Der letzte Zeitungsleser

Michael Angele, Der letzte Zeitungsleser, Galiani Berlin: 2016, 153 Seiten.

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Anregender und kurzweiliger Text über das Beschaffen und Lesen von Zeitungen sowie die dazugehörigen Orte, insbesondere Kaffeehäuser. Wandel allerorten, und wir mittendrin.

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Klare Empfehlung!

Eine ausführlichere Besprechung gibt es auf Philea’s Blog.

 

 

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Stefan Zweig im Exil

George Prochnik, Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt, München: C.H. Beck, 2016, 397 Seiten.

Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und dem Ende des Dritten Reiches am 8. Mai 1945 etwa 500000 Menschen aus Deutschland emigrierten.

So heißt es in einer Veröffentlichung des Klett-Verlags, die unter dem Titel „Emigration und Exil infolge des Nationalsozialismus 1933–1945“ als PDF-Datei frei verfügbar ist.

Die Zahl ist gleichzeitig hoch und – ebenso erschreckend wie lächerlich – gering und insofern Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Fragen – doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Viele dieser Menschen waren jüdischer Abstammung oder jüdischen Glaubens, ein kleinerer Teil waren dezidiert politische Gegner des Regimes, viele gehörten zu den wissenschaftlichen, künstlerischen oder wirtschaftlichen Eliten Deutschlands und Österreichs.

Zu den Österreichern, Schriftstellern und Juden gehörte Stefan Zweig, 1881 geboren, Autor erfolgreicher historischer Romane und kürzerer Erzählungen, weitgereister und weltgewandter Großbürger. Prochniks Buch erzählt, wie das Exil, der unfreiwillige Ausnahmezustand, Zweig entwurzelte, erschöpfte und brach.

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Mit vielen Rückblenden verknüpft der Autor die Exilerfahrung mit den früheren Leben Zweigs, um das biographische Bild abzurunden. Zum Schluß der Lektüre hin fand ich das Mäandern des Erzählflusses aber doch etwas unbefriedigend.

Beim Lesen habe ich immer wieder »Thomas Mann, der Amerikaner« von Hans Rudolf Vaget im Kopf, das ich im Jahr 2012 las. Auch hier ging es um die große Umgewöhnung, die fremde Sprache, das schwierige Verhältnis zu den anderen, meist deutlich weniger privilegierten Exulanten – zuvörderst der eigene Bruder. Interessant, wie unterschiedlich beide Schriftsteller mit der Situation umgingen. Frappierend auch, daß beide Herren absolute Ruhe zum Arbeiten brauchen und von ihren Ehefrauen dementsprechend abgeschirmt werden, im Falle TMs muß auch die Kinderschar früh lernen, daß der Zauberer nicht gestört werden darf.

Vaget bezieht sich bei seiner Bewertung des Schriftstellers im Exil übrigens – wie ich finde, mit großem Gewinn – auf die in Joseph Horowitz‘ Buch »Artists in Exile. How Refugees from Twentieth-Century War and Revolution Transformed the American Performing Arts« vorgenommene Analyse. Es geht um die Aufgeschlossenheit gegenüber Amerika und den Austausch mit sowie Beitrag zur Kultur des Gastlandes. Dabei, so paraphrasiert Vaget Horowitz, hätte sich gerade die Deutschen im Bewußtsein ihrer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit unendlich schwer getan, viel schwerer als beispielsweise die Russen. Horowitz vergleicht hier Thomas Mann und Vladimir Nabokov. Verglichen mit Zweig ist Mann also zwar besser durchgekommen, aber gleichfalls nicht angekommen. Vaget weist auf Grenzen des Horowitzschen Ansatzes hin, sieht in der amerikanischen Perspektive auf die Ankömmlinge aber ein notwendiges Korrektiv zu den üblichen, germanozentrischen Fragestellungen.

