Kritik üben

Anthony O. Scott, Kritik üben. Die Kunst des feinen Urteils, 2016 (dt. 2017), aus dem Englischen von Martin Pfeiffer, Carl Hanser Verlag, 308 Seiten plus Register.

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Foto: nw2017

Der Autor ist Filmkritiker bei der New York Times und Professor für Filmkritik an der Wesleyan University. Das Buch hat sechs Kapitel, die von zwei Dialogen gerahmt und von zwei weiteren Dialogen aufgelockert werden; es ist Ergebnis seiner Berufs- und Lehrtätigkeit. Scott begrenzt sein Nachdenken über und seine Ausführungen zur Kritik nicht auf die Filmkritik. Sie sind daher gerade auch für Leser und Blogger, die sich ja auch – zumindest teilweise – dem Kritikerspektrum zuordnen und sich nicht selten ihres Platzes dort vergewissern müssen, von großem Interesse.

Und tatsächlich ist es genau die Aufgabe des Kritikers, anderer Meinung zu sein, sich zu weigern, irgendetwas nur als das zu betrachten, was es ist, vielmehr darauf zu beharren, es einer intellektuellen Prüfung zu unterziehen. (S. 18)

Denn dieses Nachdenken ist der Punkt, an dem die Kritik beginnt. (S. 20)

Die Kunst ist dazu da, unser Denken zu befreien, und die Aufgabe der Kritik ist es, herauszufinden, was wir mit dieser Freiheit anfangen sollen. (S. 22)

„Der Kritiker als Künstler und umgekehrt“, so ist das erste Kapitel überschrieben, und darin geht es denn auch um das Verhältnis von Künstler und Kritiker und um dasjenige zwischen dem Werk und der darauf bezogenen Kritik. Scott bemüht sich um Rechtfertigung und Eigenständigkeit der immer werkabhängigen Kritik, beruft sich auf Autoritäten, darunter gleichermaßen Künstler wie Kritiker.

Die Kritik hat die Aufgabe, von Kunst zu handeln; die Kunst hat einfach die Aufgabe zu sein. (S. 27)

Auf Seite 28 fällt dann – endlich! – das Wort „parasitär“, auf das der Text nach meinem Empfinden schon geraume Zeit hinausläuft (auf S. 154 taucht es wieder auf, als Shelley den Tod Keats’ beklagt, dabei aber lyrisch von Raupen spricht. Erneut auf S. 170ff., wenn es um den Film »All about Eve« geht), bevor Scott mit Emphase ausruft, Kritik sei nur „ein anderer Name […] für die Verteidigung der Kunst“, ja ihr „spätgeborene[r] Zwilling“ (S. 29).

Die Zeit der hehren Kunst, die sich einsame Genies geistesheroisch abringen, sei heutzutage ohnehin vorbei, denn:

In der Post-Alles-Gegenwart sind wir eine Ästhetik des Samples, des Mischmaschs, des Pastiches gewohnt. (S. 35)

Doch auch schon früher sei Kunst aller Gattungen stets ein Dialog über Zeiten und Stile hinweg gewesen, ein stetes Wiederaufgreifen und dezidiertes Verwerfen des Vorherigen. Neuerung erscheine so als typisch menschlich, ebenso wie die Kritik, die Art und Weise des Anknüpfens sichtbar mache und beurteile. Aber auch die Begeisterung könne über Analyse und Nachahmung zum eigenen Schöpfungsvermögen führen. Nachfolge wird durch den Blick auf das Vergangene möglich und verändert gleichzeitig unser Bild vom Vergangenen. Dies gilt – so sei hinzugefügt – übrigens für den schaffenden wie den interpretierenden Künstler. Für diesen sind Bild- und Tonaufzeichnungen, wie sie ja überhaupt erst seit dem 20. Jahrhundert möglich sind, Last und Ansporn zugleich: Jeder kann heute noch hören, wie Enrico Caruso im Jahre 1904 »Una furtiva lagrima« sang, jeder Tenor muß sich mit dem Klang seiner Stimme und der Gesangstechnik auseinandersetzen und vergleichen lassen. Das Vergangene wird gegenwärtig, nicht nur im Ergebnis, sondern auch – und das ist der kategoriale Unterschied zu älteren Reproduktionstechniken – im Prozeß der Darstellung. Zu den kulturellen, künstlerischen und wirtschaftlichen Folgen hat Walter Benjamin mit »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« erstmals 1936 Stellung genommen.

Scott handelt aber in erster Linie vom schaffenden Künstler und setzt sich mit Äußerungen von T. S. Elliot und Harold Bloom auseinander, bevor er einen Streifzug durch die Literaturgeschichte unternimmt, um herauszuarbeiten, daß die Notwendigkeit, Neues schaffen zu müssen, und die Erkenntnis, daß dies gar nicht so einfach sei, bereits die alten Griechen umgetrieben habe.

