Michael Kleeberg, Vaterjahre

Mein Vater und ich. Foto: nw2015

Vater und Sohn.
Foto: nw2015

BÄÄM!
Das Buch beginnt mit einem echten Paukenschlag, ich bin dem Erzähler natürlich auch auf den Leim gegangen!

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, legte seinen ersten Text 1984 vor, der Roman »Vaterjahre« erschien 2014; fünfzehn Werke in dreißig Jahren. Kleeberg übersetzte zudem zahlreiche Texte. Über sein Verständnis von Literatur gibt er in »Michael Kleeberg im Gespräch«, erschienen 2013, Auskunft.

Worum geht es:

Es geht in »Vaterjahre«(490 Seiten in der Lizenzausgabe der Büchergilde) um Karlmann Renn, genannt Charly, der plötzlich über sein Leben nachdenken muß. Anlaß für einen Rückblick auf die Kindheit, auf Besuche auf dem Land, auf Sitten und Strukturen der 60er und 70er Jahre, auf Männer, Frauen und Familienbeziehungen und sicher auch mit autobiographischen Einfärbungen, mit nachgespürten Erinnerungen sehr lebendig erzählt.
Was ist mir aufgefallen:

Es wird an vielen Stellen und Details ganz offenkundig, daß diese Zeit längst vorbei ist:

Karl roch intensiv und angenehm nach Tabak und Alkohol.
(S. 63)

Ein solcher Satz hätte in einem Text über eine Jugend in der Gegenwart keinen Platz.

Ihn ereilt eine drastisch geschilderte Panikattacke. Kleeberg verbindet immer wieder Gegenwart und Vergangenheit bei seinen Schilderungen, die oft wortgewaltig, ja kaskadenartig daherkommen und mich als Leser in ihrem Strudel fortzureißen im Stande sind.

Wie begann die Beziehung zu seiner späteren Frau?

Die erste Zeit fuhr Charly mehrgleisig, als er dann im Sommer ’92 bei ihr einzog (überglücklich, die alte Wohnung, die voller Gespenster steckte, verlassen zu können), hörte er sukzessive auf damit. Nicht in erster Linie aus praktischen Erwägungen, sondern weil die Gefühle , die gewachsen waren und wuchsen, es nicht mehr zuließen – oder besser gesagt: weil die Güterabwägung zwischen erotischen Registereinträgen hier und schlechtem Gewissen da in einer Fortführung seiner rein sexuellen Beziehungen keinen darstellbaren  return of investment mehr erwarten ließ. (S. 101)

Wie geht er mit der Krise um – und was ist eigentlich deren Ursache? Kleeberg blickt schonungslos, aber doch mit zwischenmännlicher Sympathie auf seinen Helden, der durch die Erfahrung der Krise schnell und fest an seine spätere Ehefrau gebunden wird.

Es gibt Passagen, die vor bitterer Ironie triefen (über die Pastorin während einer Beerdigung) und solche, die sich kunstvoll über Lichtwahrnehmungen und die Farbe Weiß  ausbreiten. Der Roman handelt vom Älterwerden und den damit verbundenen Veränderungen, von Reifungsprozessen und Sackgassen, abgeschnittenen Pfaden.

Dieses Leben, so unser Eindruck, geht zwar noch voran, aber nicht mehr weiter. (S. 238)

Kleeberg hat außerdem eine Hommage auf Hamburg verfaßt. Sein Text ist überdies eine Analyse von Männlichkeit in all ihren Facetten, handelt von ihrer Bedrohtheit und den kleinen Bestätigungsversuchen, die auch Karlmann Renn unternimmt.

Ein Absatz, der eine Weihnachtsfeier in der Kita zum Gegenstand hat und im Jahr 1998 spielt, enthält das Wort „Negerküsse“. Renn, der es ganz selbstverständlich benutzt, ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und offensichtlich noch nicht sensibilisiert. Wir erfahren außerdem, daß alle im Roman vorkommenden Ehefrauen ein separates Nähzimmer haben, das keiner der Ehemänner betritt und auch nicht betreten darf.