Schon die Exiletappe in Frankreich zeigte, pointiert skizziert von Sybille Bedford (S. 217), die Selbstbezogenheit der geflüchteten Autoren. Daran sollte sich auch in Amerika kaum etwas ändern. Den amerikanischen Büchermarkt verachtete Zweig, dort reüssiere nur Massenware (S. 236) – die eigene, sehr große Popularität in Brasilien aber, die er bei seinem ersten Besuch im Jahre 1936 kennenlernte, nahm er dankbar hin (S. 310ff.). Martin Gumpert, den Prochnik paraphrasiert, diagnostizierte eine unsanfte Begegnung der zu Hause privilegierten Schriftsteller mit der Realität der Massen- und Mittelklassengesellschaft (S. 238f.).

Seit Wochen sehe ich ganz rigoros keinen Menschen. (S. 340)

Prochnik schildert gekonnt die Person Zweigs und läßt einen Menschen sichtbar werden, der einen tiefgreifenden Wandlungsprozeß erlebt und sich davon und dem damit verbundenen Wegbrechen seiner Lebensgrundlagen nicht erholt, dessen Leben entzwei ging, dessen Illusionen zerplatzt sind. Hochinteressant sind die Passagen über das Leben der Juden in Wien und über die Fallstricke der spezifischen Wiener Art von Assimilation. Zweig war – und das wurde ihm in seinem letzten Lebensjahrzehnt immer deutlicher – ein echter „Außenseiter“ im Sinne des (späteren) Buchs von Hans Mayer. Er schätzt Theodor Herzl, den er als junger Mann kennenlernt, aber Zweig wird kein Zionist, weil er den Nationalismus ablehnt.

Die Schilderung der Wiener Gesellschaft, Kultur und Literatenszene, versinnbildlicht in den Kaffeehäusern, gerät dem Autor zu einer wahren Pathogenese des Nationalsozialismus, der in Wien auf ein Kartenhaus trifft, das er – nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs – nurmehr umblasen muß.

Die Darstellung auf den Seiten 212-213 erinnert auf fatal-frappierende Weise an die heutigen Diskussionen über Flüchtlinge:

Trotzdem [maximal 300.000 Flüchtlinge aus Europa kamen zur NS-Zeit in die USA] herrschte aufgrund einer Mischung aus bewusster Propaganda und allgemeiner Paranoia das Gefühl vor, Amerika werde so sehr von Exilanten überschwemmt, dass Arbeitsplätze und sogar die Demokratie selbst in Gefahr seien. In einer Industriestadt in der Nähe von New Haven machte sich das Gerücht breit, Amerikaner würden von heute auf morgen aus Fabrikjobs gedrängt, um Platz für Immigranten zu schaffen. Das Arbeitsministerium nahm die sechs wichtigsten Firmen der Stadt unter die Lupe und kam zu dem Schluss, «dass ein einziger Flüchtling in einer der Fabriken als Fahrstuhlführer eingestellt wurde. Diese Stelle wurde extra für ihn geschaffen, niemand wurde ersetzt.» In New York kursierte 1938 «Flüsterpropaganda», die behauptete, in den großen Warenhäusern würden so viele Flüchtlinge eingestellt und Amerikaner entlassen, dass Kunden inzwischen Deutschwörterbücher zum Einkaufen mitnehmen müssten. Die Bezichtigungen nahmen immer größere Dimensionen an, sodass sich die Geschäftsführer der großen Kaufhäuser gezwungen sahen, den Gerüchten öffentlich zu widersprechen: So ließ Bloomingdale’s wissen, unter den 2653 Angestellten sei genau ein Verkäufer, der aus Deutschland geflohen sei. «Keine einzige Person wurde bei uns je entlassen, um für einen Flüchtling Platz zu machen», betonte man.

Die kulturelle Fremdheit, die gesellschaftlich prekäre Situation, Ungeschicklichkeit im Adaptieren der neuen Situation, mitunter ein Angewiesenen auf die eigenen Kinder – all das nahm die Exulanten nicht für Amerika ein. Wohl dem, der arbeiten, also schreiben konnte, der noch Worte fand. Zweig schrieb seine Autobiographie, »Die Welt von gestern«. Prochnik begreift das Buch als – leider unzureichenden – Versuch Zweigs, mit der Gegenwart fertig zu werden, und gleichzeitig als großartiges Vermächtnis des Autors, als Teil seiner lebenslangen Bildungsmission.

