High Society: erschlaffende Wangen und schaler Champagner

Foto: nw2015

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Philipp Tingler, Schöne Seelen, Kein & Aber, 2015, 325 Seiten.

Das handliche Format und das tiffanyfarbene Lesebändchen lassen mich das Buch in der Autorenbuchhandlung aufnehmen und näher anschauen. Im Klappentext eine Empfehlung der VOGUE, hinten drauf etwas Liebes vom WDR (ein Vergleich mit Billy Wilder!) und gleißende Verlagswerbung („ein sprachlich fulminantes Meisterwerk“).

Das Buch präsentiert Momentaufnahmen aus der Zürcher High Society, viele Labels werden genannt, die Schönheitschirurgie ist so omnipräsent wie der mühsam kaschierte Verfall der Leiber, und alle „küssen die Luft über den Wangenknochen“, um sich zu begrüßen. Ansonsten messerscharfe Sätze, die sich viele Gesellschaftsdamen und einige Herren zuraunen, taxierende Blicke und wenig Handlung.

Insgesamt begegnet man einer Anhäufung von unerfreulichen Menschen, was dazu führen mag, wie Wilhelm Buschs Onkel Nolte auszurufen:

Ei, ja! – Da bin ich wirklich froh!
Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!

Alles in allem ist das Buch ein amüsanter Zeitvertreib, mehr leider nicht. Ich lachte ein paar Mal, nickte bei dem einen oder anderen Aperçu, freute mich über einige geschliffene Sätze – war aber nie wirklich gefesselt, und das Buch hallt auch nicht in mir nach. Es ist, um eine Bemerkung von Claude Debussy über Edward Grieg aufzugreifen, „ein mit Schnee gefülltes Lutschbonbon“.

Mit einer Mischung aus Erschöpfung und Enttäuschung bilanzierte auch Gregor Keuschnig auf Begleitschreiben, man sei am Ende froh, das Buch aus der Hand zu legen.

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Dienstagsposting: Fra Bartolo

Foto: Autorenwebseite

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Klöster sind aus der Kulturgeschichte des Abendlandes nicht wegzudenken und bilden spätestens seit Umberto Ecos Roman »Der Name der Rose« einen populären Literaturschauplatz. Kloster Eberbach im Rheingau bot der Verfilmung eine großartige, aber meist düstere Kulisse. Anders das fiktive Kloster San Pietro Damiano, in dem die Geschichte von Fra Bartolo ihren Anfang und ihr Ende hat.

Das Kloster liegt in der Toscana und die Olivenbäume, das Rückgrat der klösterlichen Landwirtschaft, sind erfroren. Bartolo, der junge Gärtner, wird nach Rettung ausgeschickt und muß dabei allerlei Abenteuer bestehen. Er kennt viele Heiligengeschichten, liebt das gute Essen und ist neugierig auf die Liebe, die dem Küchenmädchen Caterina gilt. Als er nach längerer Reise glücklich und gereift zurückkehrt, heiraten die beiden und verlassen das Kloster.

Diese sympathische Geschichte hat der Autor Leonhard Reinirkens mit wunderbaren toskanischen Rezepten angereichert. Ich lernte das Buch bei einem Urlaub im Tessin kennen, wo der Hotelier an einem Abend Passagen vorlas und es dazu das beschriebene Essen gab.

Eine kurzweilige Lektüre, die sich den wichtigen Themen Reisen, Liebe und Essen widmet – was will man mehr? Und in der heimischen Küche kann man sich mit einigen Handgriffen das Toscana-Flair schaffen.

 

 

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Michael Kleeberg, Vaterjahre

Mein Vater und ich. Foto: nw2015

Vater und Sohn.
Foto: nw2015

BÄÄM!
Das Buch beginnt mit einem echten Paukenschlag, ich bin dem Erzähler natürlich auch auf den Leim gegangen!

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, legte seinen ersten Text 1984 vor, der Roman »Vaterjahre« erschien 2014; fünfzehn Werke in dreißig Jahren. Kleeberg übersetzte zudem zahlreiche Texte. Über sein Verständnis von Literatur gibt er in »Michael Kleeberg im Gespräch«, erschienen 2013, Auskunft.