In den folgenden Kapiteln und Dialogen geht es um viele Aspekte von Kritik. Was ist Geschmack? Wie erwirbt man ihn, ändert er sich, ist er wichtig? Soll man ehrlich urteilen, impulsiv oder abgewogen? Welche Maßstäbe sind anzulegen? Warum gibt es oft Unverständnis gegenüber zeitgenössischer Kunst? Kunst berührt und Kritik will genau darüber reden, so läßt sich ein Kapitel zusammenfassen. Der Leser stellt sich hier eine Reihe von Anschlußfragen, die er auf der nächsten Party, in einem einschlägigen Universitätsseminar oder auf seinem Blog stellen kann. Wenn er sie in ein Zeitungsfeuilleton schreiben oder in einem etablierten Forum in den Äther sprechen darf, ist das dann Literaturkritik. Einen Teil der Fragen stellt Scott sich dann in dem anschließenden Dialog selbst (S. 101ff.) – und er bringt sich damit durchaus ins Schwitzen. Denn so leicht, wie es im vorigen Kapitel klang, ist es dann eben doch nicht.

Wie Scott einen Museumsbesuch als hohe Schule des bürgerlichen Kunstrituals darstellt, besser zergliedert – um im Spannungsfeld von Kunst und Kritik, Bürgerlichkeit und Künstlertum nun endlich einmal Thomas Mann heranzuziehen – vermag den unbefangenen Aspiranten aller Wahrscheinlichkeit nach eher abzuhalten denn zu motivieren. Für die Leserschaft des Buches erfüllt dieses Kapitel freilich eine andere Funktion: Es illustriert – durchaus etwas umständlich – die Wirkung von Kunst und deren Unherbeirufbarkeit.

Eine der hauptsächlichen Verkörperung dieses Zustands von innerem Antagonismus – Sündenbock und Vorbild, Kritikaster und Heiliger, Es und Über-Ich – ist der Kritiker. Und der Kritiker ist daher ein paradoxes Geschöpf, zugleich überflüssig und allgegenwärtig, unentbehrlich und nutzlos, einer, dem man vertrauen kann und den man beschimpfen muss. (S. 145f.)

Ziemlich klischeelastig schreibt Scott über die Figur des Kritikers, bevor er kundig die Pendelbewegungen der us-amerikanischen Literaturkritik anhand von modernen Schlüsseltexten nachzeichnet und tief in die Geschichte des antikritischen Diskurses im englischen Sprachraum (Keats, Shelley, Pope, Arnold, Orwell, Sontag) eintaucht.

Was überzeugt an einer Kritik: Sprache und Form? Die Meinung? Oder doch das maßstabgegründete Urteil über ein Werk – die Frage muß trotz wort- und bildgewaltiger Erörterung nicht zuletzt angesichts der Adressatenvielfalt von Kritiken natürlich offenbleiben. Wie geht Kritik mit zeitgenössischer Kunst um, was macht eine gerechte Bewertung so schwierig und woran sind Neuerungen eigentlich zu messen?

Die Passagen, in denen Scott über Filme und Filmkritik schreibt, haben auf mich den stärksten Eindruck gemacht. Der Rückgriff in die 1930er Jahre wirkt weit weniger künstlich als der zu Keats und Shelley, die Sprache deutlich weniger bemüht, der Autor schreibt über seine Welt und liefert keine Abhandlung, wie sonst öfter:

Schwierige Fälle neigen dazu, sich zu vervielfältigen, bis die Grenzen dort, wo sie früher anscheinend selbstverständlich gewesen waren, unsichtbar werden und sich Definitionen, die empirisch begründet ausgesehen hatten, als verstiegene Mutmaßungen erweisen, denen man sich die ganze Zeit hingegeben hatte. Um dieser Verwirrung ein Ende zu machen, könnte es erfolgversprechend sein – und zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte hat man es für ratsam gehalten –, die Künste entlang einem Spektrum anzuordnen, das vom Formalsten zum am wenigsten Formalsten verläuft, was beinahe ebensoviele bedeutet wie vom Abstrakten zum Gegenständlichen. (S. 222f.)

Am Ende blicke ich auf eine anregende, Zustimmung wie Widerspruch hervorrufende Lektüre zurück, die sich auf das angelsächsische Spektrum konzentriert. Ich frage mich, ob Kritiker tatsächlich den kollektiven Geschmack verwalten (S. 179), nehme die Mahnung mit, mir ernsthaft Mühe zu geben, um Interesse zu wecken, und überlasse das angemessen doppeldeutige Schlußwort Theodor Fontane:

„O, Krittikk,“ sagte Wrschowitz. „Ich liebe Krittikk. Aber gutte Krittikk schweigt.“ (Der Stechlin, 34. Kapitel)

Unlängst erschien eine lesenswerte Besprechung von Thomas Brasch auf „brasch & buch“, die das Buch ebenfalls schätzte und selbst viel Interessantes zur Notwendigkeit und zu den Bedingungen von Kritik sagte. Kritik ist überdies ein Thema, das im Literaturmagazin tell zu Recht breiten Raum einnimmt und in einer Reihe von Beiträgen kundig behandelt wird.

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