Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models

Zwecks Abhaltung eines Ganztagesseminars war ich nach Hamburg gefahren, hatte die kleine Reise aber mit etwas Freizeit vor Ort verbunden. Diese nutzte ich für das Wiedertreffen mit zwei Freunden, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte, und für die Überführung einer weiteren Twitterbekanntschaft in das sogenannte „Real life“. Außerdem genoß ich das Flair Hamburgs (#welovehh) und besuchte die Hamburger Kunsthalle, die mit interessanten Sonderausstellungen lockte.

Foto: nw2014

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Titelbild der Ausstellung Foto: nw2014

Titelbild der Ausstellung
Foto: nw2014

Prominent plakatiert war „Feuerbachs Musen – Lagerfelds Models“, eine Schau, die den Schönheitskult zum Gegenstand hat. Der von 1829 bis 1880 lebende Anselm Feuerbach schuf zwischen 1860 und 1865 eine Reihe von Porträts von Anna Risi, genannt Nanna. Man sieht eine Frau mit griechischem Profil und schwerem, dunklem Haar, die freilich immer überlebensgroß, auch in üppig erblühter Weiblichkeit präsentiert wird. Nachdem Nanna Feuerbach verlassen hatte, suchte und fand er in Lucia Brunacci eine Nachfolgerin als Muse und Modell. Sie bereicherte sein Œuvre, indem sie ihn zur Darstellung mythologischer Themen inspirierte.

Ein solches mythologisches Thema bearbeitet auch Karl Lagerfeld, der aus Hamburg stammende Tausendsassa der internationalen Modewelt. Lagerfeld, der Bücher liebt und sammelt, ist seit vielen Jahren auch als Fotograf erfolgreich. Die Kataloge des Hauses Chanel sind – unabhängig davon, ob einem die Kleider und/oder Models gefallen – immer einen zweiten Blick wert und von hohem ästhetischen Reiz.

Daphnis und Chloe, Foto von Karl Lagerfeld aus dem Flyer zur Ausstellung Foto: nw2014

Daphnis und Chloe, Foto von Karl Lagerfeld aus dem Flyer zur Ausstellung
Foto: nw2014

Foto: nw2014

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Lagerfeld steuert den Bilderzyklus „Moderne Mythologie“ bei, der im Jahre 2013 für die Ausstellung entstand. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen Daphnis und Chloe, zwei Findelkindern, die von unterschiedlichen Hirtenfamilien aufgezogen werden und sich dann in der Adoleszenz – er ziegen-, sie schafehütend – begegnen und ineinander verlieben. Nach allerlei Fährnissen werden sie dann glücklich vereint und leben glücklich bis an ihr Ende. Sonne, südliche Natur und Körperlichkeit werden von Lagerfeld eindringlich und dezent gleichermaßen präsentiert.

Beide Teile der Ausstellung sind durchaus sehenswert, das Zusammenbinden hat mich nicht überzeugt – es schadet nicht, ist aber auch nicht wirklich zwingend.

Flyer der Ausstellung Foto: nw2014

Flyer der Ausstellung
Foto: nw2014

Zu sehen ist auch die Ausstellung „Lichtwark Revisited – Künstler sehen Hamburg“. Man erinnert an das Bemühen des ersten Direktors der Kunsthalle, einheimische Künstler zu fördern und eine spezifisch hamburgische Kultur sichtbar zu machen. Eindrucksvolle Porträts wichtiger Persönlichkeiten der Hansestadt entstehen auf diese Weise ebenso wie eine hamburgische Spielart des Impressionismus, die eine spezifische Farbigkeit auszeichnet. Das alles ist interessant und zum Teil wirklich ansehnlich, aber nun auch nichts, was mich in Begeisterungsstürme ausbrechen ließ. Hierzu tragen auch die modernen Ergänzungen kaum bei, die nun nicht von Lichtwark in Auftrag gegeben wurden, sondern Hamburg auf die eine oder andere Weise mehr oder weniger in den Blick nehmen. Ein altes Boot, das sich ächzend kaum wahrnehmbar in einer schaukelähnlichen Konstruktion bewegt, Dias, die zu Geklimper rotierend auf einen runden Vorhang projiziert werden, eine Darstellung des Tidenhubs in konzentrischen Kreisen.

Flyer der Ausstellung Foto: nw2014

Flyer der Ausstellung
Foto: nw2014

Also rasch weiter zu „Ç’est la vie“, einer Ausstellung, die Paris aus den Augen von Honoré Daumier und Henri de Toulouse-Lautrec präsentiert. Daumier (1808-1879) ist bekannt als der genialische Karikaturist des Bourgeois, Toulouse-Lautrec (1864-1901) wird gesehen als der Illustrator des Fin de Siècle, einer Welt von Theaterbühnen, Bordellen und Nachtlokalen. Die Zusammenführung erlaubt es, überraschende Ähnlichkeiten bei Sujets und Sichtweisen zu entdecken, zeigt aber auch den häufig anderen Zugriff und den zeitlichen Abstand beider Künstler. Unverkennbar pariserisch und französisch sind nicht nur die ikonographisch gewordenen Plakate, alle gezeigten Werke haben dieses „Je ne sais quoi“.

Toulouse-Lautrec: Detail aus "Die Loge mit der Goldmaske" Foto: nw2014

Toulouse-Lautrec: Detail aus „Die Loge mit der Goldmaske“
Foto: nw2014

In der Summe ein lohnender Besuch, bei dem ich viel neues und mir unbekanntes sehen konnte, es aber auch möglich war, Bekanntes wiederzusehen und in neue Zusammenhängen einzuordnen.

