Fahrt nach Auschwitz

Ich bin kein Jude. Mein Großvater Franz Weiß mußte und konnte den Ariernachweis führen. Dies war notwendig, denn  die vier Namen meiner Familie – Becker und Grün, Fey und Weiß – finden sich sämtlich in dem „Buch der Namen“, das in der Shoah-Ausstellung im Konzentrationslager Auschwitz gezeigt wird. Auch mein eigener Name steht dort, zwei Mal.

Beide waren ungarische Juden, 1919 und 1920 in Budapest geboren, einer wurde in Rußland ermordet, über das Schicksal des anderen weiß man nichts genaues.

Es ist April 2016, ich habe Tränen in den Augen und muß jetzt wie noch oft an diesen beiden Tagen, heftig schlucken.

Dies ist eine Studienfahrt für Oberschüler und Studenten aus Deutschland, Dänemark, Polen, Belarus und der Ukraine, an der ich als Rotarier und jemand mit einer menschenrechtlichen Fachkunde teilnehme. Veranstaltungen wie diese gehören zum Jugenddienst von Rotary und sind ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung.

Zum Programm gehören Vorträge und Workshops, zwei mehrstündige Besuche des zum Museum umgewandelten Konzentrationslagers – Auschwitz I (Stammlager) und Auschwitz II (Birkenau) –, ein Zeitzeugengespräch mit einem Überlebenden – Prof. Dr. Wacław Długoborski – und ein Besuch der nahegelegenen Stadt Krakau.

Das erste Mal mit dem Thema Holocaust konfrontiert wurde ich in der Schule. Im Januar 1979 lief im Fernsehen die Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“. Sie wurde im Unterricht besprochen. Mitschüler fragten, ob ich Jude sei, manche, ob ich (kürzlich konfirmiert) „eigentlich“ Jude sei. Meine Eltern, beide innerhalb eines Jahres vor Kriegsausbruch geboren, verneinten diese Frage. Mein schon erwähnter Großvater, Jahrgang 1901, wußte etwas mehr zu erzählen und zeigte mir einen Stammbaum, der auf den Nachforschungen für den Ariernachweis basierte.

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Ausstellung im Museum Foto: nw2016

In meiner Schulzeit wurde viel über die Weimarer Republik, die Machtergreifung, Gleichschaltung, Diskriminierung, Entrechtung, Aggressionskrieg und Endlösung gesprochen; diese Themen waren über mehrere Jahre immer wieder Gegenstand unterschiedlicher Fächer (Deutsch, Geschichte, Politik/Gemeinschaftskunde). Ich habe mich schon immer für die europäische Geschichte des 18., 19. und 20. Jahrhunderts interessiert und daher auch Bücher über die Weltkriege, die Weimarer Republik und das Dritte Reich gelesen.

Während meines Jurastudiums – vor allem freilich durch außercurriculare Lektüre – wurden mir zwei Dinge klar: Erstens, daß unsere Rechts- und Verfassungsordnung ebenso wie die internationale Ordnung eine Antwort auf den Nationalsozialismus, auf Völkermord und Aggressionskrieg darstellen, die „Nie wieder!“ lautet. Und zweitens, daß unsere Rechtsordnung noch jahrzehntelang von Menschen angewendet und mitgestaltet wurde, die dies bereits unter Hitler getan hatten, daß eine Reihe von durch die Nationalsozialisten eingeführten Vorschriften noch jahrzehntelang in Kraft waren oder dies immer noch sind, und daß schließlich sich manch ein Staat auch in den internationalen Beziehungen noch nach Maximen verhält, die auch vor dem Krieg gegolten haben, und das internationale Recht dagegen keine rechte Handhabe bietet. Beides versuche ich heute, wenn ich selbst auf dem Katheder stehe, zu thematisieren und den Hörern nahezubringen.

Die international besetzte Gruppe von jungen Leuten zwischen 16 und 27 Jahren war vom Besuch des Lagers, von den Informationen durch die begleitende Führung und vor allem durch das Zeitzeugengespräch stark beeindruckt. Aber auch die Begegnungen untereinander und die Gespräche mit den Begleitpersonen und dem pädagogischen Personal vor Ort haben für sie zum Gelingen dieses Teils der Reise beigetragen.

Eindrücke vom Stammlager / Auschwitz I

Eindrücke aus Auschwitz-Birkenau

 

Den Opfern ein Gesicht geben:

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5 Antworten zu Fahrt nach Auschwitz

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Danke für deine Eindrücke & die persönlichen Einblicke.

  2. daslindgrenchen schreibt:

    Bewegender Beitrag. Ich selbst habe bisher nur Buchenwald besucht. Vier Jahre ist das nun schon her, die Bilder habe ich immer noch im Kopf. Ich habe geweint, wie viele andere Besucher auch.

  3. Claudia schreibt:

    Lieber Norman,
    auch ich bin durch die amerikanische Serie über die Familie „Weiss“ zum ersten Mal ohne die Schule mit dem Thema des „Holocausts“ konfrontiert worden. Die Filme, die die amerikanischen Soldaten bei der Befreiung der KZ gemacht haben. haben wir in der Schule gesehen – und es war kaum auszuhalten. Ich glaube, beides hat sich bis heute tief in meinem Bewusstsein eingebrannt. Und so bekomme ich schon Gänsehaut, wenn ich nur Deine Bilder von Auschwitz sehe. Vermutlich läuft dann direkt im Unterbewusstsein „ein Film“ ab, der die Gleise mit Zügen füllt und das Lager mit ausgehungerten Menschen. Und so ist diese Reise sicherlich auch für die jungen Menschen ein ganz besonderes Erlebnis. Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, wie es dort auszuhalten ist.
    Viele Grüße, Claudia

  4. andreabreuer schreibt:

    Sehr bewegend. Danke für das Teilen Deiner Bilder und Gedanken!

  5. Pingback: Beiträge des Jahres 2016 | notizhefte

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