Brentano, Theodor Chindler

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Foto: nw2015

Dieser Roman eines deutsch-katholischen Bürgerhauses vor dem Hintergrund der Kriegszeit ist ein vorzügliches Buch, mit leichter und sicherer Hand gemeistert, klug, klar und fesselnd.

Dieses Zitat von Thomas Mann steht auf der Rückseite des Umschlags. Es ist der Ritterschlag des Autors der Buddenbrooks, der dem zweibändigen „Roman einer deutschen Familie“ hier verliehen wird. Aber auch Bertolt Brecht schätzte das Buch als gut geschriebenen Roman.

Das Nachwort erwähnt eine achtteilige Verfilmung für das Fernsehen von Herbert Geißendörfer im Jahr 1979.

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Klappentext Foto: nw2015

Das Buch entstand 1936 und spielt im Ersten Weltkrieg. Der erste Band, 464 Seiten stark mit einem ausführlichen Nachwort von Sven Hanuschek, erschien 2014 als Neuausgabe bei Schönling&Co, der zweite Band (Franziska Scheler) dann 2015. Das Buch ist schlicht, aber klassisch ansprechend aufgemacht.

Bernhard von Brentano wurde im Jahr 1901 – wie mein Großvater väterlicherseits – geboren und starb 1964 in Wiesbaden, meinem Geburtsort. Er war Journalist und Buchautor.

Brentano zeichnet in »Theodor Chindler« ein eindrucksvolles Bild der gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnisse und schildert gleichzeitig die Verstrickungen einer Familie. Chindler ist Katholik und deswegen bleibt ihm in Preußen eine Professur verwehrt; er geht dann für das Zentrum in die Politik und wird Reichstagsabgeordneter. Als im Sommer 1914 der Krieg ausbricht und zwei seiner Söhne an die Front müssen, gerät seine Welt ins Wanken.

Ausführlicher:

Theodor Chandler, der Geschichtsprofessor hatte werden wollen, bekam als Katholik in Preußen keine Chance dazu. Weil er dazu weltoffen ist und sich für für französische Literatur interessiert, ist er isoliert. Die bürgerliche Stellung soll durch eine anständige Eheschließung und Familiengründung gefestigt werden – allein ohne prestigeträchtigen Beruf und mit begrenzten Mitteln gerät dies schwierig. Die Ehe wird rasch belastet, Streit ein Alltagsphänomen.

Von einer Reise nach Genf, die er gemeinsam mit seiner Schwester Friederike machte, brachte er einige französische Bücher mit, die er mit wachsender Bewunderung las. Flauberts »Geschichte der Frau Bovary« fesselte ihn so, daß er Tag und Nacht grübelte und mit benommenem Kopf herumlief. Er zweifelte nicht, daß in diesem Buch die Liebe selber geschildert wurde. Aber wo hatte man in seiner Heimat je solche Liebe und solche Menschen gesehen? Er las »Germinie Lacerteux« der Brüder Goncourt und endlich »Die Elenden« von Hugo. (S. 12)

Danach wird auf zweieinhalb Seiten das gesellschaftliche Klima des Kulturkampfes geschildert; ein kurzer Dialog mit der Schwester und einige biographische Informationen über die zukünftige Ehefrau dienen als Basis der Familiengründung. Seine berufliche Erfolglosigkeit und der Ehrgeiz der Ehefrau führen zum Wechsel von der Universität in die Politik. Die Ehe wird fruchtbar, aber nicht glücklich. Die politische Laufbahn muß im System des Reiches ohne echten Einfluß bleiben.

Als der Krieg ausbricht, ist Chindler entsetzt. Seine beiden erwachsenen Söhne gehen an die Front, ihren und den offiziellen Optimismus teilt er nicht. Zunächst unmerklich, aber dann doch deutlich, verändert sich das Leben, obwohl der Krieg im Alltag kaum thematisiert wird. Die Gesellschaft ist als Klassengesellschaft gespalten und im Nationalismus geeint (mit Blick auf die Schulen vgl. S. 52f.)

