Literaturnobelpreis

Träger des Nobelpreises für Literatur 1901

Träger des Nobelpreises für Literatur 1901

Die diesjährige Verleihung des Literaturnobelpreises ist Anlaß für mich, zurückzuschauen, dorthin, wo alles begann, in diese „Welt von gestern“, die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Auf dem Foto links liegt, in elfenbeinfarbenem Seidenstoff gebunden, der erste Band der im Coron-Verlag herausgebrachten Nobelpreisreihe. Leider ist das Buch undatiert. 1983 erschienen 28 Bände in grüner Taftseide, diese Version dürfte in den 1960er Jahren erschienen sein.

Prudhomme lebte von 1839 bis 1907 und war seit 1887 Mitglied der Académie Française. Das „Intime Tagebuch“, das hier abgedruckt wurde, ist nicht das ausgezeichnete Werk. Die Einleitungstexte legen nahe, daß auch nicht das Lebenswerk Prudhommes, sondern die französische Literatur als solche, die als die führende der Welt angesehen wurde, gewürdigt werden sollte.

Sully Prudhomme

Sully Prudhomme

Da es der erste Nobelpreis war, mußte sich die Schwedische Akademie überhaupt auf die ganze Angelegenheit vorbereiten, eine Bibliothek anlegen, Bücher sichten und um Vorschläge bitten.

Neben dem Tagebuch enthält der Band auch die Werke „Melancholie“ und „Gedanken“.

eine der Tagebucheintragungen

eine der Tagebucheintragungen

aus dem Band

aus dem Band

Veröffentlicht unter Bücher, Gedichte, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Neuerwerbungen: Cabanes/Duménil (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg

IMG_5551

Foto: nw2016

Heute kam es mit der Post, ein schönes, großformatiges Buch, 478 Seiten stark und reich bebildert. 2007 als »Larousse de la Grande Guerre« erschienen und von insgesamt neun Historikern verfaßt, schildert das Buch in 68 Kapiteln jeweils unter einem Datum „den“ Krieg. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat das Buch nun 2013 in einer Übersetzung von Birgit Lamerz-Beckschäfer herausgebracht.

Die international zusammengesetzte Autorengruppe entstammt einer bestimmten französischen Forschungsrichtung, die sich im »Historial de la Grande Guerre« in Péronne an der Somme etabliert und gefunden hat. Deren Besonderheit besteht ausweislich des Vorworts darin, bei der Untersuchung des Ersten Weltkrieges auf die enge Verbindung von Front und Heimat zu achten. Dabei geht es um das Verhalten der millionenfach zu Soldaten gemachten jungen Männer in den Schützengräben, um Kriegserfahrungen von Kindern, gewandelte Religiosität, die Wirkungen von Propaganda und um das erstaunliche Durchhaltevermögen.

Wichtig und sehr sinnvoll erscheint mir der Ansatz, den Großen Krieg gesamteuropäisch in den Blick zu nehmen, so daß auch der Armenier-Genozid vorkommt. Daneben wird die kulturelle Entwicklung nicht ausgeblendet, Dada kommt ebenso vor wie Mata Hari. Der Appell Benedikts XV. wird ebenso thematisiert wie Wilsons 14 Punkte, die Spanische Grippe und das Frauenwahlrecht zur Wahl der Nationalversammlung im Deutschen Reich.

Angekündigt wird auch ein neuer Blick auf die Bedeutung der Dolchstoßlegende („im Felde unbesiegt“), der durch die auf beiden Seiten der Front vorherrschende Einschätzung der deutschen Siegeschancen im Zusammenhang mit der „Michael-Offensive“ im März 1918 erklärt wird.

Gut finde ich außerdem, daß das Buch bereits 1912 einsetzt und episodisch bis ins Jahr 1928 reicht. Siehe auch den Post Wege zum Ersten Weltkrieg.

Insgesamt ein schön gestaltetes und hoch interessantes Buch, auf dessen Lektüre ich mich sehr freue.

