Volker Weidermann, Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft, 2014, Tb. 2015, 159 Seiten.

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Im Land der Dichter und Denker regiert Adolf Hitler, ein elitefeindlicher Kleingeist mit hochfliegenden Plänen. Ein großer Teil der deutschen Eliten schließt sich ihm an, weil sie in ihm fälschlicherweise den Vollstrecker ihrer eigenen Ideen sehen. Doch Hitler hat andere, viel weiterreichende Pläne. Ein anderer Teil der Eliten flieht, wem dies nicht gelingt, wird verfolgt und umgebracht und teilt damit das Schicksal von Sozialdemokraten und Kommunisten sowie gesellschaftlich ausgegrenzten Personengruppen: Behinderte, Homosexuelle, Sinti und Roma und vor allem Juden.
Museen werden gesäubert, Spielpläne durchkämmt, Bücher verbrannt: „Undeutsches“ soll ausgemerzt werden. Vor Kriegsausbruch bieten europäische Nachbarstaaten noch Zuflucht, es entstehen Exil-Kolonien in der Schweiz, in Südfrankreich und eben an der belgischen Küste.
Hier setzt das Buch Volker Weidermanns an und schildert die Begegnung einer Reihe von Dichtern, die in Ostende – vorübergehend – Zuflucht gefunden hatten. Im Zentrum seiner Erzählung stehen Stefan Zweig und Joseph Roth, auch auch andere Namen fallen mit einer mich gelegentlich störenden Penetranz. Das Buch gehört zum Genre Faction, manche Rezensenten fühlten sich an »1913« von Florian Illies erinnert. Dessen Reiz lag für mich darin, daß es Illies gelungen war, sachlich und örtlich Fernliegendes zu synchronisieren. Bei Weidermann sitzen alle Autoren in dem kleinen Seebad beieinander; das scheint mir doch ein ganz anderer Plot zu sein.
Es gab seinerzeit viel Lob für das Buch, so zum Beispiel auf »Literaturen«. In der »Welt« schrieb Joseph Wälzholz von einem „erfrischenden Band“ „mit geradezu hemingwayesken Sätzen“. Mara erlebte auf »Buzzaldrins Bücher« eine „hochkonzentrierte und unheimlich dichte Novelle“. Andreas Isenschmid ist insgesamt zufrieden, lobt in »Die ZEIT« gleichwohl etwas vergiftet: „Weidermann hat eine Wünschelrute für erstklassige Zitate, und er weiß sie zu montieren.“ Er fügt an: „Wen kümmert’s, dass manches nur dreiviertelgestütztes Seemannsgarn sein mag.“
Aber auch kritischere Stimmen finden sich: Michael Angele bemängelte im »Freitag«, daß das Buch nicht hinreichend deutlich mache, ob es ein fiktionales Buch sei oder nicht. Trocken hält Alexandra Pontzen auf »Literaturkritik« fest: „Weidermann hat ein lesbares Buch von handlichem Umfang über diese Menschen geschrieben, nahe am Klatsch, aber doch taktvoll und mit Empathie, eine weniger dokumentierende als narrativ verfahrende Reportage, die das Material, aus dem sie schöpft, geschmeidig nutzt und zitiert.“
„Stilistisch etwas forciert“ (Süddeutsche), „schöne, wenn auch etwas überzuckere Worte“ (Tagesspiegel), „mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt[es] Appetithäppchen“ (Sätze & Schätze) – aus meiner Sicht allesamt zutreffende Charakterisierungen!
Ich nahm das Buch jetzt zur Hand, nachdem ich die neue Zweig-Biographie gelesen hatte und den Exil-Topos etwas vertiefen wollte. Diesem Anliegen wird das Buch in meinen Augen leider nicht gerecht. Seine Stärke liegt vielmehr darin, Lust auf die Autoren und ihre Texte selbst zu machen.


