Kultur ist … – und erst recht für mich!

Pablo Picasso, Die Eule - La chouette, 1952. Foto von einer Kunstpostkarte: nw2013

Pablo Picasso, Die Eule – La chouette, 1952. Foto von einer Kunstpostkarte: nw2013

Wieder eine interessante und fordernde Blogparade von Tanja Praske, bei der ich gerne mitmache. Was soll man, was kann ich auf die Frage antworten?

Was ist Kultur für Dich?

Ich war zum Beispiel schon ewig nicht mehr im Kino, noch nie auf der Documenta oder einem Rockkonzert, habe nie bewußt einen Song von den Rolling Stones oder von Michael Jackson gehört. Immerhin kann ich Madonna und Lady Gaga auf Fotos auseinanderhalten, spielte mir man etwas von den Damen vor, könnte ich es nicht zuordnen. Legendäre Fernsehserien der letzten Jahre wie Mad Men, aber auch schon Die Sopranos oder Six Feet Under kenne ich nur vom Hörensagen. Monumentalepen wie Starwars, Herr der Ringe, Harry Potter: Terra incognita.

Und was ist denn dann Kultur für Dich?

Foto: nw2014

Foto: nw2014

In meinem Schrank stehen zahlreiche Operneinspielungen, ich gehe seit Jahrzehnten in die Oper – seltener ins Sprechtheater und ins Ballett – und in klassische Konzerte sowie in Museen und Ausstellungen. Außerdem lese ich gerne, aber natürlich auch nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was in den Regalen der nächstgelegenen Bibliothek steht oder jährlich neu auf den Markt kommt.

Das spricht wohl für einen altbackenen, ja eingeschränkten Kulturbegriff. Wie gut, daß ich auf die Frage „Was ist Kultur für Dich?“ nicht mit „Alles!“ oder anderweitig übertrieben geantwortet habe.

Trotzdem ist mir Kultur wichtig, ein großer Teil meiner Freizeit ist mit Kultur im oben beschriebenen Sinne gefüllt. Ich habe diesen Blog aufgemacht, um mich auf diesem Weg zu „meinen“ Kulturthemen auszutauschen, verwende also noch einmal Zeit dafür. Ich bin der Meinung, daß Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden muß, mehr als den jeweils gerade relevanten Mainstream-Pop oder schlichte historische Romanreihen kennenzulernen. Kultur sollte nicht ausschließlich als Kommerz wahrgenommen werden.

Dazu gehört auch, daß man lernt, anspruchsvolle Texte zu lesen, komplexe Musik bewußt zu hören, ja, auch Notenlesen, Basiswissen über bildende Kunst, Stilrichtungen, ikonographisches Wissen. Wem das fehlt, der wird es ein Leben lang schwerer haben, Zugang zu finden. Also: Kunst- und Musikunterricht in der Schule!

Mein Großvater mütterlicherseits fiel im Zweiten Weltkrieg als ganz junger Mann. Von ihm wird erzählt, er habe in der kleinen Wohnung abends vor dem Volksempfänger gesessen, Kopf und Gerät mit einer Decke umhüllt, um seine Frau und die kleine Tochter nicht zu stören, und Sinfoniekonzerte gehört. Manchmal habe ich dieses Bild vor Augen, wenn im Konzertsaal der letzte Ton verklingt.

 

 

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Thomas Mann – Gedanken zum 140. Geburtstag

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Am 6. Juni 1875 wurde er in Lübeck geboren, der Stadt, die in seinem Werk nicht nur als Kulisse dient, sondern deren geistiges Klima gespiegelt und verarbeitet wird. Bei meinem erst kurze Zeit zurückliegenden Besuch in Lübeck konnte ich diesen Aspekten schön nachspüren.

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Zur Nachbereitung liegt der schön gestaltete Band »Lübeck als geistige Lebensform« parat, hilfreich ist wie stets der großartige Band »Thomas Mann. Ein Leben in Bildern«, herausgegeben von Hans Wysling und Yvonne Schmidlin.

Das Werk, dem er, wie man so sagt, das Leben untergeordnet hat, ist raumgreifend. Noch immer habe ich nicht alles gelesen, was auch daran liegt, daß ich manches immer wieder lese. Mich begeistert die Sprache, die sich bei aller Komplexität und Satzlänge ganz wunderbar vorlesen läßt. Mir gefällt der Humor, ich mag die Art der Charakterisierung von Personen.

