Ernst Gottwald, Denn sie wissen was sie tun | Foto: nw2018
Ernst Gottwald, Denn sie wissen was sie tun | Foto: nw2018
Ernst Ottwalt, Denn sie wissen, was sie tun. Ein deutscher Justizroman, 1931, Neuausgabe der Büchergilde 2018, 349 Seiten, mit einer zeitgenössischen Kritik von Kurt Tucholsky und einer biographischen Skizze.
Der – innen wie außen – schön gestaltete Band hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Das bischöfliche Lila des Seitenschnitts ist ein ungewöhnlicher Hingucker, Satz, Kapitelüberschriften und Paginierung sind ebenfalls nicht alltäglich.
Ein Buch zur rechten Zeit
Es ist hochgradig verdienstvoll, daß die Büchergilde dieses Buch dem Vergessen entreißt und es in die aktuelle Debatte einspeist. Was ist die Aufgabe der Justiz in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat? Wie halten es die Eliten mit der liberalen Demokratie? Werden Juristen zu kritischen Staatsbürgern ausgebildet?
In der Spätphase der Weimarer Republik erzählt Ottwalt, wie es soweit kommen konnte. 1933 wurden seine Bücher verbrannt. Dabei hatte der Autor (1901-1943), selbst aus einem konservativ-vaterländischen Pfarrhaus stammend, bei den Freikorps mitgemacht und war am Kapp-Putsch beteiligt gewesen. Danach konnte man ihn, ohne Studien- oder Berufsabschluß und feste Anstellung, als verkrachte Existenz bezeichnen. 1931 trat er in die KPD ein. Der Autor von »Ruhe und Ordnung. Roman aus dem Leben der nationalgesinnten Jugend« (1929) und »Deutschland erwache! Geschichte des Nationalsozialismus« (1932) ging nach der Machtergreifung in den Untergrund, floh 1934 aus dem Reich und gelangt über Umwege nach Moskau. Dort wurde er zusammen mit seiner Ehefrau jedoch 1936 verhaftet – wie viele deutsche Emigranten. 1939 wurden beide getrennt zu jeweils fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt; 1940 hörten sie das letzte Mal voneinander. Während er im August 1943 in einem sibirischen Lager starb, konnte seine Frau bereits 1941 im Zusammenhang mit der deutsch-sowjetischen Annäherung dieser Zeit ins Reich zurückkehren. Waltraut Ottwalt-Nicolas starb 1962.
Ein deutscher Student
Hauptfigur des Romans ist Friedrich Wilhelm Dickmann, der Sohn und Enkel von Juristen; er war im Kaiserreich zunächst der Einberufung gefolgt und hatte es bis Kriegsende zum Leutnant gebracht. Vom Frieden überrascht und um eine militärische Karriere betrogen, begann er mit 22 Jahren Jura zu studieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die das Buch treffend schildert, fand er doch noch Gefallen am Stoff und (bereits zuvor) vor allem am studentischen Verbindungsleben.
Als Bürgerssohn sammelte er voreheliche Erfahrungen in den unteren Klassen, das Mädchen starb an den Folgen der unsachgemäß vorgenommenen Abtreibung.
Seit den Tagen von Dietrich Heßling hatte sich kaum etwas geändert, auch wenn der Kaiser mittlerweile im holländischen Exil saß.
Die Eliten, Beamte, Richter, Professoren, sind noch nicht „angekommen in der Republik“, wie Ottwalt anschaulich beschreibt:
Er hört Staatsrecht bei einem berühmten Professor, der manche Kommentare und Monographien geschrieben hat. Ein ehrwürdiger alter Gelehrter. Man kennt seinen Namen, Geheimer Rat, Doktor dreier Fakultäten.
Wie beruhigt Dickmann ist. Er trampelt begeistert Beifall, wie er den Professor über die neue deutsche Reichsverfassung vortragen hört: „Meine Herren, es gibt einen gewissen Hugo Preuß. Der ist hier Professor an der Handelshochschule. Bedenken Sie: an der Handelshochschule! Der hat die Reichsverfassung geschrieben. Die Reichsverfassung ist teilweise ernst, teilweise Bierzeitung. Wenn ich mir eine lustige Stunde verschaffen will, lese ich hie und da in der Verfassung.“
Der Professor wartet, bis der Beifallssturm sich etwas legt. Dann sagt er mit todernstem Gesicht: „Wir kommen jetzt zu der sogenannten Präambel der Verfassung. Passen Sie hübsch auf, meine Herren, damit Sie wissen, wie man’s nicht machen soll.“ Und kreischend, die Hände zu jüdischem Mauscheln gespreizt, deklamiert der Geheimrat ironisch: „Das deitsche Volk, einig in seinen Stämmen …“ (S. 058)
Gerechtigkeit, oder: Recht und Gesetz
Das Buch schildert den Übergang von einer gewissen, unkonturierten Gerechtigkeitsvorstellung des jungen Studenten, die sich beim Repetitor, im Referendariat und dann in der Berufstätigkeit rasch wandelt, begleitet von der mitunter stechenden Erinnerung an die eigenen Verfehlungen und die Schuld, die Dickmann auf sich geladen hat.
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