Worum geht es:

Es geht in »Vaterjahre«(490 Seiten in der Lizenzausgabe der Büchergilde) um Karlmann Renn, genannt Charly, der plötzlich über sein Leben nachdenken muß. Anlaß für einen Rückblick auf die Kindheit, auf Besuche auf dem Land, auf Sitten und Strukturen der 60er und 70er Jahre, auf Männer, Frauen und Familienbeziehungen und sicher auch mit autobiographischen Einfärbungen, mit nachgespürten Erinnerungen sehr lebendig erzählt.
Was ist mir aufgefallen:

Es wird an vielen Stellen und Details ganz offenkundig, daß diese Zeit längst vorbei ist:

Karl roch intensiv und angenehm nach Tabak und Alkohol.
(S. 63)

Ein solcher Satz hätte in einem Text über eine Jugend in der Gegenwart keinen Platz.

Ihn ereilt eine drastisch geschilderte Panikattacke. Kleeberg verbindet immer wieder Gegenwart und Vergangenheit bei seinen Schilderungen, die oft wortgewaltig, ja kaskadenartig daherkommen und mich als Leser in ihrem Strudel fortzureißen im Stande sind.

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Frank Schirrmacher, Ungeheuerliche Neuigkeiten

Foto: nw2015

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Die Geschichte des europäischen Intellektuellen im neuen Jahrhundert beginnt mit seinem störrischen oder linkischen Drumherumschweigen. (S. 145)

So schreibt Schirrmacher unter dem 23. Mai 2000 in einem Text über Computerleistungen und deren Auswirkungen auf unser Leben. Es ist ein Text, in dem sich Empörung und Neugier die Wage halten. Schirrmacher, der Neugierige, nimmt Entwicklungen und Diskussionen zur Kenntnis, möchte gerne mehr dazu erfahren und fordert, daß auch hierzulande über diese Dinge diskutiert wird. Daß andere diese Neugier nicht teilen, nichts lesen und kaum diskutieren, empört ihn.

Es ist einer von 44 Texten, die zwischen 1990 und 2014, dem Jahr von Schirrmachers frühem Tod, erschienen sind. Jakob Augstein hat sie zusammengestellt, wobei sich weder Gruppierung noch Reihung in den Gruppen unmittelbar erschließen. Jeder Text ist mit einem taggenauen Datum versehen, das wohl die Veröffentlichung bezeichnet und diese, so darf man schließen – denn man erfährt nichts dazu –, geschah in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die Stücke sind naturgemäß kurz, lediglich die Laudatio auf Martin Walser anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1998) erreicht knapp vierzehn Druckseiten.

Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit 24 Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen. (S. 77)

Dieser Text bezieht sich zwar auf Griechenland, aber nicht auf Ministerpräsident Tsipras, sondern seinen Vorgänger Papandreou und datiert vom 2. November 2011.

Die FAZ hätte ihn Anfang 2015 ein weiteres Mal abdrucken können. Aber vielleicht hätten die Sätze Schirrmachers noch befremdlicher gewirkt, nach weiteren vier Jahren Kasinokapitalismus. Bereits im August 2011 hatte Schirrmacher – und ein leichtes Erschrecken über sich selbst ist ihm dabei durchaus anzumerken – zustimmend den englischen, konservativen Autor Charles Moore zitiert, der – Verehrer und Biograph Margaret Thatchers – geschrieben hatte: „Ich beginne zu glauben, daß die Linke Recht hat.“ Schmerzlich vermißt Schirrmacher auf der bürgerlichen Seite eine Diskussion darüber; vernichtend sein Urteil über die CDU, von der er vermutet, daß „sie das Bürgertum als seinen Wirt nur noch parasitär besetzt, aussaugt und entkräftet“.

„Ein Bürgertum,“ so lautet sein Fazit, „das seine Werte und Lebensvorstellungen von den gierigen Wenigen (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.“ (S. 85)

Schirrmachers Gegenstände sind vielfältig, seine Interessen breit gefächert. Politik und Gesellschaft, Literatur und Kultur, Zukunft und Vergangenheit. Er liest und bezieht Position, er schreibt, um aufzurütteln.

Die Zusammenschau dieser kurzen Texte macht – neben den Monographien Schirrmachers – deutlich, daß sein Nachdenken und seine Stimme fehlen.

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