Henry James, Die Europäer

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Foto: nw2015

Der amerikanische Autor Henry James (1843-1916) wird seit ein paar Jahren von den deutschen Verlagen wiederentdeckt. Ich hatte bislang erst »Überfahrt mit Dame« von ihm gelesen. Nun also der Roman »Die Europäer«, der 2015 bei Manesse in einer Neuübersetzung herauskam; das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt.

Der Roman ist 1878 erschienen, die Handlung setzt Mitte der 1840er Jahre in Boston ein. Die Eröffnungsszene ist ein Stimmungsbild, eine private, häuslich-intime Szene, auch wenn sie in einem Hotelzimmer spielt. Wir lernen ein junges Geschwisterpaar kennen, Mann und Frau, und sie sagt wiederholt, daß sie auf der Suche nach dem Glück sei. Es sind Europäer, die ihre amerikanischen Verwandten besuchen und kennenlernen wollen.

«Sie beabsichtigen also nach Europa zurückzukehren und ihr ungeregeltes Leben wieder aufzunehmen?», erkundigte sich Mr. Wentworth.

«Ich kann nicht behaupten, dass ich es beabsichtige. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass ich nach Europa zurückkehre. Schließlich bin ich Europäer. Ich fühle mich als solcher, verstehen Sie. Es hängt hautsächlich von meiner Schwester ab. Sie ist noch mehr Europäerin als ich; hier ist sie wie ein Bild ohne Rahmen.Und was das ‹Wiederaufnehmen› anbelangt, so habe ich meine unregelmäßige Lebensweise eigentlich nie aufgegeben. …» (S. 113)

Der Gegensatz Amerika-Europa spielt durchgehend eine große Rolle, beschäftigt beide Seiten, die Figuren erleben Ähnlichkeit und Fremdheit, Faszination und Irritation, die Einordnung der weltläufigen Ausländer bereitet den puritanischen Amerikanern gewisse Schwierigkeiten. Gleichwohl kommen Männer und Frauen sich näher, wohlbehütet durch die Regeln des Anstands und Konventionen. Stereotype Charakterisierungen und zeittypische Attribute  James‘ muten gelegentlich etwas betulich an, manchmal gelingt den Figuren aber der Ausbruch in eine überraschende Individualität.

Die Jugendlichkeit der weiblichen Protagonistin ist relativ, Balzacs zwischen 1829 und 1842 verfaßte Einordnung schwingt hörbar mit.

Sie war auch nicht mehr ganz jung; obwohl schlank, besaß sie außerordentlich wohlgeformte Rundungen – eine Andeutung von Reife und gleichzeitig Beweglichkeit – und trug ihre dreiunddreißig Jahre, wie eine zartgliedrige Hebe ihren Weinkelch tragen mochte. (S. 7)

Der fremde Mann fasziniert die junge Amerikanerin:

«Sie sind doch eine Art Ausländer», sagte Gertrude.

«Eine Art – ja, das stimmt wohl. Aber wer könnte sagen, welche Art Ausländer genau? Wir sind noch nicht dazu gekommen, diese Frage zu klären. Solche Menschen gibt es nämlich. Die ihr Land, ihre Religion, ihren Beruf nicht zu nennen wissen.»

Gertrude stand da und starrte ihn an; sie hatte ihn nicht gebeten, Platz zu nehmen. Von solchen Menschen hatte sie noch nie gehört, aber sie wollte mehr darüber hören. (S. 34)

Der Vergleich mit Europa fällt zwiespältig aus:

Das Haus Wentworth schien ihr auf seine Art vollkommen zu sein – wunderbar friedlich und makellos, durchdrungen von einer gewissermaßen taubengrauen Frische, die jene Ruhe und Güte ausstrahlte, die sie mit dem Quäkertum verband, und es schien dennoch auf einem materiellen Wohlstand zu gründen, den man am sparsamen kleinen Hof von Silberstadt-Schreckenstein bei gewissen Details vergeblich gesucht hätte. (S. 65)

Die Sitten und Gebräuche sind unterschiedlich:

Aber die Misses Wentworth gewannen den Eindruck, dass Eugenia für die primitive Sitte des «Vorbeischauens» nichts übrig hatte, sie konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, ohne Portier zu leben. (S. 72f.)

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Karikatur USA 1840er, Foto USA 1860er Jahre, in: Propyläen Weltgeschichte. Foto: nw2015

Auffällig ist, daß viele Schilderungen sehr detailreich sind – ohne daß es inhaltlich auf die Details ankommen würde. Sie sind aber auch nicht wie bei Zolas berühmten, seitenlangen  Fassadenschilderungen eine in Worte gefaßte impressionistische Darstellungsweise; sie dienen wohl nur den Stilmitteln der genauen Wiedergabe, der originalgetreuen Schilderung.

Die Dialoge sind meist in leichtem Plauderton gehalten, alles bewegt sich stets im Reich des Schicklichen, manche Paare finden sich, andere nicht. Glück und Ungewissheit, Freude und Enttäuschung – das Leben hält alles bereit.

Mein Fazit:

Insgesamt ein gut lesbarer, kurzweiliger Roman aus der Welt von vorgestern mit zumeist guten, oft charmanten Dialogen. Europa und Amerika begegnen sich in den Figuren der Protagonisten in vertrauter Fremdheit und fremder Ähnlichkeit. Gegensätze ziehen sich an und nicht alle Grenzen werden am Ende überwunden sein.

In seinem Nachwort weist Gustav Seibt auf die Goethe-Verehrung von Henry James hin, dessen Roman er einerseits an Elementen von Torquato Tasso orientiert und andererseits Strukturen der Wahlverwandtschaften aufgreifen sieht.

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