Katherine Anne Porter, Das Narrenschiff

Von meinem Faible auch für die Zwischenkriegszeit war hier ja schon gelegentlich die Rede, da fügt es sich gut, daß ich nun diesen Roman gelesen habe, der eine Überfahrt von Veracruz nach Bremerhaven im Jahre 1931 schildert.

Deutsche auf dem Weg in die (ihnen meist fremd gewordene) Heimat, Spanier, Kubaner und Mexikaner, ein Schwede und mehrere Amerikaner reisen nach Spanien und Deutschland. Auf dem Zwischendeck werden achthundertsechsundsiebzig Menschen, für die es auf Kuba keine Arbeit mehr gibt, nach Teneriffa befördert.

Das Buch erschien 1962 in den USA – nach dreißig Jahren Schreibarbeit!, denn initiiert wurde es durch eine Überfahrt der Autorin von Veracruz nach Bremerhaven im Jahre 1931 -, ein Jahr später kam es in Deutschland heraus, wo es auf Unverständnis und Ablehnung stieß. Die damalige Übersetzung ist, so der Verlag, nur leicht überarbeitet wiederveröffentlicht worden, da sie den Ton und Stil des Originals kongenial transportiere.

Porter beobachtet ihre Figuren aus der Nähe, wechselt die Perspektive und läßt sie sich gegenseitig beobachten, führt sie durch viele Dialoge und zeichnet Charaktere, Gewohnheiten und Überzeugungen in der sozial, national und altersmäßig gemischten Gruppe sehr klar nach.  So entsteht ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama.

Ein Thema ist natürlich die Liebe:

„Während er seine Herzenskälte als eine wirkliche innere Kraftreserve spürte, lächelte er ihr mit der Liebenswürdigkeit zu, die sie stets bezauberte; er streckte den Arm aus und legte seine Hand warm auf die ihre. «Jenny-Angel», sagte er.“ (S. 68)

Ein anderes sind die Arbeitslosen auf dem Zwischendeck:

„Herr Rieber und Lizzi Spöckenkieker promenierten auf dem Deck und Lizzi rief der kleinen Frau Otto Schmidt, in deren weichem, rosigem Gesicht inniges Mitgefühl zu lesen war, kreischend zu: «Oh, wie finden Sie diesen schrecklichen Mann? Wissen Sie, was er eben gesagt hat? Ich sage zu ihm: ‹Ach, diese armen Leute, wie kann man ihnen nur helfen? ›, und dieses Scheusal…», sie stieß ein halb hysterisches, halb entrüstetes Wiehern aus, « antwortet: ‹Ich würde sie alle in einen großen Herd stecken und den Gashahn aufdrehen. › Oh, sagte sie tonlos, sich vor Lachen krümmend, haben Sie schon einmal so eine originelle Idee gehört?»

Herr Rieber stand, sehr zufrieden mit sich, mit breitem Lächeln daneben. Frau Schmitt wurde ein bisschen blass und sagte in mütterlich strengem Ton: «Manche Ideen sind vielleicht zu originell – pfui! Ich finde das gar nicht komisch!» Herrn Riebers Lächeln erstarb, sein Mund verzog sich schmollend.

Lizzi sagte: «Oh, er hat das natürlich nicht böse gemeint; nur ein bisschen ausräuchern, nicht wahr?»

«Nein, ich habe nicht ausräuchern gemeint», antwortete Herr Rieber störrisch.

«Na, das finde ich aber gar nicht nett», sagte Lizzi in so nachsichtigem, mehr als verzeihendem Ton, dass er sofort wieder mutig wurde.“ (S. 89)

Frl. Spöckenkieker und Herr Rieber umkreisen einander in meist lächerlich wirkender Wollust, es kommt aber auch zu einer versuchten Vergewaltigung, die von einem Hund in einer Art und Weise beobachtet wird, die mich an Zolas Thérèse Raquin erinnerte, wo eine Katze als stumme Zeugin den Ehebruch beobachtete. David-Darling und Jenny-Angel machen sich das Leben gegenseitig ganz furchtbar schwer, der Schiffsarzt mit seinem „herrlichen“ Schmiß verfällt der geheimnisvollen und ätherabhängigen Condesa, die spanischen Tänzerinnen machen die alleinreisenden Herren ganz kirre und auch die Ehepaare geraten in den Sturm der Hormone. Der Sohn in der elterlichen Kabine fürchtet sich freilich bei den Geräuschen, die die Eltern bei diesen Gelegenheiten im Dunkeln machen.

Neben Sex geht es auch um Politik. Der mitreisende Jude wird stillschweigend isoliert, aber als herauskommt, daß einer der Deutschen mit einer Jüdin verheiratet ist, drängen die Passagiere den Kapitän, ein Exempel zu statuieren. Der Kapitän ist ohnehin ein autoritätsfixierter Charakter, der trotz seines vorgerückten Alters auch den neuen Machthabern bald sicher gute Dienste leisten wird.

Ein schreckliches Zwillingspaar, zwei kleine Kinder, sind das personifizierte Böse und sorgen für allerlei Unheil.

Insgesamt ist viel los, aber die Charaktere reflektieren auch in langen Passagen über das Leben und den Tod, die Liebe, Männer und Frauen, die Juden. Das Buch liest sich sehr gut, ist fesselnd und ließ mich auch immer wieder ins Nachdenken versinken.

Zum Schluß ein Zitat für die feierwütige Jugend:

„[…] dann wachte er mit so entsetzlichen Kopfschmerzen auf, dass er glaubte, der Schädel müsste ihm platzen; sein Magen hob sich, er hatte brennenden Durst, und sein Inneres war so durcheinander, dass es die Aufnahme seiner einzigen Freunde, Aspirin und kaltes Wasser, verweigerte.“ (S. 651)

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Leseplätzchen, Folge 34

Jetzt finde ich endlich Zeit, diesen schönen Post, den Petra auf Philea’s Blog gemacht hat, hier einzubinden.

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Goethe am Sonnabend Nr. 8

„Tischengreut um fünfe. Treffliche Chaussee von Granitsand, es läßt sich keine vollkommnere denken. Die Gegend durch die sie geht desto schlechter, auch Granitsand, flach liegend, moorig pp. Da nunmehr gute Chaussee ist und das Land abfällt, kommt man mit unglaublicher Schnelle fort, die gegen den böhmischen Schneckengang recht absticht. Ich war halb neun in Weyda, Nachts 1 Uhr in Wernberg, halb dreie Schwarzenfeld, halb fünfe Schwandorf, halb achte Bahnholz, um zehen in Regenspurg und hatte also diese 12½ Posten oder 24½ Meile in 31 Stunden zurückgelegt.

Vor Schwandorf gegen Regenstauff zu, da es anfing Tag zu werden, bemerkte ich die Veränderung des Ackerbodens ins bessere. Den Regenfluß herauf, hatte, in uralten Zeiten, Ebbe und Flut aus der Donau gewürkt und so diese natürlichen Polder gebildet, die wir nun benutzen. Es ist dieses in der Nachbarschaft aller großen Flüsse bemerklich. Ich glaube ich habe dir schon davon gesprochen. Regenspurg liegt gar schön, die Gegend mußte eine Stadt hierher locken. Auch haben sich die Geistlichen Herren wohl possessionieret; alles Feld um die Stadt gehört ihnen, und in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und Stift gegen Stift über.

Die Donau hat mich an den alten Mayn erinnert. Bei Franckfurt präsentiert sich Fluß und Brücke besser, hier sieht aber das gegenüberliegende Stadt am Hof recht artig aus.

Die JesuitenSchüler gaben heut ihr jährliches Schauspiel, ich besuchte es gleich, sah den Anfang des Trauerspiels und das Ende der Oper. Sie machten es nicht schlimmer als eine angehende Liebhaber Truppe. Und waren recht schön, fast zu prächtig gekleidet. Auch dies und das Ganze, wovon einmal mündlich, hat mich auch diesmal von der Jesuiten großer Klugheit aufs neue überzeugt; und es ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, sondern es ist eine Freude an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenuß, wie er aus dem Gebrauch des Lebens entspringt. Wie freut michs daß ich nun ganz in den Katholizismus hineinrücke, und ihn in seinem Umfange kennen lerne.

Wärest du nur mit mir, ich wäre den ganzen Tag gesprächisch denn die schnelle Abwechslung der Gegenstände gibt zu hundert Beobachtungen Anlaß. Oft wünsch ich mir Fritzen hin und bleibe allein.

Wie glücklich mich meine Art die Welt anzusehn macht, ist unsäglich, und was ich täglich lerne! und wie doch mir keine fast keine Existenz ein Rätsel ist. Es spricht eben alles zu mir und zeigt sich mir an. Da ich ohne diener bin, bin ich mit der ganzen Welt Freund. Jeder Bettler weist mich zurechte und ich rede mit den Leuten die mir begegnen, als wenn wir uns lange kennten. Es ist mir eine rechte Lust.“

Tagebuch der Italienischen Reise für Frau von Stein, 1786
Münchner Ausgabe Bd. 3.1, 1990, S. 11f.

Goethe am Sonnabend Nr. 7

Goethe am Sonnabend

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Tagebücher, gelesen von Michael Maar

Dieses Buch ist ein Meta-Buch, handelt es doch ein essayistischer Form von anderer Leute Tagebücher, in denen es durchaus um Bücher und ihre Lektüre gehen kann, aber auch um die Verdauung, den Geschlechtsakt, das Verlangen danach, die Mühen des Alltags oder die irrwitzigen Beschränkungen, die rassistische Bürokratenhirne den deutschen Juden auferlegten.

Das Verfassen von Tagebüchern als kontemplativer Akt, als eitle Selbstbespiegelung, als Ringen mit Glaubens- oder Liebeszweifeln, als mühsame Chronistenpflicht, als Therapie – der Gründe gibt es viele. Michael Maar hat ein amüsantes Büchlein vorgelegt, dem man das absolvierte Lesepensum nicht ansieht, es aber stets respektvoll erahnt und beständig angeregt wird, es ihm – wenn auch nur und allenfalls annähernd – gleichzutun.

Die Diaristen bilden eine illustre Runde, viele Autoren darunter, die neben Romangebirgen auch Tagebuchabgründe verfaßten, aber auch Alltagsmenschen vergangener Jahrhunderte, deren Tagebuch ein Zeugnis ist, eine detailreiche Quelle von unschätzbarem dokumentarischen Wert. Rechtfertigungsversuche, Selbsttäuschungen, Klagemauern und befreiendes Aussprechen dessen, was man ansonsten verschweigen muß. Für all das bietet das Buch wunderbare Beispiele.

Faszinierend, wie Menschen in und durch ihre Tagebücher überleben, einer Epoche oder einem Zeitabschnitt ein Gesicht und individuelle Erfahrbarkeit verleihen.

Wie Tilman sehe ich das bei C.H. Beck erschienene Buch als Einladung zum Weiterlesen.

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