Interessant ist die Gegenüberstellung von Österreich und Brasilien, vom Klima bis zur völlig gegensätzlichen Sexualmoral. Ob daraus epochenübergreifende Aussagen zu Gewaltpotentialen von Gesellschaften gemacht werden können, bleibt offen, ist aber natürlich auch für uns heutige interessant.

Politisch erscheint der Humanist Zweig immer wieder etwas naiv bei seiner Einschätzung von Regimen– ob in Deutschland oder Brasilien –, aber seine moralische Integrität gleicht das dann doch ebenso aus wie seine unbändige Wertschätzung der Freiheit.

Prochniks Schilderung von Zweigs Lebensende gerät für meinen Geschmack ein wenig kitschig, wie insgesamt auch die Schlußfolgerungen allzu gefühlig ausfallen – und den politischen Rechtsruck in Österreich erstaunlicherweise völlig ausblenden.

Mein Fazit lautet gleichwohl, daß es sich um ein äußerst lesenswertes Buch handelt. Dies ist in erster Linie dem Gegenstand geschuldet, bezieht sich in weiten Teilen aber auch auf die Darstellung selbst und den gewählten Zugriff.

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Erkundung: Warum liest Du?

Tobi vom schönen Blog Lesestunden hat wieder eine Reihe interessanter Fragen gestellt, die um die Motivation von Lesern und um ihre Lesegewohnheiten kreisen. Ich habe mir Zeit genommen und sie beantwortet. Das gab mir eine willkommene Gelegenheit, mein Leseverhalten und meine Einstellung zu Büchern und Verlagen zu reflektieren.

Los geht’s!

Warum liest du?

Ich habe schon als kleiner Junge viel gelesen, meist harmlose Abenteuergeschichten, in die ich völlig versunken bin, später dann Krimis, Schullektüre. Hängen geblieben bin ich bei der deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, bei Fach- und Sachbüchern mit historischem, auch zeitgeschichtlichem Fokus und Biographien. All das las und lese ich wegen der Inhalte – gute Geschichten, interessante Charaktere, interessante Informationen – und oft wegen der Sprache. Lesen als Zeitvertreib, ja, aber vor allem zur Bildung und zum Genuß.

Was liest du? Welche Genres bevorzugst du? Liest du auch Klassiker?

Romane, vor allem deutschsprachige des 19. und 20. Jahrhunderts. Dramen und Gedichte der deutschen Romantik und Klassik. Historisches, Biographien. Briefe und Tagebücher.

Ich müßte mehr Russen und Franzosen lesen.

Welche Autoren favorisierst du? Oder hast du keine bevorzugten Autoren?

Goethe und Schiller, Shakespeare, Theodor Fontane, Thomas Mann, Hugo von Hofmansthal, Joseph Roth, Stefan Zweig, Heinrich Mann, Siegfried Lenz, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Thomas Nipperdey, Lothar Gall, F. Scott Fitzgerald.

Wo liest du überall? Nur Zuhause, nur in der S-Bahn, überall, …?

Vor allem zu Hause, aber gerne auch im Café oder auf einer Parkbank. Auf längeren Zugfahrten.

Liest du viel oder wenig? Wie viel Zeit verbringst du in der Woche mit Lesen? Wie viele Bücher liest du im Schnitt pro Monat/Jahr? Machst du auch längere Lesepausen?

Ich kann schneller Bücher kaufen als lesen. Ich bin kein Vielleser, Arbeit, Sport, Sozialleben und – horribile dictu! – Internet brauchen auch Zeit. Mehr als zwei Bücher im Monat schaffe ich nicht.

Liest du schnell oder langsam? Wie viele Seiten liest du ungefähr in einer Stunde?

Langsam. Aber ohne auf die Uhr zu sehen.

Wie viele Bücher liest du in der Regel gleichzeitig?

Drei bis sechs.

Welche Formate bevorzugst du? Taschenbücher, gebundene Bücher, broschierte Bücher, Prunkausgaben? Legst du Wert auf eine hochwertige Verarbeitung deiner Bücher? Spielt die Optik des Buches eine Rolle für dich?

