Die Gierigen von Karine Tuil

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Foto: nw2015

Welch ein Kontrast: Nach Henry James‘ »Die Europäer« nun dieser Roman. Andere Zeit, anderer Ton, anderes Tempo.

Der 470 Seiten starke Roman erschien im Jahr 2013 unter dem sprechenden Titel »L’invention de nos vies« bei den Editions Grasset in Paris, 2014 (übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff) im Aufbau Verlag und als Lizenzausgabe der Büchergilde; in dieser ansprechend gestalteten Version liegt er hier vor mir.

Es ist der neunte Roman der im Jahr 1972 geborenen Autorin seit 2001. Sie verarbeitet darin Probleme des Moslemisch- und des Jüdischseins, schreibt über Aufsteiger, Freundschaften und Liebesbeziehungen, Enttäuschungen und deren Nachwehen, über die Gesellschaft in Frankreich und in den USA. Es geht um Identität, um Herkunft und Familie, Aufrichtigkeit und Fälschung.

Das Buch ist eine packend geschriebene Tour de force, Fußnoten erläutern biographische Details zu erfundenen Nebenpersonen, auch lange Sätze haben einen staccatohaften Stil. Perspektivwechsel im kleinen wie im großen erhöhen das Tempo des Textes weiter.

Die Lüge verhalf zu Akzeptanz und zu positiven Perspektiven. Das Leben war ein Roman, den man Tag für Tag fortschrieb. Ein Roman, dessen Held er war. (S. 95)

Beruflicher Aufstieg, das Erklimmen einer gesellschaftlichen Stellung, Reichtum – all das ist möglich, hat aber seinen Preis.

Es treffen Welten aufeinander. Er kommt von ganz unten, aus Kellern und Tiefgaragen, und er schafft es bis in ein 300-Quadratmeter-Penthouse mit Blick auf den Central Park, geschätzter Wert 17 Millionen Dollar. Harte Arbeit, Aufstiegswille und eine strategische Heirat sind die Mittel zum Erreichen dieses Ziels. Leistung, Erfolg, Reichtum, Macht – das sind die Parameter seines neuen Lebens als Anwalt an der Seite seiner Frau, die er mit jeder anderen betrügt, die „nicht bei drei auf den Bäumen ist“, wie man so unschön sagt. Er ist sexbesessen und skrupellos, liebt die Gefahr von Ansteckung und Erpreßtwerden – beides vermeidet er erfolgreich –, hat sich eine Lebens- und Familiengeschichte erfunden und will nie mehr zurück nach unten.

Doch es gibt die Vergangenheit, nicht nur die im Kopf und im Blut, sondern auch eine, die von Menschen aus dieser Vergangenheit verkörpert wird: seine Mutter und sein  Halbbruder François, vor allem aber Nina und Samuel, Freunde von einst. Sie haben zwanzig Jahre ein anderes Leben gelebt, als sie zufällig auf Samir und sein neues Leben aufmerksam werden. Eine schließlich herbeigeführte erste Begegnung verläuft angespannt und ohne greifbares Ergebnis, man geht auseinander. Samir bleibt aufgewühlt zurück und versucht, sich mit den üblichen Stimulanzien seines dekadenten Lebens abzulenken.

Samuel und Nina stehen unvermittelt vor den Trümmern ihrer Beziehung und ihre Lebensentwürfe am unteren Ende der Gesellschaftsskala sind gescheitert. Daß Samir Nina erneut/immer noch begehrt, macht alles nur noch schlimmer, vor allem für Samuel, der erkennen muß, daß Nina bereit für Veränderungen ist.

Ich habe mich neu erschaffen, verstehst du? Durch Willenskraft und eigene Anstrengung! Ja, auf der Grundlage einer Lüge, meinetwegen, aber der Erfolg ist ganz allein mein Werk. (S. 173)

Die Schilderung Samirs, wie es zu der Lüge kam und wie er mit ihr leben lernte, gerät zur vehementen Anklage an die rassistische französische und amerikanische Gesellschaft. Es schwingt aber auch eine „Mundus vult decipi, ergo decipiatur“-Haltung mit. Die Lebenssituation von Nina und Samuel ist eine Anklage an Wirtschaftssystem und Klassengesellschaft.

