Neuerwerbung: Ein Monumentalwerk über ein Monstrum

Foto: wbg.de

Foto: wbg.de

Joachim Whaley, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und seine Territorien, 2 Bde., zus. 1682 Seiten, 2014.

Der Autor lehrt deutsche Geschichte und Kultur nach 1500 an der Universität Cambridge am Gonville and Caius College. Das Buch erschien 2012 bei OUP und liegt jetzt in der Übertragung von Michael Haupt und Michael Sailer bei Philipp von Zabern für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft vor.

Der erste Band umfaßt den Zeitraum von 1493 bis 1648. Reform, Reformation, Revolution, Konsolidierung, Konfessionalisierung und Dreißgjähriger Krieg, so lauten die Stichworte für diese bewegten 150 Jahre, an deren Ende mit dem Westfälischen Frieden der Aufbruch in eine neue Phase der Reichsentwicklung steht. Der zweite Band erstreckt sich auf die Zeit zwischen 1649 und 1806. Der Spanische Erbfolgekrieg, der Aufstieg Preußens und die Französische Revolution stechen hier unter den Eckdaten und Geschehnissen hervor.

Whaley thematisiert am Ende des ersten Bandes den Zusammenhang des dreißigjährigen Krieges mit einer neuen Friedensordnung für Europa und mahnt zur Gelassenheit. Die Regelung betreffe in erster Linie Deutschland und nur indirekt die anderen europäischen Staaten, sei also nicht als Grundlage einer neuen europäischen Ordnung gewesen. Zutreffend ist, daß in erster Linie eine Verfassungsordnung für das Reich gefunden worden war, die insbesondere den Religionsfrieden schuf und institutionelle sowie strukturelle Konsequenzen hatte. „Staatsrecht“ wird ein Begriff und eine Disziplin. Whaley schließt sich der Sichtweise von Georg Schmidt an, das Reich sei der frühneuzeitliche Nationalstaat der Deutschen gewesen.

Am Ende des zweiten Bandes stehen der Friede von Lunéville und der Reichsdeputationshauptschluß. Ersterer blieb Episode, letzterer wirkte lange nach und tut dies letztendlich bis heute. Mit dem Ende des Reiches wird langfristig der Weg zum modernen Nationalstaat auch für Deutschland frei, gerahmt durch die Friedensordnung des Wiener Kongresses.

Das Buch ist, so mein erster Eindruck, präzise und unprätentiös geschrieben. Es wird mich eine Zeitlang intensiv begleiten und als Nachschlagebuch einen festen Platz in meinem Regal haben.

Veröffentlicht unter Bücher, Geschichte, Neuerwerbungen, Rechtswissenschaft | Verschlagwortet mit , | 4 Kommentare

Platon in Bagdad

Bereits im Jahr 2009 veröffentlichte John Freely dieses Buch unter dem Titel „Aladdin’s Lamp“, seit 2012 ist es auf Deutsch bei Klett-Cotta in der Übersetzung von Ina Pfitzner erhältlich. Der Untertitel „Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam“ erläutert den Inhalt dieser Darstellung.

Freely, der in der Türkei Physik und Wissenschaftsgeschichte unterrichtete, erzählt, welches Wissen in der Antike entdeckt und erworben wurde, und schildert den ersten Weg dieses Wissens nach Westen, nach Rom. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches zog es sich wieder nach Osten zurück, nach Konstantinopel und an den östlichen Rand des Mittelmeers.

Im christlichen Abendland muß vieles wieder mühsam neu erworben werden – dies schildert Freely in seinem Buch „Aristoteles in Oxford“, und auch hier gibt es Kapitel zu diesem Thema. Wie kommt man aber in Westeuropa wieder an das Wissen, das bei den Arabern bewahrt wurde? Über das maurische Spanien, aus den Trümmern von Byzanz und durch Schriften arabischer Gelehrter, die an den westeuropäischen Universitäten begierig gelesen wurden.

Ich verstehe manche der naturwissenschaftlichen Fragen, um die es geht, nur im Ansatz, aber aus kulturwissenschaftlicher und wissenschaftsgeschichtlicher Sicht ist das Buch hochinteressant. Es ist flüssig geschrieben und zeigt den Wert, den wissenschaftlicher Austausch, die Kenntnis fremder Sprachen und ein offenes Erkenntnisinteresse für den Fortschritt der Wissenschaft haben.

Veröffentlicht unter Bücher, Geschichte, Orte | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 1 Kommentar

1. November

Sonntag, 1. November 2015, Allerheiligen, ein goldener Herbsttag. Mittags Laufen im Tiergarten und durch die Stadt, danach Tee und Butterkuchen.

