Kunst mit dem Epochenwandel zur Moderne beschäftigte. Sie illustrieren damit einen wichtigen Aspekt von Birtwistles Komposition, nämlich den Ablauf einer Zeitperiode und den dabei stattfindenden Wandel, machen aber auch – als inzwischen etablierte Bestandteile des Repertoires – die Fernwirkung zeitgenössischer Entwicklungen sichtbar. Dies regt über das musikalische Erlebnis hinaus zum Nachdenken an.

Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 1 fis-Moll op. 1 gilt mit seinem spätromantischen Klang als „typisch russisch“. Rachmaninow hat das Stück später überarbeitet und dabei seinen eigenen Stil klarer zum Ausdruck gebracht, als dies in der ursprünglichen, stärker an Tschaikowski orientierten Fassung der Fall war. Denis Kozhukhin (*1986) ist, seit er mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, im internationalen Konzertbetrieb kein Unbekannter mehr. Auch in Berlin ist er bereits mehrmals aufgetreten, am heutigen Abend sprang er für den erkrankten Kollegen Lang-Lang ein.

Rachmaninows Erstling zeigt ihn – erst recht in der gereiften Überarbeitung – kompositorisch auf der Höhe: die formalen Grenzen des Genres wahrend, entwickelte er bereits seine eigene Tonsprache. Solist und Orchester treten sich in der Partitur eher kämpferisch gegenüber, und so schien auch Barenboim zu Beginn den Pianisten überrumpeln zu wollen und ließ die Staatskapelle von der Leine, kaum daß Kozhukhin richtig saß. Doch beide Seiten fanden alsbald zueinander. Der Pianist machte zumindest mich Lang-Lang vergessen, denn er wirkte bei aller Präzision nicht so unterkühlt, wie ich den Chinesen von früheren Auftritten her in Erinnerung hatte.

Die Staatskapelle spielte im zweiten Stück des Abends für meine Begriffe deutlich musikantischer auf; das vorangegangene Auftragswerk machte im Vergleich den Eindruck einer Pflichtübung. Nach der stürmischen Coda brach denn auch die Begeisterung des Publikums los, die Orchester, Solist und Dirigent gleichermaßen galt. Kozhukhin bedankte sich mit zwei Zugaben.

Nach der Pause wurde die Staatskapelle durch Damen des Staatsopernchores ergänzt, die verstreut zwischen den Musikern Platz nahmen. Im Klang der „Trois Nocturnes“ erspürt Claude Debussy Farb- und Helligkeitsnuancen in erkennbarer Orientierung an der impressionistischen Malerei seiner Zeitgenossen. Streicher und Holzbläser schaffen im ersten Satz eher unbestimmte Klangeindrücke, während im zweiten Satz Rhythmus und Trompeten prägend erscheinen, bevor im Schlusssatz das um die vokalisierenden Singstimmen ergänzte Orchester sehnend klingt. Barenboim und die Staatskapelle wirkten gleichermaßen konzentriert und unangestrengt.

Konzert und Saison endeten mit Ravels „Bolero“ in der bekannten Steigerung, die Barenboim zum Schluß eines langen Abends engagiert entfesselte. Besonderes Lob gebührt hier natürlich dem Trommler, der mit unerschütterlicher Präzision – späterhin unterstützt von einem zweiten – den Puls dieses Stückes schlug. Zwischenzeitlich hatte der Dirigent gar auf einem der von den Choristinnen freigemachten Stühlen Platz genommen und ließ das perfekt harmonierende Orchester einem Perpetuum mobile gleich weiterspielen, bis er kurz vor Schluß seinen Platz wieder einnahm und abschlug.

Auf dem Nachhauseweg hatte ich nicht das Gefühl, als Abonnent sei mir ein weiteres Mal ein zeitgenössisches Stück untergeschoben worden, das ich pflichtschuldigst „abgesessen“ hatte. Durch die inhaltliche Verbindung der Werke war es für mich ein klanglich opulentes und thematisch interessantes Konzert, zu dessen Gelingen alle Beteiligten gleichermaßen betrugen.

Sam Johnstone hat das Konzert auf bachtrack.com rezensiert.

 

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