Der Tanz um das Goldene Kalb

Eine Novelle

Welch ein Statement in der Zeit der Romanflut, der dicken ohnehin, aber auch der schlanken. Noch dazu der Debüttext des Autors – Jonas Lüscher, Frühling der Barbaren. Novelle, 2013 (Tb. 2015, 4. Aufl.), 125 Seiten.

Das mit mehrere Preisen ausgezeichnet Buch erschien, als ich mit dem Bloggen anfing und weit davon entfernt war, regelmäßig Neuerscheinungen zu lesen oder die Longlist des Deutschen Buchpreises zur Kenntnis zu nehmen. Ehrlicherweise habe ich mich diesem Zustand auch als Blogger gar nicht so deutlich angenähert. Überwiegend kaufe ich Belletristik spontan, wenn und weil ich in der Buchhandlung auf das Buch aufmerksam geworden bin. So auch hier, als ich etwas kleines für zwischendurch suchte und dann an dem roten Einband und dem interessanten Titel hängen blieb, das Buch näher anschaute und kurz hineinlas.

Geht es in dem Buch mehr um die Ehe oder mehr um Geld? Eine Frage, die letztlich offenbleibt. Die Krisensituation, die den Wendepunkt der Erzählung markiert, erfaßt beide Themen.

Das Goldene Kalb

Das Goldene Kalb

Wortstrom

Aus Langeweile nahm Preising – dessen Gespräch mit dem allwissenden Ich-Erzähler die Rahmenhandlung bildet, und innerhalb dessen, wie in »Tausend und einer Nacht«, eine Geschichte die nächste gebiert – eine Zeitung zur Hand, deren Lektüre die internationale Finanzkrise – bislang nur kurz erwähnt – machtvoll aufs Tapet bringt, nur um sie sogleich in einem Strom von Nichtigkeiten verschwinden zu lassen, bevor sie gegen Ende wieder auftaucht und zum Fanal wird.

Wunderbar das Gespräch Preisings mit Pippa, das ein tunesisches Luxusresort in den Davoser Berghof verwandelt und den Leser glauben macht, er blicke auf den guten und den schlechten Russentisch.

Laborsituation

Die Weite und Verästelung des Gesprächsverlaufs und seiner Inhalte macht die Laborsituation der Gesprächsführung, die ja in einer Nervenheilanstalt angesiedelt ist, rasch vergessen. Doch verdrängt die unbändige Lust am Fabulieren jene Rahmung der Novelle nicht völlig. Die Situationskomik, die Preising beständig lebendig werden läßt, ist gleichermaßen gut und glaubhaft.

Ich fürchtete bereits, diese maghrebinische Scheherazade sei der Punkt, auf den er hinauswollte. Die exotische Versuchung: Preising angesichts sechs minderjähriger Tunesierinnen, die ihm vom Vater angeboten wurden wie die Choix de fromage in der Kronenhalle. (S. 14)

Sie schlug ihre Beine übereinander und ihr Buch auf und vertiefte sich, ohne mich weiter zu beachten, in ihre Lektüre. Beide taten wir sehr konzentriert, denn es war offensichtlich, dass wir beide nicht zu jenen Menschen gehörten, die es gewohnt sind, mit Fremden eine Matratze zu teilen. (S. 32)

Was einer englischen Hochzeit in der tunesischen Wüste noch fehle, sei ein Schweizer Geschäftsmann im Kostüm eines Südstaatenjunkers. (S. 72)

Unerhörte Begebenheit: die Finanzkrise

Sie kehrt – als ihr Brut- und Schwitzkasten, die Londoner City, geschildert wird – auf den Seiten 63-68 zurück, beginnend als inter-generationelles Unbehagen, wird als Problem der Denkfaulheit Preisings fortgeführt, um in der Analyse und engagierten Stellungnahme des Ich-Erzählers fortzuwirken. Doch erst später,  in der Nacht nach der exzessiven Hochzeitsfeier, als alle ihren Rausch ausschlafen, brechen in London die Banken zusammen und die Reihe der Dominosteine kippt unaufhaltsam um, bis hinaus in die tunesische Wüste.

Löscher zeigt nun in Vignetten und gelegentlich das Groteske streifenden Passagen – stets aus dem Munde Preisings oder seines allwissenden Zuhörers –, wie der dünne Lack der Zivilisation abblättert und wie die Wertschätzung rapide sinkt, wenn die Kreditkarten gesperrt sind.

Sympathische Hauptfigur

Preising ist mir vom ersten Augenblick an sympathisch. Kein Held, kein Opfer – stattdessen ein Flaneur, behaglich eingerichtet im unerwarteten Wohlstand und einer hingenommenen Unmündigkeit, die ihn dennoch nicht am Beobachten und Reflektieren hindert.

Mein Fazit

Ein lesenswertes Buch, das in klarer Sprache geschrieben ist. Harmlos humoristische Passagen sind ebenso gelungen wie ätzend und entlarvend verfaßte Abschnitte. Die unerhörte Begebenheit bricht unerwartet und mit drastischen Konsequenzen in die Alltagssituation der beschriebenen Personen ein. Der Wechsel zwischen der Wiedergabe von Preisings Erzählungen und dem Bericht des allwissenden Erzählers aus der Vogelperspektive auf Preising und das Gesamtgeschehen kann dieses auch in tumultartigen Phasen in seiner Komplexität abbilden. Aus meiner Sicht ein Buch, das die Gattungsbezeichnung „Novelle“ in vollem Umfang verdient und das ich immer wieder mal zur Hand nehmen werde.

 

 

 

 

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