Aus den Stichworten zur »Geistigen Situation der Zeit«: Terrorismus

„Das, womit wir uns, wenn ich das so pauschal sagen darf, identifiziert haben und noch identifizieren können, wird seit einem halben Jahrzehnt militant in Frage gestellt. Die Linke reagiert, alles in allem, kleinlaut auf eine Neue Rechte […]“, schrieb Jürgen Habermas 1978, um Autoren für den Sammelband „Stichworte zur »Geistigen Situation der Zeit«“ zu gewinnen, der im Folgejahr in der „edition suhrkamp“ erschien. Ihn trieb somit weniger der Terrorismus der RAF um, sondern der Umstand, daß „die intellektuelle Linke, die bis in die siebziger Jahre hinein die Kultur in Deutschland, so sagt man, »gemacht« hat“ plötzlich Konkurrenz bekam und nicht mehr die selbstverständliche Deutungshoheit besaß. (Zitate aus der Einleitung, S. 8)

Interessant ist ein Aufsatz von Albrecht Wellmer, geb. 1933, Studium der Mathematik und Physik 1954-1961, von 1961-1966 der Philosophie. 1966 Promotion, danach Assistent in Frankfurt, Habilitation 1971, bis 1974 Stationen in den USA und Starnberg, von 1974 bis 1990 Professor für Philosophie in Konstanz, danach bis 2001 an der Freien Universität Berlin.

Unter dem Titel „Terrorismus und Gesellschaftskritik“ (S. 265-293) setzt er sich mit dem Vorwurf auseinander, linkes, wahlweise auch kritisches Gedankengut habe dem Terrorismus der RAF den Boden bereitet, weil Verlautbarungen der Terroristen sich an eben jenes Gedankengut anlehnen oder anzulehnen scheinen. Lasse man sich in die Rolle des Angeklagten drängen und suche die Äußerungen als anders gemeint darzustellen,

„so hat man sich damit bereits auf den Boden des neuerdings um sich greifenden Gesinnungsstrafrechts gestellt, auf dem die Angeklagten immer die Verlierer sind […]“ (S. 265)

Man dürfe sich nicht darauf einlassen, daß Gesellschaftskritik in die Nähe von Terrorismus gerückt werde, denn das diene nur dazu, Kritik an den Zuständen zu unterbinden. Der Linken drohe das Schicksal, zum Feind des Staates und zum Freund der Terroristen stilisiert zu werden, weshalb sie

„am Ende keine andere Wahl mehr sehen [könnte] als die zwischen billiger Distanzierung vom Terrorismus und emotionaler Solidarisierung mit denen, die inzwischen selbst zum Opfer ihrer eigenen Gewaltstrategie geworden sind.“ (S. 267)

Es sei aber möglich und notwendig, sich vom Terrorismus zu distanzieren und einen klaren Trennungsstrich zu ziehen. Das bedeute kein Ende der ursprünglichen Verbindung etwa zu Ulrike Meinhof, die sich der RAF als Sozialistin angeschlossen hatte, und der aufgrund dieser gemeinsamen Geschichte menschliche Solidarität gebühre. Wellmer meint, der einst links gestartete Terrorismus könne nicht mehr als radikale Spielart linker Theorie verstanden werden, weil er inzwischen „objektiv der gesellschaftlichen Reaktion in die Hände arbeitet“ und „eine einmal sozialistisch gemeinte Form der illegalen Praxis objektiv in die Nähe einer Gewaltkriminalität von rechts gerückt ist“. (S. 268)

In wahnwitzigem Tempo macht Wellmer die Frauen und Männer der ersten Stunde zu verirrten Leninisten (mit dem theoretischen Potential des Stalinismus), irgendwann wahnhaft abgekapselt und linker Kritik nicht mehr zugänglich. Aber von hohem Reflexionsniveau und – anders als die Nachfolgegenerationen der Terroristen – noch sensibilisiert für die Opfer von Gewalt, deren Kreis man einzugrenzen versucht habe. Dieser spätere Terrorismus sei zunehmend entpolitisiert, suche seine Opfer eher wahllos und habe deshalb „Züge einer Gewaltkriminalität von rechts“ (S. 273) angenommen.