Wie ist die Lage tatsächlich, verschweigen Regierung und Generalstab etwas? Der Reichstag erhält nur selektierte Informationen, die Presse wird zensiert. In Berlin begegnet Chindler Walter Rathenau. Das Gespräch beim Mittagessen ist großartig gemacht (S. 60ff.), es geht um unmündige Bürger und Abgeordnete, um unfähige Herrscher, Friedensschluss und Kriegsschulden. Am Ende läßt Brentano die beiden über das letztlich unbefriedigende Gespräch nachdenken:

Da ist einer ein Abgeordneter des Reichstages, dachte Rathenau, aber fordert man ihn auf, er möge sich erkundigen, wie die Dinge des Reiches eigentlich liegen, so wird er nervös wie ein Mädchen … Diesem Volk ist nicht zu helfen … Hätte ich diesem Goi gesagt, daß wir die Schlacht an der Marne haushoch verloren haben, so hätte er mich bei der Polizei angezeigt, dachte er weiter, als er seinen Wagen bestieg, um in sein Büro im Kriegsministerium zu fahren. In diesem Land taugen nur die Generale etwas; man muß sie zwingen, den Krieg zu gewinnen, aber das wird nicht einfach sein.

Diese Juden sind Defätisten, dachte Chindler, als er das Hotel verließ. Was hat der Mann überhaupt gesagt? Er ist für den Frieden, aber die Siege langen ihm noch nicht. Die Herren Millionäre sind unzufrieden.

Derweil gerät Lilli Chindler, deren Mann an der Front ist, in erotische Verstrickungen, und der heranwachsende Leopold schließt eine unschickliche Freundschaft mit einem älteren Mitschüler, der mehr als kameradschaftliches Interesse an ihm hat.

Auf nur wenigen Seiten gelingt es Brentano, ein eindringliches Bild des Krieges im Sommer 1915 zu zeichnen: Ungewißheiten über die große Kriegsführung, Intrigen gegen Falkenhayn, Unübersichtlichkeit der Gefechtslage und Selbstverständnis der Soldaten einschließlich mancher Zweifel.

Joffre hatte sich geirrt. Dort, wo das Trommelfeuer noch Lebende zurückgelassen hatte, hatten sich diese weder ergeben, noch war es gelungen, ihre Nerven durch das anhaltende Feuer so zu zerstören, daß sie kampfunfähig wurden. Nur einige Abteilungen, welche keine Patronen mehr hatten, gaben sich gefangen. Während die russischen Bauern dem unvorstellbaren Schrecken des ersten Trommelfeuers bei Gorlice erlagen, schien das Geschrei der Städte, das Gebrüll der Fabriken, der Lärm der Maschinen die Söhne des Kapitalismus vorbereitet zu haben. (S. 184)

Wunderbar beschreibt Brentano die Adoleszenzerfahrungen des jungen Leopold Chindler und streift dabei die Schwierigkeiten der Deutschen, auch innerhalb der Familie über Gefühle zu reden (S. 184).

Das Buch ist ein starkes Psycho- und Soziogramm, es behandelt eine beeindruckende Fülle von Themen, formuliert knapp, aber mit erstaunlicher Tiefenschärfe. Gesellschaftliche und politische Fragen werden gleichermaßen treffend erörtert, ob es die Unsicherheit über das Verhältnis von Frauen und Männern oder Eltern und Kindern ist oder das unpolitische Denken der Parlamentarier mit Blick auf den uneingeschränkten U-Bootkrieg sowie die Revolution am Ende des Krieges und danach.

Im ausführlichen Nachwort (S. 465-489) erläutert Sven Hanuschek Hintergründe und Bezüge von Person und Werk. Brentano, so schreibt Hanuschek, bleibe „eine zwiespältige Figur, was seine Wandlungen im Laufe der späten Exiljahre angeht; das das ändert allerdings nichts an der herausragenden Qualität seines ersten Romans” (S. 478).

 

Mein Fazit:

Sprachlich brillant, präzise und genau auf den Punkt, klar im Urteil und treffende Analyse – ein wirklich lesenswertes Buch!

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