Hermann Kesten, Dichter im Café

Ein Buch über Kaffeehäuser, Literatur und die Menschen, die beides miteinander verbinden. Hermann Kesten, 1900 in Galizien geboren, wuchs in Deutschland auf, das er 1933 verließ. 1959 entstand »Dichter im Café«, schon damals ein Nachhall auf eine untergegangene oder zumindest untergehende Welt.

Im Jahre 1914 sah ich auf der Straße vor einem Café in Nürnberg ein ganzes Regiment in den Krieg reiten, mit Kanonen und Fahnen. Main Vater saß neben mir, viel jünger als ich es heute bin,  und seufzte und presste seine Hände vor Verzweiflung und sagte: Mein armer Sohn! Da reiten sie meine ganze Epoche und deine schöne Zukunft in den Staub. […] Ich saß im Café und schrieb.

Im Winter 1918 auf 1919 schossen die unzufriedenen heimgekehrten Soldaten auf ihre Leidensgefährten, im Namen der Revolution und der Konterrevolution, alle wollten Frieden und Brot, […] Ich saß im Café und schrieb.

In Berlin saß ich im März 1933 mit Freunden am Kurfürstendamm, vor dem ‚Café Wien‘, vor dem ‚Café Dobrin‘ oder vor ‚Mampes Likörstube‘, und Hitlers braune Buben mit einem Hakenkreuz im Herzen jagten blutende Juden und Arbeiter über den Kurfürstendamm. Da hörte ich zu schreiben auf und verließ das Café, schüttelte den Staub der Stadt Berlin von meinen Füßen und ging außer Landes und setzte mich in die fremden Kaffeehäuser im Exil und schrieb. (S. 13f.)

Solchermaßen eingestimmt wendet sich Kesten den weiteren Stationen seines Lebens zu: Paris, London, Rom und New York. Aber auch den Städten Wien, München und Berlin sind Kapitel gewidmet, hier mischen sich Besuche nach 1945 mit Erinnerungen und Rückblicken.

In meist lockerem Erzählton mischt Kesten Beobachtungen der Conditio humana mit literarischen Anspielungen, allgemeinen kulturellen Betrachtungen, aber auch oftmals scharfen politischen Stellungnahmen. Intellektuelle, die Stalin rechtfertigen oder gar Lobgesänge auf ihn schreiben wie Bert Brecht, Arnold Zweig, Johannes R. Becher oder Anna Seghers (S. 346)  oder ohne Anteilnahme sind wie die Pariser Kommunisten (S. 18), müssen mit klaren Worten rechnen.

Im Pariser Kapitel entführt Kesten die Leser in die Salons der Aufklärung – ein unerwartet passender Anschluß an meine vorherige Lektüre! – und entrollt kursorisch, aber packend die Geschichte des literarischen Salons und der sie ablösenden Kaffeehäuser bis an seine Gegenwart heran.

Unter der Überschrift London entfaltet Kesten das Shakespearsche Universum und die englische Literaturgeschichte, aber thematisiert auch bewegend das Exil. Das Kapitel Rom greift zurück in die Antike, bevor es sich den italiensüchtigen Menschen von nördlich der Alpen zuwendet, die in Rom den Süden erleben. In New York holt ihn die Literatur der jungen Bundesrepublik ein, oder besser, ein junger deutscher Schriftsteller, der nämlich ein amerikanischer Schriftsteller werden will, was Kesten die Gelegenheit gibt, über amerikanische Literatur zu sprechen.

Sie werden ein guter Reporter waren, sagte Ilse Engel. Sie wissen nichts. Sie verstehen nichts. Sie kennen nichts. Sie sehen alles neu und schreiben auf, was Sie sehen. (S. 291)

Gleichermaßen vergnüglich wie anregend geschrieben, hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es ist geschichtlich und literarisch interessant, nur der Kaffee hätte etwas mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.

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3 Antworten zu Hermann Kesten, Dichter im Café

  1. mickzwo schreibt:

    Kaffee ist doch Nebensache in so einem Kaffeehaus. Man kann dort Tee und Wasser trinken. So ein Bier wird dort nicht verpönt (vom Schnaps ganz zu schweigen) und etwas zu essen gibt es dort auch.

  2. David Plattner schreibt:

    Schöner Beitrag 🙂

  3. Kaffeehaussitzer schreibt:

    Eigentlich seltsam, dass ich dieses Buch immer noch nicht gelesen habe. Vielen Dank für das Erinnern. Schöner Text!

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