Dienstagsposting: Widerstand

Foto: nw2015

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Die neue Rubrik „Dienstagsposting“ soll dazu dienen, kurz eine Person, ein Buch, eine Musikaufnahme oder einen Ort vorzustellen.

Aus aktuellem Anlaß habe ich einen Roman von Hans Fallada ausgewählt: »Jeder stirbt für sich allein« – und veröffentliche das Dienstagposting bereits am Montagabend, denn es ist ein besonderer Beitrag.

Wie der Titel „Widerstand“ andeutet, geht es um die aktuellen, unfaßbaren Zustände in unserem Land. Ein radikaler, haßerfüllter Mob hetzt im Netz und in der Realität gegen Flüchtlinge, zündet Aufnahmeeinrichtungen an und propagiert eine rückwartsgewandte Ideologie.

In meiner politischen Sozialisation gibt es klare Fixpunkte, dazu gehören eine unzweideutige Verankerung in der westlichen Zivilisation, gewappnet mit einem transatlantischen Bündnis und realisiert in einem vereinigten Europa, der Glaube an die Kraft von Bildung und Aufklärung und – daraus resultierend – die Ablehnung von jeglichem Totalitarismus.

Die Straßenschlachtatmosphäre, die Verhöhnung des Rechtsstaates, die dummdreiste Herabwürdigung von Menschen sind schrecklich. Ich hätte nicht gedacht, das nach den Geschehnissen in den frühen 1990er Jahren noch einmal erleben zu müssen.

Falladas Roman ist ein eindrucksvolles Zeugnis eines Zeitgenossen, der den Terror der Hitlerdiktatur und die bereitwillige Unterordnung, das Mitmachen aus Schwäche und das tatenlose Beiseitestehen selbst miterlebt hatte. Er greift einen echten Fall auf und erzählt ihn lakonisch und gleichzeitig mit epischer Wucht. Das Buch wurde vom Aufbau Verlag 2011 in ungekürzter Form neu aufgelegt.

Die Aktionen des Ehepaars Quangel, das Karten beschreibt und ablegt, bleiben wirkungslos, beide werden schließlich ermittelt und zum Tode verurteilt:

»Aber Sie können ein Gnadengesuch machen«, sagte der Anwalt.

»An den Führer?«

»Ja, an den Führer.«

»Nein, danke.« (S. 629)

Daraufhin erklärt der Anwalt, ein Gnadengesuch einzulegen und fragt:

»Sagen Sie, warum haben Sie das eigentlich getan?«

»Was getan?«, fragte Quangel, ohne den Gebügelten anzusehen.

»Diese Postkarten geschrieben. Sie haben doch nichts genützt und kosten Ihnen nun das Leben.«

»Weil ich ein dummer Mensch bin. Weil mir nichts Besseres eingefallen ist. Weil ich mit einer anderen Wirkung rechnete. Darum!«

»Und Sie bedauern es nicht? Es tut Ihnen nicht leid, wegen solch einer Dummheit das Leben zu verlieren?«

Ein scharfer Blick traf den Anwalt, der alte, stolze, harte Vogelblick. »Aber ich bin wenigstens anständig geblieben«, sagte er. »Ich habe nicht mitgemacht.« (S. 630)

Diese Botschaft ist wichtig, und in der Summe kann das Anständigsein etwas bewirken. Es sollte uns leichter fallen als den Quangels und den hier ungenannten aufrechten Menschen während der Nazizeit. Uns unterdrückt keine Diktatur mit Gestapo und Konzentrationslagern. Wir müssen Stellung beziehen gegen eine radikale Minderheit, gegen Menschen, die Freiheit und Menschenwürde mit Füßen treten und eine Staats- und Gesellschaftsordnung anstreben, die niemand wollen kann.

Nie Wieder!

Joachim Fest, Hitler, S. 985. Foto: nw2015

Joachim Fest, Hitler, S. 985.
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Auswertung der Blogzugriffe

Foto: nw2013In erster Linie führe ich ja diesen Blog, weil es mir Spaß macht, mich über Erlebnisse, Dinge, Musik, Bücher, etc. etwas ausführlicher zu äußern. Hinzu kommt, daß so ein Blog auch von anderen gelesen werden kann und die Möglichkeit des Austauschs eröffnet und man über das wechselseitige Folgen neue Anregungen erhält.