Neuerwerbungen: Auf dem Antiketrip

Veröffentlicht unter Bücher, Geschichte, Gesellschaft, Neuerwerbungen, Politik | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Briefwechsel Hemingway – Fitzgerald

„Freut mich zu erfahren, dass Du verbittert bist, da ich der Meinung bin, dass das die literarische Produktion stimuliert.“

Hemingway an Fitzgerald, ca. 20. April 1926, S. 43

Ein schmales, 159 Seiten umfassendes Bändchen mit recht vielen Fotos. Es wurde herausgegeben von Benjamin Lebert, einem 1982 geborenen Schriftsteller, Autor des Jugendromans „Crazy“ (1999).  Eine mäßige Editionsleistung, der Anmerkungsapparat ist dünn und läßt zu viele Fragen offen, das Vorwort ist recht deskriptiv und vor allem am Schluß beinahe bekenntnishaft persönlich.

Das wiederum findet Paul Ingendaay in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sympathisch und unerschrocken. Wenn man, wie offenbar Ingendaay viel von beiden Autoren gelesen hat und aus anderen Quellen einiges über sie weiß, gerät die Lektüre der Briefe zweifelsohne zum großen Genuß. Lebert leistet jedenfalls mir keine Hilfe dabei.

Die Briefe, die die beiden Autoren ausgetauscht haben, sind nicht vollständig erhalten, jedenfalls nicht in den zugrundeliegenden Editionen (von denen nur diejenige der Briefe Hemingways genannt wird, woher die Briefe Fitzgeralds kommen, bleibt ein Geheimnis).  Allzuviele Briefe sind es jedenfalls nicht. Es geht überwiegend – und beinahe zu gleichen Teilen – um Klatsch, Alkoholkonsum, Geldsorgen (eigene und fremde) und um Kritik am Werk des jeweils anderen. Beide loben sich gegenseitig, Fitzgerald macht häufig Kürzungsvorschlage.

Hemingway lobt – für mich überraschend – die Buddenbrooks: „ein ganz verdammt gutes Buch. Wäre er ein großer Schriftsteller, wäre es prima.“ (S. 29, Brief vom 15. Dezember 1926). Fitzgerald schreibt: „Spenglers zweiter Band [von der Untergang des Abendlandes [BL]] ist fabelhaft. Nichts sonst ist annähernd so gut.“ (S. 96, Brief vom 28. Dezember 1928)

Dorothy Parker wird einmal erwähnt (S. 108), ebenso wie ihr Mann Alan Campbell (S. 140). Die meisten der übrigen Namen, die genannt werden, sagen mir wenig bis nichts, so daß ich ohne das Hinzuziehen eines Literaturlexikons in dieser Hinsicht kaum Gewinn aus dem Buch ziehen kann.

Ein Fehlkauf also? Gewiß kein Höhepunkt des Lesejahres 2013; aber bis zur nächsten Fitzgerald-Lektüre darf das Buch im Regal stehen, vielleicht sehe ich es ja dann mit anderen Augen. Und vielleicht ermanne ich mich ja doch dazu, „Wem die Stunde schlägt“ wiederzulesen. Oder ich gucke den Film – wegen Ingrid Bergmanns legendärem Kurzhaarschnitt.

Eine schöne Besprechung des Buches gibt es jetzt bei Sätze&Schätze.

Veröffentlicht unter Bücher, Gesellschaft, Literatur | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

