Goethe am Sonnabend Nr. 17

Die Lustigen von Weimar

Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht’s nach Jena fort:
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!
Samstag ist’s worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;
Zwäzen, Burgau, Schneidemühlen
Sind uns allen wohlbekannt.

Montag reizet uns die Bühne;
Dienstag schleicht dann auch herbei,
Doch er bringt zu stiller Sühne
Ein Rapuschen frank und frei.
Mittwoch fehlt es nicht an Rührung:
Denn es gibt ein gutes Stück;
Donnerstag lenkt die Verführung
Uns nach Belveder zurück.

Und es schlingt ununterbrochen
Immer sich der Freudenkreis
Durch die zwei und fünfzig Wochen,
Wenn man’s recht zu führen weiß.
Spiel und Tanz, Gespräch, Theater,
Sie erfrischen unser Blut;
Laßt den Wienern ihren Prater;
Weimar, Jena, da ist’s gut!

Entstanden am 15. Januar 1813, im Tagebuch als „Lied zur Wochenlust“ bezeichnet.
Erstdruck 1815; Münchner Ausgabe Bd. 9, 1987, S 71.

Goethe am Sonnabend Nr. 16

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Frauen im Ersten Weltkrieg

Antonia Meiners, Die Stunde der Frauen zwischen Monarchie, Weltkrieg und Wahlrecht. 1913-1919. München 2013, 135 Seiten.

Der Elisabeth Sandmann Verlag besteht seit dem Jahr 2004 und hat unter dem Motto „Schöne Bücher für kluge Frauen“ zahlreiche Bücher herausgebracht, die vor allem Biographisches und Zeitgeschichtliches miteinander verbinden.

Antonia Meiners legt mit diesem Band nun ihr viertes Buch im ESV vor, das sich der gesellschaftlichen Bedeutung von Frauen und Mädchen in der deutschen Geschichte annimmt und jeweils ein bestimmtes Problem oder Phänomen aus deren Blickwinkel darstellt. Das großformatige Buch changiert im Erscheinungsbild zwischen Coffee-table-book und selbstgestrickten Fotobuch aus der Drogerie. Auch der unter dem vergilbte Papierseiten simulierenden Schutzumschlag hervorlugende giftgrüne Einband (wohl Signalgrün, RAL 6032) ruft bei mir nicht gerade Begeisterungsstürme hervor.

Aber thematisch fügt sich der Band gut in mein Centennariums-Leseprojekt und auch die staatsrechtlichen Fragen von genereller Parlamentarisierung des Reiches und der Einführung des Frauenwahlrechts stoßen auf mein Interesse. Deshalb habe ich mir das mir angebotene Rezensionsexemplar zuschicken lassen und gelesen; hier meine weiteren Eindrücke:

In einer klaren und zielführenden Einleitung, die Kriegsausbruch und -verlauf ebenso wie die gewandelte Rolle von Frauen während des Krieges und danach skizziert, wirft Meiners die Frage auf, ob Frauen insgesamt gesehen zu den Gewinnerinnen des großen Wandels zählen und mit dem Kriege ein neues Jahrhundert der Frauen anbrach.

Es folgen acht thematische Kapitel unterschiedlicher Länge; in fünf davon finden sich nach einer allgemeinen Einleitung dann Porträts von insgesamt 21 Frauen. Es geht um Reaktionen auf den Kriegsausbruch, das Leben an der Heimatfront in Lazaretten und Fabriken, neue Möglichkeiten, den Verlust von Privilegien und um das Frauenwahlrecht.

Interessante Auszüge aus Feldpostbriefen, zeitgenössische Zitate und eine Vielzahl von Fotos geben dem Band einen dokumentarischen Charakter. Die allgemeinen Texte sind informativ und in sachlichem Stil verfaßt, in die Biographien schleicht sich gelegentlich ein gewisser „BUNTE-Ton“. Das ist jetzt nicht weiter schlimm, finde ich, da die dargestellten Frauen ja gleichsam als Heldinnen und Vorkämpferinnen verstanden werden. Gefallen hat mir, daß Meiners auch noch einen Blick auf Leben und Wirken der porträtierten Frauen nach dem Ende des Krieges wirft.

„Zählen also die Frauen Deutschlands und Österreichs gewissermaßen doch zu den ‚Gewinnerinnen‘ des Ersten Weltkriegs? Diese Frage ist nicht klar zu bejahen angesichts der in der Weimarer Republik noch immer vorherrschenden traditionellen Geschlechterordnung. Aber dennoch: Durch die im Krieg gestiegene ökonomische Bedeutung der Frauenarbeit wird − wenn auch langsam − ein Wandel der gesellschaftlichen Stellung der Frau in Gang gesetzt, von dem man heute, nach so langer Zeit sagen kann, dass er am Anfang des ‚Jahrhunderts der Frauen‘ stand.“ (S. 13)

Meiners löst sich damit − wie von Herfried Münkler, Der Große Krieg, Die Welt 1914-1918, 2013, S. 577, gefordert − tendenziell von den Erkenntnissen der älteren Sozialgeschichtsforschung, die den Beginn der Frauenemanzipation in der Kriegszeit entdeckt zu haben glaubte. Sie kann dies aber nur andeuten, ohne das Narrativ ihres Buches zu gefährden.

