Salome von Richard Strauss

Am 24. Januar 2016 hatte die Inszenierung von Claus Guth Premiere an der Deutschen Oper Berlin, Bühnenbild und Kostüme von Muriel Gerstner (Kurzkritik).

Ich erinnere mich dunkel an eine Salome an der Staatsoper Unter den Linden in der Harry-Kupfer-Inszenierung von 1979 mit Reiner Goldberg in den frühen 2000er Jahren. Ein recht originalgetreuer Kostümschinken, aber damals schon etwas uninspiriert als Repertoiresäule daherkommend, überdies jeden Verdacht auf Schöngesang konsequent meidend.

Ort der Handlung ist an der Bismarckstraße ein Herrenausstattungsgeschäft, eingerichtet im Stil der Bielefelder Moderne mit Holzvertäfelung und Sitzgruppen. Das bietet immerhin Treppen und den Darstellern Auftritts- und Abgangsmöglichkeiten.

Herodes kommt in Hans-Jochen-Vogel-Optik daher, Herodias mit Turban, weitem Hosenanzug und großer Sonnenbrille – erinnerte mich sofort an Salome Otterbourne in »Death on the Nile«, zumal sie ebenfalls säuft. Salome wirkt wie eine groß gewordene Puppe, ein Eindruck, der dadurch verstärkt wird, daß kleinere Abbilder von ihr – wie die Orgelpfeifen – die Bühne bevölkern. All das wirkt durchdacht beim Schleiertanz der Salome, der als Mißbrauch des heranwachsenden Mädchens durch den Stiefvater dargestellt wird, wobei die Mutter demonstrativ wegschaut. Erschütternd!

Ein Konzept für den Rest des Stückes habe ich aber leider nicht entdecken können. Dem aktuellen Berliner Stil entsprechend, hätte man auch Tristan geben können.

Es sangen Burkhard Ulrich (Herodes), Jeanne-Michèle Chorbonnet (Herodias), Michael Volle (Jochanaan) und Allison Oakes (Salome), die für die Premierenbesetzung Catherine Nagelstad einspringen mußte, aber bereits zum dritten Mal auf der Bühne stand. Für meine Ohren klangen die Herren deutlich besser als die Damen, von denen besonders die Mutter schrille Einwürfe gab, während bei der stimmkräftigen Allison Oakes die Textverständlichkeit nicht die allerbeste war.

Trotz allfälligen Lobes für das Orchester unter der Leitung von Alain Altinoglu und die angemessen agierenden Comprimarii kein wirklich gelungener Abend. Schade.

 

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Netzalmanach Januar 2016

Anfang des Monats war das Netz – wie die Gesellschaft insgesamt – ja sehr mit den schlimmen Vorfällen in Köln während der Silvesternacht beschäftigt. Viel Voreiliges, manches Unbedachte und leider auch viel Rassismus war darunter. Einen eher grundsätzlichen und abgewogen argumentierenden Text zur Flüchtlingskrise, der am 7. Januar 2016 erschien, möchte ich verlinken: Tilman Allert »Wir – und die anderen«. Wichtig für den Gesamtzusammenhang der anhaltenden Diskussion ist auch der ausführliche Text von Rico Grimm (@gri_mm) auf Krautreporter: »Die neuen Rechten, verständlich erklärt«.

 

Vor dem Lesen steht das Schreiben, hierzu gibt es den Geschichtengenerator von Jutta Reichert. Ganz wunderbar – ich habe es auch gleich mal ausprobiert! Auf Philea’s Blog gibt es eine sehr schöne Serie über Dandys mit inzwischen drei Beiträgen. Näheres über lesende Männer im Urlaub findet man ungeheuer anschaulich im Buchrevier.

 

Ich habe ein paar sehr interessante Blogs entdeckt,  auf die ich gerne hinweise:

Norbert W. Schlinkert liefert auf seinem gleichnamigen Blog nicht nur Nachrichten aus den Prenzlauer Bergen, sondern gibt auch zahlreiche Einblicke in sein Schreiben.

Unter dem für mich zugegebenermaßen etwas absonderlichen Titel »Kraftfuttermischwerk« geht es um Musik, genauer um „Liebe, Freiheit, Alles! Und Musik.“ Aufmerksam wurde ich über einen Tweet, der auf den Blogpost hinwies, in dem es darum ging, daß die New York Public Library  180.000 Bilder mit New-York-Bezug frei verfügbar ins Netz stellte.

