Bessermann – ein Roman?

Adrian Kasnitz, Bessermann | Foto: Verlagswebseite

Adrian Kasnitz, Bessermann | Foto: Verlagswebseite

Adrian Kasnitz, Bessermann [ein Roman], Köln: Launenweber 2017, 161 Seiten.

Informationen zu Verlag und Autor

Der Autor lebt laut Verlagsinformationen als Schriftsteller und Herausgeber in Köln. Er ver­öffentlichte zuvor den Roman „Wodka und Oliven“ und mehrere Gedicht­bände, zuletzt „Glückliche Niederlagen“. Seine Texte wurden in zahl­reiche Sprachen übersetzt. Er betreut die Edition »parasitenpresse« und ist Gastgeber der Kölner Lesereihe »Literaturklub«.

Das geschmackvoll-schlicht gestaltete Rezensionsexemplar liegt gut in der Hand, die wertige Verarbeitung spricht für den im Jahr 2015 gegründeten Verlag, dessen Leiter Christian Berglar ist. Die Familie des jungen Verlegers ist seit der Goethezeit mit dem Büchermachen beschäftigt.

Der traumatisierte Kriegsreporter Bessermann kehrt nach Deutschland zurück und beschränkt die Kontakte mit der Außenwelt auf ein Minimum. In kurzen prägnanten Splittern und wech­selnden Erzählperspektiven lässt Adrian Kasnitz eine ruhelose Seele zu Wort kommen. (Presseinformation des Verlags)

Die kleine Form

Last man reading Tobias Nazemi plädierte neulich auf »Buchrevier« engagiert für die Kurzgeschichte. Der vorliegende Roman ist mit seinen rund 160 Seiten weder übertrieben lang noch hat er Kurzgeschichtenformat. Doch kommt er in knappen, Momentaufnahmen gleichenden Häppchen daher. Die Textteile reichen von dem vorgenannten Splitter bis zur achtseitigen „Langform“, fügen sich also gut in die von Tobias Nazemi beklagten verknappten Aufmerksamkeitsspannen heutiger Leser ein. Der rauhe, nüchterne Erzählstil, der einen Großteil der Texte prägt, paßt nach meinem Empfinden gut zum bruchstückhaften Charakter des Romans. Sehr kurze Sätze („Es wurde gehupt.“) wechseln sich mit mittellangen und mit mehrere Zeilen umfassenden Satzgefügen ab.

Zum Inhalt

Bessermann, die titelgebende Hauptfigur, hat eine Vergangenheit, die nur angedeutet und in ihren Auswirkungen präsentiert wird, sich aus eigenen Erklärungen und wiedergegebenen Fremdwahrnehmungen zusammenfügt. Der auktoriale Erzähler beobachtet Bessermann beim Beobachten, schildert seine Gefühle und Erinnerungen.

Andere Figuren treten auf, ihre Umrisse werden nach einem ähnlichen Prinzip sichtbar gemacht und gleichzeitig verwischt, weil ihnen weniger Aufmerksamkeit zuteil wird. Sie bleiben überwiegend Randfiguren. Anton und die anderen Jugendlichen, die auf Dächer steigen, Osterode, ein alter Mann, sowie Agnieszka und „Man-Ray“, die im Internet voneinander Notiz nehmen.

Episoden ohne erkennbaren Zusammenhang fügen sich in ihrer Gegensätzlichkeit zu einem Mosaik der Alltagsbanalitäten. Erinnerungen scheinen auf, auch an schlimme Erlebnisse. In zahlreichen Passagen thematisiert Kasnitz, wie und wo Erinnerungen gespeichert werden, ob und was zu bewahren ist. Fotos, Geschichtenerzählen, eigene Gedanken, Gebäude – das sind Façetten des Erinnerns, die von allen Figuren berührt werden.

Führer, Mörder, Wüstenfuchs, sie verehrten sie immer noch. Der Krieg war nur eine Episode für sie, ein Abenteuer mit Bruchlandung, über das sie wieder lachen konnten. (S. 92)

So erinnert sich eine Figur an die frühe Nachkriegszeit, bevor sie Deutschland verließ, um für einige Zeit in England zu leben.

Es werden aber auch Pläne gemacht, etwa für die Zeit nach dem Studium, oder generell über die Zukunft nachgedacht.

Spät im Buch endlich eine Begegnung, die aber die Geschichte dann doch nicht voranbringt, sondern Abwehr und Einsamkeit Bessermanns nur noch verstärkt. Weitere Begegnungen anderer Personen, kleinere und größere Episoden decken die Szene zu. Leben werden verpfuscht, Verletzungen vorgenommen, nichts Gutes geschieht. Wer fragt da nach früherem  Unrecht?

Stilistisches

Die meist lakonische Sprache verströmt einen herben Charme, selten sind solche, in meinen Augen unbefriedigende Stellen:

Der Radiowecker stand wie ein Redner auf der Kommode und murmelte unverständliche Neuigkeiten. (S. 9)

Mögen es gesundheitliche Gründe – bekannt ist die lindernde Wirkung bei Harnwegserkrankungen – oder schiere Nostalgie gewesen sein (S. 31)

Sie leckte über sein Gesicht, rieb ihr Knie zwischen seinen Schenkeln. Ihre Brüste sprangen ihm wie zwei Ninja Turtles entgegen. (S. 70)

Zwischen den Szenen und manchmal auch innerhalb kommt es oft zu harten Schnitten: Personen, Stimmungen, Handlungen, Verhaltensweisen treffen jäh aufeinander.

Überraschend und erstaunlich poetisch gestaltet Kasnitz dann eine Sexszene, die den Beteiligten zuerst intensive körperliche Erfüllung und danach geistiges Innehalten schenkt. Beides bleibt freilich folgenlos.

Mein Fazit

Lange hatte ich nicht das Gefühl, daß das Episodenkaleidoskop einen Mehrwert bietet – weder sprachlich noch inhaltlich. So gibt es etwa kein starkes repetitives Moment, das die Episoden verbände, oder eine stärkere Fokussierung der Textteile auf Bessermann, die ein facettenreicheres Bild entstehen ließe. Als der Text gegen Ende Fahrt aufnimmt, vermutete ich, daß der Autor ganz konventionell die losen Enden verknüpfen würde. Doch das ist nicht der Fall, die losen Enden bleiben unverbunden, die Handlung unabgeschlossen, die Figuren verschwinden aus unserem Gesichtskreis.

Der Text idealisiert weder Figuren,  noch Handlungen oder Erlebnisse. Er distanziert sich aber auch nicht, bezieht nicht Stellung. Ob eine zweite Lektüre meinem Eindruck gut täte?

 

 

 

 

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