
Julian Barnes, Der Lärm der Zeit | Foto: nw2018
Julian Barnes, Der Lärm der Zeit, 2017 (aus dem Englischen von Gertrude Krueger, 2016), Büchergilde Gutenberg 2017, 245 Seiten.
Moskau 1937 – Hammerschmiede einer neuen Zeit
Eine umfassende Geschichte der Moskauer High Society der 30er Jahre zu schreiben wäre faszinierend. Aus den Memoiren müssten ihre Netzwerke und Knotenpunkte rekonstruiert werden; man müsste den Ansprüchen, dem Geschmack, den Umgangsformen dieser nach der Revolution aufgestiegenen Elite auf die Spur kommen. Eine solche Geschichte aber müsste eine Elite porträtieren in jenem Augenblick, da sie nach atemberaubenden Karrieren bereits wieder in den Abgrund stürzt. Es wäre eine Skizze über Aufstieg und Fall in einer geschichtlichen Sekunde, über das Ende einer Menschenklasse, die noch nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich an die aus ihrer Macht abgeleiteten Privilegen zu gewöhnen, und die noch nicht einmal zur Ruhe gekommen war in ihrem entnervenden Kampf um die Festigung der Macht. Es handelte sich eben nicht um ein versteinertes Establishment, nicht um ein juste milieu, dessen Tage gezählt waren und das Zeit gehabt hatte, sich auf ein Ende gefasst zu machen. Es war ein Ende ohne Anlaufzeit, ein Tod ohne Vorankündigung. Ganz frischer Luxus, gepaart mit einem kalten Tod.
So leitet Karl Schlögel einen Abschnitt in seiner umfangreichen Monographie »Terror und Traum. Moskau 1937« ein (S. 462). Ein späterer Abschnitt, der dem „Sound der 30er“ gewidmet ist, enthält auch eine knappe Schilderung zu Schostakowitsch, der im Zentrum des Romans von Julian Barnes steht. Die Episode um dessen »Lady Macbeth von Mzensk« und Schostakowitschs anschließender stilistischer Wandel, der ihm ein Weiterleben und Weiterarbeiten ermöglichte, werden hier behandelt – wobei auch die Bedeutung der sowjetischen Musik der Zeit und des Musiklebens gewürdigt werden (S. 565-569).
Barnes‘ Schostakowitsch-Roman
Barnes hat einen dann doch kurzen Roman geschrieben, der von dieser Episode ausgeht: Stalin wohnt 1936 einer Aufführung von Schostakowitschs Oper bei, verläßt diese vorzeitig und in der Prawda erscheint ein Verriß, höchstwahrscheinlich vom Diktator selbst verfaßt. Der Komponist fürchtet um sein Leben, gerät in Kontakt mit der Macht und wartet darauf, abgeholt zu werden, doch er bleibt verschont. Man legt ihm nahe, zukünftig volkstümlichere Musik zu schreiben, worauf er mit seiner Fünften Symphonie (zweideutig) antwortet.
Der erste Teil des Romans (S. 15-81) erzählt dies eindringlich aus der Perspektive der Hauptfigur als schier nicht enden wollenden inneren Monolog, der uns allerdings von einem allwissenden Erzähler ergänzt um sämtliche Aktivitäten Schostakowitschs präsentiert wird. Die dicht geschriebenen knapp siebzig Seiten nehmen die Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.