Der »Kultur-Blog« beleuchtet seit Februar 2015 ausweislich der Selbstbeschreibung digitale Ideen, Projekte und Themen rund um Kunst und Kultur; er bietet einiges zu entdecken!

 

Weitere Netzlesen gibt es u.a. bei Buchpost und bei Lesen macht glücklich.

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Die Gierigen von Karine Tuil

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Foto: nw2015

Welch ein Kontrast: Nach Henry James‘ »Die Europäer« nun dieser Roman. Andere Zeit, anderer Ton, anderes Tempo.

Der 470 Seiten starke Roman erschien im Jahr 2013 unter dem sprechenden Titel »L’invention de nos vies« bei den Editions Grasset in Paris, 2014 (übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff) im Aufbau Verlag und als Lizenzausgabe der Büchergilde; in dieser ansprechend gestalteten Version liegt er hier vor mir.

Es ist der neunte Roman der im Jahr 1972 geborenen Autorin seit 2001. Sie verarbeitet darin Probleme des Moslemisch- und des Jüdischseins, schreibt über Aufsteiger, Freundschaften und Liebesbeziehungen, Enttäuschungen und deren Nachwehen, über die Gesellschaft in Frankreich und in den USA. Es geht um Identität, um Herkunft und Familie, Aufrichtigkeit und Fälschung.

Das Buch ist eine packend geschriebene Tour de force, Fußnoten erläutern biographische Details zu erfundenen Nebenpersonen, auch lange Sätze haben einen staccatohaften Stil. Perspektivwechsel im kleinen wie im großen erhöhen das Tempo des Textes weiter.

Die Lüge verhalf zu Akzeptanz und zu positiven Perspektiven. Das Leben war ein Roman, den man Tag für Tag fortschrieb. Ein Roman, dessen Held er war. (S. 95)

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Henry James, Die Europäer

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Der amerikanische Autor Henry James (1843-1916) wird seit ein paar Jahren von den deutschen Verlagen wiederentdeckt. Ich hatte bislang erst »Überfahrt mit Dame« von ihm gelesen. Nun also der Roman »Die Europäer«, der 2015 bei Manesse in einer Neuübersetzung herauskam; das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt.

Der Roman ist 1878 erschienen, die Handlung setzt Mitte der 1840er Jahre in Boston ein. Die Eröffnungsszene ist ein Stimmungsbild, eine private, häuslich-intime Szene, auch wenn sie in einem Hotelzimmer spielt. Wir lernen ein junges Geschwisterpaar kennen, Mann und Frau, und sie sagt wiederholt, daß sie auf der Suche nach dem Glück sei. Es sind Europäer, die ihre amerikanischen Verwandten besuchen und kennenlernen wollen.

«Sie beabsichtigen also nach Europa zurückzukehren und ihr ungeregeltes Leben wieder aufzunehmen?», erkundigte sich Mr. Wentworth.

«Ich kann nicht behaupten, dass ich es beabsichtige. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass ich nach Europa zurückkehre. Schließlich bin ich Europäer. Ich fühle mich als solcher, verstehen Sie. Es hängt hautsächlich von meiner Schwester ab. Sie ist noch mehr Europäerin als ich; hier ist sie wie ein Bild ohne Rahmen.Und was das ‹Wiederaufnehmen› anbelangt, so habe ich meine unregelmäßige Lebensweise eigentlich nie aufgegeben. …» (S. 113)

Der Gegensatz Amerika-Europa spielt durchgehend eine große Rolle, beschäftigt beide Seiten, die Figuren erleben Ähnlichkeit und Fremdheit, Faszination und Irritation, die Einordnung der weltläufigen Ausländer bereitet den puritanischen Amerikanern gewisse Schwierigkeiten. Gleichwohl kommen Männer und Frauen sich näher, wohlbehütet durch die Regeln des Anstands und Konventionen. Stereotype Charakterisierungen und zeittypische Attribute  James‘ muten gelegentlich etwas betulich an, manchmal gelingt den Figuren aber der Ausbruch in eine überraschende Individualität.

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