Hulda Brinckmann – vor der Zeit emanzipiert?

H.H. Boyesen, Selbstbestimmung | Foto: nw2018 #Roman #Buchbesprechung

H.H. Boyesen, Selbstbestimmung | Foto: nw2018

Selbstbestimmung, so lautet der Titel des Romans von Hjalmar Hjorth Boyesen (1848-1895), der 1893 unter dem Titel »A Harvest of Tares« in den USA erschienen war und 1897 von Mathilde Mann ins Deutsche übertragen wurde. Der Lilienfeld-Verlag, der sich um vergessene Bücher bemüht, gibt ihnen mit der schön gestalteten Reihe »Lilienfeldiana« ein angemessen gestaltetes Forum. Der Band erschien 2008 als Nr. 2 der Reihe. Ich habe ihn als Rezensionsexemplar erhalten.

Zum Inhalt

Ausgehend von einer klassischen bürgerlichen Problemsituation nimmt der Roman eine unkonventionelle Wendung. Pfarrer Brinckmann und seine Frau haben sechs Töchter und einen Sohn; um ihm, der gar nicht sonderlich begabt ist, den Besuch einer Schule in der Hauptstadt zu ermöglichen, wollen sie ihre älteste Tochter, Hulda, möglichst rasch verheiraten. Ein Kandidat ist bald in Sicht, der trockene und ungelenke Hilfspfarrer. Hulda weist das Ansinnen zunächst schroff zurück, während umgekehrt Hilfspfarrer Falck schüchtern und unerfahren gar nicht in Erwägung zieht, daß sich Hulda in ihn verlieben könnte. Etwas überraschend kommt es dann doch zur Verlobung; bald darauf entwickelt Hulda jedoch Gefühle für einen neuen Logiergast der Familie, der sie mit seiner Lebhaftigkeit und Schwärmerei beim gemeinsamen Musizieren für sich einnimmt.

Die Kombination von bekannten Situationsmotiven, die Boyesen hier vornimmt, gerät ebenso routiniert wie überzeugend: Hilda ist die Frau zwischen zwei Männern, die schließlich der Verführung durch den leichtsinnigen Fremden erliegt. Die Nebenbuhlerschaft entzündet sich am gemeinsamen, durchaus enthusiastischen  Musizieren von Hulda und Olaf Brun. Ihr Verlobter Falck steht in seinem Arbeitszimmer und lauscht – wie es auch Thomas Buddenbrook tun wird, wenn der Leutnant von Trotha mit Gerda Buddenbrook spielt, und vor allem, wenn die Musik verstummt. Zu solch zweifelhaften und quälenden Pausen kommt es im Hause Brinckmann nicht. Diese ergeben sich erst während einer abendlichen Schlittenfahrt der Verlobten, markieren dann aber die die bislang bloß übertünchte Sprachlosigkeit zwischen Hulda und Falck.

Der tragische Knoten ist geschürzt, der Eklat geschieht, wird in klassischer Manier „gelöst“ und übertüncht – hochdramatisch, welche Wendungen Boyesen seiner Geschichte gibt! –, bevor dann das Unglaubliche geschieht. Hulda bricht aus, entscheidet selbst, wo und mit wem sie leben will. Doch so einfach ist dies nicht, da sie dazu erst einmal in die USA gelangen und dann dort den Geliebten finden muß, einen Mann, der – daran läßt der Autor keinen Zweifel – nur an sich denkt.

Gegen alle Widerstände findet und heiratet Hulda Olaf Brun. Als echte Tochter ihrer Mutter hat sie das Sagen in der Ehe. Als Frau einer neuen Zeit nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand, verläßt dabei aber die gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen nicht.

Stil

Die Verbindung zum amerikanischen und europäischen Realismus nicht nur als Autor, sondern auch als Kritiker und Hochschullehrer, wird deutlich, etwa, wenn Hulda den betrunkenen Bauern begegnet oder die Schiffspassage und das christliche Mädchenheim geschildert werden. Bewegend geraten Boyesen die Naturschilderungen, seine Dialoge sind knapp und präzise, wobei sich keine Causerie entfaltet und es auch kaum zu einem Austausch zwischen den Figuren kommt, sondern der Erzähler den Dialog rahmt und erläuternd ausbalanciert.

Auf engem Raum bringt Boyesen eine pralle Handlung und gut charakterisierte Hauptpersonen sowie eine gehörige Portion Gesellschaftskritik unter.

Mein Fazit

Der Roman bildet eine angenehme und interessante Lektüre, bar jeder Weitschweifigkeit. Der knappe Stil verleiht dem Text eine immer noch erkennbare moderne Anmutung, geht freilich einher mit dem Verzicht auf Eleganz. Der Text ist mehr Mittel zum Zweck denn Selbstzweck. Er endet freilich – sicher auch angesichts der weiblichen Leserschaft, von der im Nachwort mit Blick auf den Erfolg beim amerikanischen Publikum die Rede ist – mit einem Happy-end, dessen Brüchigkeit nur angedeutet wird.

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