Jochen Schimmang, Neue Mitte

Jochen Schimmang, Neue Mitte, Hamburg: Edition Nautilus, 2011, 255 Seiten.

Dies ist eine wunderliche Geschichte, rückblickend erzählt von Ulrich (!) Anders (!!), die einen Blick in die nähere Zukunft wagt und eine Was-wäre-wenn-Anordnung durchspielt, dabei freilich vor allem auf Interpolationen aus der Vergangenheit setzt und ein ebenso vertrautes wie phantastisches Amalgam serviert. Eingeschobene und durchnumerierte „Dokumente“ schaffen den Eindruck von Sachlichkeit und Historizität.

Nach einer neunjährigen Militärherrschaft ist Deutschland von der Staatengemeinschaft befreit worden und steht nun unter einer von außen begleiteten Übergangsverwaltung. In den Ruinen Berlins, den Überresten des von der Junta gigantomanisch ausgebauten Regierungsviertels regt sich neues Leben. Die Romanhandlung spielt 2029/2030 und ist dabei auf die Einrichtung einer Bibliothek fokussiert, angereichert um die Lebensgeschichten der Protagonisten, die zum Teil Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts, zum Teil aber auch erst im 21. Jahrhundert begonnen haben.

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Fahrt nach Auschwitz

Ich bin kein Jude. Mein Großvater Franz Weiß mußte und konnte den Ariernachweis führen. Dies war notwendig, denn  die vier Namen meiner Familie – Becker und Grün, Fey und Weiß – finden sich sämtlich in dem „Buch der Namen“, das in der Shoah-Ausstellung im Konzentrationslager Auschwitz gezeigt wird. Auch mein eigener Name steht dort, zwei Mal.

Beide waren ungarische Juden, 1919 und 1920 in Budapest geboren, einer wurde in Rußland ermordet, über das Schicksal des anderen weiß man nichts genaues.

Es ist April 2016, ich habe Tränen in den Augen und muß jetzt wie noch oft an diesen beiden Tagen, heftig schlucken.

Dies ist eine Studienfahrt für Oberschüler und Studenten aus Deutschland, Dänemark, Polen, Belarus und der Ukraine, an der ich als Rotarier und jemand mit einer menschenrechtlichen Fachkunde teilnehme. Veranstaltungen wie diese gehören zum Jugenddienst von Rotary und sind ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung.

Zum Programm gehören Vorträge und Workshops, zwei mehrstündige Besuche des zum Museum umgewandelten Konzentrationslagers – Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau) –, ein Zeitzeugengespräch mit einem Überlebenden – Prof. Dr. Wacław Długoborski – und ein Besuch der nahegelegenen Stadt Krakau.

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Victor Klemperer, Revolutionstagebuch 1919

Victor Klemperer, Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919, Aufbau-Verlag (Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg) 2015, 263 Seiten (einschließlich Vor- und Nachwort sowie Apparat).

Erfolgreiche Revolutionen sind keine deutsche Spezialität. Auch die Räteexperimente, die Gegenstand der Klempererschen Aufzeichnungen sind, blieben Episode.

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Foto: nw2016

Klemperer – Kriegsheimkehrer, habilitierter Romanist, konvertierter Jude – hofft in München auf Entlassung aus der Armee, eine Anstellung als Privatdozent an der Universität, eine Wohnung und einen Studienplatz für seine Frau als Organistin. Eher zufällig wird er zusätzlich Korrespondent für die Leipziger Neuesten Nachrichten und schickt Berichte über die Geschehnisse in München nach Leipzig, wo aufgrund der Wirren der Revolutionszeit aber nur ein Teil der Artikel ankommt und gedruckt wird.

Die im Nachlaß entdeckten Texte werden hier mit späteren Aufzeichnungen (1942) über Klemperers frühe Münchener Zeit konfrontiert: Eine interessante Kombination der zeitgenössischen mit der zurückschauenden, sich aber erkennbar auf die seinerzeitigen Notizen stützenden Perspektive. Dabei kommt es allerdings zu einigen Wiederholungen beschreibender Passagen, denen in der späteren Fassung nicht zwingend eine Analyse beigegeben wird. In der Regel erkennt man aber eine Straffung und Ergänzung, wodurch sich ein umfassenderes Bild ergibt.

Die Lebendigkeit und Farbigkeit der Schilderungen, der leicht amüsierte Blick auf eine für Klemperer in mehrfacher Hinsicht fremde Welt und eine Vielzahl authentischer Eindrücke (etwa S. 79ff.) machen das Buch zu einer sehr lohnenden Lektüre. Ein Beispiel:

Erich Mühsam, der Edelanarchist, dessen Stern im Berliner Café des Westens aufging und der in München lange sanften literarischen Glanz ausstrahlte (trotz aller edelanarchistischen Lichter), ehe er sich mit wirklicher blutiger politischer Röte erfüllte, Mühsam, der von Natur immer ein liebevolles, hilfreiches, unkriegerisches Geschöpf war und über dessen revolutionäres Heldentum man auch heute gern lächeln würde, wenn es nicht doch auch verwirrend und gefährdend wirkte, ist ja als Berliner W-Pflanze bekannt geworden. D.h., er ist erst dorthin verpflanzt worden. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Lübecker Apothekers in der damals noch so stillen Hansestadt. (S. 11f.)