Insgesamt ein Buch, das ein komplexes Thema anschaulich aufbereitet und als interessanter Einstieg dienen kann.

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Klassiker: Der verrückt gewordene Grenzstein

Der Eigentümer eines Grundstücks kann von dem Eigentümer eines Nachbargrundstücks verlangen, dass dieser zur Errichtung fester Grenzzeichen und, wenn ein Grenzzeichen verrückt oder unkenntlich geworden ist, zur Wiederherstellung mitwirkt. (§ 919 Abs. 1 BGB)

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Der Große Krieg in dicken Bänden

Das Lektüreprojekt zum Ersten Weltkrieg hat es ja durchaus in sich. Heute möchte ich zwei von drei Werken vorstellen, die sich dem Gegenstand aus unterschiedlicher Perspektive nähern.

Drei Wälzer zum Ersten Weltkrieg Foto: nw 2014

Drei Wälzer zum Ersten Weltkrieg
Foto: nw 2014

Herfried Münkler, Der Große Krieg, Die Welt 1914-1918, Berlin: Rowohlt Berlin, 2013, 797 S. plus 127 S. Apparat.
Ernst Piper, Nacht über Europa, Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Berlin: Propyläen, 2013, 483 S. plus 101 S. Apparat.

Demnächst folgt dann eine Rezension von:
Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora, Geschichte des Ersten Weltkriegs, München: C.H. Beck, 2014, 1014 S. plus 143 S. Apparat.

Bei Piper bildet der Krieg gewissermaßen das Grundrauschen der Darstellung, er wird von den in den Blick genommenen Personen und Institutionen gedacht, gewünscht, gefeiert, begleitet, reflektiert, verwünscht, verarbeitet und bleibt von ihnen unbewältigt. Von den drei dicken Büchern ist der Band Pipers netto gerechnet der schlankste. Seine kulturhistorische Perspektive erlaubt ihm den weitgehenden Verzicht auf eine Beschreibung des Krieges an sich – im Zentrum seiner Darstellung steht die Auseinandersetzung der Zeitgenossen mit dem Krieg. Wie wird er abstrakt vorbereitet, in welchen Formen konkret bejubelt und legitimiert? Welche Parallelen gibt es in den beteiligten Staaten und Gesellschaften, welche Unterschiede? Wie wird mit den Ergebnissen des Krieges nach 1918 umgegangen, welche Folgerungen gezogen, was ändert sich?

Piper wendet sich Künstlern und Intellektuellen zu – Maler, Schriftsteller, Professoren, Journalisten. Er stellt viel Material zusammen, aber keine einprägsame These auf. Die Gesamtschau wirkt gleichwohl: Modernität und Totalität des Kriegsgeschehens werden spürbar. Die Verwüstungen, die deutsche Truppen in Belgien anrichten, insbesondere die Zerstörung Löwens und seiner bedeutenden Bibliothek, werden eindringlich geschildert und machen betroffen. Die Herrschaftsmaßnahmen in den besetzten Weiten des Ostens nehmen in erschreckender Weise Dinge vorweg, die nach 1939 viel intensiver und systematischer betrieben werden. Nachdem der Krieg zu Ende ist, bleiben die äußeren und inneren Folgen lange präsent; der Kontinent kommt schwer zur Ruhe. Insbesondere Deutschland ist und bleibt ein Krisenherd, in dem auch der Umgang mit dem Weltkrieg mißlingt.

Pipers Buch schließt nach Ausführungen über die Grabmale für den unbekannten Soldaten in den Siegerstaaten – entsprechendes gab es im Reich nicht – mit dem Satz:

„Der unbekannte Soldat der Deutschen war Adolf Hitler, der Mann, der aus Deutschland eine Weltmacht machen wollte und das Land in die größte Katastrophe seiner Geschichte führte, die beinahe ganz Europa in den Untergang gerissen hätte.“

Herfried Münkler ist, das sei neidlos anerkannt, ein wahrlich produktiver Autor, der in den letzten Jahren viele wichtige, auch breitenwirksame Bücher vorgelegt hat. Ich gestehe, daß ich von ihm nicht zwingend ein Buch zum Ersten Weltkrieg erwartet hatte, obwohl der Krieg an sich von ihm ja schon unter vielen Gesichtspunkten behandelt worden ist. Das Buch ist Ergebnis des Opus-magnum-Programms der Volkswagen-Stiftung und ein eindrucksvoller Beleg für die Notwendigkeit dieses Programms angesichts der Zwänge des Universitätsbetriebs.

Münkler will den Großen Krieg als Gegenstand aus eigenem Recht untersuchen und nicht nur als Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg begreifen; zu diesem Zweck weist er auf die Modernität und bis heute anhaltenden Nachwirkungen hin. Münkler plädiert schon in der Einleitung dafür, die Engführung mit dem Zweiten Weltkrieg aufzugeben und die auf das Deutsche Reich zentrierte Perspektive zu weiten: Balkan, Naher Osten und Kaukasus sind schließlich bis heute Krisenherde ersten Ranges.