Lübeck und München, Schopenhauer, Nietzsche, Wagner – das steckt Denk- und Lebensräume ab; Weltkrieg und der Wandel vom Kaiserreich zur Republik erschüttern seine Vorstellungswelt zunächst. Die langandauernde Rivalität mit dem älteren Bruder Heinrich, der sich früh und klar politisch positioniert, wird jetzt besonders spürbar.

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Patrick Modiano, Im Café der verlorenen Jugend

Foto: nw2015

Foto: nw2015

Die Romane des Literaturnobelpreisträgers von 2014 haben es mir bekanntlich angetan; sowohl vom Thema als auch vom Stil her finde ich ihre Lektüre angenehm. Ihr geringer Umfang erlaubt es mir, sie auch in die Beschäftigung mit dicken Wälzern einzuschalten und auf diese Weise etwas vielfältigere Leseeindrücke zu sammeln. »Im Café der verlorenen Jugend« erschien im Jahr 2007, wurde von Elisabeth Edl übersetzt und kam 2012 dann erstmals auf Deutsch heraus. Die rund 150 Seiten las ich am 31. Mai 2015 auf einer Zugfahrt.

Worum geht es?

Eine junge Frau kommt eines Tages erstmals in in Pariser Café, erscheint dann regelmäßig dort, bis sie irgendwann nicht mehr wiederkehrt. Diese Geschichte wird aus der Perspektive verschiedener Beteiligter und aus unterschiedlichem zeitlichen Abstand erzählt. Eine Lesart lautet: Eine junge Frau verläßt ihre beiläufig geschlossene Ehe; ein Detektiv wird unspezifisch von ihrem Ehemann mit Nachforschungen beauftragt. So kommt er ins Condé, erfährt soviel über Louki, daß er irgendwann mit ihr paktiert und sie nicht zurückzubringen versucht. Weiterlesen

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Eine Atlantiküberquerung: Das Narrenschiff von Katherine Anne Porter

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Foto: nw2016

Das Narrenschiff von Katherine Anne Porter ist ein umfangreiches Buch über eine kurze Episode der Zwischenkriegszeit.

Worum geht es?

Dieser Roman schildert eine Überfahrt von Veracruz nach Bremerhaven im Jahre 1931. Deutsche auf dem Weg in die (ihnen meist fremd gewordene) Heimat, Spanier, Kubaner und Mexikaner, ein Schwede und mehrere Amerikaner reisen nach Spanien und Deutschland. Auf dem Zwischendeck werden achthundertsechsundsiebzig Menschen, für die es auf Kuba keine Arbeit mehr gibt, nach Teneriffa befördert. Rassismus und Antisemitismus sind präsent, der Gegensatz zwischen Reichtum und Armut, sexuelle Begierden sowie Autoritätskonflikte prägen der Zusammenleben der Zufallsgemeinschaft.

Was fiel mir auf?

Das Buch erschien 1962 in den USA – nach dreißig Jahren Schreibarbeit!, denn initiiert wurde es durch eine Überfahrt der Autorin von Veracruz nach Bremerhaven im Jahre 1931 -, ein Jahr später kam es in Deutschland heraus, wo es auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Die damalige Übersetzung ist, so der Verlag, nur leicht überarbeitet wiederveröffentlicht worden, da sie den Ton und Stil des Originals kongenial transportiere.

Porter beobachtet ihre Figuren aus der Nähe, wechselt die Perspektive und läßt sie sich gegenseitig beobachten, führt sie durch viele Dialoge und zeichnet Charaktere, Gewohnheiten und Überzeugungen in der sozial, national und altersmäßig gemischten Gruppe sehr klar nach.  So entsteht ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama.

Ein Thema ist natürlich die Liebe:

„Während er seine Herzenskälte als eine wirkliche innere Kraftreserve spürte, lächelte er ihr mit der Liebenswürdigkeit zu, die sie stets bezauberte; er streckte den Arm aus und legte seine Hand warm auf die ihre. «Jenny-Angel», sagte er.“ (S. 68)

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