Man merkt auf den ersten Blick gar nicht, daß sich das Land gerade mitten in einer Krise befindet und vor einem gigantischen Wandel steht. Seit Wochen tobt der Kampf um die Deutungshoheit, reden ein großer Teil der Bevölkerung, Verwaltungsstellen vor Ort und die Staatsspitze aneinander vorbei. Dabei ist Angela Merkel keine zweite Claudia Roth, ihr Satz „Wir schaffen das!“ weder fröhliches Wegschauen noch kaum verhüllte Selbstaufgabe, wie ihr jetzt zunehmend unterstellt wird.

Was fehlt, sind wahrhaft konstruktive und zukunftsfähige Vorschläge. Natürlich kann man diese weder von Pegida noch der AfD erwarten. Doch Teile unserer Eliten – gleich welcher politischen Couleur – stehlen sich mit einfach-einfallslosen Vorschlägen aus der Verantwortung und überdecken das mit teils eloquenter, teils ideologisch-versatzstückhafter Kritik.

Persönlich halte ich europäische und internationale Rahmenbedingungen für wichtig, in denen einerseits weniger Menschen sich auf den Weg machen müssen und andererseits Ankömmlinge in der EU verteilt werden können. Vor Faßbomben und IS-Terror ist man auch in Portugal, Polen oder Estland sicher.

Wie Deutschland sich in zehn, zwanzig, dreißig Jahren verändert haben wird – wer kann das schon wissen. Was hätte man 1985 prognostiziert und wieviel davon müßten wir revidieren?


Am Sonnabend, den 1. November 2014 war ich in Berlin, habe mit einer beginnenden Erkältung zu tun gehabt und angefangen, diesen Beitrag zu schreiben. Er ist Teil einer Reihe, die ich „Monatserster“ betitelt habe.

Der Oktober war geprägt von Reisen nach Düsseldorf und Hamburg mit Museums- und Opernhausbesuchen sowie dem Semesteranfang. Der November wird mir viele Korrekturen und Prüfungen bescheren.

Das Literarische Geburtstagsbuch aus dem Radius-Verlag erinnert unter dem 1. November an die Geburtstage von:

  • Pietro da Cortona (1596)
  • Hermann Broch (1886)
  • Ilse Aichinger (1921)
  • Günter de Bruyn (1926)

An einem 1. November sind gestorben:

  • Alfred Jarry (1907)
  • Ezra Pound (1972)
  • Pier Paolo Pasolini (1975)

Von Jarry, dem Autor des „König Ubu“, wird das Gedicht „Das Bad des Königs“ zitiert:

Als Wasserdrache kriecht im Feld mit grünem Klee
die Weichsel silbrig hell und blasig bis zum Rand.
Der Polenkönig und von Aragonien eh
eilt nackend in sein Bad, ein grober Elefant.

Das runde Dutzend Pairs: er hat das Renommee.
Beim Schreiten bebt sein Speck, beim Atmen bebt das Land,
bei jedem Schritte gräbt sein patagonischer Zeh
ihm einen nagelneuen Pantoffel aus dem Sand.

Behängt mit seinem Bauch wie mit dem Schilde bloß
geht er. Und seines Arsch erlauchte Redundanz
bestätigt lückenhaft die große Unterhos,

darauf in Gold gestickt, genau nach der Natur,
ein Indianer ist im Kriegsmummenschanz
zu Pferd im Hintergund, und vorn der Eiffelturm.

Die Halbwertszeit von Bürgerschreckqualitäten ist kurz geworden.

Hierzulande bestimmt gerade eine Interviewäußerung des Bundespräsidenten, der sich kritisch zu einem von der Partei „Die Linke“ gestellten Ministerpräsidenten geäußert hat, die Diskussion. Außerdem steht der Fußballverein Borussia Dortmund auf Platz siebzehn der Bundesligatabelle. Das Wochenendwetter war noch gar nicht novemberlich.

Veröffentlicht unter Ereignisse, Gesellschaft, Personen | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Die Geschichte der Lucy Gault

Der 1928 geborene William Trevor veröffentlichte seit 1958 mittlerweile 28 Romane und 11 Bände mit Erzählungen, „Die Geschichte der Lucy Gault“ erschien 2002 und wurde 2003 ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman war 2002 für den Booker-Preis und für den Whitbread-Preis nominiert, erhielt dann 2003 den Kerry Group Irish Fiction Award.