Eigentlich gebundene Bücher, aber bei manchen Romanen denke ich, daß es da auch ein Taschenbuch getan hätte. Meine Sach- und Fachbücher sind überwiegend gebunden, außer es sind die schwarzen Suhrkamp-Bände von Luhmann, Habermas, Plessner, Böckenförde oder Koselleck. Gelegentlich kaufe ich bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft ein schön gestaltetes Buch mit Illustrationen.

Manchmal kaufe ich ein Buch, weil mich das Cover anspricht und die nähere Inaugenscheinnahme mich neugierig macht. In diesen Fällen stehen die Chancen fünfzig-fünfzig.

Liest du auch Ebooks? Wenn ja wie oft und welche Bücher?

Ganz selten. Habe zwar einen Kindle, aber bin nicht zum Poweruser geworden.

Wo versorgst du dich mit neuen Büchern? Beim Buchhändler ums Eck? In der Bibliothek? Aus dem Bücherbus?

In der Buchhandlung. In Berlin vor allem: Autorenbuchhandlung, Marga Schöller, Kohlhaas und Company, Schleichers Buchhandlung. In Hamburg: Felix Jud.

Was ich zum Arbeiten brauche, leihe ich meist aus: Die Staatsbibliothek Berlin ist mein Lieblingsclub.

Kaufst du auch gebrauchte Bücher?

Ja, aber selten. Etwa die Adenauer-Biographie von Schwarz.

Wieviel bist du bereit für ein gutes Buch auszugeben?

Das kommt ganz darauf an.

Verleihst du Bücher? Wenn ja an wen und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Selten. An Freunde oder bestimmte Arbeitskollegen. Habe die Bücher immer ordentlich zurückbekommen.

Wie viele Bücher hast du im Schnitt auf deinem Stapel ungelesener Bücher? (Alternativ: wie viele Regale ungelesener Bücher hast du?)

20 bis 30 (also Bücher).

Wo bei dir Zuhause hast du überall Bücher?

Überall.

Wie sortierst du deine Bücher im Regal?

Thematisch.

Was nutzt du als Lesezeichen? Oder knickst du die Seiten ein?

Tobi! Ich nutze Lesebändchen, Postkarten oder Blockseiten.

Wenn du mit dem Lesen pausierst, liest du dann das Kapitel immer zu Ende oder hörst du auch mal mittendrin auf?

Ich höre auch mittendrin auf.

Worauf achtest du beim Kauf eines Buchs? Was für Kriterien muss ein Buch erfüllen, damit du es dir kaufst? Spielt der Verlag eine Rolle?

Das hängt vom Genre ab. Thomas Mann gibt es bei S.Fischer, da kaufe ich traditionell die Frankfurter Ausgabe von Peter de Mendelssohn. Aber natürlich reizt mich die GKFA. Doch wohin mit den 38 Bänden? Meine Münchner Goetheausgabe füllt schon zwei ganze Regalbretter.

Bei Sach- und Fachbüchern ist vieles von C.H.Beck, Rowohlt oder der WBG. Da sind es vor allem die Themen, die mich zum Kauf verleiten.

Wirfst du Bücher in den Müll?

Tobi! Natürlich nicht.

Wie belesen ist dein Bekannten- und Freundeskreis? Kennst du Menschen, die kein Buch besitzen?

Bei Paaren ist oft ein Teil Vielleser, der andere nicht. Richtige Nichtleser kenne ich, glaube ich, nicht.

Was für eine Rolle spielen Bücher in deinem Berufsleben?

Eine sehr große. Ich bin Jurist und Hochschullehrer.

Brichst du Bücher ab, wenn dir der Inhalt nicht zusagt?

Ja, aber selten.

Bittet man dich im Freundes- und Bekanntenkreis um Buchtipps?

Das kommt vor. Vor allem, wenn Leute meinen Blog nicht lesen.

Wenn deine Bücher plötzlich alle verloren gehen (z.B. Feuer, Hochwasser, böse Fee, …), welche drei Bücher würdest du dir sofort neu bestellen?

Fontane, Der Stechlin. Mann, Der Zauberberg. Roth, Radetzkymarsch.

Gehören ein Heißgetränk und Kekse zum Leseabend?

Gerne. Aber ein Glas Wein geht auch.

