Frank Schirrmacher, Ungeheuerliche Neuigkeiten

Foto: nw2015

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Die Geschichte des europäischen Intellektuellen im neuen Jahrhundert beginnt mit seinem störrischen oder linkischen Drumherumschweigen. (S. 145)

So schreibt Schirrmacher unter dem 23. Mai 2000 in einem Text über Computerleistungen und deren Auswirkungen auf unser Leben. Es ist ein Text, in dem sich Empörung und Neugier die Wage halten. Schirrmacher, der Neugierige, nimmt Entwicklungen und Diskussionen zur Kenntnis, möchte gerne mehr dazu erfahren und fordert, daß auch hierzulande über diese Dinge diskutiert wird. Daß andere diese Neugier nicht teilen, nichts lesen und kaum diskutieren, empört ihn.

Es ist einer von 44 Texten, die zwischen 1990 und 2014, dem Jahr von Schirrmachers frühem Tod, erschienen sind. Jakob Augstein hat sie zusammengestellt, wobei sich weder Gruppierung noch Reihung in den Gruppen unmittelbar erschließen. Jeder Text ist mit einem taggenauen Datum versehen, das wohl die Veröffentlichung bezeichnet und diese, so darf man schließen – denn man erfährt nichts dazu –, geschah in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die Stücke sind naturgemäß kurz, lediglich die Laudatio auf Martin Walser anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1998) erreicht knapp vierzehn Druckseiten.

Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit 24 Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen. (S. 77)

Dieser Text bezieht sich zwar auf Griechenland, aber nicht auf Ministerpräsident Tsipras, sondern seinen Vorgänger Papandreou und datiert vom 2. November 2011.

Die FAZ hätte ihn Anfang 2015 ein weiteres Mal abdrucken können. Aber vielleicht hätten die Sätze Schirrmachers noch befremdlicher gewirkt, nach weiteren vier Jahren Kasinokapitalismus. Bereits im August 2011 hatte Schirrmacher – und ein leichtes Erschrecken über sich selbst ist ihm dabei durchaus anzumerken – zustimmend den englischen, konservativen Autor Charles Moore zitiert, der – Verehrer und Biograph Margaret Thatchers – geschrieben hatte: „Ich beginne zu glauben, daß die Linke Recht hat.“ Schmerzlich vermißt Schirrmacher auf der bürgerlichen Seite eine Diskussion darüber; vernichtend sein Urteil über die CDU, von der er vermutet, daß „sie das Bürgertum als seinen Wirt nur noch parasitär besetzt, aussaugt und entkräftet“.

„Ein Bürgertum,“ so lautet sein Fazit, „das seine Werte und Lebensvorstellungen von den gierigen Wenigen (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.“ (S. 85)

Schirrmachers Gegenstände sind vielfältig, seine Interessen breit gefächert. Politik und Gesellschaft, Literatur und Kultur, Zukunft und Vergangenheit. Er liest und bezieht Position, er schreibt, um aufzurütteln.

Die Zusammenschau dieser kurzen Texte macht – neben den Monographien Schirrmachers – deutlich, daß sein Nachdenken und seine Stimme fehlen.

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