H.G. Pflaum schrieb am 14. April 2004 in der SZ von einem dunklen, zutiefst unmodischen Roman, dessen Autor Dinge nur leicht andeute, um sie dann später nicht erzählen zu müssen, weil die Andeutung ungeheuer wuchtig wirke. Angela Schader fand am 6. Januar 2004 in der NZZ die dominierende Beherrschtheit befremdlich, ließ aber offen, ob heutigere Bewältigungsmechanismen wirksamer seien. Gustav Mechlenburg äußerte in der taz vom 29. November 2003 ebenfalls, daß der Roman altmodisch sei und bescheinigte ihm fehlenden Tiefgang (alles über Perlentaucher).

Foto des Buches: nw2014

Foto des Buches: nw2014

Ich entdeckte den Roman neulich eher durch Zufall, als ich in der Buchhandlung Felix Jud stöberte, und kaufte ihn zusammen mit dem Bändchen „Glück“.

Knapp 300 Seiten hat die Taschenbuchausgabe bei dtv, aber Trevor bringt viel Stoff und viele Jahre unter. Er erzählt sparsam, aber ich hatte nicht das Gefühl, das etwas fehlt. Die Worte schaffen eine Stimmung, die alles trägt und meine Vorstellungskraft ausreichend befeuerte.

„Dies alles – das Haus mit dem übrig gebliebenen Weideland, der Strand unterhalb der hellen Lehmklippen, der Weg dort entlang zum Fischerdorf Kilauran, die Allee, über der sich die Zweige der Kastanien mittlerweile berührten – gehörte ebenso zu Everard Gault wie sein glattes dunkles Haar und die Gesichtszüge, die jenen auf dem Porträt im Salon glichen.“ (S. 12)

Der Ire Gault ist mit einer Engländerin verheiratet, ihr Haus soll im Zuge der Unruhen Ziel eines Anschlags werden. Gault kann dies verhindern, indem er auf einen der Täter schießt und ihn an der Schulter verletzt. Die Familie beschließt, das Land zu verlassen, doch die neunjährige Tochter läuft davon. Nachdem man am Strand Kleidungsstücke des Mädchens gefunden hatte, die Suche nach Lucy aber erfolgos blieb, fahren die Eltern zunächst nach England, dann weiter nach Frankreich und nach Italien. Ein Ehepaar, das ihnen in Haus und Hof geholfen hat, bleibt im Pförtnerhaus zurück und kümmert sich um das Anwesen. Nach einiger Zeit taucht Lucy auf, die sich versteckt hatte, aber wegen einer Knöchelverletzung nicht gehen konnte. Hinkend wächst das Kind heran; Versuche des Anwalts, die Eltern ausfindig zu machen, bleiben erfolglos, da diese ohne Angabe einer Adresse aus England fortgezogen sind.

„Sie überließen sich dem fremden Ort, an dem sie als Invaliden des Schicksals angekommen waren […]“ S. 80

Zweimal, auf Seite 80 („bis der Moment kam, um die erste Flasche Amarone zu öffnen“) und auf Seite 94 („wollen wir den Wein heute Abend ein bisschen früher öffnen“) wird der Wein als Seelentröster angesprochen und so ganz dezent das neue Alkoholproblem der Mutter, die ihre Tochter nicht vergessen kann, angedeutet und gleichzeitig in aller Schärfe beleuchtet. Die Zeit vergeht bei den Eltern anders als bei der Tochter, so scheint es.

Die Tochter wächst zu einer jungen Frau heran, bleibt eine Außenseiterin, als Protestantin und als vom Schicksal Geschlagene. Eine zarte Liebesgeschichte bekommt keine Chance; es ändert auch nichts, als schließlich der verwitwete Vater heimkehrt. Vieles bleibt zwischen den beiden ungesagt. Er stirbt unspektakulär, Henry und Bridget werden älter und schwächer und sterben ebenfalls. Lucy bleibt als alte und, ja: zufriedene Frau zurück.

Es passiert ungeheuer viel für ein Leben, doch Trevor erzählt alles sehr sparsam, in feinen Andeutungen, ja skizzenhaft und doch ungeheuer ausdrucksvoll. Bei aller Traurigkeit leuchtet die Geschichte von innen heraus. Lucys Leben, ihre Erinnerungen, ihre Geschichte, sie ragen aus der Vergangenheit in eine sich stets verändernde Gegenwart. Das Buch regt die Phantasie an, es behandelt alle Figuren mit großem Respekt, sein Erzähltempo paßt wunderbar zum Sujet. Ich bin rundweg zufrieden und froh, das Buch entdeckt zu haben.

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Neuerwerbungen | Verschlagwortet mit , , , , , , | 7 Kommentare