Sodann hält es Wellmer für angebracht, seine moralische Position explizit zu machen. Bisher habe er unterstellt, daß es

„a priori Gründe gegen die Ausübung physischer Gewalt gegen Menschen gibt, insbesondere aber a priori Gründe gegen die Tötung menschlichen Lebens; Gründe, deren Anerkennung jedem Sozialisten selbstverständlich sein sollten. Physische Gewalt, je schwerer und unwiderruflicher sie ist,  bedarf daher in jedem Falle einer besonderen Legitimation, die solche Gegengründe für bestimmte Fälle außer Kraft setzt. Daß es Situationen gibt, in denen Gegengewalt bis hin zur Tötung von Menschen moralisch gerechtfertigt werden kann, wird andererseits auch von Liberalen nicht bestritten; Beispiele wären Situationen, in denen Gewalt das einzig mögliche Mittel ist, um erfolgreich Widerstand zu leisten gegen eine unerträgliche Unterdrückung oder eine unerträgliche moralische Korrumpierung. Es mag sogar in gewissen Situation eine moralische Verpflichtung zum physischen widerstand oder zur physischen Gewaltanwendung geben. wer sich aber für die Gewalt entscheidet, nimmt eine schwere Beweislast auf sich. Wenn gezeigt werden kann, daß die Rechtfertigung der Gewalt einem Wahnsystem entstammt, d.h. aus Verblendung und Selbsttäuschung kommt, dann folgt hieraus nicht nur eine moralische Verurteilung der gewalttätigen Aktionen, es folgt vielmehr auch ein Urteil über die »moralische Pathologie« der Gewalttäter – selbst wo deren Handeln, wie bei einem Teil der Terroristen, die moralische Form der Selbstlosigkeit annimmt.“ (S. 276f.)

Er fügt hinzu, daß man mit moralischen Urteilen aber vorsichtig sein solle. Denn

„[d]ie Mißachtung moralischer Normen durch die Terroristen ist aber nur ein Reflex der ideologischen Funktion, die diese Normen in der Gesellschaft erfüllen. Wäre es möglich, die moralischen Energien, die heute gegen den Terrorismus sich entladen, auf das Ziel einer Humanisierung der Gesellschaft umzulenken und sie dadurch zugleich von ihrem repressiven und ideologischen Charakter zu befreien, so würde das Problem des Terrorismus sich von selbst erledigen.“ (S. 277)

Nach dem Versuch einer theoretischen Erklärung des Terrorismus, die keine Rechtfertigung sein soll, wendet sich Wellmer den deutschen Verhältnissen zu und weist auf die Kontinuität der autoritären Vergangenheit in der Bundesrepublik hin, welche sich der kapitalistisch-bürokratische Herrschaftsapparat zunutze mache. Mittlerweile setzten nicht nur Politiker und Bürokratien sondern auch die Rechtsprechung die faktische gesellschaftliche Ordnung mit dem Kernbestand der republikanischen Verfassung gleich und entzögen diese so der berechtigten linken Kritik, die ihrerseits als verfassungsfeindlich gebrandmarkt werde.

 Fazit:

Der Text zeigt, mit welchem Aufwand der Kampf um die Deutungshoheit geführt wurde. Die Irritation, diese nicht mehr unangefochten zu besitzen, ist körperlich spürbar. Linker Terrorismus wird zu reaktionärer Gewalt von rechts, hervorgerufen durch fortbestehende autoritäre Strukturen. Kritik an der kritischen Linken ist Kriminalisierung, um die Menschen einzuschüchtern und sie dem System zu unterwerfen. Allen „Post“-Etiketten, die die vergangenen vierzig Jahre tragen, und manch faktischer Weltbilderschütterung zum Trotz ist diese Selbstüberschätzung des natürlichen Rechthabens bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben.

 

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Goethe am Sonnabend Nr. 4

„Warum gabst du uns die Tiefen Blicke
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns Schicksal die Gefühle
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn.