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Inge Jens, Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt

Im Dezember 2013 erschien bei Rowohlt dieses handliche, in hellgraues Leinen gebundene Buch mit einem dunkelgrauen Lesebändchen. Inge Jens, die die Tagebücher des Autors herausgegeben und – zusammen mit ihrem Ehemann Walter Jens – mehrere Bücher über Mitglieder der Familie Mann verfaßt hat, beschäftigt sich darin mit den verschiedenen Schreibtischen Thomas Manns.

Darunter sind episodische und provisorische Schreibgelegenheiten, in den jeweiligen Ferien, vor allem aber in der Anfangsphase des Exils, und die eine Konstante, jener Münchener Schreibtisch, den TM seit Anfang der 1930er Jahre in München benutzte und der ihn in die Schweiz, nach Amerika und wieder zurück begleiten sollte.

Nach Manfred Görtemaker, Thomas Mann und die Politik, 2005, und Hans Rudolf Vaget, Thomas Mann, der Amerikaner, 2011 – beide bei S. Fischer erschienen, beide auf Inhalte fokussiert, bei Vaget kommt die gesellschaftlich-politische Akklimatisierung in den USA hinzu – nun die charmant-essayistische Erzählung von Inge Jens. Biographisches und Werkentstehungsbedingungen kreuzen sich in der Gestaltung von Heim und Arbeitsplatz. Routine und Rituale schaffen die gerade in der Zeit des Exils dringend benötigte Geborgenheit. Das Werk ringt sich TM in unerschütterlicher Selbstdisziplin und Leistungsethik ab; die Tagebücher dokumentieren das immer wiederkehrende Ringen. Inge Jens kann hier reiche Detailkenntnisse einstreuen, und sie tut dies mit angenehm leichter Hand.

Wer, wie ich, das Werk von TM schätzt, seine Rundfunkansprachen an die deutschen Hörer für wichtige Dokumente deutscher Zivilisation (!) hält und allgemein die wechselvolle Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessant findet, wird das Buch mit Gewinn lesen, Querverbindungen ziehen und zudem noch eine angenehme Lesezeit haben.

TM an seinem neuen Münchener Schreibtisch Foto: nw2014

TM an seinem neuen Münchener Schreibtisch
Foto: nw2014

TM in Pacific Palisades Foto: nw2014

TM in Pacific Palisades
Foto: nw2014

Die hier gezeigten Fotos entstammen dem wunderbaren, großformatigen Band: Thomas Mann. Ein Leben in Bildern, hrsg. von Hans Wysling und Yvonne Schmidlin, erschienen 1994 bei Artemis und Winkler. Sie zeigen TM an seinem älteren Münchener Schreibtisch, um 1903 (S. 96), dann nach 1930 bereits an dem bei Bernheimer gekauften Möbel (S. 270) und schließlich in Pacific Palisades, 1951 (S. 445).

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Hans Mayer starb am 19. Mai 2001

Wer die Raddatz-Tagebücher gelesen hat, kennt seinen Namen und FJRs dezidierte Meinung über seinen Habilitationsvater.

Der 1930 bei Hans Kelsen promovierte Jurist (geboren 1907) ging 1933 als Jude, Homosexueller und Sozialist ins Exil und wurde während des Krieges zu einem Literaturwissenschaftler. Mit den Alliierten kehrte er später nach Deutschland zurück und wurde schließlich Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig. 1963 besuchte er einen Verlag in der Bundesrepublik und kehrte nicht mehr in die DDR zurück. Von 1965 bis 1973 war er Professor an der Technischen Hochschule Hannover, danach Honorarprofessor in Tübingen, wo er am 19. Mai 2001 starb.

Zwischen 1948 und 2001 erschienen zahlreiche Bücher zur deutschen und europäischen Literatur; 1991 „Der Turm von Babel“ über die untergegangene DDR und 2001 die „Erinnerungen an Willy Brandt“.

 

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Erinnerung an einen beeindruckenden Schauspieler: zum Tode von Rolf Boysen

Eine unverwechselbare Stimme, ein prägnantes Gesicht. Der längst arrivierte Theaterschauspieler war bundesweit durch die im November 1978 ausgestrahlte, vierteilige Verfilmung von Wallenstein nach der Biographie von Golo Mann (1971) einem breiten Publikum bekannt geworden.Zu diesem Publikum zählte auch ich und an Weihnachten fand sich dann das Buch Golo Manns unterm Christbaum.

2003 las er im Bayerischen Staatsschauspiel München Homers Ilias in der Übertragung von Wolfgang Schadewald. Eins von vielen Hörbüchern, aber was für eines! Man erlebt die Dichtung tatsächlich als „Gesang“, dargeboten vor einem ergriffen lauschenden Publikum. Eine meiner Lieblings-CDs!

Live erlebt habe ich ihn nur einmal, auf der Bühne des Hessischen Staatstheaters  Wiesbaden, bei einem Gastspiel der Münchner Kammerspiele während der Internationalen Maifestspiele 1987 als Dorfrichter Adam. Als ich die Nachricht von Boysens Tod im Radio hörte, holte ich das Programmheft aus dem Regal und machte später einige Fotos.

Programmheft der Münchner Kammerspiele Foto: nw2014

Programmheft der Münchner Kammerspiele
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Eingeladen zu den Maifestspielen 1987, Regie: Dieter Dorn Foto: nw2014

Eingeladen zu den Maifestspielen 1987, Regie: Dieter Dorn
Foto: nw2014

Szenenfoto aus der verblichenen Gastspielkritik Foto: nw2014

Szenenfoto aus der verblichenen Gastspielkritik
Foto: nw2014

Besetzungsliste Foto: nw2014

Besetzungsliste
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