Exil, „innere Emigration“ und Anbiederung

Flucht vor den Nazis

Fragen zum Exil | Bild: nw2018

Fragen zum Exil | Bild: nw2018

In seinem Essay »Heute und Morgen. Zur Situation des jungen geistigen Europas« schreibt Klaus Mann gleichermaßen ahnungsvoll wie falsch im Jahr 1927:

Gehört das Jahr 1930 der militärischen Diktatur? Gut, so lebt unsereins um diese Zeit in der Verbannung – 1935, so viel ist sicher, hat man sich eines anderen besonnen.

Die von Klaus Mann erhoffte Überwindung von Faschismus und Diktatur wird Europa freilich nicht aus eigener Kraft und besserer Einsicht heraus schaffen.

Für Erika und Klaus Mann stand schon lange fest, daß sie im Falle der Machtergreifung Hitlers das Land verlassen würden – Mitte März 1933 ist es soweit, Klaus geht nach Amsterdam, Erika zu den Eltern in die Schweiz. Katia und Thomas Mann sind gerade in Arosa auf Urlaub und hadern mit der Lage. Was soll mit dem Haus und Vermögen geschehen, wie sollen Bücher veröffentlicht werden? Gibt es einen Weg zurück und eine Aufgabe im Reich? Der zum Vernunftrepublikaner gewandelte Thomas Mann ist zu tief in der deutschen Kultur verwurzelt, als daß er sich leichthin im Exil gesehen hätte. Die Kinder Elisabeth und Michael gelangen auf Initiative der besorgten Mutter zu ihnen in die Schweiz, Monika und Golo bleiben zunächst in Deutschland; Golo kann sechzigtausend Reichsmark retten, bevor nach dem „Protest der Richard-Wagner-Stadt München“ die Austreibung des Autors und seiner Familie beginnt. Die Familie kommt schließlich  in Südfrankreich zusammen und begeht im Juli 1933 den fünfzigsten Geburtstag von Katia Mann.

Da sitzen sie also in ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates, dessen Glaube einzig, dessen Ernst erschütternd […] ist. (Gottfried Benn, Antwort an die literarischen Emigranten, 1933)

„Innere Emigration“

Benns Reaktion auf ein Schreiben von Klaus Mann ist einer der vielen Verteidigungsversuche derjenigen, die blieben. Denn es gingen ja nicht alle. 

Die Gründe hierfür waren vielfältig. Viele bejahten das neue Regime, andere profitierten von den plötzlichen Aufstiegschancen und freien Plätzen in Universitäten – alleine an der Universität Göttingen wurden zwei Drittel der Mathematiker und Physiker entlassen oder kündigten von sich aus – Behörden oder Akademien. Ein Großteil konnte sich auch nicht vorstellen, was geschehen würde. Wieder andere waren zu alt, wollten Angehörige nicht zurücklassen oder hatten andere Gründe; viele von ihnen, aber längst nicht alle, gingen in die sogenannte innere Emigration. Vor allem nach dem Krieg schlägt Emigranten wie Thomas Mann oder Marlene Dietrich Zorn entgegen, der sich oft unterbewußt gegen das Versagen der Daheimgebliebenen selbst richtet.

Profiteure

Der Komponist Richard Strauss avancierte zum Präsidenten der neugeschaffenen Reichsmusikkammer, mußte aber bereits 1935 zurücktreten, weil er nicht linientreu genug war und zu naiv, um die nationalsozialistische Gesinnung aus Karrieregründen zu heucheln. Nach außen hin blieb Strauss aber unangetastet, wurden seine Werke (bis auf die »Schweigsame Frau« wegen der Mitwirkung Stefan Zweigs) weiterhin gespielt. Er konnte bis zur kriegsbedingten Schließung und späteren Zerstörung der Opernhäuser neue Opern schreiben und aufführen, versöhnte sich gar aktiv mit dem Regime, um weiter ungestört arbeiten zu können und um seine Familie zu schützen – war er doch, in der Terminologie der Nazis, jüdisch versippt. 