Ach so viele tausend Menschen kennen
Dumpf sich treibend kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz,
Jauchzen wieder wenn der schnellen Freuden
Unerwarte Morgenröte tagt.
Nur uns Armen liebevollen Beiden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich dem die Ahndung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag was will das Schicksal uns bereiten?
Sag wie band es uns so rein genau?
Ach du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt.
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf,
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag.
Fühlt‘ sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinne sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut.

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
nur noch um das ungewisse Herz
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz
Und wir scheinen uns nur halb beseelet
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich daß das Schicksal das uns quälet
Uns doch nicht verändern mag.“

An Charlotte von Stein, 1776
Münchner Ausgabe 1987, Bd. 2.1, S. 20ff.

Goethe sandte das sogenannte Anamnesis-Gedicht mit einem Brief vom 14. April 1776 an Charlotte von Stein. Seit dem 7. November 1775 lebte Goethe in Weimar, wo er ihr alsbald begegnete und sie umgehend zu einer der wichtigsten Bezugspersonen für den Dichter wurde. Erst im Frühjahr 1781 erklärte ihm die unglücklich verheiratete Frau ihre Gegenliebe, worauf Goethe mit einer erkennbaren Zurückhaltung in Briefen und Gedichten reagierte („Den einzigen, Lida, welchen du lieben kannst,/Forderst du ganz für dich und mit Recht.“, 1781). Als er 1786 bei Nacht und Nebel nach Italien floh, wurde Charlotte von Stein überrascht wie alle anderen. Dies trug sie ihm lange nach; erst viel später erwuchs ihre Freundschaft neu. 1820 bilanzierte Goethe und wies ihr („Lida“) einen hohen Rang für sein Leben und Werk zu:

 „Zwischen beiden Welten

Einer Einzigen angehören,
Einen Einzigen verehren
Wie vereint es Herz und Sinn!
Lida! Glück der nächsten Nähe,
William! Stern der schönsten Höhe,

Euch verdank‘ ich was ich bin.
Tag‘ und Jahre sind verschwunden,
Und doch ruht auf jenen Stunden,
Meines Wertes Vollgewinn.“

Goethe am Sonnabend Nr. 3

Goethe am Sonnabend Nr. 5

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Franz Hessel, Spazieren in Berlin

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Foto: nw2016

Der ausführliche Untertitel „Ein Lehrbuch der Kunst in Berlin spazieren zu gehen ganz nah dem Zauber der Stadt von dem sie selbst kaum weiß ein Bilderbuch in Worten“ charakterisiert das 1929 erschienene, detailreiche Buch. Hessel, der Paris und Berlin gleichermaßen kannte und schätzte, übersetzte u.a. Werke von Casanova, Balzac und – gemeinsam mit Walter Benjamin – Proust. Er mußte vor den Nazis fliehen und starb 1941 im französischen Exil. Das Buch läßt die Zwischenkriegszeit aus der Perspektive des privilegierten Beobachters, der sich Zeit nimmt, langsam geht, Orte und Menschen gezielt aufsucht und ebenso treffend wie lebendig beschreibt, vor dem Auge des Lesers wieder auferstehen.

Die Spaziergänge, die Franz Hessel unternimmt, führen ihn durch ein überraschendes Berlin. Man sieht mit seinen Augen auf die Stadt in den „Goldenen Zwanzigern“, liest vom pulsierenden und modernen Großstadtleben, von spektakulären Bauten und technischen Errungenschaften. Mittendrin dann aber immer wieder das alte Berlin, im Nicolaiviertel etwa oder die Gegend um die Jüdenstraße mit orthodoxen Juden aus Osteuropa.

Und die Stadt wird noch anders aufgefaßt: „Im Südwesten sind Wilmersdorf und Schöneberg mit Berlin und Charlottenburg völlig verwachsen, lehrt Baedeker.“ (S. 271) Der Sportpalast eröffnet den Gang durch diesen Südwesten, unschuldig noch, aber schon bereit für das, was wir Heutigen untrennbar mit diesem Raum verbinden:

„Londoner und Pariser in Sweater und Halstuch sind gewiß auch große Sportkenner und -enthusiasten, aber sie haben ältere Erfahrungen teils im Sport, teils in Weltstadtfreude überhaupt. Hier aber sitzest Du neben dem jüngsten Großstädter. […] Er fiebert im Massenrausch.“ (S. 272)