Hörst du während dem Lesen Musik, oder muss bei dir völlige Stille herrschen?

Wenn ich aktiv Musik höre – Opern oder klassische Sinfonik – konzentriere ich mich darauf und lese gegebenenfalls in der Partitur mit. Also kein Buch und richtiges Musikhören zusammen.

Ich kann aber bei einer Geräuschkulisse – etwa im Café oder Park – wunderbar lesen.

Liest du Bücher mehrmals? Wenn ja welche und warum?

Natürlich. Mann, Fontane, Goethe und Schiller. Manches habe ich vier- oder fünfmal gelesen, immer wieder lese ich Auszüge. Die Buddenbrooks schlage ich auf und bin drin in der Geschichte. Das ist ein wunderbares Gefühl, man liest eine halbe Stunde oder Stunde und taucht dann wieder auf.

Markierst du dir Stellen in einem Buch? Wenn ja wie?

Für eine Besprechung mache ich mir Notizen, ansonsten markiere ich sehr wenig. Vielleicht mal ein Bleistiftstrich.


So, das waren meine Antworten. Wie haltet Ihr es mit den Büchern?

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Aus grauer Vorzeit – ein Blick in das Neue Museum (Berlin)

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Berliner Goldhut (ca. 1000-800 v. Chr.), Fundort vermutlich Süddeutschland Foto: nw2016

Ein gutes Buch bringt den Leser zum Weiterdenken. So erging es mir kürzlich mit der interessanten Studie von Johann Chapoutot, „Der Nationalsozialismus und die Antike“, wo ich auf eine Kontroverse zwischen Hitler und Himmler aufmerksam wurde. Die Nationalsozialisten waren damit beschäftigt, ein historisches Narrativ zu entwickeln, das die herausragende Bedeutung der Arier durch die gesamte Menschheitsgeschichte belegen und so den aktuellen Herrschaftsanspruch der neuzeitlichen Arier, also der Deutschen, begründen sollte. Daran beteiligten sich nicht nur Propagandisten der Partei wie Alfred Rosenberg, dessen Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“ (1930) gleichsam die theoretische Summa dieser Bemühungen darstellte, sondern auch die Geschichtswissenschaft (Joseph Vogt, Helmut Berve) und natürlich die sogenannte Rassenkunde (v.a. Hans Friedrich Karl Günther). Diese Inhalte wurden an den Schulen unterrichtet und in Schulungswerken für Partei, Polizei und Reichswehr vermittelt. Hiernach wären die Arier in Schüben immer wieder aus ihrem nordischen Kernland nach Osten, Westen und Süden gewandert, hätten dort unter günstigen klimatischen Bedingungen Hochkulturen errichtet, die sich dann aber im Laufe der Jahrhunderte mit „minderwertigen Rassen“ vermischt und deshalb wieder herabgesunken seien. Aus „Ex oriente lux“ wurde so das ideologisch dringend notwendige „Ex septentrione lux“.

Himmler, der Reichsführer SS, war stolz auf das germanische Erbe und unternahm große wissenschaftliche und propagandistische Anstrengungen, dieses in gebührendem Licht erscheinen zu lassen. Demgegenüber verachtete Hitler die Germanen ob ihrer kulturellen Rückständigkeit im Vergleich mit den Griechen und Römern. Chapoutots Buch belegt dies durch zahlreiche Zitate (die beiden nachstehenden stammen aus dem Jahre 1942 und finden sich im Buch auf S. 82):

Wer weiß, ob der Neandertaler nicht ein Affe war. […] Wenn man uns nach unseren Vorfahren fragt, müssen wir immer auf die Griechen verweisen.

Sie [die Germanen] waren auf keiner höheren Kulturstufe wie heute die ‚Maori‘ (Neuseeländer Negerstamm).

Gründe genug, wieder einmal das Neue Museum in Berlin zu besuchen, in dem unter anderem das Museum für Vor- und Frühgeschichte und Teile der Antikensammlung untergebracht sind.