Während der alte Komponist sein Terrain sicherte, eroberte ein junger Dirigent, Herbert von Karajan, sich Wirkungsmöglichkeiten, die er bis zu seinem Tode im Jahr 1989 erhalten und stetig ausbauen konnte.

Karajan trat der NSdAP nach der Machtergreifung im Jahr 1933 zweimal bei, zunächst in Österreich, dann im Deutschen Reich. Er wurde 1934 Generalmusikdirektor in Aachen, dirigierte 1935 anläßlich des Geburtstags von Adolf Hitler eine Vorstellung von »Tannhäuser« und weitere vom Regime anberaumte Aufführungen. Am 20. April 1939 verlieht ihm Hitler den Titel „Staatskapellmeister“. Wegen eines Zwischenfalls bei einer Tristan-Aufführung im Juni 1939 verfügte Hitler jedoch ein Dirigierverbot für die Bayreuther Festspiele. Da aber Hermann Göring weiterhin seine schützende Hand über den Dirigenten hielt, konnte dieser bis zum Kriegsende die Staatskapelle Berlin leiten und noch einige Jahre in der Staatsoper dirigieren. Außerdem musizierte er vor der Wehrmacht; noch am 19. und 20. April 1944 dirigierte er in Paris Konzerte aus Anlaß des „Führergeburtstags“. So kam er auf die „Gottbegnadetenliste“ und blieb von einem Kriegseinsatz verschont.

Exil in Europa

Schriftsteller, Intellektuelle, Musiker, Maler, Wissenschaftler – ob Juden, Regimegegner oder sich aus anderen Gründen bedroht fühlende Menschen – verließen Deutschland und Österreich. 1933, 1935, 1938, 1939 setzten jeweils Schübe ein; mehrere hunderttausend Menschen flohen allein aus dem deutschsprachigen Raum, hinzu kamen Flüchtlinge aus den überfallenen und besetzten Nachbarländern.

Doch wohin? Palästina war eine Option, in erster Linie für die jüdischen Emigranten, Moskau eine andere, für die Kommunisten. Wer dachte, sich nur vorübergehend in Sicherheit bringen zu müssen, „bis der Spuk vorüber sei“, der ging in die Niederlande, in die Tschechoslowakei, nach England oder Frankreich. Erst danach gerieten die südlichen Mittelmeeranrainer und die Türkei, Nord- und Südamerika, Südafrika oder Asien in den Blick.

Je mehr Menschen flohen, desto geringer wurde überall die Aufnahmebereitschaft. Antisemitismus war weit verbreitet, Arbeitsmöglichkeiten gering, viele Deutsche sprachen die fremden Sprachen nicht gut genug, um berufstätig sein zu können, Ausbildungen wurden nicht anerkannt. In der Diaspora bildeten die Deutschen Klubs und Lesezirkel, gründeten Theater, Chöre und Orchester, ja bauten Bibliotheken auf. Es wurden Exilverlage gegründet und Zeitungen herausgebracht – starke Signale, daß man die deutsche Kultur nicht den Nationalsozialisten überlassen wollte.

Gleichzeitig sorgen sich Autoren wie Thomas Mann, Robert Musil und Stefan Zweig um ihre Buchveröffentlichungen in Deutschland, auch um die Honorare, die zunächst noch fließen. Wieviel Distanz, wieviel Kritik ist nötig und möglich? 

Die Realität des Exils wird allmählich rauher, die Bewegungsmöglichkeiten geringer, die Gefahr größer. Gleichzeitig stabilisiert sich das Regime, die Repression im Deutschen Reich wird immer stärker, eine Rückkehr erscheint ausgeschlossen.

Amerika, du hast es besser!

