Ich habe bereits erwähnt, daß ich derzeit (u.a.) „The Sleepwalkers. How Europe went to war“ von Christopher Clark lese. Die deutsche Übersetzung wurde unlängst vielfach und positiv besprochen. Lediglich Volker Ullrich wähnte in der Zeit, daß das Deutsche Reich zu gut und unschuldig wegkomme. Das kann ich beim derzeitigen Lesestand noch nicht beurteilen, nehme aber an, daß die angelsächsische Fairneß des Autors Ullrichs vorgefaßten Erwartungen nicht entspricht.
Die detailreiche Darlegung von Kleinigkeiten, aus denen sich die zum Kriegsausbruch führenden großen Linien ergaben, ist sehr interessant und beschränkt sich nicht auf Berlin, sondern nimmt alle Akteure in den Blick.
Ich mußte aber die Lektüre unterbrechen, um die breitangelegte Studie George F. Kennans hervorzuholen: „Bismarcks europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung“, 1979, dt. 1981. [Erstmals las ich das Buch zur Abiturszeit.] Kennan unternimmt den Versuch, eine Verantwortung auch der anderen am Weltkrieg beteiligten Mächte nachzuweisen. Sein Buch gibt individuellen Akteuren – auch der mittleren Ränge und derjenigen ganz ohne Amt – breiten Raum. Es werden so aber auch Strukturen sichtbar, innerhalb deren sich diese Menschen bewegten, ob in den Zentren Paris, Berlin, St. Petersburg oder etwa in der bulgarischen Peripherie.
Im Fortgang der Lektüre beider Bücher werden sich, da bin ich mir sicher, interessante Vergleiche und mich überraschende Sichtweisen ergeben.
Ein Gespräch mit Clark gibt es auf faz.net.