Mich interessiert aber auch, was sozusagen ankommt, welche Text öfter gelesen – oder zumindest angeklickt – werden. Ich kann dabei allerdings nur, unbegabt wie ich in diesen Dingen bin, auf die WordPress-Statistiken zugreifen.

Rund 22% der Zugriffe (alle Angaben beziehen sich auf den Zeitraum vom 1.1.-19.8.2015) gelten der Startseite. 4% klicken auf „About“ und wollen wohl wissen, wer da so bloggt.

Weitere 4% schauen nach »Glück« von Gaito Gasdanow (ein sehr großer Teil kommt über Google), einem Beitrag aus dem Vorjahr.

An der Spitze der Beiträge aus dem Jahr 2015 liegt »Musik- und Literaturkritiker: Joachim Kaiser«, gefolgt von »Liederabend mit Ian Bostridge und Lars Vogt« (Die zusammen freilich keine 4% erreichen!).

Es folgen »Thomas Mann – Gedanken zum 140. Geburtstag«, die auch beim sechzigsten Todestag noch mal zum Zug kamen, und »Buchkritik im Feuilleton« sowie meine »Leseliste  2014 – 3«.

Von den Zugriffszahlen regelrecht abgeschlagen kommen erst dann die Buchbesprechungen des Jahres 2015 (hier die ersten dreizehn in absteigender Reihenfolge):

Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Die Biographie

Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

Wiedergelesen: Fruttero&Lucentini (Teil 1)

Hertzmann’s Coffee 

Moderner Klassiker: Schöne Neue Welt

Der dunkle Fluss

Eine Zeitreise in Cornwall

Das Sandkorn

Paris. Ein Fest fürs Leben

Die Glücklichen

Ich bin zum Schweigen verdammt

Orfeo

Im Café der verlorenen Jugend

Dies scheint mir unabhängig vom Genre des Buches, von seinem Erscheinungsdatum oder   auch der aktuellen Beachtung des Buches in anderen Medien zu sein. Auch die Länge der Rezension ist kein Kriterium, ebensowenig die Bebilderung. Da aber die Zahl der Abonnenten des Blogs immer mal wieder um ihrerseits selbst fundiert bloggende Follower wächst, scheint das Angebot doch eine Zielgruppe zu finden.

Die Opern-, Museums- oder Geschichtsposts finden ebenfalls ihre Leser, gerade auch die älteren Einträge kommen regelmäßig zu Ehren. Das freut mich besonders, weil ich diese Einträge gerne schreibe und auch viel Mühe auf sie verwende. Drei Beispiele:

Lübeck, Stadt der Nobelpreisträger (2015)

Durchgeblättert: Programmhefte (2014)

Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg (2013)

Fazit: Die Zahlen legen mir keinen Kurswechsel nahe, sondern lassen sich als Bestätigung dafür lesen, daß das, was ich hier aus freien Stücken produziere, einen soliden Grundstock von interessierten Leserinnen und Lesern findet. Das freut mich! Und deshalb sage ich allen Freunden der Notizhefte einmal mehr: Vielen Dank!

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Netzalmanach Juli/August

Nach einer Woche mit vielen Blogeinträgen habe ich am Wochenende mehr rezipiert, was andere so geschrieben haben; eine Auswahl füllt heute den Netzalmanach. Viel Spaß beim Entdecken oder Wiederlesen!

Der Deutsche Buchpreis spielt natürlich eine große Rolle. Zunächst einmal beeindruckt es mich, wieviele bereits drei oder mehr der nominierten Bücher gelesen und in den meisten Fällen auch bereits darüber gebloggt haben.