Der Umbruch erhält auf diese Weise die Unschuld des Neuen, bekommt aus der hinzugefügten Perspektive der NS-Zeit aber auch die Tiefendimension seiner langfristigen Wirkungen. Romain Rolland schreibt vergleichsweise erschöpfter, ausgelaugter – etwa über den Mord an Luxemburg und Liebknecht und über ihre Beisetzung. Klemperer schaut aus der Nähe auf die Ereignisse, auch wenn das Tempo der Revolution münchnerisch mäßig erscheint, sind die Veränderungen gleichwohl kolossal.

Über die Wahl liberaler Parteien schreibt Klemperer:

Nein! es war keine Stimmvergeudung, mochte auch der eine oder andere Einwand zutreffen. Die eigentlich menschliche Welt ist mir die europäische, und Europa ist durch den Liberalismus geworden und lebt durch den Liberalismus. Er ist die reine, die allein europäisierende Lehre. Man muß sich zu ihr bekennen, auch da und gerade da, wo sie im Augenblick machtlos und mißachtet ist. (S. 62)

 

Mein Fazit:

Kluge und lesenswerte Beobachtungen in turbulenter Zeit. Der Umbruch 1918/1919 erschien den Zeitgenossen gewaltig, doch angesichts dessen, was noch vor dieser Generation liegen sollte, wirkt er letztendlich vergleichsweise harmlos. Klemperer schaut eher belustigt auf die revolutionären Umtriebe und registriert gleichzeitig sorgenvoll sich mehrende Anzeichen von Antisemitismus, der in der verhängnisvollen Figur des „jüdischen Bolschewisten“ seinen Ausdruck findet.

 

Das sagen andere:

Treffender Reklameartikel von Marc Reichwein in der Welt, überzeugende Einordnung von Jörg Magenau auf Deutschlandradio Kultur.

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Die ungleichen Brüder: Thomas und Heinrich Mann

Helmut Koopmann, Thomas Mann, Heinrich Mann: Die ungleichen Brüder, 2005 (Tb. 2015), 502 S. (plus 24 S. Apparat).

Heinrich (* 27. März 1871 in Lübeck; † 11. März 1950 in Santa Monica, USA) und Thomas (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich) Mann sind zwei wichtige deutsche Schriftsteller mit Lebensstationen in der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und dem Exil. Sie waren als Brüder miteinander verbunden, unterschieden sich aber in Persönlichkeit, Lebensführung, politischer Einstellung (meistens), Werk und Wirkung. Hier setzt die Studie des Literaturwissenschaftlers Koopmann an, in der er das Werk beider Autoren unter dem Blickwinkel ihrer Bruderbeziehung erörtert.

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Julia, Thomas, Carla und Heinrich Mann, um 1889  – aus: Wysling/Schmidlin (Hrsg.), Thomas Mann, Ein Leben in Bildern, 2. Aufl. 1994

Dabei will Koopmann in erster Linie Heinrich Mann zu seinem Recht verhelfen, den er zumindest für die Zeit bis zum Ende des Kaiserreichs für den produktiveren, originelleren und frischeren Autoren hält. Die Kritik von Thomas Mann an seinem Bruder stellt Koopmann als haltlos und vorgeschoben dar, den Jüngeren persönlich als schwach und stabilisierungsbedürftig, inhaltlich vollziehe er oft nur Anregungen Heinrichs nach.

Thomas nahm die Wirklichkeit wahr, wie sie war – Heinrich, wie sie eigentlich war.
(S. 150)

Auch die politisch-gesellschaftliche Differenz der beiden Brüder zeigt sich früh. Heinrich schreibt 1903:

Was Dich lenkt, Dich stärkt, Dich beherrscht wie eine Macht, ist, wie wir wissen, das heutige Deutschland, das chauvinistische und darin reaktionäre Deutschland Wilhelms II. (S. 152)

Das Buch erscheint, vor allem mit Blick auf Kaiserzeit und Ersten Weltkrieg, als harsche Abrechnung mit Thomas Mann. Dieser verstehe die Texte von Heinrich nicht oder bewußt miß, meide eine echte inhaltliche Auseinandersetzung, brauche und konstruiere die Verschiedenheit. Die Sympathien Koopmanns sind deutlicher auf Seiten Heinrichs, der verteidigt und häufig als Opfer der Angriffe und Selbstfindungsstrategien des Bruders dargestellt wird. Thomas Mann wird immer wieder „enttarnt“, seine Texte auf nicht eigenständige Repliken reduziert. Kritik an den Schriften von Heinrich Mann ist äußerst selten; etwa mit Blick auf »Die Göttinnen« ist von „[e]rotische[m] Kitsch der Jahrhundertwende“ (S. 136) die Rede.

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