Die Einreise- und Einwanderungspolitik der USA ist seit 1924 restriktiver geworden, und sie bleibt es auch nach 1933, ja noch 1940, nach der Besetzung Frankreichs. Nicht allen Menschen wird der rote Teppich ausgerollt, wie es Thomas Mann geschieht, der mit Agnes E. Meyer über eine einflußreiche Förderin verfügt, oder dem weltberühmten Albert Einstein. Hollywood, die Traumfabrik, ist für viele ein Sehnsuchtsort, doch nur wenige schaffen es, sich dort zu etablieren. Der Film »Casablanca«, der 1942 in die Kinos kommt, ist ein Dokument der Emigration.

Von Amerika aus erhebt nun auch Thomas Mann seine Stimme gegen das Regime zu Hause, wendet sich an die „deutschen Hörer“ und bezieht eindeutig Position – was ihm heftige Attacken der Propagandamaschinerie im Deutschen Reich einbringt.

Viele Emigranten fühlen sich in den USA sehr fremd und werden nicht heimisch. Ihr kulturelles Kapital, ihr Deutsch- und Europäertum ist in den allermeisten Fällen nur begrenzt monetarisierbar und damit in der amerikanischen Gesellschaft mehr oder weniger irrelevant. Heinrich Mann etwa ist todunglücklich. Wem die Akkulturation gelang, der war mit den USA zufrieden und wurde darüber zum Einwanderer, die anderen nicht, sie blieben dann oft ortlose Emigranten. Insbesondere politisch linksstehende Menschen hatten es angesichts der Kommunistenfurcht in den USA schwer. Am Ende verleidete diese selbst Thomas Mann den Aufenthalt, und er kehrte in die Schweiz zurück.

Aber es gibt auch andere Perspektiven. Viele private Hilfsorganisationen bemühen sich um die Einreise von Flüchtlingen und unterstützen sie bei der Integration. Dies gilt vor allem, aber nicht nur der deutsch-österreichischen Elite aus der Wissenschaft (ungefähr zwei Drittel der geflohenen 2.000 Wissenschaftler werden in den USA aufgenommen). Aber auch hier bleiben Konkurrenzkämpfe nicht aus, als es in der Wirtschaftskrise zu Entlassungen an den Hochschulen in den USA kommt.

Exil- und Emigrationsforschung

Diese bezieht sich auf die Gründe und Umstände der Flucht und Emigration, auf die Situation in den Aufnahmeländern, auf Anpassungs- und Akkulturationsprozesse. Es werden aber auch Wandlungen im Geschlechterverhältnis untersucht und Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Die berufliche und politische Betätigung im Exil steht ebenso im Blick wie die Möglichkeiten der Rückkehr und die anschließende Situation im Heimatland nach der Remigration.

 

Der Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Exil“ und verarbeitet die Leseerfahrung mehrerer Bücher.

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2 Antworten zu Exil, „innere Emigration“ und Anbiederung

  1. soerenheim schreibt:

    Interessante Übersicht, aber Benn als inneren Emigranten einzuordnen, geht der Mythenbildung auf den Leim, bei der sich der Autor noch nichtmal Mühe gab. Wie Benn den NS begrüßte, dass er gern ein deutscher Marinetti geworden wäre, dürfte bekannt sein. Doch noch in der Post-NS-Biographie Doppelleben stellt Benn klar, dass aus seiner Sicht „der Nationalsozialismus ein echter und tief angelegter Versuch war, das wankende Abendland zu retten. Dass dann ungeeignete und kriminelle Elemente das Übergewicht bekamen ist nicht meine Schuld und war nicht ohne weiteres vorauszusehen“ (zit. nach Dyck 392f.). Mir scheint für das Stillhalten, nachdem Benn feststellen musste, dass die Verbrecher keine Lust auf einen deutschen Marinetti hatten, selbst der fragwürdie Begriff „innere Emigration“ noch euphemistisch.

    • nweiss2013 schreibt:

      Völlig d‘accord. Ich gehe auf Benn auch gar nicht weiter ein und will ihn nicht der inneren Emigration zuordnen. Mein „längst nicht alle“ ist offenbar zu schwach, um das deutlich zu machen.

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