Und gibt es eine Reihe von Beiträgen, die die Favoriten der jeweiligen Blogger vorstellen. Manche Methode erinnert ein wenig an die Kremlologie, aber die Ergebnisse sind alle interessant: Frau Hautsachebunt und Buzzaldrins Bücher kommen trotz gewisser Überschneidungen doch zu sehr individuell begründeten Ergebnissen. Augenzwinkernd ging Sätze & Schätze das Thema schon früh an und fragte dann ernsthaft: Was bleibt vom Preis?

Daß Buchblogger nicht nur ihre Kaffeetasse mit dem Buch fotografieren, dürfte jedem klar sein, der schon mal die wunderbaren Titelbilder angeschaut hat, die der Kaffeehaussitzer macht, ach was: komponiert. Und das für jeden Beitrag. Chapeau!

Die Diskussion über Buchblogs oder Literaturkritik im Zeitungsfeuilleton – bei der es ja auch um so wichtige Fragen wie Kaffeetassenfotos ging – reißt irgendwie nicht ab, offenbar hat noch nicht jeder etwas zu dem Thema gesagt. Dazu gibt es aber hier keinen Link, denn: GÄHN!

Richtig – am 1. August 2015 eröffnete das Erika-Fuchs-Haus, ein Literaturmuseum der besonderen Art, in Schwarzenbach. Näheres kann man z.B. in der Frankenpost nachlesen.

Das Team der Schweriner Buchhandlung Ein guter Tag – Literatur & so stellt mit »Echo« eine offenbar schöne Geschichte über zwei Menschen vor, die einander nicht zu nahe treten wollen, weil sie fürchten, aus der Bahn geworfen zu werden.

Leider etwas ins Stocken geraten ist der Blog Ein Jahrhundert lesen, wo aus jedem Jahr ein Buch vorgesehen ist. Tobi von den Lesestunden bloggt weiterhin fleißig über Frauenschicksale, gewährt uns aber auch immer wieder interessante Einblicke in seinen Arbeitsprozeß, etwa über Bewertungsfragen oder begleitende Social-media-Aktivitäten, und technische Details, die sich unter der Benutzeroberfläche abspielen.

Holger von Zeilentiger liest Kesselleben wandert immer wieder aus dem Stuttgarter Kessel heraus, Entdecke England war nach längerer Pause wieder einmal unterwegs und Philea’s Blog empfiehlt ganz entspannt virtuelle Reiseziele für Bibliophile.

Das war es für heute. Dies ist übrigens der sechste Netzalmanach und damit ist ein gutes Jahr seit dem ersten Eintrag dieser Art vergangen.

Netzalmanach März bis Juni 2015

Netzalmanach Januar/Februar 2015

Netzalmanach Oktober bis Dezember 2014

Netzalmanach August/September 2014

Netzalmanach Juni/Juli 2014

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Gespräche mit Siegfried Lenz

Cover: Verlagswebseite

Cover: Verlagswebseite

Am Abend zuvor hatte ich das Buch in der schönen Autorenbuchhandlung erstanden, gleichsam als Beifang zu einem Buchgeschenk, das ich dort besorgte.

Einblick in die deutsche Nachkriegsliteratur

Auf 493 plus 20 Seiten finden sich die erwähnten 22 Gespräche mit 21 Männern und einer Frau, bei der es sich um Loki Schmidt handelt. Marcel Reich-Ranicki eröffnet den illustren Reigen und er befragt den Schriftsteller drängend zum unerwarteten Erfolg des Romans »Deutschstunde« und zur Literaturkritik.

MRR: Hat sich Ihrer Ansicht nach die deutsche Literaturkritik in den letzten zehn Jahren geändert?

Lenz: Literaturkritik ist zunächst nicht Bestimmtes – oder schon zu viel. Denke ich bei diesem unschuldigen Sammelbegriff an Jens, Kaiser oder Sie, dann habe ich schon Karasek und Baumgart mitgemeint. Sprechen wir also nicht von Literaturkritik, sondern von einzelnen Kritikern. Soweit diese schon vor zehn Jahren schrieben, haben sie sich, wie mir meine Lektüre bestätigt, wenig geändert, zumindest hat niemand sein kritisches Besteck komplett ausgetauscht. (S. 18f.)

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