Vor dem Sturm: An der Riviera

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera | Foto nw2018 #reiseführer #cotedazur

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera | Foto nw2018

Erika Mann (1905-1969) und Klaus Mann (1906-1949), die beiden ältesten Kinder von Katia und Thomas Mann, hatten zeitlebens ein enges Verhältnis, traten gegenüber Außenstehenden auch oft als Zwillinge auf. Sie schrieben zusammen Texte, spielten gemeinsam Theater und unternahmen Reisen miteinander. Dieses Buch erschien erstmals 1931 und schildert das Leben an der französischen Riviera; es beruht auf einer Reise der beiden.

Der vorliegende fotomechanische Nachdruck der Originalausgabe enthält zeitgenössische Zeichnungen von Walther Becker, Rudolf Grossmann, Henri Matisse und anderen Künstlern. Das fröhliche Gelb des Umschlags ruft verläßlich Fernweh und Reiseerinnerungen beim Leser hervor.

Das Buch – Teil der Reihe »Was nicht im Baedeker steht«, die von 1927 bis 1938 im Münchener Piper Verlag erschien – ist im lockeren Plauderton verfaßt und verbindet praktische Informationen für Touristen mit allgemeinen Betrachtungen über Land und Leute, gewürzt mit einer Prise Klatsch und gelegentlichen,  Verruchtheit und Laster streifenden Andeutungen. Die Unbekümmertheit und Selbstsicherheit der Geschwister, die während dieser Jahre nur in Hotels leben und in Restaurants essen werden, ist auf jeder Seite präsent, auch wenn man weiß, daß sie diesen Lebensstil nur durch Schulden finanzieren konnten, die die Eltern stets, mal mehr, mal weniger bereitwillig, beglichen – die diesbezügliche Korrespondenz mit „Mielein“ spricht Bände.

Dieser milde und zivilisierte Ort [Hyères] bringt die schönsten Rosen, Artischocken, Trauben und Zitronen hervor, so daß sowohl Kompott als Parfum hergestellt werden kann und es eine erhebliche Ausfuhr gibt. Manch geistreicher Mensch lebt noch heute in diesem gedeihlichen Klima. (S. 52)

In Cannes, wo es den größten Luxus gibt, wo sogar Rolls Royce eine Niederlassung hat, locken die Geschwister Mann uns aus dem Casino heraus auf die Croisette, zu Hermès, und beginnen eine lange Aufzählung der Luxusgeschäfte.

Aber auch hier, wo man sie nicht vermutet, hat die „Wirtschaftskrise“, dieser dunkle Begriff, mit dem man heute schon Schulkinder ängstigt, ihre Finger. Undurchsichtig blau ist manches Schaufenster zugemalt, in dem noch vor kurzem Symbole von höchstem Anspruch sich spreizten, – Bankerott und Pleite sogar hier. (S. 76)

Weiter geht es, nach Nizza, von dem als Nice zu sprechen empfohlen wird.

In tausendundeiner Lokalen können Sie auch Tee trinken, wir raten Ihnen aber The Scotch Tea Room an der Avenue de Verdun, die am Palmengarten Albert I. entlang führt. Hier ist großes angelsächsisches Damentreffen, was für die Qualität des Tees spricht, und auch sonst für die Distinguiertheit des Milieus. (S. 99f.)

Kleine Orte zwischen den großen, manche unscheinbar, andere verborgene Perlen, werden ebenso erwähnt wie lohnende Ziele im Hinterland. Überall trifft ein amerikanisch-europäischer Oberschichtentourismus auf gelassene bis abweisend reagierende Einheimische, die Geschwister erwähnen mit Vorliebe aber auch Matrosen und resolute Barbetreiberinnen. Die Namen von Aristokraten, aber auch von Schriftstellern und Malern werden wie Glitzerstaub über den Text gestreut, nur wenige erfahren eine echte Würdigung.

In einem von diesen bevorzugten Häusern [in Cap d’Ail] wohnt die Fürstin Mechthild Lichnowski, Witwe eines der wenigen deutschen Diplomaten von Format und ihrerseits eine der wenigen deutschen Schriftstellerinnen, die Format haben. Die Fürstin, in der Gegend als La Princesse populär, hat ihre Villa einem Herrn abgemietet, der die kolossalsten und wildesten Dinge als Jäger geleistet hat, so daß Treppenhaus und Diele voll von ausgestopften Ungetümen hängen und stehen: Elchen, Büffeln und Bären: Weltrekorde, wie uns die Fürstin etwas verängstigt verrät. Zwischen solchen Trophäen männlicher Unternehmungslust lebt und arbeitet diese Aristokratin, die dem Geiste dient und so der „großen Welt“ (in Anführungszeichen), aus der sie kommt, längst entwachsen, in einer wirklich großen zu Hause ist. (S. 119)

Lichnowsky (1879-1958) lebte seit dem Tod ihres Mannes im Jahre 1928 in Südfrankreich. Der Fürst war von 1912-1914 Botschafter des Deutschen Reiches in London gewesen und hatte sich um einen Ausgleich der beiden Mächte bemüht. Das Paar lebte ab 1914 in München, wo die Fürstin mit Schriftstellern und Theaterleuten verkehrte – dabei sicherlich auch mit den Manns in Berührung kam – und mehrere Bücher schrieb. Sie weigerte sich nach 1933, der Reichsschrifttumskammer beizutreten, wurde bei einem Besuch in Deutschland (1939) verhaftet und dann unter Hausarrest gestellt. Sie schrieb während dieser Zeit das Buch „Worte über Wörter“, das die Sprache der Nationalsozialisten kritisch beleuchtete und erst 1949 in einem Wiener Verlag erschien. 1946 zog sie nach London, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.

Die Manns, um zu unseren Autoren und ihrem Buch zurückzukehren – eins der Fürstin Lichnowsky muß ja erst noch besorgt werden! –, schieben nun eine trotz des ironisch-plaudernden Tonfalls durchaus ernste Betrachtung über das (Glücks-) Spiel ein (S. 121-125), setzen dann aber im gewohnt munteren Tonfall die Beschreibung, nun natürlich Monte-Carlos, fort.

Hier sind es die im Familienzusammenhang später Bedeutsamkeit erlangenden kurzen Sätze über das örtliche Museum und seine Tiefseeabteilung, die beim Lesen innehalten lassen und die bekannten Interviewszenen mit Elisabeth Mann-Borghese in Erinnerung rufen.

Knapper und, ja, liebloser schließen sich Ausführungen über die italienische Riviera bis Genua an. Auch Genua wird nur kurz behandelt – auch weil es darüber bereits einen anderen Reiseführer in der Reihe gibt – und kann für die Manns nicht mit Marseille mithalten. Die Beschreibung der restlichen Riviera bis nach La Spezia schließt den Band ab. Auch hier fehlt die Begeisterung, alles in allem gilt den beiden die Gegend als zu ruhig, zu altmodisch, zu langweilig.

Das kleine Büchlein versteht es, Landschaft und Stimmung einzufangen, nimmt seine Leser mit auf die Reise in eine teils untergegangene, teils – nicht zwingend zum Besseren – weiterentwickelte Welt. Bon voyage!

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