Münklers These ist, daß der Krieg „bei mehr politischer Weitsicht und Urteilskraft [hätte] vermieden werden können“ (S. 14). Dazu unternimmt er eine breit gefächerte Analyse des militärischen Vorgehens, der politischen Entscheidungen und der Ausdeutung und Beeinflussung beider durch Intellektuelle und öffentliche Meinung. Als Wissenschaftler finde ich es gut und sehr informativ, daß und wie sich Münkler – v.a. in den Anmerkungen – mit den Ansichten anderer Autoren auseinandersetzt. Prominent wird dabei auch auf Clarks Schlafwandler eingegangen. Selbstverständlich ist aber auch der umfassende Rückgriff auf zeitgenössische Stimmen und Quellen.

Interessante Zitate mit beinahe prophetischer Kraft lassen aufhorchen: „Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden, – und wehe dem, der Europa in Brand steckt, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert.“ Dies sagte Helmut von Moltke d.Ä. 1890 vor dem Reichstag. An gleicher Stelle rief August Bebel 1893 den staatstragenden Parteien zu, wenn der Krieg erst einmal in all seiner Schrecklichkeit da sei, „dann, meine Herren, haben Sie etwas geschaffen, an dem möglicherweise Ihre ganze Gesellschaft mit einem Mal zu Grunde geht“.  Und der warnenden Stimmen sind mehr: Ob Friedrich Engels, Ralph Norman Angell oder Johann von Bloch – sie und viele andere machen sich Gedanken über die negativen Auswirkungen eines Krieges zwischen den europäischen Mächten.

Münkler betreibt keine Kriegsschuldfahndung, sondern untersucht, wie Spielräume genutzt oder vertan werden, wie sich im Falle der Reichsleitung Deutungsmuster in Handlungsmodelle verwandeln und Optionen sich verflüchtigen. Es gibt kluge Überlegungen zum Militarismus, zum schwindenden Primat der Politik, zur fatalen Wirkung des Schlieffenplans und später der Flottenrüstung sowie zur Rolle des Kaisers. Daß dieser eher ein Getriebener war als ein Treibender, bezeichnet für Münkler

„freilich das Problem: Von der politischen Ordnung des Reichs her und mit Blick auf das Gewicht Deutschlands in Europa hätte Wilhelm kein Getriebener sein dürfen, sondern die Dinge in klarer Beurteilung der Lage im Griff haben müssen. Davon konnte jedoch keine Rede sein.“ (S. 805, Anm. 124)

Julikrise 1914 und Kriegszieldebatte(n) – hier gibt es wichtige Verschiebungen im Verlauf des Krieges – werden souverän dargestellt.

„Am 1. August feierte die heroische Gesellschaft sich selbst.“ (S. 225)

Die innenpolitische Wirkung von Burgfrieden und Augusterlebnis wird sehr feinfühlig erspürt, jenes Gemisch aus „drittem Reichseinigungskrieg“, Männlichkeitsfeier und Läuterungsfanal, das dazu dient, die Schlacken des Materialismus abzustreifen.

„Grässliche Welt, die nun nicht mehr ist – oder doch nicht mehr sein wird, wenn das große Wetter vorüberzog. Wimmelte sie nicht vom Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation?“ (S. 237)

Diese prägnanten Sätze formulierte Thomas Mann als „Gedanken im Kriege“ im September 1914 – wie bei Piper wird auch bei Münkler die Kriegsbegeisterung der Intellektuellen immer mit einem gewissen Erstaunen registriert und erörtert. Interessant ist auch, daß sich die Intellektuellen im Verlauf des Krieges noch einmal auf breiter Front zu Wort meldeten, um für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu werben (S. 511ff.). Bedächtige Stimmen wie die Max Webers sollten auch hier die Ausnahme bleiben.

Insgesamt war die maritime Seite des Krieges insofern für die Zeitgenossen eine Überraschung, als eine Entscheidungsschlacht nicht geführt wurde und das politische Kalkül der Flottenrüstung keine Rolle spielte. Münkler erläutert, daß die deutsche Seite, anders als die Briten, keine zureichenden geopolitischen Erwägungen anstellten bzw. deren Überlegungen nicht nachvollziehen konnten. Langfristig ist freilich Tirpitz‘ Prognose eingetreten: Die Briten mußten den Weltmachtanspruch teilen und dann abgeben, allerdings an die USA und nicht an das Deutsche Reich. Zum wiederholten Male sind die weiterführenden Literaturhinweise extrem verführerisch!

Sich wandelnde Heldenbilder, das Verhältnis zu Österreich-Ungarn, der Aufstieg Hindenburgs und vor allem Ludendorffs, Revolution und Kriegsende – das Buch bietet so viele gute Passagen,  behandelt wichtige Themen und liest sich wirklich eingängig.

Besonders zu empfehlen ist dann auch das Abschlußkapitel zu den Nachwehen und -wirkungen des Krieges, mit denen Münkler uns in das anschließende „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) entläßt.

Und das sagt der Kaffeehaussitzer.

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