Über die Meere ins Exil

Exil in Übersee

Kristine von Soden, „Und draußen weht ein fremder Wind…“ | Foto: nw2018

Kristine von Soden, »Und draußen weht ein fremder Wind …«. Über die Meere ins Exil, 2016, 337 Seiten.

Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt sich die Autorin mit dem Schicksal von Frauen, die vor den Nazis aus Deutschland fliehen mußten. Der Fokus dieses Buches liegt auf der Flucht, dem Weg ins Exil – es geht also um Organisation, Unterstützung, Schwierigkeiten und die Reisen selbst, mit dem Schiff nach Palästina, nach Asien, Südamerika oder in die USA.

Entdeckt und gekauft habe ich das Buch, das ich zuvor noch nicht gesehen hatte, bei Schleichers Buchhandlung in Dahlem, die einen Exil-Schwerpunkt im Fenster hatte, als ich eine Bestellung abholte.

Von Soden schreibt flüssig und interessant, auch voller Anteilnahme, und das Buch ist schön aufgemacht. Mein Lesefluß gerät gleichwohl immer wieder ins Stocken. Brutalität, Perfidie, Diskriminierung und Gleichgültigkeit  machen, daß ich Pausen beim Lesen einlege. Aber die Gedanken bleiben am Thema dran: Was wußte die Großelterngeneration, wo schauten sie weg, halfen sie?

Das Buch gibt durch Briefe und Tagebucheinträge einen unverstellten Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt der betroffenen Personen: Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst, Abscheu, Sorge, Hoffnung, Freude, Zweifel – die Palette ist groß. Gelingen Ausreise oder Flucht? Wie wird das Leben sein, im Exil? Ist Palästina wirklich ein Verheißungsort? Wo ist man überhaupt willkommen? Diese und andere Fragen beschäftigen alle Personen, von denen die Autorin handelt. Zeitungsartikel illustrieren die gesellschaftliche Situation der jüdischen Deutschen.

Die Nazis fördern die Auswanderung zunächst, gestalten sie jedoch zunehmend schikanös und schlagen finanziellen Profit daraus – Stichwort Reichsfluchtsteuer. Doch auch sonst ist die Auswanderung keine einfache Angelegenheit:

Wie so oft auch in anderen Ländern, fällt der Vorhang für Einwanderungen in der Südafrikanischen Union als Vorbeugung gegen einen »Massenzustrom«. Zum 1. November 1936 führt die Regierung scharfe Reglementierungen ein. (S. 117)

»Wer die Sprache nicht lernt, verurteilt sich selbst dazu, mit seinen Schicksalsgenossen in einem Ghetto zu leben…« Jedem müsse klar sein, dass kein Land gerufen habe, weshalb sich jede Einmischung in die Gepflogenheiten der überseeischen Gastgeberländer »auf das strengste« verbiete, warnt der Hilfsverein. (S. 122)

»German« ist nicht erwünscht. Schon gar nicht als Ichgefühl, als Identität. Entwurzelt zu sein und dabei den Lebensmut nicht zu verlieren, sondern sich den neuen Verhältnissen anzunähern – damit beschäftigt sich der German Jewish Club, die größte deutsch-jüdische Gesellschaft in den USA. Ohne die Herkunft und kulturelle Prägung der Eingewanderten aus dem Auge zu verlieren, legt der Club einen »starken Akzent« darauf, wie es am 1. Oktober 1938 im Aufbau heißt, dass sich jeder »im Innern seines Amerikanertums klar bewusst wird«. Über Berichten, News und Kolumnen steht darum in vielerlei Variationen der Appell: »America First!« (S. 134)

Ende 1937 haben, so referiert von Soden den Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, etwa ein Drittel der deutschen Juden das Land verlassen. Viele sehen auch im Jahr 1938 noch immer keinen „echten“ Grund, ihre Heimat zu verlassen.

Dann, November 1938, brennen die Synagogen, werden jüdische Geschäfte geplündert; es gibt neue Pässe mit dem berüchtigten „J“. Zehntausende versuchen nun, das Land zu verlassen. Immer höhere Hürden durch die Reichsbehörden, immer weniger aufnahmebereite Orte. Ab 1939 machen Schlepperbanden ein Geschäft und verfrachten die Auswanderungswilligen auf kaum seetüchtige Boote, Menschen können nirgendwo einreisen, auch nicht in Palästina, irren über die Weltmeere oder sitzen an einsamen Orten fest (S. 161f.). Als der Krieg ausbricht, verschärft sich die Lage noch einmal. 1941 dann verbieten die Nazis Juden die Ausreise.

Die Schicksale, die von Soden nachzeichnet, sind trotz der einheitlichen Rahmenbedingungen sehr individuell. Alter und Konstitution, Leidensfähigkeit und Lernbereitschaft, Pech und Glück – all dies wirkt sich auf den Lebensweg während und nach der Flucht aus.

Das Buch ist einfühlsam geschrieben und reich illustriert. Es trägt dazu bei, die Erinnerung zu bewahren. Daß ich diesen Blogeintrag am 10. Mai 2018, fünfundachtzig Jahre nach den Bücherverbrennungen, niederschreibe, war nicht beabsichtigt. Doch ich finde es jetzt sehr passend.

 

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