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Treppenhaus Foto: nw2016

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Treppenhaus Foto: nw2016

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Treppenhaus Foto: nw2016

Das vom Architekten Friedrich August Stüler von 1843 bis 1845 erbaute Neue Museum war mit den technischen Mitteln der Industriellen Revolution errichtet worden und brachte mehrere tausend Jahre Kunst- und Kulturgeschichte unter einem Dach zusammen. Am 3. Februar 1945, drei Monate vor dem Ende des von den Nationalsozialisten entfesselten Krieges, wurde das Haus von Bomben getroffen und brannte aus. Es blieb als Ruine stehen. Nach mehrjährigem Wiederaufbau und einer interessanten Mischung aus Restaurierung und Belassung der Kriegsspuren (Architekt: David Chipperfield) wurde es im Jahr 2009 wiedereröffnet.

Zu seinen Hauptattraktionen zählt natürlich das Ägyptische Museum mit der besonders exponiert gezeigten Büste von Nofretete, aber auch dem im Beitragsbild gezeigten Berliner Goldhut gebührt Aufmerksamkeit.

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Goldhüte (Simulation) vom Typus Schifferstadt Foto: nw2016

Die Goldhüte sind bronzezeitliche Artefakte, die als Kultobjekte dienten und Herrschaft(swissen) symbolisierten. Sie stehen im Neuen Museum für einen der vielen entwicklungsgeschichtlichen Höhepunkte von Steinzeit über Bronzezeit zur  Eisenzeit.

Der von Sigmar von Schnürbein herausgegebene »Atlas der Vorgeschichte. Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt«, 3. Aufl. 2014, enthält den heutigen Forschungsstand zum Thema:

Auch wenn wir Europäer unseren Kontinent als einen zentralen Teil der Welt empfinden, so handelt es sich aus der Forschungsperspektive zum frühen Menschen  eher um eine Sackgasse: Europa wird weitgehend von Meeren begrenzt, und der Riegel der Hochgebirge von den Pyrenäen über die Alpen bis zu den Karpaten führt zu einer Nord-Süd-Teilung mit sehr unterschiedlichen Klimabedingungen. Die nördlichen Gebiete dürfen dabei global als eine Ungunstregion betrachtet werden, die ohne kulturell fortgeschrittene Grundfertigkeiten – wie etwa die Beherrschung des Feuers – kaum vom Menschen genutzt werden konnte. (S. 13)

Heute geht man davon aus, daß sich aus dem Homo erectus einerseits der Neandertaler entwickelte, der dem Klima in Mittel und Nordeuropa gewachsen war, und später der Homo sapiens, der sich dann von Afrika aus nach und nach über die gesamte Welt verbreitete. Europa wurde dabei hauptsächlich von Südosten her besiedelt.

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Quelle: Die Zeit vom 15.9.2016 Foto: nw2016

Nach einer erstaunlichen Blütezeit am Ende der frühen Bronzezeit folgt die mittlere Bronzezeit (1600/1550-1300 v. Chr.), eine eher beschauliche Periode mit weniger weiträumigen kulturellen Verflechtungen. Auf dem griechischen Festland bildet sich nun das System der Palastherrschaft mit seinen engeren Bindungen an die Welt der vorderorientalischen Hochkulturen heraus – eine Neuigkeit für Europa, das jetzt zum ersten Male Berührungen mit der Schrift bekommt. Nordeuropa findet in seiner Periode II in der Bronzezeit durch erstaunlich eigenständige Kulturleistungen Anschluss an das Niveau weiter südlich gelegener Gebiete. (Atlas der Vorgeschichte, S. 113)

Dementsprechend ist für die Spätbronzezeit eine Vergleichbarkeit des kulturellen Niveaus über alle Teilräume Europas hinweg zu beobachten. In der anschließenden Eisenzeit (800 v. Chr. – Christi Geburt) profitierte Europa erneut von Vorderasien und übernahm die neue Technik sukzessiv in Schüben durch einen engen und kontinuierlichen Austausch zwischen den verschiedenen Siedlungsgebieten.

Die nordische Theorie ist stets Fiktion gewesen, aber auch der spezifisch deutsche Blick des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf die griechisch-römische Antike hat zu einer – heute differenzierter ausfallenden – Idealisierung einer Epoche geführt, neben der andere Kulturleistungen zu Unrecht verblassen mußten.

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