
Foto: nw2016
Am 5. Februar 1887 fand im Beisein des Komponisten die erste Premiere – heute spricht man bei solchen Gelegenheiten von Welturaufführung – von Giuseppe Verdis (1813-1901) Oper Otello statt.
Eduard Hanslick (1825-1904), der berühmte Wiener Musikkritiker, besuchte knapp zwei Monate später die zwanzigste Vorstellung des noch jungen Werks; nebenbei ein Beweis für die Leistungsfähigkeit des Teatro alla Scala di Milano, eine solche Suite auf die Bühne zu bringen. Hanslicks ausführlicher Bericht erschien 1888 im »Musikalischen Skizzenbuch«.
Daß ganz Italien den Atem anhielt, erscheint begreiflich; Verdi ist als Künstler wie als Mensch der Liebling seines Volkes und seit vierzig Jahren dessen einzig unbestrittener großer Komponist. Für Italien bedeutete ‚Othello‘ eine nationale Angelegenheit; man vergaß darüber die Ministerkrise, vergaß die Niederlagen in Abessinien. Daß hingegen die vornehmsten Zeitungen Frankreichs, Englands, Deutschlands, ja Amerikas eigene Berichterstatter nach Mailand absendeten, mitten im Winter, um über den Erfolg des ‚Othello‘ zu referieren, ja aktweise zu telegrafieren, das ist ein auffallendes Zeichen der Zeit.
Die Oper war damals noch, man spürt es hier und an jeder Stelle des Textes, eben eine zeitgenössische und überdies Leidenschaften erregende Kunstform, noch nicht musealisiert und es gab eine lebendige Gebrauchsproduktion.
Irritiert fragt Hanslick nach dem Grund für die Begierde gegenüber dem neuen Werk – selbst für Rossinis ‚Tell‘ und Meyerbeers ‚Prophet‘ sei kaum jemand nach Paris gereist. Gut, Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ habe europaweit Beachtung gefunden, sei aber auch durch jahrelange Reklame vorbereitet worden. Das Interesse am ‚Othello‘ erklärt Hanslick mit dem Mythos Verdi. Wenn dieser Künstler, vierzehn Jahre nach der ‚Aida‘, noch einmal ein Werk präsentiere, so müsse dieses einfach außerordentlich sein.


