Macht und Recht

William Shakespeare, Macbeth (Übersetzung Schlegel/Tieck) – Friedrich Schiller, Don Carlos – Georg Büchner, Danton’s Tod

Die drei Kurzcharakterisierungen, die sich in der Leseliste finden, werden den drei Theaterstücken natürlich nicht gerecht, sondern haben nur eine Triggerfunktion:

  • Erneuter Versuch, ein Stück aus der Dominanz der Verdischen Bearbeitung zu emanzipieren.
  • Noch ein „Opernstoff“. Eine aussichtslose Liebe zwischen Gedankenfreiheit und Glaubensstrenge.
  • „Engagiert Euch!“, ruft Büchner seinen Zeitgenossen zu. Und uns natürlich auch.

In allen drei Texten geht es um Macht und Herrschaft, um Legitimität, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. In dieser Kombination passen sie gut in das Jahr 2017, in dem Legitimität mancherorts neu definiert, Freiheit von Minderheiten als lästig diffamiert und Rechtsstaatlichkeit als Hemmschuh einer effektiven Politik aufgefaßt wird.

Natürlich sind die Settings historisch, doch Shakespeare, Schiller und Büchner wollen eine zeitlose Botschaft transportieren: gegen skrupellose Machtgier, gegen erdrückenden Dogmatismus und gegen eine politische Indienstnahme von Gesetz und Recht.

Obschon drei Theaterstücke, sind es doch sehr verschiedene Texte, unterschiedlich in Stil, Komposition, Sprache und Tempo. Büchners Danton ist der jüngste, aber auch der modernste Text – für seine Zeit nachgerade experimentell und deswegen lange Zeit auch als unspielbar geltend. Erst spät wurde der Danton dementsprechend als Vorlage für eine Oper (Musik: Georg von Einem, Libretto Boris Lacher und der Komponist) genutzt, wohingegen die beiden anderen Stücke von Verdi vertont wurden (Macbeth: Francesco Maria Piave/Andrea Maffei; Don Carlos: Joseph Méry/Camille du Locle).

Wir sind das Volk und wir wollen, daß kein Gesetz sey. ergo ist dießer Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes giebts kein Gesetz mehr, ergo todtgeschlagen! (Danton’s Tod, I,2)

Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist die Tugend. Die Tugend, weil ohne sie der Schrecken verderblich, der Schrecken, weil ohne ihn die Tugend ohnmächtig ist. (Danton’s Tod, I,3)

Büchner montiert Originalzitate wie das von der Revolution, die ihre Kinder frißt, mischt aber auch lakonische Bemerkungen darunter. Schiller kombiniert das ihm eigene Pathos stellenweise mit einer gewissen Weitschweifigkeit, die Frucht seiner geschichtlichen Beschäftigung mit dem Dramenstoff sein mag. Doch viele hochpolitische Aussagen kommen mit großer Präzision daher.

Wie leicht / Mags auf dem weichen  Kissen unsrer Siege / Sich schlafen lassen! An der Krone funkeln / Die Perlen nur, und freilich nicht die Wunden, / Mit denen sie errungen ward. (Don Carlos, II,5)

– Geben Sie ihn mir.
– Es ist mein einzger Sohn – Wem hab ich gesammelt?
– Der Verwesung lieber als der Freiheit.
– Wir sind einig. Kommt. (Don Carlos, V,10)

Macbeth ist bei Shakespeare eindeutig die dominierende Figur, er ist von Anfang bis Ende auf der Bühne, ob selbst oder in den Reflexionen der anderen, ein Tatmensch, dem bisweilen die Phantasie durchgeht.

– Wann kommen wir drei uns wieder entgegen,
Im Blitz und Donner, oder im Regen?
– Wenn der Wirrwarr stille schweigt,
Wer der Sieger ist, sich zeigt.
– Das ist, eh’ der Tag sich neigt.
– Wo der Ort?
– Die Heide dort.
– Da wird Macbeth sein. Fort, fort! (Macbeth, I,1)

Blut ward auch sonst vergossen, schon vor Alters,
Eh’ menschlich Recht den frommen Staat verklärte;
Ja, auch seitdem geschah so mancher Mord,
Zu schrecklich für das Ohr: da war’s Gebrauch,
Daß, war das Hirn heraus, der Mann auch starb,
Und damit gut.’
Doch heutzutage stehn sie wieder auf,
Mit zwanzig Todeswunden an den Köpfen,
Und stoßen uns von unsern Stühlen: Das
Ist wohl seltsamer noch als solch ein Mord. (Macbeth, III,4)

Die jeweiligen Umdichtungen für die Libretti greifen in die Vorlagen ein, straffen und spitzen zu, adaptieren die Geschichte für die Vorgaben und Konventionen des eigenen Genres. Bei Macbeth und Don Carlos muß ich stark gegen die Opernfassungen anlesen. Verdi, der politische Mensch und Künstler, hat den Freiheitsdrang Posas mit großer Empathie komponiert und als bekennender Antiklerikaler den Konflikt zwischen Staat und Kirche stärker als Schiller akzentuiert. Im Gefüge des Macbeth hat er – Genrekonventionen folgend – die Lady aufgewertet, um sie als echte Prima Donna aufzubieten. In allen drei Opern spielen natürlich die Chöre eine große Rolle, bei von Einem und Blacher sind gerade die Chortableaus prägend für den Gesamteindruck des Werks.

Drei Klassiker also, deren zentrale Themen die Lektüre lohnen.

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