Die Geschichte der Lucy Gault

Der 1928 geborene William Trevor veröffentlichte seit 1958 mittlerweile 28 Romane und 11 Bände mit Erzählungen, „Die Geschichte der Lucy Gault“ erschien 2002 und wurde 2003 ins Deutsche übersetzt. Dieser Roman war 2002 für den Booker-Preis und für den Whitbread-Preis nominiert, erhielt dann 2003 den Kerry Group Irish Fiction Award.

H.G. Pflaum schrieb am 14. April 2004 in der SZ von einem dunklen, zutiefst unmodischen Roman, dessen Autor Dinge nur leicht andeute, um sie dann später nicht erzählen zu müssen, weil die Andeutung ungeheuer wuchtig wirke. Angela Schader fand am 6. Januar 2004 in der NZZ die dominierende Beherrschtheit befremdlich, ließ aber offen, ob heutigere Bewältigungsmechanismen wirksamer seien. Gustav Mechlenburg äußerte in der taz vom 29. November 2003 ebenfalls, daß der Roman altmodisch sei und bescheinigte ihm fehlenden Tiefgang (alles über Perlentaucher).

Foto des Buches: nw2014

Foto des Buches: nw2014

Ich entdeckte den Roman neulich eher durch Zufall, als ich in der Buchhandlung Felix Jud stöberte, und kaufte ihn zusammen mit dem Bändchen „Glück“.

Knapp 300 Seiten hat die Taschenbuchausgabe bei dtv, aber Trevor bringt viel Stoff und viele Jahre unter. Er erzählt sparsam, aber ich hatte nicht das Gefühl, das etwas fehlt. Die Worte schaffen eine Stimmung, die alles trägt und meine Vorstellungskraft ausreichend befeuerte.

„Dies alles – das Haus mit dem übrig gebliebenen Weideland, der Strand unterhalb der hellen Lehmklippen, der Weg dort entlang zum Fischerdorf Kilauran, die Allee, über der sich die Zweige der Kastanien mittlerweile berührten – gehörte ebenso zu Everard Gault wie sein glattes dunkles Haar und die Gesichtszüge, die jenen auf dem Porträt im Salon glichen.“ (S. 12)

Der Ire Gault ist mit einer Engländerin verheiratet, ihr Haus soll im Zuge der Unruhen Ziel eines Anschlags werden. Gault kann dies verhindern, indem er auf einen der Täter schießt und ihn an der Schulter verletzt. Die Familie beschließt, das Land zu verlassen, doch die neunjährige Tochter läuft davon. Nachdem man am Strand Kleidungsstücke des Mädchens gefunden hatte, die Suche nach Lucy aber erfolgos blieb, fahren die Eltern zunächst nach England, dann weiter nach Frankreich und nach Italien. Ein Ehepaar, das ihnen in Haus und Hof geholfen hat, bleibt im Pförtnerhaus zurück und kümmert sich um das Anwesen. Nach einiger Zeit taucht Lucy auf, die sich versteckt hatte, aber wegen einer Knöchelverletzung nicht gehen konnte. Hinkend wächst das Kind heran; Versuche des Anwalts, die Eltern ausfindig zu machen, bleiben erfolglos, da diese ohne Angabe einer Adresse aus England fortgezogen sind.

„Sie überließen sich dem fremden Ort, an dem sie als Invaliden des Schicksals angekommen waren […]“ S. 80

Zweimal, auf Seite 80 („bis der Moment kam, um die erste Flasche Amarone zu öffnen“) und auf Seite 94 („wollen wir den Wein heute Abend ein bisschen früher öffnen“) wird der Wein als Seelentröster angesprochen und so ganz dezent das neue Alkoholproblem der Mutter, die ihre Tochter nicht vergessen kann, angedeutet und gleichzeitig in aller Schärfe beleuchtet. Die Zeit vergeht bei den Eltern anders als bei der Tochter, so scheint es.

Die Tochter wächst zu einer jungen Frau heran, bleibt eine Außenseiterin, als Protestantin und als vom Schicksal Geschlagene. Eine zarte Liebesgeschichte bekommt keine Chance; es ändert auch nichts, als schließlich der verwitwete Vater heimkehrt. Vieles bleibt zwischen den beiden ungesagt. Er stirbt unspektakulär, Henry und Bridget werden älter und schwächer und sterben ebenfalls. Lucy bleibt als alte und, ja: zufriedene Frau zurück.

Es passiert ungeheuer viel für ein Leben, doch Trevor erzählt alles sehr sparsam, in feinen Andeutungen, ja skizzenhaft und doch ungeheuer ausdrucksvoll. Bei aller Traurigkeit leuchtet die Geschichte von innen heraus. Lucys Leben, ihre Erinnerungen, ihre Geschichte, sie ragen aus der Vergangenheit in eine sich stets verändernde Gegenwart. Das Buch regt die Phantasie an, es behandelt alle Figuren mit großem Respekt, sein Erzähltempo paßt wunderbar zum Sujet. Ich bin rundweg zufrieden und froh, das Buch entdeckt zu haben.

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6 Antworten zu Die Geschichte der Lucy Gault

  1. Und übersetzt hat es die in Hamburg lebende Literaturübersetzerin Brigitte Jakobeit.

  2. almathun schreibt:

    Eine schöne Rezension. Weißt du, ob die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht?

  3. Pingback: Sonntagsleserin November 2014 | buchpost

  4. Pingback: Leseliste 2014 – 3 | notizhefte

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