Hessel fährt kurz darauf fort:

„Sport ist international und kennt keine politischen Parteien. Aber sein Palast steht auch der politischen Leidenschaft offen. Große Kundgebung der Nationalsozialisten wird angekündigt. Die Hallen füllen sich. Vor den Toren patrouilliert die Polizei, denn man rechnet mit Gegendemonstrationen der ‚Roten‘ draußen. […] All das nimmt der Sportpalast mit einer Art riesenhafter Gutmütigkeit in seine runden Weiten. Mit unparteiischem Echo dröhnen seine ‚Hakenkreuz am Stahlhelm‘ und ‚Auf zum letzten Gefechte‘ wieder wie die Zurufe der Sportfreunde. Es ist ja alles Überschwang derselben ungebrochnen Lebensfreude.“ (S. 274)

Nach einem Schwenk durch den Stadtpark geht es zum nördlich gelegenen

„rühmlich bekannte[n] ‚Bayrische[n] Viertel‘. Wieviel man davon zu Berlin, zu Schöneberg oder zu Wilmersdorf rechnen soll, weiß ich nicht. […] Durch Wilmersdorf und Friedenau führt die lange Kaiserallee, umgeben von Wohnvierteln, die sich aus alten Dörfern und Villenkolonien gebildet haben. […] Wo die Kaiserallee in die Schloßstraße mündet, fängt Steglitz an. Es beginnt hochmodern mit einem hochragenden Filmpalast, an dessen Flanken in strahlenden Röhren das Licht flutet, in dessen Innern strenge Linien und kühne Wölbungen Zuschauer und Bühnenraum umschweifen.“ (S. 277f.)

In einem weitausgreifenden Bogen geht es bis zum Golfplatz zwischen Wannsee und Potsdam und dann mit dem Wagen zurück in die Stadt

„und zwar über die Avus, die berühmte Automobil-Verkehrs-und-Übungsstraße. Dort lernen wir, die wir in diesem Artikel noch nicht so erfahren sind wie hier jeder Junge von zehn Jahren, die verschiedenen Automobilmarken im Vorbeifahren unterscheiden, und von manchen wie jenem großen Hispano, diesem eleganten Buick, dem schlanken ganz roten, dem kleinen ganz weißen Wagen nennt Athene den Besitzer oder die Dame am Steuer, während die kleinen Bäume hinter dem Zaun und die Reklameschilder am Straßenrand schräg in unsere Fahrt sinken. Langsamer gleiten wir dann durchs nördliche Tor,  und hinterm Funkturm geht es noch einmal mit achtzig oder mehr Kilometer auf den Tiergarten zu.“ (S. 281)

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Meine erste Rezension

Auf dem sehr empfehlenswerten Blog „The Coffee Site“ habe ich heute die Montagsfrage nach der ersten Rezension gesehen und eine Beantwortung versprochen. Hier ist sie – und es handelt sich nicht um eine Schulaufgabe oder eine Studienleistung, sondern um eine dienstlich veranlaßte Besprechung:

Hans-Joachim Cremer, Der Schutz vor den Auslandsfolgen aufenthaltsbeendender Maßnahmen. Zugleich ein Beitrag zur Bestimmung der Reichweite grundrechtlicher Verantwortung für die Folgewirkungen deutscher Hoheitsakte, Baden-Baden: Nomos, 1994

Besprochen habe ich das Buch im Jahr 1997 für das MenschenRechtsMagazin, das an der Universität Potsdam erscheint. Eine jüngere Besprechung findet sich in der Friedenswarte 2012; sie galt dem Buch:

Jürgen Franke, Wie integriert ist die Bundeswehr? Eine Untersuchung zur Integrationssituation der Bundeswehr als Verteidigungs- und Einsatzarmee, 2012

Im Blog stand Enzo Traverso, Im Bann der Gewalt, 2008, am Anfang der Buchbesprechungen.

Die Montagsfrage läßt sich auch später noch beantworten! Welches Buch haben Sie/hast Du zuerst rezensiert?

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