Goethe am Sonnabend Nr. 6

„Wilhelm kam nunmehr in die Jahre, wo die körperliche Kräfte sich meist zu entwickeln anfangen, und wo man oft nicht begreifen kann, warum ein witziges und munteres Kind zusehends dumpf, und unbetulich wird. Er las nunmehro viel, und fand in Komödien immer seine beste Befriedigung, und was er von Romanen las, konnte er nicht umhin, in seinem Sinne zu Schauspielen umzubilden. Er war in dem Wahn, daß alles, was in der Erzählung ergötze, vorgestellt noch viel treffender sein müsse. Auch wenn er etwa den Abriß einer Welt und Staaten Geschichte in der Schule durchlesen mußte zeichnete er sich sorgfältig aus, wo einer auf besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde, weil sich, nach seiner Vorstellung, dieses zu einem fünften Akt gar trefflich qualifizierte, denn die vier vorhergehende bracht er in seinen Kompositionen nicht leicht in Anschlag, weil er sie in keinem Stück jemals gelesen hatte. Seine Kameraden die in den Geschmack von Agieren gekommen waren veranlaßten ihn manchmal Rollen auszuteilen,  und er, der eine sehr lebhafte Vorstellungskraft hatte, und sich in alle Rollen denken konnte, glaubte er könne sie auch alle vorstellen, er nahm daher meistens die sich am wenigsten für ihn schickten, und wenn’s nur einigermaßen angehen wollte gewöhnlich ein paar Rollen. Es ist ein Zug der Kindheit aus allem alles machen zu können, sich [durch] die augenscheinlichsten Quiproquos nicht irren zu lassen. So spielten unsere Knaben fort, und jeder dünkte sich genug. Sie führten erst Stücke von bloß Mannspersonen auf, deren es nun nicht viel gibt, verkleideten nun bei andern einige aus ihrem Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In einigen Häusern sah man’s als eine nützliche Beschäftigung an, lud Gesellschaften drauf. Ein verwandter Hagestolz, der sich Kenner zu sein ausgabe, mischte sich drein, lehrte sie wie sie sich stellen, deklamieren und abgehen sollten, mit welchem Unterricht Wilhelm meist übel zufrieden war, weil er sich dünkte, es immer noch besser zu machen, als der es anwies. Sie fielen gar bald aufs Trauerspiel, sie hatten gar oft sagen hören, und glaubten es selbst, es sei leichter, ein Trauerspiel als ein Lustspiel zu machen und vorzustellen,  und waren auch durchgehends bei jenem zufriedner als bei diesem, weil hier das Platte, Abgeschmackte, Unnatürliche gar schnell in die Augen fiel, dort aber sie sich selbst als erhabne Wesen vorkamen, und nichts war, das ihnen [das] Schwülstige Affektierte, Übertriebne ihrer tragischen Aktion mißbilligte, besonders da sie im gemeinen Leben bemerkt hatten, daß viele Personen die nichts bedeuten sich durch ein steifes Betragen und fremde Grimassen ein Ansehen zu geben glauben.

Knaben und Mädgen waren in diesem Spiele nicht lange beisammen, als die Natur sich zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils Komödie in der Komödie gespielt ward. Die glücklichen Paars kneipten sich hinter den Theaterwänden die Finger fast ab, und verschwammen in Glückseligkeit wenn sie sich einander so geschminkt und aufgebändert noch einmal so idealisch und schön vorkamen, indes gegen über auf der anderen Seite die unglückliche Nebenbuhler sich für Neid verzehrten, und oft in kindischem Trotz und Schadenfreude ein und andre Stellen verdarben, oder verderben machten. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich immer Wilhelms Direktorial Qualität in ihrem Glanze, denn wenn er in den Proben dergleichen Zwiste in Güte beizulegen suchte, nachgiebig war, und über manches ein Auge zutat, wenn sie sich nur sonst sich Mühe gaben, und ihre Rollen wohl auswendig wußten, so verstand er doch am Tage der Aufführung keinen Spaß, und so bald er in Halbstiefeln, in königlichem Mantel und diadem hinter dem Vorhang stund, durfte nichts profanes und läppisches vorfallen, und wehe dem, der ihm etwa in einer neronischen Stimmung in die Quere kam, der wurde gewiß mit so einem gräßlichen Blick, mit so viel Würde des Arms, und Festigkeit der Stimme in seine Schuldigkeit zurückgeschröckt, daß für diesmal wenigstens Ruhe ward.“

Wilhelm Meisters theatralische Sendung, (abgeschlossen) 1786, 1. Buch, 10. Kapitel
Münchner Ausgabe Bd. 2.2, 1987, S. 26ff.

Goethe am Sonnabend Nr. 5

Veröffentlicht unter Bücher, Literatur, Theater | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar