Atiq Rahimi, Heimatballade

Der Schriftsteller, Maler und Filmregisseur Rahimi veranschaulicht in diesem Erinnerungsbuch, wo er seine eigentliche Heimat sieht: in den Wörtern und den Buchstaben, in der französischen Sprache, in der er schreibt, und in den persischen Zeichen, die dieses Werk schmücken.

So steht es auf der hinteren Umschlagseite, entnommen aus einer Besprechung des Buches durch LivresHebdo. Damit wird durchaus Wesentliches über das 2017 bei Ullstein erschienene, ansprechend gestaltete Buch gesagt.

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Foto: nw2017

Rahimi ist in Afghanistan aufgewachsen, wo es im Jahre 1973 zu einem Staatsstreich kommt, in dessen Folge sein Vater ins Gefängnis muß, und eine traumatische Phase für die Familie beginnt. Drei Jahre später kommt der Vater frei und geht dann mit seiner Frau nach Indien ins Exil. Die Kinder bleiben mit der Großmutter zurück. 1978 putschen die Kommunisten, woraufhin die Mutter zurückkehrt und danach Rahimi zu seinem Vater nach Indien fährt. 1984, inzwischen zweiundzwanzigjährig, siedelt er nach Paris über.

Ich war elf Jahre alt und hatte noch keinen jener Romane gelesen, aus denn ich gelernt hätte, was das Eintreffen dieses Mannes und das Schweigen meine Mutter zu bedeuten hatten. (S. 27)

Mit Mitte fünfzig schreibt er sein Erinnerungsbuch, das sich zu einem guten Teil mit den Schwierigkeiten beschäftigt, die ihm das macht. Das Hinabsteigen in die Erinnerung und das Unbewußte  wird, ebenso wie das Nichterinnernkönnen, in dem kurzen Text an der Schrift, am Schreiben, am Buchstaben durchexerziert. Der Akt der Verwurzelung, mühsam genug, führt in die Sprache, die dann Ort der inneren Emigration wird, aber im späteren Exil keine Hilfe mehr ist.

Ein Kulturwechsel, der Selbstfindung und Reflexion ermöglicht. Nachdenken über die Leiblichkeit, über die Rolle der Frau – Evas – für die Entwicklung des Menschengeschlechts. Suchen und Finden von Artikulationsmöglichkeiten. Mutterschoß. Religion. Kunst. Das Denken und Ausdrücken kreist um zentrale Themen des Menschseins und es ist fixiert auf Buchstaben.

In Frankreich dann wählt Rahimi das Filmemachen als Ausdrucksmittel. Kaum überraschend, daß das angesichts sehr unterschiedlicher Ästhetiken und Sehgewohnheiten nicht gelingt, so daß er zum Wort, den Wörtern zurückkehrt und ein Buch schreibt. Essenz der Wörter sind für ihn die Buchstaben, und so wendet er sich ihnen wieder zu, wie einst als Kind, nun aber freiwillig.

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Atiq Rahimi, Kallimorphie: Der freie Schwung | Foto: nw2017

Eine träumerische Weltsicht, die die Elemente mit Bedeutung auflädt, um das Ganze zu erfassen. Beschwörung des Verlorenen, des Eigenen, später Konfrontation mit dem Verschwundensein des Erinnerten. Poetische Neuschöpfung aus dem Erleben, Sinnlichkeit und eine ruhige Spiritualität prägen den Text, der stetig mit der Abwesenheit ringt.

Wie jedes Wesen im Exil bin ich ein Mensch von anderswo. […] Anderswo ist die eigentliche Bedeutung des Exils. (S. 176f.)

Ein wunderbares Buch über Kulturzusammenhänge, trotz der kaum verhüllten Traurigkeit und – ja – wegen der Obsession auf das Wort und die Buchstaben. Aber erst die Verwandlung der Buchstaben in die Kallimorphien gibt Rahimi Halt und Freiheit zugleich.

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Eine Antwort zu Atiq Rahimi, Heimatballade

  1. Maren Wulf schreibt:

    „Halt und Freiheit zugleich“ – wie schön!

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