Jochen Schimmang, Neue Mitte

Jochen Schimmang, Neue Mitte, Hamburg: Edition Nautilus, 2011, 255 Seiten.

Dies ist eine wunderliche Geschichte, rückblickend erzählt von Ulrich (!) Anders (!!), die einen Blick in die nähere Zukunft wagt und eine Was-wäre-wenn-Anordnung durchspielt, dabei freilich vor allem auf Interpolationen aus der Vergangenheit setzt und ein ebenso vertrautes wie phantastisches Amalgam serviert. Eingeschobene und durchnumerierte „Dokumente“ schaffen den Eindruck von Sachlichkeit und Historizität.

Nach einer neunjährigen Militärherrschaft ist Deutschland von der Staatengemeinschaft befreit worden und steht nun unter einer von außen begleiteten Übergangsverwaltung. In den Ruinen Berlins, den Überresten des von der Junta gigantomanisch ausgebauten Regierungsviertels regt sich neues Leben. Die Romanhandlung spielt 2029/2030 und ist dabei auf die Einrichtung einer Bibliothek fokussiert, angereichert um die Lebensgeschichten der Protagonisten, die zum Teil Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts, zum Teil aber auch erst im 21. Jahrhundert begonnen haben.

Der 1948 geborene Schimmang kann, so scheint es mir, nicht aus seinem Horizont und Vorverständnis heraus, sein Roman kommt nicht los von unserer Zeit, er ist uns tröstlich – oder doch schrecklich? – nahe. Die Beatles sind das, was vom 20. Jahrhundert an kulturgeschichtlicher Relevanz bleibt. Hitlers Untergang und Honeckers Zurückweichen, Britain’s Finest Hour, die UNO und das internationale Helferwesen mit den typischen Expat-Einrichtungen sowie der Berlinmythos – all das wird mit einer Unmenge von Büchern, einer Liebesgeschichte und ein paar Computerprogrammen zu einer letztendlich wenig innovativen Geschichte zusammengefügt. Gut, die mehrfach erwähnten Jugendorganisationen der Junta trugen die Namen „Twilight Girls“ und „Game Boys“, aber das ist mir dann doch zu wenig.

Das Alte kommt wieder, der Roman erscheint so als Ausdruck der Hoffnung des Autors, das seine Welt nicht untergehen möge: Die Jungen lesen wieder Zeitungen auf Papier, gründen auch selbst welche und haben keine Kopfhörer im Ohr (S. 72), man schaut im Kino Filme wie »Die letzte Metro«, eine Partei namens „Lumen Naturale“ kämpft für die Abschaffung der Sommerzeit, eine Jukebox  und ein Kicker  schmücken das „Moritz-Eck“ in Kreuzberg und es gibt alte Berufe:

So erfuhren wir in der Bibliothek als Erste, dass der Geigenbauer und die Knopfmacherin zu einem Paar geworden waren. (S. 124)

Es gibt kurze, typische, ja klischeehafte Berlingeschichtensplitter:

Er war zweiundzwanzig, als er dort ankam, bis dahin kaum gereist, kannte sich nicht aus in der großen Stadt, wusste nicht, wie man eine S-Bahn-Tür öffnet, hatte spärliche Erfahrungen mit Frauen, kam ungeschützt nach Berlin und ging doch nicht unter. (S. 202)

Manche Namen sind sehr sprechend: „Die superdicke Wirtin“ (Lokal) etwa oder auch Ute Wellkamp (Historikerin). Auch der bei den Kämpfen kaum beschädigte Berliner Hauptbahnhof bekommt sein Fett ab.

Die Zwischenzeit vom Ende der Junta bis zur Tätigkeit der neuen Regierung, während deren Endphase die eigentliche Handlung trotz der Rückgriffe in die Zeit der Diktatur, der Berliner und selbst der Bonner Republik spielt, geht tatsächlich zu Ende.

[…] selbst die Anarchisten hatten ihren Kropotkin zu Ende gelesen. (S. 204)

Die Neue Mitte kann kommen. Deren künftige Kanzlerin gehört zur Partei der „Ökoliberalen“ und bildet eine Koalition mit der „Konservativen Reform“ und der „Partei Freie Bürger“ (S. 216). Fast ist man versucht, semper eadem zu sagen. Im Deutschen historischen Museum wird bald eine Ausstellung über die Junta-Zeit gezeigt.

Vieles ist berechenbar in diesem Roman, aber es wird meist sprachlich gut präsentiert. Mir ist eigentlich nur eine Unstimmigkeit aufgefallen:

„Auch die anderen Zeitungen, die ich gekauft hatte, brachten Berichte […]“ heißt es, nachdem der Erzähler einen längeren Zeitungsartikel zitiert hat (S. 232). Wenige Seiten zuvor hieß es freilich: „Wir umarmten uns, und ich deckte mich mit zwei Zeitungen ein.“ (S. 228).

 

Mein Fazit:

A reader’s book, deswegen empfehlenswert. Interessanter Plot, aber letztendlich zu erwartbar ausgeführt.

 

Weitaus zufriedener las Andreas Platthaus seinerzeit das Buch für die FAZ. Die ertauchten Perlen sind sich nicht einig. Viel Lob wiederum vom Deutschlandfunk, ebenso bei Buchkultur.

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