Schaffen es Samir und Nina, ein gemeinsames, ein neues Leben zu führen? Sie wird weniger aufgeben müssen als er. Und da seine amerikanische Frau, die einen mächtigen Vater hat, ihn liebt, wird er einen zusätzlichen Preis zahlen müssen.

Was steht einem Mann zu? Braucht er zwei unterschiedliche Frauen und Lebenswelten, um „ganz“ sein zu können? Samir erlebt „zweifellos die beste Zeit seines Lebens“ (S. 222). So eindringlich die Autorin die Hochphase des einen Mannes schildert, so drastisch führt sie den Niedergang des anderen vor Augen. Körperlicher Verfall mündet in die langersehnte literarische Produktion. Das Doppelleben gerät zum Drahtseilakt. Wem ist die Frau mehr wert? Wo fühlt sie sich aufgehoben, wo ausgehalten?

Krisis und Katharsis, Teilgeständnis und Aufschub, Stagnation und neuerliche Dynamik – der Roman bleibt packend bis zum Schluß, auch wenn ich eine thrillerhafte Wendung der Geschichte für zu unwahrscheinlich halte – das alles soll einem Menschen widerfahren? Aber irgendwie muß die Autorin den Knoten ja zerschlagen. Freilich ist diese Wendung der Geschichte ebenfalls gut geschrieben.

Den anderen Protagonisten wollen wir nicht vergessen:

Als Samuel seinen Text liest, ohne etwas zu verbessern, weiß er, dass das Manuskript fertig ist. Es gibt nichts mehr anzufügen, er kann es abschicken. Hier und da entdeckt er zwar noch rhythmische Schwankungen und Brüche, die den Leser irritieren könnten, und er ahnt, welche Stellen Missfallen erregen könnten. Aber er ändert nichts mehr. Schreiben bedeutet, Missfallen zu akzeptieren. Das Streben nach Perfektion, der Zwang, es »richtig zu machen«, »gut zu schreiben«, verursacht ihm Beklemmungen. Literatur ist Unordnung. Die Welt ist Unordnung – wie soll man sie sonst in ihrer Brutalität abbilden? Die Worte sollen nicht an der richtigen Stelle sein. Genau in diesem Bereich des Ungewissen bewegt sich die Literatur. (S. 286)

Erstaunlicherweise gerät Samuels Buch, das er zumindest teilweise im Rausch geschrieben hatte, zu einer Sensation und macht ihn berühmt. Erfolg verändert Samuel wie Samir, aber ihre Kurven verlaufen gegenläufig.

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Foto: nw2015

Mein Fazit: 

Das Buch erinnert mich inhaltlich von ferne an Tom Wolfes »Fegefeuer der Eitelkeiten«, gefällt mir aber sprachlich besser. Es ist eine Parforcelektüre, stellenweise harte Kost für schwache Nerven oder gutbehütete Gemüter, aber über weite Strecken sehr mitreißend geschrieben. Besonders Samir und Samuel werden plastisch und überzeugend charakterisiert. Blasser bleiben die Frauengestalten, selbst die, deren Auftritt länger als zehn Minuten dauert. Sehr stark allerdings der letzte Absatz auf Seite 418!

Die vielgelobten Fußnoten, die Nebenfiguren mit Kurzauftritten wie Portiers oder Polizisten gelten, geben diesen zwar Namen und eine knappe, oft klischeehafte Charakterisierung, aber gleichwohl gehen die Figuren im Strom der Handlung unter. Ihre solcherart hergestellt Minimalindividualität verhindert nicht, daß sie nach dem Umblättern vergessen werden.

Am Ende gerät der Plot leider zu überladen und unwahrscheinlich, wandelt sich zu einem (guten) Justizkrimi. Faction auf hohem Niveau. Ein Meisterwerk? Dauerhaft gar? Kaum. Gute Unterhaltung und ein empfehlenswertes Buch? Ja.

Das sagen andere (Auswahl):

literaturkritik.de

literatwo.de

brasch & buch

Durchleser

Deutschlandradio

Der Spiegel: „Der Gierlappen Samir ist einem da längst ans Herz gewachsen.“

NZZ

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2 Antworten zu Die Gierigen von Karine Tuil

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