„Auf in den Kampf, die Schwiegermutter naht,
siegesgewiß klappert ihr Gebiß!“

Das steht nicht explizit als erster Satz auf S. 259, aber ich denke es sofort hinzu zu dem Satz, den Kleeberg geschrieben hat. Ein weiterer Pluspunkt für dieses sehr gute Buch! Die Schwiegereltern – und damit auch seine zweite Frau – kommen aus der früheren DDR, und  das ist kein Pluspunkt in Renns Augen. Hier entfaltet Kleeberg ein paar Klischees zu viel; durchaus treffend, aber für die weitere Geschichte zunächst überfüssig. Es folgen dann längere Rückblenden in die Zeit des Kriegsendes, der unmittelbaren Nachkriegszeit und das Leben in der DDR sowie in der Nachwendezeit.

All das ist kraftvoll erzählt und oft getragen von einer „Genau-so-war-es!“-Zustimmung, die sich genauso einstellt wie das zwischenmännliche Einverständnis. Männerperspektive reibt sich im Laufe des Buches ebenso an Frauenperspektive wie Westsicht an Ostsicht. Der auktoriale Erzähler schickt Karlmann in Erinnerungsschleifen, öffnet und verschließt Nebenpfade der Handlung.

Ein Ausflug mit der kleinen Tochter ist eigentlich eine Flucht vor der Familie seiner Frau. Am Ende des Ausflugs entdeckt das Mädchen eine Hochzeit und will mal schauen; auch Karlmann will das nach kurzem Zögern.

Der Bräutigam Typus Rechtsassessor. Knapp dreißig, schütteres Haar, beginnendes Embonpoint, wahrscheinlich Juniorpartner in der Kanzlei seines Vaters. Die Braut – na ja. In so einem Brautkleid mit Schleier und Myrtenkranz sieht aus der Distanz jeder Bauerntrampel erstmal verführerisch aus. Aber für ein Mädel von Anfang, Mitte Zwanzig scheint sie nicht sehr auf ihre Figur geachtet zu haben. Älterer Mann neben ihr, vermutlich der Brautvater. Blazer, graue Hose, Nelke im Knopfloch. Damen mit Tellerhüten und viel bunter Konfektionskleidung. (S. 333)

Die bislang nur von hinten zu sehende Fotografin hingegen „hat ihre Figur gehalten“ und „kann sich die enge Jeans immer noch leisten“ – klar ist, das hier eine frühere Geliebte den Jagdinstinkt oder zumindest die Neugier Karlmanns geweckt hat. Gut, es bleibt bei der Neugier und einer Triumphsituation für den Mann.

Rivalität als Kontinuum einer gewandelten und in ihrer Beständigkeit beeindruckenden Freundschaft; Kleeberg schildert das großartig, genauso wie den Blick der Hamburger auf das ihnen fremde Berlin.

[…] und in der Folge wird ›nette Leute‹ bei ihnen zu einem geflügelten Wort und einem Synonym für Millionäre. (S. 387)

Charly und Kai, der einst Auslöser jener Lebenskrise war, besuchen eine alte Freundin, was Kleeberg Gelegenheit zu Rückblenden und Abschweifungen gibt, er kann Fäden der Erzählung wieder aufnehmen und neue lose Enden auslegen.

Bitter – und gleichermaßen meisterlich! – die kurze Schilderung eines sozialen Abstiegs, die mit dem Tod endet, verflochten mit dem Tod des Vaters, dem Niedergang der Firma und der Scheidung (S. 389-416).

Das Buch endet am 11. September 2001, doch es geht nach den Anschlägen sehr privat und auch sehr versöhnlich mit dem Abschluß der Anfangshandlung zu Ende.

Mein Fazit:

Insgesamt stellt der Roman eine gelungene Lebensschilderung dar, zeigt den Helden beim Wachsen und Reifen, beim Meistern von Aufgaben und beim Kampf mit Problemen. Gleichzeitig liefert er ein Sittenbild in mehrfacher Hinsicht, mit den Rückblenden in die alte Bundesrepublik und die frühere DDR, mit dem Männer- und Frauenbild des Karlmann Renn und Schlaglichtern auf die feine Gesellschaft.

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3 Antworten zu Michael Kleeberg, Vaterjahre

  1. Maren Wulf schreibt:

    Musste sehr schmunzeln über diesen Beitrag voll „zwischenmännlicher Sympathie“… 😉

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  3. Pingback: Meine 10 Highlights aus 2015 | notizhefte

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